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Dirk's Weihnachtsgeschichte: Ausgebrannt

19.12.08
Quelle: Dirk Liedtke

„Schon wieder sitzt er da“, sagte Manuela zu sich und spähte von ihrem Reisebürostand zu dem verloren wirkenden Typen hinüber, der jetzt den dritten Tag in Folge auf demselben Platz in der Flughafenhalle saß. Seit Heilig Abend nahm er diesen einzelnen Platz am Rande der Halle ein. Ob seiner gepflegten Erscheinung war der Mann südeuropäischer Herkunft Manuela aufgefallen. Er würde wahrscheinlich auch am zweiten Weihnachtstag stundenlang apathisch sitzen bleiben und nur hin und wieder aufstehen, um zur Toilette zu gehen.

Gestern hatte Manuela noch geglaubt, der ohne Gepäck dasitzende Mann wolle jemanden abholen und irrte sich, da er sich ja in der Abflughalle befand. Heute glaubte die Reiseverkehrsfrau eher an einen Schicksalsschlag, der den Mann ereilt haben mochte. Nahezu hilflos saß er in seinem Anzug, den schwarzen Mantel über die Knie gelegt, auf seine Lloydschuhe oder den Boden starrend da. Sein Dreitagebart spross unverdrießlich. Manuela schloss daraus, dass der Mann auch nachts das Flughafengebäude nicht verließ.

Jetzt stand er auf und ging zur Toilette. Als er zurückkam, hatte sich eine alte Dame auf seinem Platz niedergelassen. Der Mann blickte die Dame verstört an, dann ging er einige Schritte weiter und blieb abwartend, kurz vor Manuelas Stand, stehen.   

Sie trat hervor und sprach ihn an: „Kann ich Ihnen helfen?“
Er reagierte nicht, sah halb zu Boden, halb zu seinem besetzten Platz.
„Can I help you?“
Wieder keine Reaktion. Die alte Dame wurde zum Check In gerufen und der Mann nahm, Manuela nicht beachtend, wieder Platz. 

Manuela zuckte mit den Schultern. Wenig später rief sie die Bundespolizei an.
„Geht von dem Mann eine Gefahr aus? Randaliert er? Verhält er sich verdächtig, plant er einen Anschlag oder so?“, fragte der Beamte nach.
„Nein. Er sitzt nur ruhig da und rührt sich nicht.“
„Dann können wir nichts machen. Lassen Sie ihn sitzen. Er hat wohl einen Weihnachtskoller und verzieht sich schon irgendwann.“
„Ja, aber schon den dritten Tag ...“
„Was meinen Sie, was alles so los ist? Wir können nicht jedem, der sich grämt, helfen.“

                                                                  *

„Christos, dein Urlaub ist gestrichen. Steffen hat sich krank gemeldet.“
„Aber Chef, mein Jahresabschluss ist fertig. Sie hatten den Urlaub genehmigt, mein Flug ist gebucht.“
„Tut mir leid, Christos. Das Controlling muss vor Jahresende fertig sein. Weihnachten fällt aus. Die Stornogebühr für den Flug zahlt die Firma.“
„Aber …“
„Nichts Aber. Ende.“ Der Chef hatte einfach aufgelegt.

Dann kam der Heilige Abend. Und Christos fuhr zum Flughafen, einfach so. Wochenlang hatte er sich für die Firma abgerackert und ungezählte Überstunden angehäuft. Nächtelang hatte er kaum geschlafen und sich einzig auf den Weihnachtsurlaub bei seiner Frau und seinen Kindern in Athen gefreut. Selbst wenn er gewollt hätte, hätte er rein nervlich Steffens Part nicht hingekriegt. Er konnte einfach nicht mehr. Er war reif, reif für den Heimaturlaub.    

Mit der Gepäckaufgabe, das klappte noch. Dann trank er im Flughafenbistro einen Kaffee und ging noch mal zur Toilette. Doch als zum Check In gerufen wurde, war seine Brieftasche mit sämtlichen Papieren weg. Er fragte im Bistro nach und suchte die Toilette ab. Umsonst. Geld, Ausweise, Kreditkarten - alles war weg, auch das Flugticket. Er hatte seinen gut bezahlten Arbeitsplatz in Deutschland verloren und er würde Weihnachten nicht bei seiner Familie sein. Das war zuviel für ihn. Er ließ sich auf den erstbesten Stuhl in der Flughafenhalle nieder und nahm es auch nicht mehr wahr, dass er mehrmals zum Boarding ausgerufen wurde.   

