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Laufberichte

Einfach Kult – der New York Marathon 2010

07.11.10

Erst am Südostende des Parks verlassen wir bei km 40,5 das herrliche Grün und stoßen auf die im Schatten der Wolkenkratzer verlaufende Central Park South. Vor dem Plaza Hotel erwartet uns einmal mehr eine unübersehbare Menschenmenge. Vom Klatschen und den Anfeuerungsrufen der mehrreihig die Central Park South säumenden Zuschauer motiviert halte ich mein Tempo und lasse mich weiter bis zum Columbus Circle am südwestlichen Parkende antreiben. Ein letztes Mal zweigt hier unser Kurs ab, wie in den Park hinein, und endlich können wir auf dem letzten halben Kilometer hinein zum Endspurt ansetzen. Selbst dieses letzte Stück hält noch kleine Anstiege bereit, aber wer es so weit geschafft hat, den stört das jetzt nicht mehr. Von den vor dem Ziel aufgebauten Tribünen empfängt uns das Klatschen zahlloser Hände, zahllose Flaggen säumen den Einlauf, die Stimme des Zielmoderators kommt näher. Und dann ist er da: Der große blaue Zielbogen.

 

Im Ziel

 

Wie immer geht dann alles ganz schnell, eigentlich viel zu schnell. Sekunden später befinde auch ich mich hinter dem Zielbogen, als 3.697er von 44.829 Zieleinläufern in diesem Jahr, wie mir später die Statistik verraten wird. Wieder einmal ist ein neuer Finisher-Weltrekord aufgestellt.

Dass von den Gestarteten fasst jeder das Ziel erreicht, liegt zweifelsohne an der besonders großzügigen Sollzeit von acht Stunden, die auch einem Fußlahmen die Chance gibt, sich einmal als Marathonfinisher zu fühlen. Erst später erfahre ich, dass der Sieger in diesem Jahr zwar ein Äthiopier ist, aber nicht der favorisierte Haile Gebrselassie, der bei Meile 16 verletzungsbedingt ausstieg und daraufhin seinen Rücktritt erklärte, sondern der noch weitgehend unbekannte Gebre Gebrmariam, der mit 2:08:14  immerhin die fünftbeste in New York je gelaufene Zeit erzielte. Aber im Moment des Zieleinlaufs interessiert das wohl die Wenigsten und auch mich nicht. Trotz aller Erschöpfung lodert in mir immer noch die Begeisterung über das Erlebte und die Freude, dass ich gerade diesen Marathon zu solchen Traumbedingungen wie heute laufen konnte.       

Der Marathon ist für die Einlaufenden letztlich aber noch nicht wirklich zu Ende. Freundlich, aber bestimmt werden wir angewiesen weiterzugehen und dürfen dabei die perfekte Organisation der Zielmaschinerie kennen lernen. Erst bekommen wir die Medaille umgehängt und werden einzeln zum Fotoshooting vor eine blaue Wand gebeten, dann wird uns ein Beutel mit Essen und Getränken in die Hand gedrückt sowie eine Wärmefolie umgehängt. Sodann werden wir auf die Wanderschaft geschickt. Das Wanderziel heißt: Gepäckausgabewagen. Die 63 UPS-LKWs, die das Gepäck verwahren, sind der Reihe nach entlang der durch den Park führenden Straße geparkt, jeweils in Kolonnen von mehreren Fahrzeugen. Die höchsten Startnummern kommen zuerst dran, aber von denen ist noch niemand da. Für mich bedeutet dies: ich muss erst einmal an 53 Fahrzeugen vorbei ziehen, ehe ich mich in eine längere Abholerschlange einreihen darf. Für so manchen ist diese Zusatzbelastung zu viel. Aber Sanitäter sind sofort zur Stelle, um den Hilfebedürftigen beizustehen.

Richtig zur Ruhe kommen wir eigentlich erst außerhalb des Parks, auf der an dessen Westseite entlang führenden Central Park West. Diese ist gleichfalls für den Verkehr gesperrt. Erst hier kann man sich endlich so viel Zeit für das Nichtstun nehmen, wie man will und braucht.

Ganz zu Ende ist das Marathon-Event damit noch nicht. Für den Abend sind wir zur Post-Race Party im “Pasha” geladen, einem Nachtclub in Midtown Manhattan. Aber offen gesagt: Das ist das Einzige, worauf man wohl getrost verzichten kann - da sollte man sich doch besser z.B. mit einer Dinner Cruise rund um Manhattan belohnen.    

Ich muss zugeben: Ich bin mit gewisser Skepsis zum NYM gereist. Diese Massen, dazu einige Höhenmeter und eine Strecke, die den Fernsehbildern nach nicht so richtig prickelnd wirkte. Wer erwartet, beim NYM eine Sightseeing-Tour entlang der architektonischen Attraktionen New Yorks erleben zu dürfen, der wird insoweit möglicherweise etwas enttäuscht sein. Was ich mir vorher aber nicht vorstellen konnte, ist die andere, die entscheidende und einzigartige Seite dieses Laufs: diese Emotion, diese Begeisterung auf und an der Strecke. Da kann dem NYM einfach kein anderer Marathon das Wasser reichen. Sie machen den NYM zu einem unvergleichlichen Erlebnis, zu einem Marathon, den man - und wenn es nur dieser eine ist - erlebt haben muss. Und ich kann nun sehr gut verstehen, dass der NYM für viele einfach nur eines ist: Kult.

 
 

Informationen: New York City Marathon
Veranstalter-WebsiteOnlinewetterGoogle/Routenplaner

 

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