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Wolfgang Schwabe: 10 Jahre Leukämie

25.01.06
Quelle: Klaus Duwe

marathon4you sprach mit Wolfgang Schwabe

 

Wolfgang Schwabe ist ein Phänomen. Nicht nur, dass er Marathons sammelt wie andere Briefmarken oder Bierdeckel, er macht dies, obwohl er Leukämie hat und nach der ersten Prognose der Ärzte längst tot sein sollte. Stattdessen feiert Wolfgang jetzt Jubiläum: 10 Jahre Leukämie. „Jawohl, ich sehe darin einen Anlass zum Feiern“, sagt er mir in einem Gespräch. „Im Dezember 1995 wurde bei mir Leukämie (CML) diagnostiziert, eine chronische Art, die in akute Leukämie übergehen kann. Wenn das passiert, ist das meistens tödlich“.

 

 
So kennt man Wolfgang Schwabe
© marathon4you.de

„Mit dieser Diagnose war an Laufen nicht mehr zu denken“, erzählt Wolfgang weiter. „23 Mal war ich bis dahin Marathon oder mehr gelaufen. Ich war ganz gut unterwegs, 6 Mal insgesamt war ich unter 3 Stunden geblieben, meine Bestzeit betrug 2:51 Stunden.“

 

Viel schlimmer als der Schlussstrich unter die Läuferkarriere war allerdings die Prognose, dass der damals 41-Jährige nur noch 4 Jahre zu leben hätte. Trotzdem nahm Wolfgang mit dem engagierten Ärzteteam der MHH Hannover den Kampf gegen die Krankheit auf. Eine Eigenstammzelltherapie sollte helfen.

 

„Nach einer ersten Chemotherapie wurden mir die Stammzellen entnommen. Bei der zweiten, hoch dosierten Chemo zwei Monate später verlor ich dann meine Haare. Während der nächsten sechs Wochen in der Klinik bekam ich dann auch meine zuvor tief gefrorenen und jetzt frisch aufbereiteten Stammzellen wieder“, erzählt Wolfgang ganz gelassen und ich kann nur erahnen, welchen Belastungen er zu jener Zeit ausgesetzt gewesen sein muss. 

 

Das Wunder geschah. Nach kurzer Zeit besserten sich die Blutwerte und Wolfgang konnte 1996 die Klinik verlassen. Dreimal wöchentlich spritzte er sich Interferon und obwohl er sehr geschwächt war, kramte er seine Laufschuhe hervor. Allerdings war an schnelles Laufen mit den Blutwerten nicht zu denken. Aber langsames Traben war ihm möglich und er nahm dies als Geschenk dankbar an.

 

Natürlich dauerte es nicht lange, und dem ehrgeizigen Ex-Marathonläufer eröffneten sich durch  fleißiges Training neue Möglichkeiten. Nach einem halben Jahr absolvierte er einen 10 km-Volkslauf in 52 Minuten. Die Haare waren nachgewachsen und Wolfgang voller Lebensfreude und Tatendrang. Noch im gleichen Jahr lief er den ersten Halbmarathon in seinem „neuen Leben“ in sage und schreibe 1:44:49 Stunden.

 

Dann das Jahr 1998. Wieder testet sich Wolfgang bei einem 10er und einem „Halben“. Dann wollte er mehr. Der 30 km-Lauf in Dassel im Solling stand auf der Terminliste. „2:01 Stunden war ich dort einmal gelaufen“, erzählt er. „Daran war natürlich nicht zu denken. Aber die 2:48 Stunden gaben mir dann mächtig Auftrieb.“

 

Jetzt wusste Wolfgang, dass da noch mehr drin war. Unermüdlich drehte er seine Runden. In Hasede, einem kleinen Ort in der Nähe seiner Wohnung, wollte er seinen ersten Marathon mit der Krankheit laufen. Es lief gut und er konnte es kaum abwarten. Schließlich verlegte er sein Comeback und trat bereits eine Woche eher als geplant zum Marathon in Gettorf (Schleswig-Holstein) an. Das zweite Wunder aus Sicht des Wolfgang Schwabe geschah: „Mit dicken Tränen in den Augen lief ich nach 4:23 Stunden ins Ziel. Jetzt endlich hatte mich das Leben wieder.“ 

 

