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Laufberichte

ABGESAGT: ERINNERST DU DICH? (79)

 
Autor: Klaus Duwe

Hätte der Bürgermeister von New York verkündet, der Marathon werde 2020 in seiner Stadt trotz Corona stattfinden, hätte man ihn ausgelacht, aber nicht geglaubt. 2012, als Hurrycan Sandy die Stadt verwüstete, lud er höchstpersönlich die Läuferinnen und Läufer aus aller Welt dazu ein, nach New York zu kommen. Der Marathon werde ganz bestimmt stattfinden.

Aber lest selber

 

 

 

Ein Marathon zum Geburtstag

 

Wenn das nächste Mal der New York City Marathon auf meinen Geburtstag fällt, bin ich dabei. Das war mein Gedanke, als ich zum mindestens hundertsten Mal gefragt wurde, ob ich den schon gelaufen bin. Jetzt ist mein Geburtstag, ich bin hier und der Marathon findet nicht statt.

Samstag, Stadtbesichtigung und Manhattan Cruise. Der Reiseführer kommt mit Stirnlampe. „Sorry, ich habe sie vergessen abzunehmen. Ich wohne in New Jersey, das sind 55 km von hier. Ich habe kein Licht und keine Heizung. Mein Hund wärmt mich in der Nacht“, erzählt er. Eindrucksvoller hätte er die Situation, in der sich Hunderttausende in der Stadt befinden, nicht schildern können. Keine Läuferin und kein Läufer, der da nicht mitfühlt.

Ärgern tut sich über die Absage, an der vor allem der Zeitpunkt auf Unverständnis stößt, sowieso niemand mehr. Lieber denkt man jetzt darüber nach, wie man am Sonntag seine antrainierte Kraft und Energie wieder los wird. Die Gutmenschen in der Heimat haben eine Idee: Die Läufer sollten doch beim Aufräumen helfen. Wie stellt man sich das vor? Rein in den Baumarkt, Schaufel kaufen - und dann? Leute, Ihr überschätzt die Amis. Die haben gerade den größten Marathon der Welt in den Sand gesetzt. Wie sollen die denn so was organisieren?

 

 

Da regt sich eine bestimmte regionale Presse über zwei Generatoren auf, die statt den Sturmgeschädigten dem Marathon zur Verfügung stehen. Gleichzeitig verpulvert die Partei, der die Kampagne nützen soll, jeden Tag Millionen Dollars im Wahlkampf.

Als „Normalo“ tut man sich ja leicht, seine Meinung zu sagen, zu stänkern oder zu provozieren und im Internet ist schnell was hinaus posaunt. Als „Promi“ hat man es da schwerer. Sabrina Mockenhaupt bekommt mächtig Prügel, als sie sich erlaubt, etwas verschnupft darauf hinzuweisen, dass monatelange Vorbereitungen für die Katz seien. Ihre Kritiker vergaßen zu erwähnen, auf was sie selber zu Gunsten der  bedauernswerten „Sandy“-Opfer verzichten.

Nein, was jetzt zu tun ist, müssen wir selber wissen und wir müssen es selber umsetzen. InterAir-Chef Achim Wricke kommt von einem Treffen der Reiseveranstalter. Fast alle laden ihre Teilnehmer am Sonntag zu einem „Lauftreff“ in den Central Park ein, der zum Glück seit Samstag wieder offen ist. In Internetforen werden die einheimischen Läuferinnen und Läufer aufgerufen, ebenfalls in den Central Park zu kommen.

Eine offizielle Veranstaltung ist das natürlich nicht, aber vielleicht ein historischer Moment. Noch nie in seiner Geschichte ist der New York Marathon ausgefallen, auch nicht nach 9/11, wo der Lauf durch die fünf Stadtteile noch Symbol war für die Unbeugsamkeit der Stadt.

Fred Lebow organisierte 1970 den ersten Marathon in New York. Bis 1975 führte die Strecke ausschließlich durch den Central Park und war viermal zu durchlaufen. Und 2007 fanden am Vortag des New York City Marathon das Ausscheidungsrennen für Olympischen Spiele 2008 statt. Wir sind mit unserem „Deplacement Marathon“ also in allerbester Gesellschaft.

 

 

Fast alle Hotels der InterAir-Reisegruppe liegen so genial, dass man in 20 Minuten zu Fuß am Central Park ist und im Normalfall nach dem Marathon auch ohne öffentliche Verkehrsmittel zurück kommt. Wir sind mit die Ersten, die am Columbus Circle eintreffen. Es ist kalt, aber der Himmel ist wolkenlos. Gedanken, wie schön es gewesen wäre, kommen unweigerlich auf.

Das ganze interAir-Reiseteam ist im Einsatz, entweder als Pacemaker oder als Aufpasser bei unserem Gepäck, denn jeder hat natürlich Ersatzklamotten und seine eigene Verpflegung dabei.

