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Laufberichte

Streetlife

31.05.14

Laufband der Nationen


Jetzt wird’s gemein. Von hier an geht es tendenziell immer aufwärts. Obwohl bereits der größte Teil der Strecke hinter mir liegt, ist der vor mir liegende Streckenablauf ungefähr doppelt so schwer wie stricken mit fünf Nadeln. Ich verlasse den Untergrund. Um mich herum tobt ein Volksfest: Partypeople mit Bierdosen in den Händen johlen, lachen und schreien, feuern mich an oder nicht.



Am Place de la Constitution umschwirrt das Partyfolk die Gëlle Frau (KM35), ein Wahrzeichen Luxemburgs, wie Motten das Licht. Weiter geht es durch ein dichtes Spalier aus Zuschauern in den engen Gassen der Altstadt. Das Getöse der Trommeln hallt durch die Stadt, es ist verdammt warm, die Nacht hat begonnen. Der Spruch an dem Erkerbalkon am Haus in der Altstadt kommt mir in den Sinn: "Mir wölle bleiwe wat mir sin." Es ist schon bizarr. Nur wenige Stunden oder 42 Kilometer später sieht man das ganze Luxemburg in einem anderen Licht.

Puh, 37 Kilometer sind an der Großherzogin-Charlotte-Stahlbrücke geschafft. Ich frage mich, ob die 81jährigen Marathonläufer sich auch gerade so alt fühlen wie ich? Der harte Betonboden macht sich an meiner Hüfte bemerkbar, auch die Füße schmerzen. Gähn! Müdigkeit überkommt mich. Harte, unglaubliche zwei Kilometer über die John F. Kennedy Avenue führt die Strecke nur geradeaus, geht es zurück in den Nordosten der Stadt. Wieder laufe ich an der Philharmonie, die ich als Architekturbanausin als gestrandeten Wal bezeichne, vorbei. Das Prunkstück mit den über 800 schlanken Säulen ist beleuchtet und funkelt futuristisch schön in der Dunkelheit.

Die letzte Tankstelle vor dem Ziel. An der beleuchteten Anzeigetafel lese ich 1.334 Euro für EURO 95, Diesel gibt es schon für 1.192 Euro. Eine andere Leuchtanzeige sagt mir, was ich schon fühle: Es sind noch immer (22:20 Uhr) 19 Grad. Zwei Ladys mit ihren Guga-Musikinstrumenten, sprich Tuba und Trompete, musizieren einsam vor sich hin. Das ist wohl der Rausschmeißer, denke ich, genieße aber die ausnahmsweise mal ruhigeren Klänge. Bevor auf dem nächsten Kilometer Electro-Underground, rhythmisches Geblubber, die Läufer beschallt. Gähn.

Für fünf Euro bekommt, wer zahlt, seinen persönlichen go))go))boy der sein persönliches  go))go))girl an der Strecke. Jawohl, persönlicher Escort-Service für nur fünf Euro(!). Nur der Name ist von zweifelhafter Herkunft. Was sich so halbseiden anhört, hat aber einen gut gemeinten Hintergrund. Es hilft nicht nur den Läufern auf den letzten harten, weil langweiligen Kilometern, sondern der Erlös wird für ein Krankenhaus in Nepal gespendet.  

Die nur Sekunden andauernde Stille wird von der Stadtreinigung mit ihren heulenden Bürstenfahrzeugen unterbrochen. Unglücklicherweise fahren sie so langsam, wie ich laufe. Von hier führt nur noch ein kurzer Fußmarsch zum Höhepunkt der Luxemburger Nacht. Es ist noch Zeit, denn erst um 1:12 Uhr geht der Strom für die Zeitmessmatte in der Messe aus. Kilometer 41. Eine letzte sehr großzügige Rechtskurve über den Platz des Messegeländes, welcher rechts und links von hunderten von Fackeln romantisch beleuchtet ist. Noch drei Meter und ich bin in der Halle - noch immer nicht im Ziel. Die Halle vibriert vor Energie.



