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Laufberichte

Stark!

 
Autor: Joe Kelbel

Links in der Alaunstrasse ist die „Scheune“, bestes Revier für einen Brunch. Aber unbedingt 2 Wochen vorher reservieren, dann gibt’s auch 2 Euro Rabatt pro Person. Wir sind im Kneipenviertel, in der Neustadt. In der Zeit zwischen Mauerfall und Beitritt zur Bundesrepublik gab es rechtsfreie Monate. Hier in Neustadt wurde ein autonomer Staat gegründet, ohne Behörden, Polizei und Steuer. Wer Ideen hatte, der konnte verdammt viel Geld verdienen. Westmark tauschte man 1:10 in Ostmark und zahlte das auf die Konten von Freunden und Verwandten ein. Bis 2000 Mark wurden nach dem Beitritt 1:1 getauscht, der Rest  1:2. Der Umtauschkurs war monatelang vorher in der Presse kolporiert worden. Gestern haben wir noch drüber gelacht.

Wenn wir jetzt die Bautzener Strasse weiterlaufen würden, kämen wir zum schönsten Milchladen der Welt. Das Innere wurde 1892 von Villeroy und Boch komplett mit verschnörkelter Keramik ausgestattet.  Der Besucherandrang ist so hoch, dass Fotografieren in dem Laden strikt verboten ist. In der Louisenstraße, im Café Blumenau, gibt es gute Cocktails.

Im ewig langen Waldschlösschentunnel herrscht eine unglaubliche Akustik. Viele Läufer nutzen das aus, brüllen wie am Spiess, mir fliegen die Trommelfelle raus. Hier ist mein einziger Verbesserungsvorschlag an die Orga: Ein ganz kleines Radio würde reichen, um den gesamten Tunnel zu beschallen! Die Waldschlösschenbrücke (km 8) ist imposant und auch ewig lang.

Vom Biergarten des Brauhauses hätte man einen tollen Panoramablick auf die Altstadt und die Elbe. Übrigens wurde der Bierdeckel in Dresden 1892 erfunden, aber auch nützliche Dinge wie der BH, damals noch mit Männer-Hosenträgern als verstellbare Halterung.

Fetscherplatz (km 10,5), der 3 Std Pacemaker kommt mit seiner Truppe auf der anderen Straßenseite entgegen. Das sieht verdamt stark aus!  Sebastian kauft an einem Blumenstand eine Chrysanteme. Erstens verstehe ich nicht, warum hier ein Blumenstand ist, zweitens nicht, warum ein Läufer Blumen kauft. Es gibt zwar Bekloppte, wie den Karl, aber der hat wenigstens während der 100 Meilen geheiratet.  Und Sebastian läuft doch nur den Halben! Er müsse sich entschuldigen, sagt Sebastian, nachdem er ewig lange gebraucht hat, das Geld aus seiner Gürteltasche zu kramen, dann fetzt er davon.

August der Starke hätte niemals  354 Chrysantemen gekauft! Meine Mutter sagt immer: Männer, die Blumen kaufen haben ein schlechtes Gewissen!

Nach links geht’s jetzt  in die Stübelallee und weiter zur Tiergartenstr. Ewig lange Strecke, aber grün. Wir kommen in den Großen Garten, 1676 für den Kurprinzen als Jagdgarten angelegt. Im Zentrum ist das Palais, das steht leer. Der Zoologische Garten wurde 1861 eröffnet. Der Carolasee mit Bootsverleih wird (von der Jugend) zum Knutschen genutzt.

Nordwestlich grenzt an den Großen Garten die Gläserne Manufaktur von Volkswagen, hier gibt es dringend benötigtes Iso. Cola gibt es ab der zweiten Runde, Bananen bekomme ich auch zuhause.

Zurück auf den Fetscherplatz, dann Km 16, Striesener Strasse, immer geradeaus auf die wunderbare Silouette von Dreden zu, die mit goldenen Tüpfelchen grüßt. Ich bin schnell, sehr schnell. Und dann sind wir unten am Terrassenufer. Von hier aus ist Dresden am schönsten. Die Sambaband, die Leichtigkeit des Laufens, alles superschön und dann macht es PENG!

Innerhalb von Zentelsekunden läuft mein gesamtes Leben vor meinen inneren Augen ab, zum Beispiel der Bericht von Klaus: „Absturz beim Ballermann“. Ich erwarte jetzt eigentlich 20 Krankenschwestern, die sich um mich kümmern. Stattdessen ganz großen Dank an die Halbmarathonmänner, die mich aufpflücken. Akku, Chip, Kamera und Knochen sortieren, Halbmarathonies sind also doch nützlich!

Eigentlich wäre mein Lauf hiermit beendet. Es sind noch 800 Meter, dann wäre ich im Halbmarathonziel und könnte meinen Knöchel verbinden lassen. Aber Brigitte sagt, einen Halbmarathon kann jeder!

Die zweite Runde ist nicht identisch mit der ersten. Die zweite ist besser, denn man läuft am Elbufer entlang und hat diesen weltbekannten Postkartenblick. Links, bevor wir die Augstusbrücke unterqueren, ist das Kahnaletto, die OpenAir Bar, die aussieht wie ein Segelschiff, die beste Lokation in Dresden für eine laue Sommernacht. Drüben die hell erleuchtete Semperoper, das Schloss, der Zwinger, in der linken Hand ein kaltes Radeberger, rechts was Warmes. Du bist König von Deutschland!

