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Winterblues - Dirk's Geschichte zu Weihnachten

24.12.10
Quelle: Dirk Liedtke

Graupelreich fuhr mir eisiger Wind ins Gesicht. Ich blinzelte dagegen an, zog den Reißverschluss meiner Jacke bis oben zu, steckte das Kinn tief darein. Die Dämmerung war bereits hereingebrochen, dennoch wählte ich den Weg durch das Fechtertor in den Putbusser Park. Den Geräuschen und Lichtern der Straße entflohen, nahm die Stille des Parks mich auf. Die Bäume schützten mich vor dem Wind und ich hörte den Schnee unter meinen Sohlen knirschen.

Als ein Uhu mit seinem Ruf die hereinbrechende Nacht begrüßte, wurde es mir richtig heimelig. Dem Hal des Rufes wie dem meiner Schritte lauschend, stapfte ich den Rosencafeberg hinauf. Der knietiefe Schnee bremste meinen Schritt und ich schnaufte ordentlich. Saß mir doch die Zeit im Nacken. Die Geschäfte in Putbus schlossen bald und ich brauchte noch ein Weihnachtsgeschenk.

 
Rosencafeberg Park Putbus, Boddenblick
© Egon Liedtke

Auf dem Rosencafeberg und Parkausgangs war immerhin ein Trampelpfad gestapft, den ich etwas flotter nahm. Vor dem ehemaligen Gasthaus Rosencafe selbst hielt ich verdutzt inne. In dem zu verfallen drohenden Gebäude brannte Licht. Das Haus stand doch leer? Wohl hatte es jüngst jemand erworben, aber bisher tat sich hier nichts. Offenbar irrte ich mich. Kein Reklameschild wies auf irgendwas hin. Aber das Licht schimmerte matt gelb, wirkte beruhigend vertraut und eine der Türen stand einladend offen. So stieg ich die paar Stufen hinauf und trat ein.

Neugierig öffnete ich die linke Innentür, welche früher in die Gaststube geführt hatte. Warm empfing mich das von Dutzenden Kerzen gespendete Licht. Die Stromversorgung funktionierte ja ganz sicher nicht. Ich zog die Jacke auf, stopfte die Mütze in die Tasche. Der lange Raum war durchaus angenehm temperiert. Im Moment erschloss es sich mir noch nicht, woher die Wärme kam, denn der Raum an sich beanspruchte meine ganze Aufmerksamkeit.

Beidseits in der Länge des Raumes waren Tische zu Tafeln zusammengestellt. Sie luden nicht etwa Gäste zum Sitzen ein, denn Stühle gab es nicht. Dennoch harten die Tafeln wohl Besuchern, denn sie waren vielfältig bestückt. Ich sah altmodische Küchengegenstände wie Quirle, Siebe, Töpfe und Geschirr. Einige Kerzenhalter, Bilderrahmen und verschnörkelter Schmuck muteten historisch an. Dort standen neben einem Grammophon Plattenspieler und Radios, sie waren mir aus DDR-Tagen noch bekannt. All das Zeug war wie auf einem Trödlermarkt zwar nach System, aber auch recht ungeordnet angehäuft. Die Tischdekoration aber war weihnachtlich. Den Kerzenschein erwähnte ich schon, auf den Tischen lag noch einiges harzig duftendes Tannengrün, hier und da mit einer kleinen Weihnachtskugel behangen. Schalen mit Plätzchen, Nüssen und Äpfeln luden zum Naschen ein. Ganz hinten durch, wo früher der Tresen war, stand quer im Raum eine barähnliche Tafel mit Tassen und Gläsern. Ein intakter Samowar dampfte mit heißem Wasser, einige bereits gefüllte Saft- und Cocktailgläser – liebevoll mit Zuckerkranz umkränzt und mit Apfelsinenscheibe besteckt – verlockten zur Erfrischung.

Zögerlich streifte ich durch die Tischreihen, einem Jahrmarktbesucher auf Schnäppchensuche gleich. Aber ich sah keinen Verkäufer, der mir seine Ware anpries. Ich war wohl etwas zu früh hier hereingeschneit, störte die Vorbereitungen gar. Dann wunderte ich mich, dass ich von der Aktion hier heute Abend nichts wusste. Ich las doch immer recht aufmerksam die Zeitung und auch die Mundpropaganda funktionierte in Putbus recht gut.

