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Gedächtnislückenloser Service

04.12.09
Quelle: Daniel Steiner

Mir war schon klar, dass dieser alpine Doppeldecker kein Zuckerschlecken sein würde. Schließlich hatte ich schon einschlägige Erfahrung und wusste, worauf ich mich einlasse. Aber dass es so heftig kommen würde? Höchstens im Traum hätte ich gedacht, dass mir das passieren könnte.

Alles, woran ich mich beim Aufwachen erinnern kann, ist der steile Anstieg. Links und rechts gab es noch etwas Gras, das allerdings noch schütterer stand als die Haare auf meinem Kopf. Die spärliche Erde, welche diesen Halmen Halt bot, war auf dem Weg selber noch seltener. Das zerbröselte Schiefergestein rutschte immer wieder unter den Sohlen fort, als ich mich mit nicht mehr so kräftigem Schritt jener Felserhebung näherte, die in der späten Nachmittagssonne schon einen langen Schatten in meine Richtung warf. Der Kontrast dieses Schattens vor mir zu der warm erleuchteten Bergflanke zu meiner Linken ließ mich erst spät erkennen, wo der Weg bei diesem bizarren Felsgebilde weiterführte.

Nicht der grob in den Fels gehauene Stollen an sich erstaunte mich. Vielmehr war es die Tatsache, ihn hier vorzufinden. An anderer Stelle hätte ich mir nichts dabei gedacht, denn es ist in den Bergen nichts Ungewöhnliches, dass auch kleine Straßen immer wieder durch kurze Tunnels und Galerien führen. Aber dies war keine Straße, kein Forstweg und auch kein Weg für Sonntagswanderer.
Ich schaute mehrmals, ob der für uns Läufer bestimmte Weg nicht irgendwo um diese große Felsformation herumführt. Trotz genauem Hinsehen, konnte ich auch nicht ansatzweise eine Abzweigung erkennen. Es gab also keinen anderen Weg als blindlings in diesen Tunnel einzutreten, was ich dann auch tat. Obwohl ein Flachstück kam, begann ich nicht zu laufen, denn der Wechsel hinein ins Dunkel war auch so abrupt genug.

Am Anfang dieses Tunnels hört meine Erinnerung auf. Wie ich ins Ziel kam und mich geduscht ins Bett legte, in welchem ich eben erwachte, entzieht sich meiner Kenntnis. Hauptsache ich bin fit für den zweiten Tag. Fit schon – aber auch spät. Für den heutigen Tag habe ich mir nichts zurechtgelegt, und der Start ist schon bald. Gut, dass reichlich Verpflegungsposten vorgesehen sind, so werde ich es auch ohne Frühstück irgendwie schaffen.

Die Schuhe, die ich gestern trug, kann ich heute unmöglich gebrauchen, denn über dem Tal hängt nicht nur zäher Nebel, es regnet auch Bindfäden. Ein Griff in die Tasche bringt aber nicht die Schuhe zum Vorschein, die für dieses Wetter geeignet wären, sondern ein Paar Fußballschuhe. „Wie kommen denn die in die Tasche?“, frage ich mich. Jetzt habe ich die Wahl: Der schnelle Schuh von gestern, mit dem ich auf den Straßenstücken keine Schwierigkeiten haben sollte, mit welchem dafür auf dem nassen Gras und im Matsch kein Vorwärtskommen möglich ist, oder die Stollenschuhe, mit welchen ich mich zum Gespött der anderen Läufer und Zuschauer machen werde, die mich im Gelände aber wenigsten nicht vor Ort treten lassen.

Alles egal, Hauptsache, ich komme noch rechtzeitig zum Start. Doch da kommt schon das nächste Hindernis. Die Hauptstraße hinauf zum Bahnhof ist wegen dem Rennen gesperrt und irgend ein hirnloser Paragrafenreiter meint, er könne mich als Läufer nicht in der Gegenrichtung zum Start lassen, ich müsse weiter unten unter der Bahnunterführung durch – wie auf der ersten Schlaufe durchs Dorf bevor es hinaus ins Gelände geht. Immerhin ist die Strecke gut markiert.

Wie ich mich von hinten dem Startgelände nähere, sehe ich, wie die hintersten Reihen des Feldes über die Startlinie davonziehen. Obwohl ich jetzt schon außer Atem bin, mobilisiere ich alle mir zur Verfügung stehenden Kräfte und werde so gerade noch auf die Strecke gelassen, bevor der Start geschlossen wird. Der Applaus der anwesenden Zuschauer ist mir sicher.

Mit Tunnelblick laufe ich und versuche, den Nadeln in meiner Lunge keine Beachtung zu schenken. Die Leute entlang der Strecke nehme ich nur als verschwommene Farbflecken wahr. Fliegen diese Schemen an mir vorbei oder ich an ihnen? Ich weiß nicht, wie lange ich schon unterwegs bin, mir kommt es jedenfalls sehr kurz vor.

Da taucht ein Verpflegungsposten auf, bei dem etwas anders ist als üblich. Ich werde mit einem ungewöhnlichen „Guten Morgen“ begrüßt, was mich genauer hinschauen lässt. Obwohl ich weiß, dass es sich um einen Verpflegungsposten handelt, sehe ich keine Getränke und nichts zum Essen. Dafür fällt mir auf, dass die Helferin nicht wie üblich Veranstalter-T-Shirt oder -Jacke trägt, sondern einen weißen Schurz über einer weißen Hose. Jetzt, wo ich genauer hinschaue und hinhöre, weiß ich auch, was sie mir als Verpflegung anbietet: Brötchen, Hörnchen, Butter, Marmelade, Käse, Jogurt, Saft und Kaffee.

„Ja gerne“, sage ich und weiß, dass ich selber bestimmen kann, in welcher Reihenfolge ich mir das Frühstück schmecken lasse, denn ich bekomme alles auf einem Tablett serviert. Nein, das lasse ich mir nicht nehmen, wenngleich in einem kleinen blauen Becher noch drei Tabletten als Beilage gereicht werden und ich nachher den Skalenus-Katheter gegen die Schmerzen wieder gefüllt bekomme. Denn der Zimmernachbar ist noch nicht weiter als ich. Er schnarcht, zudem kann ich mit meiner operierten Schulter sicher schneller wieder in den Laufschritt wechseln als er mit seinem neu eingesetzten Kniegelenk. Und bis ich meine Laufschuhe wieder schnüren darf, sind die für Narkose und Schmerztherapie hilfreichen Gifte hoffentlich aus meinem Hirn und meinen Muskeln verschwunden.

 

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