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Laufberichte

15. Nordseelauf: Ostfrieseninseln deluxe

18.06.16 Special Event
 

NSL 6: „Spiekerooger Dünenlauf“
auf Spiekeroog (12,0 km)

 

Ist Spiekeroog als sechster Etappenort der Höhepunkt des Nordseelaufs? Mit Sicherheit hat die Insel den schönsten Ort auf den ostfriesischen Inseln und zeigt ein fast schon pittoreskes Siedlungsbild. Kein moderner Zweckbau stört hier das idyllische Bild.

Leider begrüßt auch Spiekeroog die Nordseeläufer zunächst einmal mit einem morgendlichen Regenschauer. Gut, dass die Bäume rings um die Alte Inselkirche kaum Regen durchlassen, als es vor der Kirche eine open-air-Andacht mit Inselpastor Andreas Flug gibt. Er schlägt eine Brücke zwischen dem Hype um moderne Fitness-Tracker mit Herzfrequenzmessung zum „Herz-zeigen“ für die Probleme dieser Welt – „mach nicht halt, lauf gegen Gewalt“. Sicher ist diese Kombination von kritischer Kirche und Nachdenklichkeit mit sportlichem Wettkampf und für die Genussläufer erheblicher Ausdauerleistung eines der Erfolgsgeheimnisse des Nordseelaufs, der so sein spezielles Publikum gefunden hat. Sich sportlich messen, „für den Sieg angreifen“, gleichzeitig aber Friedfertigkeit beweisen, ist im Kern ja auch der olympische Gedanke und steht jedem sportlichen Wettstreit positiv an.

 

 

Bis zum Start ist noch Zeit und ich bummle vom Kurzentrum hinaus in die Dünen, wo auf der Kuppe der mehrere Meter hohe „Utkieker“ steht, der nicht nur gut Ausschau hält, sondern mit seiner sehr schlanken Erscheinung und seinen langen, dünnen Beinen auch einen Läufer darstellen könnte. Das Wetter ist nicht gut, wird im Tagesverlauf aber immer besser. Als ich am Nachmittag zum dritten Mal den „Utkieker“ besuche, gibt es strahlenden Sonnenschein. Mein Spaziergang ist in der Gegenrichtung dann meine Einlaufrunde – denke ich, und vergesse, unterhalb der Utkieker-Düne rechts abzubiegen. Als ich in den Ort hinein laufe, kann ich den Startort weder sehen noch hören, wenn auch mit einem Tempolauf ohne allzu große Mühe wieder finden: Fast verpasse ich es so, rechtzeitig am Start zu stehen.

Der Laufbeginn ist allerdings nichts für sportlich Ambitionierte, wenn sie sich zu weit hinten im Startfeld aufgestellt haben. An einer Engstelle, an der es bergauf auf die Düne geht, gibt es erst einmal einen Stau. Das Problem ist aber rasch gelöst, dann geht es zunächst mit schönem Meerblick auf dem Dünenkamm gegen Osten. Der weitere Lauf über die „grüne Insel“ führt lange durch hügeliges Dünengelände, erst dann über eine offene Fläche wieder auf den Ort zu und auf dem letzten Kilometer durch den Ort, wo zahlreiche Zuschauer die Läufer anfeuern; weil die Runde nur sechs Kilometer misst und so schön ist, ist der „Spiekerooger Dünenlauf“ ein Zwei-Runden-Lauf. Schon auf der ersten Runde habe ich ein kurioses Erlebnis: Ich fotografiere Tourfotograf Ralf Graner, als der gerade mit seinem Kamerablitz auch mich fotografiert. Zufall, dass mein Fotoapparat im selben Moment auslöst. Kopf und Oberkörper von Ralf sind dank des überstrahlenden Blitzes nicht zu sehen: Er ist einem der Slogans des Nordseelaufs folgend kurz mal „drei – zwei – eins – weg!“

 

 

Viel zu rasch geht der Lauf vorbei. Wer den Etappenlauf richtig angeht, baut tatsächlich im Verlauf der Wettkampfwoche nicht ab. Wobei es der sportliche Läufer sicher schwerer hat, als der Genussläufer. Das richtige Maß zwischen möglichst schnell laufen und nicht overpacen ist nicht einfach zu treffen. Nach meiner Erfahrung von inzwischen drei Nordseeläufen sollte man seine aktuelle 10-Kilometer-Zeit kennen und dann mit einem Aufschlag von etwa 20 bis 30 Sekunden pro Minute die Läufe angehen.