Als ich bis fast hinten durch war, hörte ich endlich Stimmen. Zwei Männer unterhielten sich in dem Nebenraum, in dem früher die Küche gewesen war.

„Du hast die Noten, ja?“, fragte der eine.

„Aber ja, einstimmen muss ich sie noch“, antwortete der andere.

„Gut, also ich such dann mal den Text.“

„Wie, hast du ihn immer noch nicht?“

„Entschuldige, ich hatte noch anderes zu tun“, klang es beleidigt durch die nur angelehnte Tür.

Der andere entgegnete nichts. Dafür erklang das tonstufenartige Geplänkel einer einstimmenden Gitarre.

Dann sprang die Tür weit auf und einer der beiden huschte in den Raum. Ich trat schnell an den mir nächsten Tisch und tat, als stöbere ich konzentriert zwischen alten Büchern.

„Darf ich mal?“ Der Mann, hager und untersetzt, wirkte noch recht jugendlich. Jetzt, wo er neben mich getreten war und zwischen Heften und Blättern kramte, meinte ich angesichts der feinen Gesichtsfalten, dass er schon über die 30 Jahre hinaus alt war.

Ich meinerseits nahm das eine oder andere Buch in die Hand: Ein dickes Russisches Märchenbuch, Scholochows „Neuland unterm Flug“, den Deutschen Daheim Kalender aus dem Jahre 1912. Dabei beobachtete ich den hemdsärmeligen Mann aus den Augenwinkeln. Dieser war kopfschüttelnd einen Schritt zurück getreten, blickte angespannt durch die vergilbte Gardine in die schwärzliche Leere dahinter. Dann machte er auf dem Absatz kehrt und lief in den ehemaligen Küchenraum zurück.

„Hast du den Text?“, fragte der Gitarrenstimmer.

„Wart, gleich.“ Es war ein Möhlen und Rascheln zu hören.

„Doch nicht im Müll“, rief wieder der andere hörbar genervt. „Du hast ihn doch nicht weggeworfen?!“

„Ich nicht, du vielleicht?!“

„Na hör mal!“ Ich hörte das Scharren eines Stuhles. „Denk lieber nach. Hast du ihn überhaupt mitgebracht?“

„Sicher, doch. Irgendwo muss der Zettel sein…“

Durch die Tür trat jetzt der andere, eine Konzertgitarre in der Hand. Er bedachte mich immerhin mit einem nachlässigen Kopfnicken. Er war einen Kopf größer und im Kreuz etwas breiter als der erste. Ähnlich diesem trug er Jeans und ein saloppes Flanellhemd. Er kam ruhiger daher und war um die 40 Jahre alt. Seiner Haltung und seinen Gesichtszügen - mit den eingefallen Wangen, dem leicht unsteten Blick und den spitzwinkligen Falten – nach, müsste er der ältere Bruder des ersteren sein. Ich konnte mich nicht erinnern, den beiden schon einmal begegnet zu sein, aber doch kamen sie mir von irgendwo bekannt und vertraut vor.

Dem älteren ging es wohl ähnlich, denn er schlenderte zum Getränketisch hin und spähte zuweilen ein wenig konsterniert zu mir herüber, während er sich am Samowar eine Tasse Tee bereitete.

„Was soll das kosten?“, fragte ich, den Roman „Bismarck – Ein psychologischer Versuch“ – von Emil Ludwig aus dem Jahr 1911 hoch haltend.

„Gib was es dir wert“, sagte er nachlässig die Schultern zuckend. „Oder so viel, wie du geben kannst“, setzte er etwas aufmerksamer hinzu.

Da ich ihn nun meinerseits konsterniert ansah, fasste er sich ein Herz und kam zu mir herüber.