 
Wolfgang mit Dieter Baumann in Bremerhaven 2005
© marathon4you.de

Damit nicht genug. Eine Woche später lief er trotzdem in Hasede, schaffte großartige 4:05 Stunden und war restlos glücklich. Im zweiten Halbjahr 1998 finishte er bei weiteren 9 Marathonläufen. Die monatlichen Blutuntersuchungen ergaben gute Werte und die Ergebnisse der jährlichen Knochenmarksentnahmen verbesserten sich von Mal zu Mal. „Offensichtlich  erfüllte ich mit dem Laufen genau die Erfordernisse für die Krebstherapie von Manfred v. Ardenne , die ganz einfach gesagt auf thermische Überhitzung von innen als begleitendes Mittel zur Krebsbekämpfung setzt“, mutmaßt Wolfgang und setzt sich neue sportliche Ziele.

 

„1999, als die vier Jahre vorbei waren, die man mir noch zu leben gab, trat ich als Anwärter in den 100 Marathon Club ein. Ich wollte die 100 schaffen.“ Entschlossenheit liegt in den Worten, als Wolfgang das erzählt. Nach der Diagnose damals wollte er nur eins: das Jahr 2000 erleben. Jetzt war er sogar wieder am Laufen. Und wie: 15 Marathons und 1 Ultra 1999, 18 Marathons und 1 Ultra 2000 und im Jahr darauf 20 Marathons und 2 Ultras.

 

Dann 2002, die Blutwerte hatten sich nicht weiter verschlechtert, das dritte Wunder: im Mai lief er in Hannover mit der Startnummer 100 seinen 100. Marathon. Er war aktives Mitglied im Club der 100er. Alle Läufer wissen es, wer so am Laufen ist, ist nicht aufzuhalten. Und Wolfgang schon gar nicht. Mit dem Zieleinlauf nach 13.38 Stunden beim 100 km-Lauf in Biel erfüllte sich Wolfgang noch im gleichen Jahr einen weiteren Traum.

 

 
Wolfgang in Lauterbrunnen beim Jungfrau Marathon 2005
© marathon4you.de 3 Bilder

Im Oktober  2004 konnte Wolfgang endlich mit den Spritzen aufhören und auf ein neues Medikament in Tablettenform (Glivec) umsteigen. Ein echter Fortschritt und eine erhebliche Erleichterung für ihn, der eigentlich nach seinem 100. Marathon kürzer treten wollte. Wer kann das schon freiwillig? Wolfgang, dem ein zweites Leben geschenkt wurde, eines, das viel besser war, als er es sich jemals vorstellen konnte, jedenfalls nicht. Jahr für Jahr kommt er auf seine 20 – 25 Marathons.

 

„Jeder Lauf hat seine Geschichte, ich lerne Land und Leute kennen. Es ist wohl auch eine Sucht geworden, im positiven Sinne“, erzählt Wolfgang weiter. „Viele Läufe bleiben in ganz besonderer Erinnerung. Mein 150ster in Vancouver zum Beispiel, der Marathon durchs Wattenmeer in Dänemark, die in Madrid und Barcelona, Wien und Prag. Nicht zu vergessen meine Favoriten in Italien: Mailand, Rom, Livorno und Pisa“.

 

Bis Ende letzten Jahres hat Wolfgang 187 gefinshte Marathons und Ultras in seiner Liste. Schon sucht er sich einen würdigen Startplatz für seinen 200. aus.

 

Zum Abschluss will Wolfgang unbedingt noch etwas loswerden: „Ich möchte allen danken, die mir geholfen haben in den ganzen Jahren. Vor allem meiner Freundin Kerstin, meinen Arbeitskollegen, meinem Hausarzt und den Ärzten in der MHH Hannover. Und meinem Laufkumpel Heiner, der mich zu vielen Läufen mitgenommen hat und mir auch ab und zu beim Zieleinlauf den Vortritt lässt. Und ich möchte Mut machen. Im Sport sind es oft kleine Verletzungen, die uns zurückwerfen und entmutigen und unseren Geduldsfaden zum Reißen bringen. Im Beruf  und in der Familie machen wir aus Schwierigkeiten schier unlösbare Probleme, und Existenzängste rauben uns die letzte Lebensqualität. Ich habe mich mit meiner Krankheit arrangiert, freue mich am Leben und bin dankbar für jeden Tag, dessen Morgen ich erlebe“.

 
 

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