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Schließlich ist ein Marathonläufer kein Weichei

31.01.10
Autor: Klaus Duwe

 „Was wir heute Schneechaos nennen, hieß früher Winter“, sagte kürzlich im Radio ein Hörer. Passend zum Thema hatte ich in diesen Tagen ein Telefonat mit einem Laufveranstalter. Sein Marathon ist im Frühjahr und zählt zu den Großen. Die Meldezahlen seien nicht so berauschend, klagte er. Ein Schuldiger war auch gleich gefunden: der Winter. Die Leute könnten nicht trainieren und würden deshalb mit ihrer Anmeldung  zurück halten.  

 
© marathon4you.de 20 Bilder

Ist das wirklich so? Kann man im Winter nicht laufen?  Ich konnte einmal fast ein ganzes Jahr nicht laufen. Nein, ich wohne nicht auf der Zugspitze. Ich war verletzt. Seit es wieder einigermaßen geht, laufe ich zwar nicht mehr so viel (vor allem nicht so viele Marathons), aber fast jeden Tag, 40 – 80 Minuten.  Das war es nämlich, was mir während meiner Verletzungszeit am meisten fehlte. Raus in die Natur, sich ein wenig anstrengen, Abstand gewinnen, Ausgleich schaffen, genießen. „Bist Du heute nicht gelaufen?“, fragt mich meine Frau, wenn ich einmal nicht gut drauf bin.

Donnerstagmorgen war wieder Schnee schippen angesagt. So viel wie dieses Jahr, habe ich lange nicht mehr geschippt. Und noch nie hat es mir so wenig ausgemacht. Meine Arbeitskleidung sind meine Laufklamotten und die Aufräumarbeit mein Aufwärmprogramm. Kaum habe ich Schaufel und Besen zur Seite gestellt, laufe ich los.

Auf der Straße nutze ich die Fahrspuren, wenig später bin ich in meinem Wald. So friedlich und so ruhig habe ich ihn noch nie wahrgenommen. Ich laufe die leicht ansteigende breite Forststraße hoch, komme auf den schmalen Verbindungspfad, der mich auf den Weg zum Alten Schloss bringt. Der Schnee liegt knöcheltief. Mehr als sonst und mehr als ich eigentlich will, muss ich meine Beine heben, damit ich nicht gleich nach 20 Minuten nasse Füße habe.  Das strengt an. Ich bin langsamer als sonst und habe trotzdem einen höheren Puls.

Wildschweine haben den Schnee aufgewühlt und nach Nahrung gesucht. Es hat erst vor einer halben Stunde aufgehört zu schneien, ich muss sie also knapp verpasst haben. Auch der Hase, der ein Stück den Weg entlang gerannt und dann im Wald verschwunden ist, hat eine deutliche Spur hinterlassen.

Hundert Dinge gehen mir durch den Kopf. Was ich demnächst noch alles machen will, wie es mit marathon4you weitergehen soll. Nirgendwo kann ich mir so frei Gedanken machen, wie draußen beim Laufen. Und heute ist es besonders schön. Es ist Winter, wie früher. Und laufen kann man immer  und überall. Wenn man gesund ist. Ich bin es.

Obwohl ich jeden Weg und jeden Baum hier kenne, muss ich aufpassen. Alles sieht anders aus. Tief verschneit erkenne ich meinen Wald kaum wieder. Ich nehme nicht die Abkürzung, wie ich es ursprünglich vor hatte, ich laufe wie immer am Jägerhüttle vorbei zum Alten Pfarrstall. Kein Spaziergänger, kein Walker und kein Läufer ist zu sehen, weder wahrhaftig noch seine Spuren.

Ungefähr einen Kilometer geht es ziemlich steil aufwärts. Ich laufe das sonst immer. Heute nicht. Ich bleibe einen Moment stehen, lasse die fremd wirkende Umgebung auf mich wirken und marschiere gemütlich den Berg hoch. Eine eigenartige Spur quert den Weg. Die Abdrücke sind nicht neben, sondern hinter einander. Sie müssen von einem Fuchs stammen. Vor ewigen Zeiten habe ich einmal gelernt, dass der Fuchs im schnellen Lauf „schnürt“. Er setzt die Pfoten so, dass die linke Hinterpfote in den Abdruck der rechten Vorderpfote tritt und umgekehrt. Noch nie habe ich hier eines dieser scheuen Tiere gesehen, jetzt weiß ich, dass es sie gibt.

Es fängt wieder an zu schneien. Ich dann das sehen, spüren und hören. Ja, ich höre in der Stille wie es schneit. Jedes Flöckchen auf die trockenen Blätter der Buchen- und Brombeersträucher erzeugt ein Geräusch.

Die Zeit vergeht wie im Flug. Ohne Schnee laufe ich die Strecke in gut einer Stunde. Heute bin ich 70 Minuten unterwegs.  Meine Beine fühlen sich aber wie nach einem 2 Stunden-Lauf an und mein Gemütszustand ist wie nach einem Marathon. Ich bin einfach happy.