Der Lauf endet im Sonnenschein, der auch mein Auslaufen, die Siegerehrung und die anschließende Tombola, die es nach jedem Lauf gibt, verschönt. Und da heute bis zur Abfahrt der Fähre noch einige Stunden Zeit sind, mache ich eine längere Strandwanderung  in den Westen der Insel. Auf dem Rückweg durch die Insel begegne ich der einzigen „Pferdebahn“ Deutschlands – ein Schienenfahrzeug wird langsam von einem Pferd gezogen. Im Ort habe ich dann auch noch Zeit für ein kleines, rasches Abendessen mit frischem Fisch, ehe es mit der Fähre zurück geht.

 

NSL 7: „Borkumer Promenadenlauf“
auf Borkum (12,0 km)

 

Borkum ist die siebente Etappe und sollte eigentlich der abschließende Höhepunkt des Nordseelaufs sein. Da Start und Ziel mitten auf der Strandpromenade mit Blick aufs offene Meer liegen, sind die Bedingungen dafür gut. Leider macht das Wetter den Veranstaltern einen Strich durch die Rechnung. Obwohl an der Nordsee Dauerregen selten und Aufklaren und Sonnenschein spätestens ab zehn, elf Uhr die Regel auf den Inseln sind, klappt es auf Borkum mit dem bisherigen Wetterglück nicht.

Die Busanfahrt von Bensersiel bis Emden ist die längste während der Nordseewoche. Am Fährhafen gibt es noch strahlenden Sonnenschein. Doch auf der Fähre trübt das Wetter rasch ein und kurz vor Borkum ist es sogar so regnerisch und stürmisch, dass sich kaum noch jemand auf dem Deck der Fähre aufhält. Dann gibt es eine immerhin sechs Kilometer lange Fahrt mit der Inselbahn bis in die Stadt.

 

 

Borkum zeigt ähnlich wie Norderney städtisches Flair, ist aus meiner Sicht als langjähriger Borkumfan gleichwohl aber attraktiver. Grund dafür ist die fast vier Kilometer lange, seit wenigen Jahren prächtig herausgeputzte Strandpromenade mit ihrem Blick auf die offene, weite Emsmündung: Borkum ist neben Helgoland die einzige deutsche „Hochseeinsel“. Vor der Mitte der Strandpromenade liegt eine große Sandbank, auf der praktisch immer Seehunde liegen. Die Dynamik der Nordseeküste zeigen ihre großen Veränderungen innerhalb der letzten Jahrzehnte: Konnte noch 1987 das Ausflugsschiff der AG Ems zwischen Seehundbank und Inselstrand durch einen tiefen Priel fahren, ist die Sandbank inzwischen nehrungsartig weiter gewachsen und erreicht mit ihrem Ende inzwischen fast den Strand an der Promenade: Kurioserweise liegen auch hier, ganz nahe der Strandpromenade, Seehunde, so dass man vom Startort des Borkumslaufs unmittelbar Seehunde sehen kann.

Umkleide und Taschenabgabe sind in der „Kulturinsel“ neben dem Erlebnisbad „Gezeitenland“. Weil ich Borkum wie meine Westentasche kenne, weiß ich, dass ich mich in den festen „Strandkörben“ des dahinter liegenden Kurparks weit geruhsamer umziehen und dann in Ruhe auf der Strandpromenade Richtung Norden warmlaufen kann. Und anders als auf Spiekeroog besteht hier nicht die Gefahr, die Startzeit zu verpassen oder sich beim Einlaufen zu verlaufen: Überall stehen Uhren, denn meine Sportuhr ist leider nicht so zu programmieren, dass sie im Laufmodus auch die aktuelle Uhrzeit anzeigt. Mit meiner Ortskenntnis geht dann sogar noch ein Bild von der oberen Strandpromenade auf das darunter stehende Startfeld.