                                                               *

Am sechsten Tag schien es Manuela, der Mann würde zusammenbrechen. Immer noch saß er stundenlang ins Leere starrend auf dem Stuhl. Da er scheinbar nichts zu sich nahm, war er dehydriert und unterzuckert. Hatte er kein Geld? Auf Manuelas wiederholte Ansprachen reagierte er nicht. Doch Manuela konnte ihn nicht mehr ansehen, ohne sich Sorgen um sein Leben zu machen. Sie schloss ihren Stand für ein paar Minuten und ging in den Supermarkt des Flughafens.

„Nehmen Sie. Sie können hier doch nicht verhungern“, sagte Manuela in lockerem Ton.

Zum ersten Mal reagierte der Mann, indem er ihr mühsam den Kopf zuwandte und sie mit leeren Augen ansah. Schwerfällig öffnete sich sein Mund und er brachte ein raues „Danke“ hervor.

Manuela setzte sich neben ihn und sah zu, wie er Brötchen kaute und Cola trank. Sie überwand sich und ignorierte seinen muffig kalten Schweißgeruch. Wie konnte ein Mensch in ein paar Tagen nur so runterkommen?

„Wenn Sie Hilfe brauchen, einen Arzt oder so, ich kann einen rufen“, sprach sie fürsorglich auf ihn ein.
„Nein, vielen Dank. Komme alleine klar, bin immer alleine klar gekommen“, entgegnete er knapp.
Manuela nahm es als positives Zeichen hin, dass er sie verlegen anlächelte. Vielleicht brauchte er Zeit. Immerhin, verhungern oder verdursten würde er jetzt nicht mehr.   

                                                                *

Christos ging es nicht wirklich besser. Er wusste nicht, wie lange er jetzt schon im Flughafengebäude festsaß. So gut wie nichts nahm er von seiner Umwelt wahr. All die zahlreichen Menschen, die tagsüber an ihm vorbeigingen, waren nur Wind aufwerfende Schatten. Sie begrenzten quasi seine Leere, in die nichts, aber auch nichts anderes vordrang. Klarer Gedanken war er nicht fähig. Unaufhörlich schwirrten ihm wirre Bilder im Kopf herum. Er befand sich in einem traumverworrenen Schlaf, den er auch nicht unterbrach, wenn sein Kleinhirn seinem Körper den Befehl erteilte, zur Toilette zu gehen, um einen Schluck Wasser aus dem Hahn zu nehmen. In der Nacht, wenn er sich aus der hellen Halle entfernte und auf eine Bank in einem abgelegen dunklen Terminal legte, verflüchtigten sich die Traumbilder für ein paar kurze Stunden, denn er schlief wirklich. Morgens aber kehrten sie, gepaart mit einer ihn je überfallenden lähmenden Antriebslosigkeit, zurück. Wie selbstverständlich ging er in die hellere Halle hinüber und setzte sich auf den Stuhl.  

Dass er jetzt begann, über sich und seine Situation nachzudenken, war dem eindringlichen Zureden der Frau zu verdanken, deren begütigende Stimme ihn an die seiner Frau erinnerte. Die Nahrung von ihr hatte er instinktiv angenommen, so selbstverständlich wie das Frühstück, dass ihm Maria zu Hause in Athen bereitete. Da kam sie und brachte ihm einen dampfenden Topf Kaffee und ein belegtes Baguette.

„Danke Maria.“
„Ich heiße Manuela. Sag, was machst du eigentlich hier?“
Der Kaffee tat Wunder. Christos konnte Gedanken fassen: „Meine Papiere wurden mir gestohlen. Ich kann nicht weg.“
„Du musst zur Polizei. Komm ich bringe dich.“
Wie ein scheues Lamm, das seiner Schafsmutter hinterher trottete, folgte er der jungen Frau.

Die Beamtin von der Bundespolizei nahm Manuelas und Christos Bericht auf: „Entschuldigen Sie, dass meine Kollegen vor vier Tagen nicht weiter gehandelt haben. Da besteht sicher Klärungsbedarf“, sagte sie und führte dann ein paar Telefonate. „Ihre Papiere hat eine Reinigungskraft im Müll gefunden. Geld und Kreditkarten sind weg, na ja. Sie können in einer Stunde die Maschine nach Athen nehmen. Sie wurden dort schon als vermisst gemeldet. Sylvester können sie zu Hause feiern. Guten Flug und guten Rutsch.“
Manuela brachte ihn noch zum Check In.
„Äfchari’sto. Vielen Dank“, sagte Christos leicht errötend.
„Gute Reise und Auf Wiedersehen.“
„Ich werde nicht wiederkommen. Aber wenn du mal nach Athen kommen möchtest, bist du mein Gast.“ Christos öffnete seine Brieftasche und zog eine Visitenkarte hervor.

Manuela steckte die Karte ein.

Dann küssten sie sich nach südländischer Art auf beide Wangen.

 
 

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