 
Laufen im Winter: Rodgau 2010
© marathon4you.de 60 Bilder

Gestern, beim Ultramarathon in Rodgau. Nein, ich bin nicht gelaufen. Ich habe eine gute Ausrede. Joe wollte unbedingt laufen, ich habe ihm meinen Startplatz gegeben. Ich sehe zu und fotografiere. 654  Läuferinnen und Läufer sind am Start, 410 laufen 50 km, trotz schwerster Bedingungen. Auf dem Weg zur Halle unterhalte ich mich mit Thomas Dehaut. 2008 und 2009 hat er den 50er gewonnen, diesmal wird er Dritter.  Zu wenig Training? Thomas kommt aus der Pfalz, die in diesen Tagen ein wahres Wintersportparadies ist und will davon überhaupt nichts wissen. Im Gegenteil. Das Training auf Schnee sei geradezu ideal meint er und bei mir läuten alle Glocken. Hört mal her:

„Im Schnee musst Du die Füße lüpfen, sonst werden sie nass und kalt. Das ist zusätzliches Krafttraining und Laufschule.“

„Der anspruchsvolle Untergrund trainiert Sehnen und Muskeln, die auf der Bahn und auf Asphalt meist vernachlässigt werden. Natürlich hat man davon schon mal Muskelkater. Ein gutes Zeichen.“

„Laufen unter widrigen Bedingungen macht dich mental stärker. Das gibt Härte. Ohne Härte kannst du nicht gewinnen, noch nicht einmal finishen.“

Danke Thomas.

„Ja, aber ich habe einmal gelesen, dass Sport in der Kälte nicht gesund ist.“ Auch denen, die solchem Glauben anhängen, kann geholfen werden.

Als Grenzwert für sportliche Betätigung werden häufig 15 bis 19 Grad Minus genannt. Obwohl dies wissenschaftlich nicht erwiesen ist, kann man es als Empfehlung gelten lassen, meinen Privatdozent Dr. Matthias Krüll, Lungenfacharzt und Mitglied des Medical Boards von SCC Running und Dr. Lars Brechtel, leitender Arzt des Berlin Marathon, in einer kürzlich veröffentlichten Mitteilung.

Vorsicht sei allerdings für Sportler geboten, die unter einer "Kälteallergie" oder unter Asthma bronchiae leiden. Für sie können bereits 5 Grad Minus zu Beschwerden führen. Für gesunde Läuferinnen und Läufer bestehe im Winter keine Veranlassung zur Zurückhaltung. „Unsere Atemorgane seien darauf ausgelegt, auch bei kalten Temperaturen keinen Schaden zu nehmen. Die kalte eingeatmete Luft wird auf dem Weg in die Lunge bereits im Mundinnenraum und in den Bronchien soweit aufgewärmt, dass die Lungenfunktion hierbei in der Regel nicht negativ beeinträchtigt wird“, heißt es in der Mitteilung.

 
Laufen im Winter: Leipzig 2010
© marathon4you.de 48 Bilder

Desweiteren gibt das SCC-Running-Board Läufern folgende Empfehlungen:

1. Um eine Erkältung zu vermeiden, sollten Läufer auf längere Pausen in der Kälte verzichten

2. Mütze und Handschuhe sowie spezielle Winterlaufsocken.  Alle Körperteile in der Peripherie des Rumpfes, Ohren, Nase, Jochbein, Zehen sind besonders kälteempfindlich und können bis zu 5 Grad an Temperatur verlieren

3. Angemessene atmungsaktive und wärmende Kleidung. Zudem sollte darauf geachtet werden, dass bei Anwendung der „Zwiebelmethode – mehrere Lagen von Kleidungsstücken“ die letzte Schicht die Funktion eines „Windbreakers“ übernimmt.

4. Entsprechend Schuhwerk wählen. Von speziellen Spike-Überziehern auf den bestehenden Laufschuh, bis hin zu speziellen Trail-Schuhen mit Spikes für das Wintertraining, die selbst bei Eis noch einen relativ guten Halt geben. Vorsicht beim Laufen auf glatten Untergründen. Fehlt die Haftung, so entstehen vermehrt Achillessehnenreizungen, bedingt durch den „schwimmenden Fußaufsatz und Abdruck“;

5. Wer beim Atmen bei kalten Temperaturen Schmerzen im Brustraum verspürt oder gar Luftnot bekommt, weil er möglicherweise ein überempfindliches Bronchialsystem, oder gar ein Asthma hat, der sollte versuchen, durch die Nase zu Atmen, oder die sogenannte "Lippenbremse" einsetzen. Auf alle Fälle ist in diesen Fällen aber eine Untersuchung durch einen Lungenfacharzt nötig.

6. An ausreichend Flüssigkeitsaufnahme denken: Wenn es kalt ist, verspürt man weniger Durst. Doch bei Kälte ist die Luftfeuchtigkeit besonders niedrig, so dass der Körper bei jeden Ausatmen durch Verdunstung wichtige Flüssigkeit verliert.

So, jetzt aber raus zum Laufen, denn ein Marathoni ist kein Weichei. Und schließlich wollt Ihr Euren Enkeln ja mal erzählen, wie früher der Winter war. 

 
 

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