Am Musikpavillon startet der Lauf. Vorbei an zahlreichen Strandbuden, in denen es einfache Gerichte und Getränke gibt, und längs des Strandes geht es kurz dahin, ehe eine lange Schräge auf die Höhe der oberen Promenade und der Mauer leitet, die früher Borkum nach Nordwesten begrenzte. Auf der Höhe der Schräge kann man hervorragend das Läuferfeld überblicken – eines der beeindruckendsten Bilder während des gesamten Nordseelaufs, allerdings nur dann, wenn man sich als Läufer umdreht. Dabei sähen die Läufer dann aber auch die dunklen Schauerwolken, aus denen es kurz darauf zu regnen beginnt. Weiter geht es auf einer Mauer, an der noch vor knapp 100 Jahren Schiffe festmachen konnten: Heute erstrecken sich hier noch Hunderte Meter nordwestwärts erst Primärdünen und dann Strand in Richtung Borkum-Riff. Borkum wächst derzeit gegen Nordwesten, was wohl auch dazu führt, dass der bisherige „nordwestlichste Punkt Deutschlands“ mit einem grün-weißen Pfahl nicht mehr entsprechend bezeichnet ist.

 

 

Unterhalb der Gaststätte „Sturmeck“ geht es auf der Strandpromenade weiter, bis sie abrupt beim Strandcafé „Seeblick“ endet; über einen kurz etwas steinigen Weg geht es auf die andere Seite der Dünen und nun auf schmalem gepflasterten Weg in die „Waterdelle“, in der das Wasser fast bis zur Weghöhe zwischen den Bäumen steht. Hier gibt es auch einen der typischen, bizarren und niedrigen Inselwälder. Ein kurzer, steiler Anstieg, gefolgt von einem Gefälle und dann wieder einem allmählichen Anstieg führt ins „Muschelfeld“, das sich binnen der letzten knapp 20 Jahre erheblich verändert hat: Waren die Dünen zur Linken damals noch weiß und ohne Vegetation, so scheint inzwischen der gesamte Bereich zu verbuschen. Läuferisch ist es hier sehr schön und abwechslungsreich, und der zwischenzeitliche Regenschauer hat inzwischen auch wieder aufgehört.

Kurz vor dem Flugplatz geht es kurz sehr steil über einen Dünenwall. Am Flugplatz bei etwa viereinhalb Kilometern gibt es eine Getränkestelle. Weiter geht es nun südwärts und durch die Mitte der Insel Richtung Südstrand. Kurzzeitig zweigt sich sogar die Sonne. Hinter der Überquerung von Straße und Bahnlinie beginnt für längere Zeit ein Wald, die „Greune Stee“: Borkum hat mehr Wald als alle anderen ostfriesischen Inseln, auch wenn die Wälder nur niedrig sind. In die Greune Stee kann bei sehr hohen Sturmfluten sogar Salzwasser vom Meer her eindringen. Nach gut einem Kilometer endet diese schön zu laufende Waldpassage und es geht zum Südstrand. Die Läufer, die ihn um die Düne herum erreichen, begeben sich sofort in den ordentlichen Gegenwind, der uns jetzt bis zum Ziel noch für gut zwei Kilometer begleitet. Für mich ist der Südstrand mit persönlichen Erinnerungen verbunden: An ihm saßen meine Eltern immer im Strandkorb, weil hier Hunde erlaubt sind und sich der Schiffsverkehr in der Emsmündung am besten beobachten lässt.

An der „Heimlichen Liebe“ beginnt die vor wenigen Jahren erneuerte Strandpromenade, die nicht nur dem Schutz vor Sturmfluten dient, sondern auch eine tolle Flaniermeile für die Touristen auf Borkum darstellt. Im letzten September war das hier der Höhepunkt des „Borkumer Meilenlaufs“, weil bei schönem, aber sehr stürmischem Wetter und Flut die Wellen mit über anderthalb Metern Wellenhöhe gegen die Mauer anbrandeten, auf der sich die „Meilenläufer“ oben gegen den Wind mit Stärke sechs stemmten. Wir Nordseeläufer haben es heute besser: Der Wind ist vergleichsweise harmlos, und weil ich mir hier, beim Zieleinlauf der letzten Nordseelauf-Etappe, noch einmal einen schönen Schlussspurt gönne, freut mich auch der Kommentar eines Zuschauers: „Der hat ja noch Power!“ In der Tat: Weil ich alle Läufe vergleichsweise langsam, mit Run & Stop fürs Fotografieren, absolviert habe, bin ich während des Etappenlaufs in diesem Jahr nie wirklich an meine Belastungsgrenze gelangt. Dieser Erfolg ist sicher aber auch der dritten Teilnahme am Nordseelauf geschuldet.

