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Laufberichte

Streetlife

31.05.14

Noch viel lieber würde ich jedoch Henri treffen wollen. Der Großherzog von Nassau-Weilburg wohnt gleich hier um die  Ecke, im Palais Grand Ducal. Der Palast ist eigentlich ein spanisch inspirierter Spätrenaissance-Kasten mit Erkern und Türmchen und Wölkchengardinen vor den Fenstern.




Also auf Postkartenständern habe ich das royale Konterfei im fichtengrünen Jägerjackett schon gesehen. Aber wer kennt ihn schon, er steht ja nie in der Regenbogenpresse. Wer weiß, am Ende läuft er gerade vor mir auf den Place Guillaume II, im Volksmund auch "Knuedler" genannt. An diesem Punkt trennen sich nun übrigens für einige Kilometer die Halbmarathonläufer von den Marathonläufern. Die Gassen gleichen Vergnügungsvierteln. Die Luft ist erfüllt vom Klang der Samba-Trommeln, Fiedeln und Klarinetten rivalisierender Musikertrupps.

Zum rhythmischen Klatschen eines ganzen Straßenzuges kommt das Tröten der Tröten. Rechts, rechts, rechts noch zwei Harken schon hat der Tross mit mir und vielleicht dem Herzog, den „Parc-Ed-J-Klein“ Teil II erreicht. Schnurstracks geht es geradeaus hindurch. Zweimal links, viermal rechts. Kurz darauf eine zweifache Linkskombination wieder halb rechts und den Rest des Kilometers wieder geradeaus. Schwubdiwub sind wir wieder im „Parc-Ed-J-Klein“ Teil III, jedoch in einer ganz anderen Ecke.  Zweimal rechts und zweimal links.

 

Volksfeste in den Wohnvierteln

 


Die Laternen gehen an und auch die Bewohner in den Häusern machen Licht. Die Bevölkerung im Land wächst weiter - und mit ihr die Immobilienpreise. Die Garagen sind für die Autos längst viel zu klein. Manikürte Vorgärten, kleine Paradiese, wie eine Beruhigungszone, inmitten der Stadt.



Einfach Idyllisch, wäre da nicht überall der Partybetrieb. Ältere können von dem Lärm nicht schlafen, schauen durch polierte Glasscheiben runter auf die Straße. Unten vergnügt sich eine vielleicht dreijährige mit blonden Zöpfen auf der Spielstraße mit ihrem Prinzessin-Lilifee-Fahrrad. Mamas und Papas klatschen uns zu, für die Racker ist heute noch lange nicht Schlafenszeit, sondern die schönste Spielzeit des Tages! Sie brüllen uns an, spielen mit uns wildfremden verschwitzten Menschen „Give me five“.


Der Werbegag mit den orangefarbenen Hütchen ist genial. Aber wer um Himmelswillen kam auf die Idee, die orangefarbenen Vuvuzela-WM-Tröten auszugeben? Ein Kleinkind versucht sich an dem langen Ding. Heraus kommt nur ein wohlklingendes leises „pfff“. Jetzt übernimmt sein Erzeuger das Teil und zeigt seinem Sprössling und uns wie es funktioniert: 120 Dezibel (lauter als eine Sambatrommel) wirbeln als Schallereignis durch meine Ohren in meinen Kopf. Gebt den kleinen doch demnächst einfach mal eine Kettensäge in die Hand, die ist noch leiser als diese Tröte, denke ich, lächle und laufe weiter.

 

Zwischen Dämmerung und Dunkelheit


Nanu, hat das Wetter umgeschlagen oder wo kommt der Nebel her? Vor der Verpflegung quetsche ich mir ungern, weil eklig, Gel in den Mund. Der chemisch-süßliche Geschmack mischt sich mit dem Geruch verbrannten Grillguts aus der Nachbarschaft. Doch was zwar heute bei dieser lauen Nacht einen romantischen Charme versprüht, ist für das laufende Partyvolk eher ungeeignet. Ein schauriges Geschmacks- und Geruchserlebnis. Zweimal links, zweimal rechts und die Nebelbank liegt hinter mir.

War eben noch mildes Abendlicht, so ist es fast unbemerkt schlagartig dunkel geworden. Nicht die richtige Tageszeit, um durch einen Park zu laufen. Zum Glück bin ich ja nicht alleine. Viermal rechts einmal links einmal rundherum. Und so weiter, und so weiter. Es ist dunkel und ich sehe nicht mehr viel. Doch klar, da drüben, die Adolphe Brücke, auch Neue Brücke genannt. Sie wurde in den Jahren 1900 bis 1903 errichtet. Das Ausland verfolgte den Bau der Adolphe-Brücke mit großem Interesse, da es sich bis dahin um die größte Steinbogenbrücke der Welt handelte. Erzählte mir gestern die Stimme aus dem Kopfhörer des Sightseeing-busses.


Nur noch eine schnelle dreimalige links-rechts Kombination und die tiefste Stelle des Marathons ist unter dem Doppelbogen der Adolphe-Brücke geschafft. So einheitlich wie das Wasser ist, welches ich angeboten bekomme, so verschieden sind die Barkeeper-Persönlichkeiten, die es mir reichen. Nach dreißig Kilometern bestell ich mir einen Cola-Wasser Cocktail.

Hier unten an der Alzette waren die kleinen Handwerksbetriebe. Schuster, Scherenschleifer, Bierbrauer, Gerber oder Fischer. Sie lebten und arbeiteten in Höhlen, die aus den Sandsteinfelsen herausgehauen waren. Grobe Töpferware war das Geschirr der Unterschicht, die anspruchsvolle Oberschicht benutzte feines ausländisches Porzellan. Bis Maria Theresia 1767 die lothringischen Steinguthersteller nach Luxemburg holte und den Bochs ganz in der Nähe der Festung ein Grundstück in Erbpacht zur Verfügung stellte.

Dank dem weißen Gold begann die wirtschaftliche Entwicklung in Luxemburg und der Region. Das Renommee Villeroy und Bochs in Luxemburg war so beispielslos groß, dass man dem Unternehmen die Ein- und Ausfuhrzölle, die Straßen- und Brückenzölle erließ und ihnen obendrein Steuerfreiheit für sechs Jahre gewährte. Noch heute kennen wir das Kaffeegeschirr mit dem bekannten blauen Dekor "Brindille", das 1770 geschaffen und unter "Alt Luxemburg" zu bekommen ist.  

 

 
 

Informationen: ING Night Marathon Luxemburg
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