Genau genommen sind zwei Marathons ausgefallen. Denn ursprünglich hatte die Reisegruppe des LT Hemsbach am Donnerstag den ersten LT Hemsbach Central Park Marathon geplant, der auf dem Vereinsportal sogar offiziell ausgeschrieben war. Von einem Läufer weiß ich definitiv, dass er alleine wegen dieses Marathons nach New York kommen und sich den offiziellen Marathon wieder zuhause im Fernsehen ansehen wollte. Wolfgang hat sich sogar diesen zusätzlichen Marathon als seinen 100. ausgewählt. Der NYC-Marathon wäre sein 101. gewesen. Er ist der Glücklichste unter allen Läufern im Central Park. Denn sein Jubiläums-Marathon findet nun doch statt. Nachdem die meisten Vereinskameraden zwangsweise zuhause geblieben sind, findet Wolfgang vor Ort nun genug Mitstreiter, um den internen Richtlinien zu entsprechen. Und vermessen ist die Strecke ebenfalls.

Es kann also losgehen. Geschlossen traben wir zu der Stelle, wo der Zieleinlauf gewesen wäre. Die Tribünen sind komplett aufgebaut, auch das Zieltor. Absperrungen und Sicherheitskräfte verhindern allerdings, dass man es durchläuft. Noch nicht einmal ein „So wäre es gewesen“-Foto gönnt man uns.

Direkt neben dem Tor steht das Denkmal für den schon erwähnten Fred Lebow, geschmückt mit Blumen und Medaillen. Bis 1993 war er der Race-Director. Als er an Krebs erkrankte, hatte er nur noch einen Wunsch: Einmal noch seinen Marathon laufen. 1992 erfüllte er sich diesen Wunsch, er lief zusammen mit der neunfachen Siegerin Grete Waitz. 1994 starb er.

Hinter dem Zieleinlauf ist zwischen hohen Gittern der riesige Verpflegungsbereich. Getränke und Verpflegung warten palettenweise auf den Abtransport in die Katastrophengebiete. Deutlich zu sehen sind die Doppeltürme des San Remo, ein 1930 fertiggestelltes Apartmenthaus. Dustin Hoffmann, Steven Spielberg und Bruce Willis wohnen dort. Bono hat Steven Jobs Apartment gekauft. Falls jemand Interesse hat: So um die 20 Millionen sind für eine Wohnung fällig. Konnte sich John Lennon das nicht leisten, oder war gerade nichts frei? Er wohnte zwei Blocks weiter im Dakota, wo seine Witwe Yoko Ono noch heute wohnt. Der Teil des Parks gegenüber heißt „Strawberry Fields“.

 

 

Im 341 ha großen Central Park sind 275 Vogelarten heimisch und 25 Millionen Menschen, so schätzt man, besuchen den Park jährlich. Das Wegenetz hat zusammen fast 100 km, man kann sich problemlos verlaufen. Wir bleiben auf der asphaltierten Straße, die uns rund um den Park bringt.

Träume ich? Nicht nur Läuferinnen und Läufer sind inzwischen massenweise unterwegs,  auch Fans sind an der Strecke. Zuerst fällt mir eine lautstarke schwedische Kolonie auf. Wie mag es Sandra gehen? Ich habe sie und ihren Mann, Jonas Buud, am Freitag auf der Messe getroffen. Sie hat sich sehr darauf gefreut, wieder einmal einen Marathon selbst zu laufen. Sonst betreut sie meistens ihren Mann. Der Schwede ist sechsfacher K78-Sieger beim Swissalpine.

Colombia, Ecuador, Danmark, Brasil, France, Italia, Chile, Kongo – an Aufschriften, Farben und Wappen erkennt man Läuferinnen und Läufer aus aller Herren Länder. Und alle sind  super gut drauf. Wie von alleine sortiert sich das Feld in zwei Laufrichtungen. Man klatscht sich ab, bejubelt und feiert sich. Und irgendwann wird dann für mich ein „Happy Birthday“ angestimmt, was ich so auch nicht erlebt habe.

Am äußersten Nordost-Zipfel des Parks liegt an der tiefsten Stelle das Harlem-Meer, ein kleiner See am Rand von Harlem. Gegründet wurde die Stadt von den Holländern, die sie Neu-Haarlem nannten. 1664 brachten die Engländer gewaltsam die ganze Kolonie Neuholland samt der Stadt Neu-Amsterdam in ihren Besitz und nannten sie New York.

Die Strecke ist alles andere als eben. Ryan Hall, der seinerzeit auf diesem Kurs die US-Trials in 2:09 gewann, hat eine Bestzeit von 2:06. Das nur so zur Orientierung. Einige Läufer marschieren schon auf der ersten Runde und ich denke, sie können froh sein, dass sie keinen Marathon laufen „müssen“. Der Lauf ist herrlich. Immer wieder feuern sich die Runners gegenseitig an, aber auch Zuschauer kommen immer mehr mit Tafeln, Transparenten und Getränken an die Strecke. Nach einer Stunde ist die Stimmung im Park prächtiger, als bei manchem Citymarathon in Deutschland.