Leider wird das Wetter zunehmend unwirtlicher, und so muss die Siegerehrung, die sicher auf der Strandpromenade eine tolle Kulisse gehabt hätte, kurzfristig in das Foyer der „Kulturinsel“ verlegt werden. Das klappt dank dem improvisatorischen Geschick der Veranstalter sehr gut, und auch der Raum mit einer großen, breiten Treppe eignet sich relativ gut. Dieses Mal werden alle Sieger der Altersklassen in der Tourwertung ausgezeichnet, was sehr schnell – vielleicht sogar etwas zu schnell – abläuft, dann auch die Ersten bis Dritten der Tourwertung bei Frauen und Herren. Möglicherweise ist die Eile auch der relativ frühen Abfahrt der Züge zur Fähre und dem ungeplanten Ortswechsel für die Siegerehrung geschuldet. Noch einmal werden das große Organisationsteam gefeiert und dann mit Wehmut Pastor Hartmut Schneider und eine der Hauptkoordinatoren bei der Organisation, Tanja Mehl, verabschiedet, weil sie in Ruhestand gehen bzw. neue Aufgaben übernehmen. Rasch und schmerzlos ist damit der 15. Nordseelauf, von der Rückfahrt abgesehen, vorbei – oder wie es bei der Tombola oft genug geheißen hat: „Drei, zwei, eins – weg!“

Ganz so schnell bin ich noch nicht weg, denn die Zeit reicht noch, um mir in der Stadt für das Abendessen einige sehr leckere Fischbrötchen zu besorgen. Die esse ich auf der Fähre der AG Ems und deren Fährschiff “Ostfriesland“, die sehr schön modernisiert worden ist. Vor allem benutzen wir Nordseeläufer mit ihr zum ersten Mal eine umweltverträgliche Fähre, die nicht schmutzigen Schiffsdiesel verbrennt, sondern mit LNG-Gas sehr umweltfreundlich und leise unterwegs ist. Ein weiterer, feiner Schlusspunkt für den diesjährigen Nordseelauf.

 

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Nordseelauf 2016 – ein Fazit

 

Ein durchaus anspruchsvoller Etappenlauf, vor allem auch wegen der oft langen Anreisen! Der reine Insellauf findet aber nur alle vier Jahre statt, weil vor allem die Fährfahrten zum Teil sehr tideabhängig sind. Die Laufstrecken auf den Inseln sind vor allem wegen des oft harten Untergrunds (Betonpflaster) anspruchsvoll; auf Sand werden elf Kilometer zurückgelegt, auf nicht befestigtem Grund auf Baltrum weitere vier Kilometer. Findet der Nordseelauf in den Nicht-Schaltjahren auch mit etlichen Festland-Etappen statt, ist er immer noch attraktiv, aber weniger spektakulär und wegen der dann zum Teil fehlenden Fährfahrten auch weniger anstrengend, was die Anreisen angeht. 2017 gibt es den Nordseelauf vom 17. bis 24. Juni.

2016 waren insgesamt 474 Finisher in der Tourwertung, davon 277 Männer und 197 Frauen. Mit der Maximalzahl von sieben Läufen waren es 233 Männer und 166 Frauen. Der beste mit sechs Läufen belegt den Platz hinter dem langsamsten Läufer mit allen sieben Läufern (usw.): Die Hauptleistung ist also das Absolvieren möglichst aller Läufe. Das Durchschnittsalter aller Läufer in der Tourwertung betrug 52 Jahre. Die Urkunden geben als Gesamtlänge 76,5 Kilometer an.

 

Sieger Männer:

 

1. Dirk Hohmann (M45), SG Indersdorf, 4:39:11
2. Bastian Düser (M40), BSG EWE, 4:44:19
3. Henning Wulfmeyer (M30), Bielefeld, 4:50:18

 

Seigerinnen Frauen:

 

1. Martina Mischnick (W50), Team Waggumer Holz, 5:24:53
2.  Nicole Jansen (W40), Insel Runners, 5:38:47
3. Sabine Voß (W45), SV Jembke, 5:42:38

 

Zusätzlich 41 Walker, davon 34 mit der Maximalzahl von sieben Teilnahmen.

 
 


 

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