„Ach, der Otto von…“, rief er das Buch betrachtend lächelnd aus. „Er war hier, in diesem Haus, weißt du. Ist ziemlich lange her.“

„Ich weiß“, entgegnete ich ohne in sein Lachen einzustimmen. „Bismarck schrieb hier an der Verfassung des Norddeutschen Bundes.“

„Du meinst die sogenannten ,Putbusser Diktate‘, na da wird wohl was dran sein. Aber vorwiegend hat er sich hier erholt.“

„Er war der Beethoven der deutschen Politik“, sagte ich einen drauf setzend, „nicht gerade demokratisch, aber er hat Deutschland geeint.“

„Allen demokratischen Kräften überhaupt war er feindlich gesinnt“, entfuhr es meinem Nebenmann auflachend.

„Der Blut-und-Eisen-Politiker wird er heute noch genannt.“               

„Der gute alte Otto von …, wie sagte er so schön: ,Wir Deutschen fürchten Gott, aber sonst nichts auf der Welt‘, ohne vergessen hinzuzufügen: ,und die Gottesfurcht ist es schon, die uns in Frieden lieben und pflegen lässt.‘ Und später ließ er von Amtsmüdigkeit geplagt durchblicken: ,Ich bin es müde, Schweine zu treiben.‘ Schön, nicht?“

Ich schwieg und gab mich ob der unerwarteten Aufgeklärtheit meines Gegenübers geschlagen.

„Das Buch ist ganz gut und vor allem dicht am Menschen Otto von … geschrieben“, sagte er ohne zu lachen auf die alte Schwarte in meiner Hand deutend. „Allerdings, im Buchladen in der Alleestraße gibt es auch aktuell aufgelegte Werke über Otto von…“

„Ist schon in Ordnung mit dem hier“, sagte ich das Buch aber noch recht unschlüssig in der Hand wiegend.

Er sah mich missverständlich mit gefalteter Stirn an und wandte sich um, denn der andere kam wieder herein geschneit.

„Hast du endlich den Text?“

„Nein, oh  nein.“ Der kleinere stampfte gar wütend mit dem Fuß auf. „Ich glaub, ihn hat jemand mitgenommen.“

„Katastrophe. Warum hast du ihn hier ausgelegt?“

„Weil immer alles hier ausliegt. Aber wer interessiert sich für so einen Text?“

„Im Moment ich. Keine Ahnung, wer sonst? Such noch weiter, ich probe derweil ohne Gesang.“

Damit setzte sich der ältere auf einen Stuhl vor einen gusseisernen Heißluftofen oder betagten Kamin - brodelnde Glut war zu vernehmen, ein Schornsteinrohr ging schräg zur Decke hoch - und fing einige Akkorde zu spielen an.

Der jüngere durchforschte, mich weiter nicht beachtend, einige Stände nach dem besagten Blatt mit dem Liedtext.    

Ich überlegte, was ich für das Buch wohl geben sollte? Mehr als zwei Euro würden auf dem Flohmarkt dafür nicht verlangt werden. Vielleicht war es als altes Buch über Bismarck aber viel mehr wert? Und überhaupt, war das hier ein Flohmarkt? So ganz nicht. Eher ein Weihnachtsbasar ohne Verkäufer. Wer waren die beiden Brüder nur? Gehörten sie zur Kirche, zu den Zeugen Jehovas? Oder waren sie Hartz vier Empfänger, die der Arbeitslosigkeit mit einer ungewohnt neuen Idee zu entfliehen suchten? Ich hatte mich gerade durchgerungen, fünf Euro berappen zu wollen, als die Tür sich auftat und neuer Besuch eintrat.

Sie kam ziemlich gehetzt herein und sah sich, ohne die Jacke zu öffnen oder die Mütze abzunehmen, mit fahrigen Bewegungen zwischen den Tischen um. Die beiden Brüder beachteten sie nicht. Der jüngere suchte weiter, ähnlich hektisch der Frau, der Reihe nach die Tische durch. Der ältere klimperte auf der Gitarre, so langsam war die Melodie eines Liedes herauszuhören. Die Frau, sie war so Mitte 30 und ich kannte sie nicht, blieb an einem Tisch mit Spielzeug stehen.