Klaus Jantz lacht pausenlos. Es gibt niemanden, der bei einem Marathon so viel lacht wie er. Die Laufgemeinschaft vom Laacher See ist die größte in Dresden. Er bedankt sich bei jedem Zuschauer für den Applaus, der aber ganz bestimmt nur mir gewidmet ist.

Nach der Waldschlösschenbrücke laufen wir einen Schlenker nach Blasewitz: Am Elbufer kommen uns die Schnelleren entgegen. Als uns die Ordner in die Goethestrasse einweisen, sind wir erst genervt, fallen dann aber vom Glauben ab, denn es gibt hier die schönsten Villen der Welt. Eines dieser Prachtdinger ist die Villa Weigang, Goethestr 55. 1894 vom Architekten Poscharsky gebaut, ein Jahr später mit 100 % Gewinn an den Kaufmann Weigang verkauft, heute das schönste Standesamt überhaupt. Nicht viel weiter, Vogesenweg 4, ist die Villa der Familie Poscharsky, dessen Vater der Hofgärtner des Prinzen von Sachsen war. Viele Villen sind jetzt Kindergärten, in einem tanzt man seinen Namen. Rechnen tut sich das nur, wenn man Joe heisst.

Als wir wieder ans Elbufer kommen (km 29) und stadteinwärts laufen, haben wir einen Panoramablick auf die drei Elbschlösser gegenüber am Elbhang, Stadtteil Loschwitz: Albrechtsberg, Lignerschloß (sein Besitzer erfand  „Odol“) und Schloß Eckberg (sein Besitzer erfand „Chlorodont“). Irgendein Raketen-Erfinder wohnte hier ebenfalls. Den entführten die Russen. 

Piepenbrock erfand zwar nicht den Dresden Marathon, ist aber neben der Zeitung „Morgenpost“ der Hauptsponsor mit einem eigenen Laufteam. Piepenbrock wurde 1913 als Fensterreinigungsfirma gegründet und ist jetzt im Gebäudemanagement tätig. Früher sagte man Hausmeister. Die Familienfirma engagiert sich mit seinem Label „Piepenbrock Goes Green“ für die Umwelt, im Sport und in einer Kulturstiftung. Ich danke!

Bei km 32 steht Volker mit einem dringend benötigtem Radeberger. Wir beide haben mehr Segelkilometer als Laufkilometer hinter uns. Kurzes, laufendes Gespräch, dann machen seine ehemaligen Marathonknie nicht mehr mit.

Es geht wieder rund um den Großen Garten und dann hinein zum Palais. Jetzt habe ich mehr Zeit, mir diesen Prachtbau von 1680 anzuschauen. Zwölf Kaiser und vier Kaiserinnen schmücken das „Lustschloß“. In den Nischen stehen Skulpturen, die das Urteil des Paris darstellen.

Griechische Mythologie: Paris muss entscheiden, welche der drei Göttinen schöner ist: Aphrodite, Athene oder Hera. Jeder hat schon mal das Bild von Botticelli (1485) gesehen. Hera verspricht Paris die Herrschaft über die Welt, Athene verspricht Weisheit, Aphrodite bietet Sex. Aphrodite hat gewonnen. Aber Paris musste noch Helena rauben und das war dann den Auslöser für den Trojanischen Krieg.

Als wir nach der langen Geraden  wieder aus dem Garten hinauslaufen, schaue ich rechts zum Wachhäuschen, wo jetzt eine Minigolfanlage ist. Links schaue ich sehnsüchtig zur  Torwirtschaft, die ein Dresdenbesucher niemals links liegen lassen sollte. Aber das Läuferfeld ist zu dünn geworden. Ich kann mir keinen Einkehrschwung leisten, auch wenn die Erinnerung sehnsüchtig schreit.

Der Rest der Strecke ist schnell erledigt. Ein Blick noch auf die Stelle meines blutigen Sturzes, dann hinauf zum Theaterplatz. Hier ist das „kleine italienische Dörfchen“, nur bestehend aus dem  Ristorante Belotto.  Von dort oben peitschen mich die Zuschauer zur Kurve und zum Erdinger Tor. Zwei Gruppen Chearleadermädchen wechseln sich seit heute morgen 9:30 Uhr ab. Ganz großen Dank an Euch, explizit aber auch an Werner Brombach, auf dessen alkfreies Bier viele Läufer abfahren.

Der Dresden Marathon ist nicht Berlin, Frankfurt oder Hamburg. Der Dresden Marathon ist stärker! Vielleicht war ja August noch stärker. Mir hat der Lauf verdammt gut gefallen.

 

Marathonsieger

 

Männer

1 Muleta, Neda (ETH)  02:14:59
2 Kipchumba, Vincent (KEN)  02:15:22
3 Kosgei, Edwin (KEN)  02:15:31

Frauen

1 Gladys, Kiprotich (KEN)  02:35:16
2 Kiprono, Prisca (KEN) 02:41:07
3 Otero, Gladys Kerubo (KEN)  02:52:08

1237 Finsher

12
 
 

Informationen: Dresden Marathon
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