 

 

Vom Park aus ist das berühmte Guggenheim Museum kaum zu sehen. Der sonst sehr auffällige Rundbau wurde schon 1959 gebaut, wirkt aber noch heute ultramodern und zeigt auch hauptsächlich moderne und abstrakte Kunst. Viele haben den Bau schon gesehen, ohne es zu wissen. In „Men in Black“ z. B. jagt Will Smith einen Alien auf der spiralförmigen Rampe des Museums.

Rote Fahnen hängen an buntgefärbten Bäumen. „Marathon Route“ steht drauf, wir sind auf Kurs. Gleich ist auf einem Banner „25 Mile“ zu lesen und schon sind wir an unserem Ausgangspunkt, dem von den interAir-Mädels streng bewachtem Kleider- und Verpflegungsdepot.

Auf dem letzten Kilometer bis zum Ziel geht es zu wie auf einer Großveranstaltung. Schätzungsweise 20.000 Läuferinnen und Läufer sind unterwegs und tausende Zuschauer. Gefühlt sind es noch wesentlich mehr, weil alles ungeordnet durcheinander läuft. Ein paar Sportler mit Behinderung sind auch unterwegs. Sie werden in ihren Rollis ganz besonders heftig bejubelt und beklatscht. Es ist herrlich. „We are Marathon!“ brülle ich in de Menge. „Yeah!“, schallt es hundertfach zurück. Nicht ein einziger Läufer protestiert erkennbar gegen die Absage. Alle sind mit einer solchen guten Laune und Stimmung unterwegs, als seien sie nur für diesen Lauf durch den Park angereist. Hier mitten drin dabei zu sein, ist ein Wahnsinns-Erlebnis.

Ich wollte nur zwei Runden laufen, bin aber nicht zu bremsen. Die dritte Runde nehme ich in entgegengesetzter Richtung in Angriff. Manchen Läufer erkennt man wieder und mich mit dem Fotoapparat sowieso. InterAir hat für jeden Läufer ein großes Namensschild ausgegeben, das man an sein Shirt oder seine Jacke kleben kann. Eine Kleinigkeit nur, aber mit großer Wirkung. Oft werde ich mit Namen angefeuert und begrüßt. Es ist wie daheim.

Verrückt, welche neuen Eindrücke man gewinnt, wenn man eine Sache von einer anderen Seite her betrachtet. Das ist übrigens nicht nur beim Laufen so, sondern in vielen Lebenslagen. Jedenfalls werde ich jetzt erst auf ein viel größeres Gewässer als das Harlem Meer aufmerksam. Es ist das Jacqueline Kennedy Onassis Reservoir, das man 1994 so umbenannt hat, um die Verdienste der einstigen First Lady um die Stadt zu würdigen. Von ihrem Apartment in der 5th Avenue aus konnte sie auf diese Stelle des Parks sehen, die auch ihr bevorzugtes Jogging-Revier war. Auch andere Mega-Promis, wie Bill Clinton etwa, drehen hier ihre Runden.

 

 

Kaum auszudenken, wenn der Park, der in der Rezession in den 1970er Jahren vernachlässigt wurde und ziemlich vergammelte, tatsächlich geschlossen worden wäre, wie es der damalige Bürgermeister Ed Koch vorhatte. Viele Künstler setzten sich für den Erhalt des Central Parks ein. Am 19. September 1981 gaben Simon & Garfunkel vor 500.000 Zuschauern „The Concert in Central Park“. Am Schluss des Konzerts war ein Feuerwerk geplant, das aber vom Bürgermeister (!) nicht genehmigt wurde. Was machten die Fans? Beim Schlusslied „Sounds of Silence“ streckten Hunderttausende brennende Feuerzeuge in die Höhe und verzauberten den Park.

Die CD von diesem Konzert läuft im Hintergrund, während ich den Bericht tippe. Es ist, als sei ich dabei, denn ich habe ähnliches erlebt. Nächstes Jahr wird es den New York City Marathon wieder geben. Aber diesen Lauf nicht. Er ist und bleibt einmalig.

 

 

Ob ich den New City Marathon nachhole? 2018 ist er wieder an meinem Geburtstag. Aber so lange warte ich nicht. Der Bürgermeister ist mir wurscht und Frau Wittenberg auch. Ich komme wegen der phantastischen Läuferinnen und Läufer, die sich und aller Welt zeigten: Wir laufen! Wo und wann wir wollen.

Danke an das gesamte interAir-Team. Sie hatten durch die Turbulenzen noch mehr Stress als sonst. Davon gehe ich jedenfalls aus. Angemerkt habe ich es niemanden.

 

New York Impressionen

 

 


 

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