Ich weiß nicht, ob von ihr eine besondere Ausstrahlung ausging. Jedenfalls verspürte ich plötzlich eine feierlich erregende, ja eine gehobene Atmosphäre im Raum. So trat ich, weiter stöbernd, etwas dichter an sie heran. Sie trug eine einfache abgetragene Jacke, am Kragen taten sich Risse auf. Auch ihre Handtasche war verschlissen, die meisten Frauen hätten sie bereits entsorgt. Ihr Gesicht lief etwas spitz aus, was an der länglichen Nase und dem schmallippigen Mund liegen mochte. Ihre Wasserfarben bläulich leuchtenden Augen gingen immer noch eine Spur zu nervös über den Tisch, ihre schlanken Hände mit den langen, zart anmutenden Fingern kramten zwischen Puppen, Bausteinen und Spielzeugautos umher.

Dann, sie war etwas ruhiger geworden, wählte sie jenen Plastekipper, den wohl jeder Junge zu DDR-Zeiten besessen hatte, und eine schicke Matroschka, die ebenfalls aus der Zeit der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft stammen mochte, aus. Die Lippen entschlossen zusammengepresst wandte sie sich an den jüngeren Bruder, der ihr gegenüber war. Dieser hörte seinerseits zu suchen auf und sah sie leicht irritiert an, da sie in ihrer Handtasche kramte. Ja, er ließ sie gar, bevor sie die Börse heraushatte, stehen und eilte nach vorn zur barähnlichen Tafel hin. Mit zwei Gläsern, in denen Orangensaft ähnelnde Flüssigkeiten schwappten, kam er zurück. Das eine Glas gab er ihr, das andere mir. Wir griffen zögerlich zu, sahen erst den jüngeren Bruder fragend und uns dann selbst ein wenig hilflos lächelnd an. 

Noch bevor ich vom Getränk kostete, spürte ich erneut, wie sich die Stimmung im Raum hob. Wie kam das nur? Die wirklich recht zarte Frau sah von mir zum Gitarre spielenden Bruder hin. Auch sie wirkte mit einem mal sehr gelöst. Dann war es mir plötzlich klar: es lag am Lied. Was der ältere Bruder da jetzt auf seinem Stuhl hockend recht vorzüglich spielte, war eine eingängig volkstümliche Weise, welche mich weniger an ein Weihnachtslied, sondern vielmehr an einen Blues oder Soul erinnerte.

Sie ging sichtlich der Frau und mir selbst sehr tief ein. Ja, sie rührte an, machte glücklich und traurig zugleich. Schon stiegen mir Tränen auf. Um diese zu bekämpfen, nahm ich rasch einen Schluck. Es war wohl Orangensaft, mit etwas scharfem wie Ingwer gewürzt, erfrischend und wohlig hinabgehend zugleich. Ich seufzte auf, stütze mich an einem der Tische ab, lauschte dem Lied und sah vollkommen gelöst durch den Raum.

Auch die Frau sah glückselig drein, ihre glänzenden Augen leuchteten Sternengleich im Kerzenlicht. Gedankenverloren presste sie Kipper und Matroschka mit der einen Hand an die Brust, während die andere Hand in feierlicher Pose das Glas hielt. Der ältere Bruder gab sich ganz seinem Spiel hin, seine Füße wippten auf und ab, sein Kopf wie sein drahtiger Körper wogte wellenartig in der Melodie. Dazu summte er leis, was selbst aus seine Tiefe hervorzukommen schien und einem innerlichen Seufzen, Jubeln und Stöhnen glich. Schade nur, dass ihm der Text fehlte und er nicht singen konnte.

Der jüngere Bruder schien meine Gedanken zu erraten.

„Ihr solltet ihn Singen hören“, meinte er selbst ein wenig schwärmerisch, „zu dumm, dass wir den Text verlegt haben.“ Er war zwischen die Frau und mich getreten, die Hände vor der Brust verschränkt lauschte auch er dem Lied. 

„Es ist wirklich sehr schön, was ihr hier macht“, sagte ich, um irgendwie meine Anerkennung auszudrücken.

„Das gehört zum Programm, ist selbstverständlich.“ Der jüngere Bruder winkte ab.

