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Schlachtfeld Marathon

08.03.05
Quelle: Alexia Angelopoulou

 
© marathon4you.de

Eine Legende wird am Laufen gehalten

 

Er soll als Königsdisziplin am letzten Tag der Olympischen Spiele stattfinden und ist aus den Veranstaltungskalendern vieler Großstädte nicht mehr wegzudenken: der Marathon. Doch seine Geschichte ist so verworren, dass man ihn eigentlich in Schlangenlinien laufen müsste - oder womöglich gar nicht.

 

Das Massenspektakel in seiner heutigen Form ähnelt dem rot bemützten Weihnachtsmann von Coca-Cola: Es basiert auf einer Legende, wenn auch naturgemäß einer sehr ausdauernden, die die Menschheit am Laufen hält.

 

Die weit verbreitete Fassung geht so: Die Griechen schlugen die Perser in der Schlacht bei Marathon im September vor genau 2494 Jahren. Der siegreiche Feldherr Miltiades schickte nach dem Kampf einen Läufer nach Athen, die frohe Kunde zu vermelden. Dieser Läufer namens Pheidippides rannte und rannte, er rannte in voller Kriegsmontur, er lief zunächst entlang des flachen Küstenstreifens durch Pinienwälder mit Blick aufs Meer, dann über die Hügel und Bergkuppen der Halbinsel Attika. Am Schluss ging es noch ein Stück bergab, und als Pheidippides auf dem Marktplatz in Athen ankam, rief er: "Nenikekamen!" (Wir haben gesiegt!), schnaufte noch einmal und brach zusammen. Der arme Pheidippides war tot.

 

Er rief "Wir haben gesiegt!" oder "Freut euch, wir haben gesiegt!", vielleicht auch "Wir sind Sieger!" oder schlicht "Sieg!". Pheidippides-Fans sind sich nicht einig über die letzten Worte des ersten Marathonläufers der Welt. Vermutlich rief er sogar: "Miltiades hat den Persern eins auf den Deckel gegeben, und sie sind wieder abgezogen!", was ihn die letzte Puste kostete. In jedem Fall aber wäre er ein prima Held und Märtyrer gewesen, dieser Pheidippides, und passte deshalb genau in das Bild, das fünf Jahrhunderte später von der Schlacht bei Marathon gezeichnet werden sollte.

 

Denn da, um 46 n. Chr., kam der griechische Philosoph und Historiker Plutarch ins Spiel. Er beschrieb nicht nur die sittliche Lebensführung bedeutender Griechen und Römer, etwa Alexanders und Cäsars, er versuchte sich auch an der Darstellung der ruhmreichen Schlacht gegen die Perser. Mangels Tatsachenberichten und Zeitzeugen erfand er den Läufer Eucles, auch bekannt als Pheidippides oder Philippides, zudem bekannt als Diomedon, der Legende nach der Marathonläufer. Verwirrt ob der Namen des ersten Marathonläufers der Welt? Augen zu und durch, es sind nur noch wenige Kilometer Historie bis zum Ziel. Viele Legenden haben ja einen wahren Kern, und Historiker verbürgen sich trotz der Wirrnisse für gewisse Fakten, was Schlacht, Sieg und Lauf betrifft.


Also noch mal von vorn: Die Griechen schlugen die Perser in der Schlacht bei Marathon im September vor genau 2493 Jahren. Bereits mehrfach hatte Perserkönig Dareios die Spartaner und Athener aufgefordert, sich zu unterwerfen. Die aber wollten davon nichts wissen, und so sandte Dareios 10000 Mann über das Meer, die in der Ebene von Marathon landeten. All das ist überliefert von einem, dem die Forscher heute noch hohe Glaubwürdigkeit attestieren: Herodot, dem "Vater der Geschichtsschreibung". Er wurde um 490 v. Chr. geboren, also just zu der Zeit, als bei Marathon die Schlacht tobte, und er beschrieb diese Schlacht eindrücklich in seinem Geschichtsbuch Nummer sechs.

 

Dort kommt auch Pheidippides vor, allerdings ist die Strecke, die er da zurücklegt, eine andere. Herodot zufolge baten die Athener vor der Schlacht die Spartaner um Hilfe und sandten zu diesem Zweck Pheidippides, "der den Beruf des Schnellläufers ausübte", wie Herodot erklärt. Der Berufssprinter rannte also los und legte in zwei Tagen eine Strecke von rund 250 Kilometern zurück. Auf dem Weg begegnete er dem Hirtengott Pan, schreibt Herodot, doch angesichts dieses Details überkommen selbst den Chronisten Zweifel: "Damals wurde dieser Pheidippides von den Feldherren abgeschickt, wobei also auch, wie er behauptete, Pan erschienen sei, und er gelangte am zweiten Tag von der Stadt der Athener in Sparta an."