Riesige Lichtprojektionen leuchten die Halle aus. Die Boxen dröhnen. Es ist laut. Es ist voll. Gereckte Fäuste, glänzende, glückliche Gesichter - es ist wie bei einem kosmopolitischen Popkonzert. Neonilluminationen und Lichtblitze, zwischendrin krachende Lautsprecheransagen. Statt einer Discokugel an der Hallendecke der Luxexpo schwebt ein ferngesteuerter Zeppelin über die Köpfe der aufgedrehten Läufer. Im Mittelgang flimmern Bilder der Läufer, die in der nächsten Sekunde im Ziel sein werden, über den Monitor. Was für ein Abend, was für eine Nacht!

 

Sambódromo


Nach dem Marathon gibt es für die Läufer und die Sambabands nur noch ein Motto: Party, Party, Party. In der großen Luxexpo feiern die Sambabands, glückliche Gäste und strahlende Sieger.

Apropos Sieger: Mit einer Zeit von 4:29:37 kratze ich ganz bestimmt nicht an meiner Bestzeit. Immerhin wurde ich mit dieser Zeit Altersklassen 6. von 16 und damit schnellste deutsche Frau, wohlgemerkt in meiner Altersklasse. Der 81-jährige französische Senior lief in einer Zeit von 4:32:56 durch das Ziel. Puh, gerade nochmal Glück gehabt. Aber aufgepasst: Der 81-jähige Herausforderer Simon in unglaublichen 4:19:17!!! Jedenfalls habe ich mich lange nicht mehr so alt gefühlt wie an Ihrer Seite. Ganz ehrlich, wenn ich nicht dabei gewesen wäre und es mit eigenen Augen gesehen hätte, ich hätte es nicht geglaubt.

Übrigens, in der gleichen Nacht finishte die 91-jährige U.S. Amerikanerin Harriette Thompson den San Diego Marathon in 7:07:42!

Resümee: Luxemburg ist zwar eines der kleinsten Länder der EU, kann aber mit seinem Marathon-Nachtleben mit den anderen europäischen Metropolen jederzeit mithalten. Wer gern stimmungsvoll läuft, kommt an einem Trip nach Luxemburg nicht vorbei. Nachtschwärmer kommen hier auf ihre Kosten. Renndirektor und Chef-Organisator Erich François weiß eben, was sich das überwiegend junge Läuferfolk wünscht.

Wer open-Air-Partys mag, der sollte sich die Jubiläumsfeier zum 10. ING Night Marathon Luxembourg am 30. Mai 2015 auf gar keinen Fall entgehen lassen.

 

Info:


Gesamtzeit/Höhenmeter/Streckenprofil für den Marathon:

6 Stunden / ca. 550 Höhenmeter / ausschließlich Asphalt, 100 Meter Kopfsteinpflaster


Anreise: Luxemburg liegt im Dreiländereck zwischen Deutschland, Frankreich und Belgien. Eine ganz neue Alternative bietet die Anreise mit dem Deutsche Bahn-Bus. Er fährt von Frankfurt/Main über den Flughafen Hahn nach Trier und Luxemburg und das bis zu 15 Mal täglich.


Veranstalter: step by step S.A.
Managing Director:
Erich François


Wettbewerbe: Neben dem Marathon werden auch ein Halbmarathon, ein Teamlauf (8,8km; 11,1km; 13,4km; 8,9km) sowie ein Minimarathon und ein Mini-minimarathon (beide ohne Zeitnahme), angeboten.


Bus-Shuttle-Service: Vorhanden


Temperatur: Um 22:00 Uhr noch 19°C


Verpflegung: nach KM 5 alle 2,5 Kilometer Wasser, Iso, Bananen, Energie-Riegel. Ab KM  30 Cola


Zeitmessung: Champion Chip


Preise: Medaille für jeden Finisher. Ein Event-Shirt ist kostenpflichtig.


Ergebnisse Marathon gesamt Männer:

1 Maiyo, Johnston Kibet (KEN), 02:15:44 Stunden
2 Rutto, Stephen (KEN), 02:17:43 Stunden
3 Yator, Bellor (KEN), 02:20:00 Stunden

Ergebnisse Marathon gesamt Frauen:

1. Godana, Meseret Agama (ETH), 02:38:56 Stunden
2. Gulilat, Taye (ETH), 02:39:39 Stunden
3. Kedir, Zehar (ETH), 02:40:46 Stunden

Finisher:   

Marathon: 1.022 Männer, 174 Frauen
Halbmarathon: 4.225 Männer, 1.812 Frauen
Teamlauf: 769 4er Teams

 
 

Informationen: ING Night Marathon Luxemburg
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