„Ich bin so dankbar“, sprach die Frau glückselig aus. „Tausend Dank, ehrlich.“

„Aber gern doch“, der jüngere Bruder lächelte nicht ohne Stolz. „Wir haben hier schon so viel gesehen. Ihr seht doch hoffentlich, es bereitet uns selbst Freude und Spaß.“

„Wie lange macht ihr das denn hier schon?“, fragte ich ungläubig nach.

„Über 200 Jahre.“ Wieder winkte er ab.

Die Frau nickte wissentlich und auch ich glaubte ihm aufs Wort.

„Es fing schon mit der Krugwirtschaft an der alten Fährstraße nach Stralsund an. Mit dem durch Fürst Wilhelm Malte errichteten Gärtnerhaus ging es weiter, dann die Villa Löwenstein und zuletzt das Rosencafe. Viel Tanz und viel Volk gingen hier durch. Jetzt ist sehr einsam und wir freuen uns über jeden Besucher.“

Die Frau schluchzte hörbar auf. Der ältere spielte noch immer sagenhaft hingabevoll das tief eingehende Lied.

„Als wir noch Kinder waren, hat unsere Schulklasse hier einmal Fasching gefeiert“, fiel es mir in Erinnerung versunken plötzlich ein.

„Ach wirklich“, der jüngere Bruder sah mich mit amüsiert fragenden Blick von der Seite her an, als müsste er mich von da her noch kennen.

„Ich war schlecht zu erkennen, mit blonder Perücke und Riesensonnenbrülle als Frau verkleidet“, entgegnete ich in entschuldigendem Ton.

Er nickte, als erinnere er sich und sie lachte, mich von Kopf bis Fuß maßnehmend, herzerfrischt auf.

„Ja, das waren Zeiten“, sagte der jüngere Bruder. „Hoffen wir, dass wieder bessere kommen.“

„Prost darauf.“ Ich erhob mein Glas und stieß mit der Frau an.

Der jüngere Bruder aber nickte kurz vor sich hin, dann durchstöberte er weiter emsig die Tafeln. Der Text musste doch zu finden sein! Doch weder die Frau noch ich verspürten Lust, ihm dabei zu helfen. Wir standen dicht beieinander, tranken den betörenden Saft, schauten und lauschten der seligen Musik. Dann, die Gläser waren leer, die atmosphärische Stimmung hatte ihren Höhepunkt überschritten, wandten wir uns zum Gehen. Ausgangs ließ ich einen größeren Geldschein auf der Tafel liegen. Ich hatte keine Ahnung ob es angebracht war, wert war es mir aber allemal.

Draußen schneite es immer noch dichte Flocken hernieder. Wir standen einen Augenblick still, sahen ins gelblich schimmernde Licht hinter dem Fenster, lauschten noch einmal dem jetzt mehr traurig verloren klingendem Lied. Dann hakten wir uns entschlossen unter, kehrten der Stadt den Rücken und stapften in den winterlichen Park. Dabei fingen wir im Duett zu singen an. Es war das Lied aus dem Rosencafe, das uns eingegangen war. Und seltsamer Weise kannten wir auch den Text. Lauthals erklang der Winterblues im nächtlichen Park:       

Graupelreich der Wind im Gesicht,

hoch die Jacke zugezogen,

das Kinn tief darein gesteckt,

feste Sohlen knirschen leise,

auf schneebedeckten Wegen,

durch des Waldes Stille,

ein Uhu ruft laut,

die Nacht willkommen heißend,

in die Dämmerung,

den Hügel hinauf des Rufes

wie der Schritte Hal,

begleitet und entflohen,

den Tönen und Lichtern der Stadt,

sinkt einsamer Blues,

vom wolkenbedecktem Himmel,

kein Sternenleuchten dringt,

durch Geisterarmen ähnliche Baumwipfel,

dick verschneiter Ast hängt herab,

einer dunklen Barriere gleich umzingelnd,

stolpernd im zugewehten Graben,

die Richtung zu halten suchend,

auf den Pfad zurück,

gegen Flockenwirbel blinzelnd,

den Winterblues singend,

voran, voran und voran.

 

Dirk Liedtke, www.bodebuz.de

 
 

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