 

Dort angekommen brach er nicht etwa zusammen; vielmehr hatte er genug Luft, den Spartanern Folgendes zu sagen: "Lakedaimonier! Die Athener bitten euch, ihnen zu helfen und es nicht ge- schehen zu lassen, dass die älteste Stadt unter den Hellenen in die Knechtschaft barbarischer Männer fällt." Pech für die Athener, dass die Spartaner aus religiösen (manche sagen, aus taktischen) Gründen den Vollmond abwarten wollten, bevor sie auszogen, die Perser das Fürchten zu lehren. Das besorgten die Athener stattdessen allein und besiegten die zahlen- mäßig überlegenen Angreifer, weil sie selbst besser ausgebildet waren und wohl auch schlauer vorgingen. Der Grabhügel der gefallenen Kämpfer ist noch heute in der Marathon-Ebene zu bestaunen. "In dieser Schlacht bei Marathon fielen von den Barbaren gegen 6400 Mann, von den Athenern 142", verkündet Herodot. Den Läufer Pheidippides erwähnt er von nun an mit keinem Wort mehr.

 

Trockene Bilanz des Journalisten Dieter Eckart: "Der antike Marathonläufer ist ein rundum tragischer Held: Er hieß nicht nur nicht Pheidippides, er ist nicht nur nicht von Marathon nach Athen gelaufen, er ist dort nicht nur nicht tot zusammengebrochen, es hat ihn nicht einmal gegeben." Dafür widmet das "Lexikon der populären Irrtümer" dem tragischen Helden einen Eintrag, und hunderttausende Menschen versuchen Jahr für Jahr und überall auf der Welt, es hm gleichzutun - sein dramatisches Ende einmal ausgenommen.

 

Und wo sie nun schon einem Helden hinterherlaufen, der in dieser Form nie existiert hat, macht es auch weiter nichts, dass die klassische Marathonstrecke mit der Länge von 42,195 Kilometern gar nicht korrekt ist. Der Weg vom Schlachtfeld bei Marathon bis zum Marktplatz des antiken Athen misst nachweislich weniger als 40 Kilometer, daher waren die ersten Marathonstrecken 39 Kilometer lang. Nachdem der Wettlauf 1896 bei den ersten Olympischen Spielen der Neuzeit ins Programm gehoben worden war, brach man die 39-Kilometer-Regel bei den Spielen 1908 in London und verlängerte die Strecke: Die Royals wollten vom Balkon des Schlosses Windsor aus den Start des Rennens erleben.


Und so brachte die Disziplin über 42,195 Kilometer während der vergangenen 107 Jahre eine Menge tragischer und glorreicher Helden hervor, die Pheidippides in nichts nachstehen. Etwa den ersten Sieger des ersten olympischen Marathons, den Griechen Spiridon Louis. Gegen 24 weitere Teilnehmer trat er bei Olympia 1896 an, nach zwei Stunden, 58 Minuten und 50 Sekunden erreichte er das Kallimarmaron-Stadion in Athen und wurde von mehr als 100000 jubelnden Zuschauern erwartet - keinen Wettkampf wollten die Gastgeber der Spiele so sehr gewinnen wie den Marathon. Spiridon Louis wünschte sich als Siegesprämie einen Karren und ein Pferd, denn neben seinem Hauptberuf als Schafhirte arbeitete er in Athen als Wasserschlepper (nicht etwa als Postbote, wie bisweilen angenommen wird).

 

Unvergessen sind auch Helden wie der tschechoslowakische Leichtathlet Emil Zatopek, die "tschechische Lokomotive". In Helsinki gewann er 1952 den 5000- und den 10000-Meter-Lauf, startete anschließend zum ersten Marathonlauf seines Lebens - und gewann. Der Äthiopier Abebe Bikila siegte 1960 mit Weltrekordzeit in Rom - barfuß. Vier Jahre später wiederholte er seinen Sieg in Tokio - beschuht.

 

Das bitterste Marathon-Schicksal nach Pheidippides ereilte den Italiener Dorando Pietri. Noch 355 Meter waren es bis zum Ziel, als Pietri 1908 in London nach zwei Stunden und 45 Minuten als Erster ins Wembley-Stadion einlief. Doch für die letzte Runde brauchte er 9:46 Minuten - fünfmal brach er zusammen, blieb liegen, rappelte sich aber wieder auf. Als er kurz vor der Ziellinie stürzte, kamen ihm einige Leute zu Hilfe. Sie stützten Pietri durchs Ziel, wo er auf Grund der unerlaubten Hilfeleistung disqualifiziert wurde. Hätte das feine britische Königshaus nicht für die Verlängerung der Strecke gesorgt, Dorando Pietri hätte womöglich gesiegt. Und wäre Pheidippides wirklich von Marathon nach Athen gelaufen - wer weiß, was er bei seiner Ankunft gerufen hätte.

 
 

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