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Wintertraining

31.03.05
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Mittwochmorgen. 06.00 Uhr. Gnadenlos plappert die Stimme aus dem Radiowecker auf mich herab, dringt in mein Bewusstsein und treibt mich immer weiter aus dem Traumland heraus. Zwischen Meldungen über Schröder und Moshammers Erben werde ich schlagartig wach. "Heute ist doch wieder ein besonderer Tag" fährt es durch mich.

 

Langsam schäle ich mich aus den warmen Decken und bringe die üblichen Verrichtungen eines aufdämmernden Tages hinter mich. Ein kurzer Blick aufs Thermometer offenbart, dass es draussen im Dunklen noch 4° Minus hat. Als die Sonne hinter dem Waldrand langsam zu erahnen ist, gehe ich mich umziehen und erscheine kurze Zeit später dick eingepackt wieder auf der Bildfläche. Von meiner Frau erhasche mir noch einen mitleidigen Abschiedskuss und mache mich auf den Weg zum eingefroren Twingo. Der kleine Knubbel ist um diese Tageszeit leider muffig und verweigert die Mitarbeit. Gut, wenn man oben am Berg wohnt.

 

Wenige Minuten später parke vorsichtshalber in einer Gefällstrecke, steige aus und ziehe mir das Unterteil der Sturmhaube über Mund und Nase. Tierisch kalt ist es hier direkt am Fluss. Jetzt nur nichts riskieren - Kälte hin oder her - erst wird gedehnt.

 

Kurze Zeit später wage ich langsam die ersten Trippelschritte und freue ich mich, das über der Sturmhaube noch meine gute alte grüne Pudelmütze mit dem langen Quast thront. Irritierte Blicke entgegenkommender Radfahrer treffen mich, vielleicht errege ich aber auch nur deren Mitleid?

 

Die ersten Kilometer liegen hinter mir, langsam laufen die Beine rund, die Muskeln haben sich eingespielt. Ich ziehe die Sturmhaube noch ein klein wenig höher. Mein Blick schweift hinüber zum Fluss, der die nächste Stunde mein Begleiter sein wird. Eisschollen treiben mir entgegen, das Ufer ist stellenweise weit zugefroren. Auf der anderen Flussseite überholt mich langsam ein hell erleuchteter Pendlerzug. Die meisten Fahrgäste hängen in verdrossener Haltung in ihren Sitzen herum. Kurze Zeit später kommt der dünne Geruch der Diesellok herüber geweht.

 

Ich laufe zwischen dem Fluss und dem fast ganz zugefrorenen Mühlenbach entlang, die Temperatur scheint noch weiter gesunken zu sein. Ich bin stolz auf mich weil ich daran gedacht habe, mir eine zweite Trainingshose über die Leggins zu streifen. Aus den Kopfhörern dringt Manu Chao´s „Me gustas tu“. Südamerikanische Musik hat etwas, das auch bei Minusgraden ankommt. Michael, mein Kollege, hat mir den Titel übersetzt, ich singe leise hinter meinem Mundschutz mit.

 

50 Meter über mir ziehen LKWs auf der A61 ihre Bahn. Ich werde etwas nervös. Bald kommt die erste Herausforderung. Passend dazu wechselt die Musik. “Call my name through the cream and I'll hear you scream again. Black hole sun…” Soundgarden hat´s drauf…. Bald bin ich dran zu zeigen, ob ich es auch drauf habe….ich erhöhe mein Tempo – und falle schlagartig zurück in meine vorherigen Trab - „Hang my head, drown my fear till you all just disappear“ Arghh. Noch mal! Durchhalten! So, das fühlt sich nach meinem gewohnten 10km-Tempo an. Das halte ich jetzt für einen Kilometer. Diese Schweinekälte, wie konnte ich nur so verrückt sein!

 

Überraschend schnell ist der Kilometer vorbei. Ich falle in Trab, schlängele mich in einer laut palavernden Schar Unterstufenschüler über die Brücke und bummle durch den Park flussabwärts zum nächsten Intervall. Herrlich, diese klare Luft. Direkt vor mir steigt die Sonne als rötliche Scheibe in die Höhe. Der Gedanke, beim nächsten mal eine Sonnenbrille mitzunehmen, lässt ein verspieltes Lächeln auf meinem Gesicht erscheinen. Ich ziehe den Schutz hinunter bis zum Mund und starte meine nächste schnelle Einheit. - Is this the real life? - Is this just fantasy? – Flussabwärts komme ich überraschend gut voran. Vielleicht sollte ich meine Tempoeinheiten alle so legen das es nur in Fließrichtung geht?

 

Ich schließe zu einem Grüppchen dick vermummter Berufsschüler auf, die mitten auf dem Weg durch den Park trödeln. Als ich zwischen sie gleite sind meine Schritte auf dem Schnee nicht zu hören. Erschreckte Rufe werden laut. Grinsend laufe ich weiter.

 

Gleich muss ich aufpassen. Die Fußgängerbrücke hat einen Holzbelag und ist glatt. Unter mir paddelt eine Ente träge gegen die Strömung und die langsam treibenden Eisschollen an. Lang- sam lässt mein Atem den Mundschutz feuchtwarm werden; die Luft wird schwer. Auf der Oberseite meiner Handschuhe haben sich Eiskristalle niedergelassen. Ich bin noch ewige zwei Minuten von der nächsten Trabpause entfernt. „First born unicorn - Hard core soft porn - Dream of Californication“ Laut dröhnend retten die Red Hot Chilli Peppers mich über die Strecke bis unter die A61.

 

Trabpause. Köstliche 3 Minuten bis zum nächsten Intervall. Ich streife die Sturmhaube hoch über die Nase und drücke die Pudelmütze tiefer über die Ohren. Eine auf dem einsamen Weg entgegenkommende Fußgängerin packt ihre Tasche fester und schielt misstrauisch zu mir hinüber. Während der nächsten beiden Intervalle gewöhnt sie sich langsam an meinen Anblick, bei unserer letzten Begegnung hat sie sogar ein leichtes Kopfnicken für mich. Scheinbar hat sie eingesehen, dass ich keine Gefahr für sie bedeute. Gefahr. Als ob ich noch jemandem gefährlich werden könnte. In meinem momentanen Zustand könnte ich ihr beim besten Willen kein Leid mehr zufügen. Die Kälte hat mir alle Kraft aus den Gliedern gesogen. Ich überlege mir, dass vier Tempointervalle doch eigentlich nicht viel weniger sind als die geplanten sechs. So viel mehr können doch diese lächerlichen beiden Mehrkilometer gar nicht bringen. Zänkisch argumentiere ich mit mir selbst herum.

 

Lustlos und erschöpft verbringe ich meine Pause. Währenddessen steigt von meinen Beinen ein leichter, deutlich sichtbarer Nebel auf.

 

Schon nach kurzer Zeit kommt mir jemand entgegen, beide Hände in den Taschen, dick vermummt, halb schlafend. Bereits auf 10 Meter Entfernung rieche ich, das der junge Mann Raucher ist. „Glückauf – Glückauf .... und er hat sein helles Licht bei der Nacht“. Grönemeyer begleitet mich mit seiner Reise durch Bochum; er hilft mir über den Fluss und zum letzten, wirklich allerletzten Intervall. Geil: Die Textpassage „..Puls aus Stahl..“ Mein eigener Puls dröhnt mir in den Ohren, als mich eine junge Frau auf dem Fahrrad überholt. Als sie vor mir die Spur wechselt, verschlägt es mir dem Atem. Sie muss eine wahrhafte Orgie mit allerbilligstem Parfüm veranstaltet haben und zieht eine Schleppe orientalischer Gerüche hinter sich her, dass es sogar die Enten auf dem Fluss zum Kentern bringen könnte.

 

Überhaupt sind meine Sinnesorgane zur Höchstleistung aufgelaufen. Mein Wahrnehmungsvermögen und meine Bewusstseinsspanne haben sich enorm vergrößert. Ich glaube, zwischen den Liedern das gelegentliche Knacken der Eisschollen auf dem Fluss zu hören. Jetzt sind es nur noch zwei Kilometerchen, die ich in langsamen Tempo hinter mich bringe. Ich fühle mich wohlig erschöpft. Gemeinsam mit einer großen Eisscholle treibe ich den Fluss entlang in Richtung meines Ziels. Ich betrachte die größer gewordenen Eiskristalle auf meinen Handschuhen, lausche neugierig was Wolfgang Niedecken in seinen Texten versteckt hat und fühle mich mit mir selbst im reinen.

 

Noch 10 Wochen bis zu meinem ersten Marathon in Düsseldorf.

 
 

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