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Laufberichte

Der Löwe schläft nicht heute Nacht

15.05.10
Autor: Klaus Duwe

Dann wird’s heiß. Den Boulevard Robert Schuman passieren die Läufer gleich zweimal (km 8,5 und kurz vor km 13). Der riesige Oranje-Löwe dominiert die große Straßenkreuzung und ist Treffpunkt tausender Fans. Applaus, Gekreische und Getrommel bilden die weit hin hörbare Geräuschkulisse. Wir laufen rechts  Richtung Limpertsberg, wo uns die Zuschauer nur eine schmale Gasse lassen. Wer hätte das gedacht? Der Löwe tobt, Luxemburg steht Kopf.

Es ist auf den folgenden Kilometern zwar ruhiger, auf Zuschauer, Motivation und Komplimente braucht man aber nicht zu verzichten. In den Vorgärten wird gefeiert, gelärmt und gelacht. Zurück beim Oranje-Löwen ist der Geräuschpegel unverändert und noch im Stadtpark (km 14) sind die Trommeln und das Gekreische zu hören. Nur kurz ist unser Ausflug ins Grüne und Blühende, dann steuern wir den Knuedler an, den zentralen Platz vor dem Rathaus. Ein großes Reiterstandbild erinnert an den König und Großherzog Wilhelm II (Guillaume II), der dem Land 1848 die erste parlamentarische Verfassung gab. Nach ihm ist auch der Platz benannt, denn eigentlich heißt er Place Guillaume. Hier ist die Streckenteilung und noch einmal eine riesen Stimmung und eine phantastische Kulisse. Die „Halben“ machen sich auf den Rückweg zur Messe, die Marathonis erkunden den nächsten Stadtteil,  Belair.

Ohne Mühe geht das auch hier nicht ab. Es gibt immer wieder Steigungen, nicht sehr lange und auch nicht steil, aber sie sind da, drosseln das Tempo und treiben den Puls nach oben. Gehen kommt nicht in Frage. Es ist noch zu hell und es gibt zu viele Zeugen. Alle paar Kilometer kommt eine Getränke- oder Verpflegungsstelle. Ich weiß nicht, was es alles gibt, die Tischreihen sind ewig lang und voll bepackt. Ich halte mich an Wasser, Iso und Bananen, später ist Cola mein Favorit.

Bei km 20 sind wir wieder im Park, die Stadt ist weit genug entfernt, das Vogelgezwitscher übertönt den Marathon-Lärm. Einen Kilometer weiter sind wir auf der Av. Marie Therese. Die entgegenkommenden Läufer haben ca. 7 km Vorsprung. Trommler, Zuschauer und die einsetzende Dämmerung schaffen eine einmalige Atmosphäre. Es ist schön, am Abend zu laufen. Obwohl es die nächsten Kilometer in sich haben. Eine lang gezogene Steigung bei km 24 und ein elender Buckel bei km 26 sind mir in „guter“ Erinnerung.

Mir fallen schon länger viele Menschen mit afrikanischer oder asiatischer Herkunft unter den Zuschauern auf. Tatsächlich hat Luxemburg bei 460.000 Einwohnern einen Ausländeranteil von 40 %, in der Hauptstadt sind es sogar 60 %. Integrationsprobleme wie bei uns hat man allerdings nicht. Hilfreich ist dabei ganz bestimmt, dass an Luxemburgs Schulen Französisch und Deutsch Pflichtfächer sind und Englisch als dritte Fremdsprache gelernt wird. Amtssprache (neben Französisch) ist „Lëtzebuergesch“, ein moselfränkischer Dialekt, das außerhalb des Landes aber bestimmt kein Mensch versteht.

Was mir noch auffällt? Viele Leute halten Sekt- (oder Champagner?)Gläser in der Hand. Ein kleines Indiz, dass es sich gut lebt im Großherzogtum. Ich glaube, nur im Vatikan und in Liechtenstein wird noch mehr verdient als hier. Das bringt 120.000 Berufspendler ins Land.

Über die Neue Brücke (Pont Adolphe, km 28) kommen wir von der Altstadt ins Bahnhofsviertel und laufen direkt auf das historische Sparkassengebäude zu. Eine kleine Schleife, dann es steil bergab ins Petruss-Tal. Dieser Streckenabschnitt ist neu und eine Bereicherung. Denn obwohl schon 1933 das Bachbett in eine Betonrinne verlegt wurde, ist es wunderschön hier. Besonders jetzt in der Dämmerung. Irgendwo gibt es noch Reste einer Schleuse, die man 1728 errichtete, um das Tal bei einem feindlichen Angriff fluten zu können. Bei km 30 sind wir unter der Pont Adolphe.  42 Meter ist sie hoch, 153 Meter lang. 1899 – 1903 wurde an der damals größten Steinbogenbrücke der Welt gebaut.

Ein kurzes Stück geht es steil aufwärts, dann wird es gemütlicher und schließlich sind wir wieder im Bahnhofsviertel. Eine  4 Kilometer Runde schließt sich an, dann sind wir wieder in der Altstadt, wo es zunächst ungewohnt ruhig ist - und die Zuschauer bei km 34 sind auch nicht wegen uns gekommen. Sie schauen den leidenschaftlichen  Tango-Tänzern zu.

Aber danach ist in der Altstadt wieder alles für uns gerichtet: Musik, Jubel und Applaus. Das große Finale. Der Löwe schläft nicht heute Nacht - und Luxemburg auch nicht. Und die Läufer sowieso nicht. Obwohl, bei meiner Zeit wird mancher denken: Hat er’s doch getan? Mit Fotografieren verliere schon eine Weile keine Sekunde mehr. Die kleinen Dinger sind ja gut und recht. Aber mit Blitz etwas sich Bewegendes ordentlich ablichten, das können sie nicht. Aber auch ohne Fotopause komme ich nicht schneller vorwärts. Jetzt kommt nämlich der lange Weg zurück zur Messe, immer leicht ansteigend. „Ich wollt, es wäre Nacht …“ fällt mir ein. Es ist Nacht und ich bin von allen guten Läufern verlassen. Ein paar Geher sind um mich rum und ein paar Staffelläufer.

Da kommt Karlheinz wie gerufen. Unser Hero 2009 ist auf Einladung der Veranstalter in Luxemburg. Sonst treibt er sich ja lieber auf noch längeren Strecken und in der Landschaft rum. Und das als Dialysepatient. Er erzählt mir seine neuesten Vorhaben. Ich kann nur den Kopf schütteln. Seine Ärzte auch. Sowas steht nicht in ihren Lehrbüchern.

Man lässt uns nicht alleine auf der langen Straße. Es gibt zu essen und zu trinken, ein paar Trommler halten wohl bis zum bitteren Ende durch und irgendwann ist jeder Marathon einmal zu Ende. Teufelslappen, letzter Kilometer. Es geht abwärts zur Messehalle. Die Staffelläufer geben Gas. Lieber lasse ich mich hier überholen, als in der Halle über den Haufen rennen. Ein paar Zuschauer stehen vor dem Eingang, dann geht’s in die dunkle Höhle.

Bunter Lichter zucken in der rauchgeschwängerten Halle. In einem schmalen Korridor geht es um zwei Kurven, überall stehen noch Zuschauer, Applaus, Musik, der Gruß des Sprechers, der Zielbogen und vorbei ist es. Nie hätte ich geglaubt, dass man in eine kalte, sterile Messehalle eine solche Atmosphäre zaubern kann. Super gemacht, Leute. Nur ein Zieleinlauf in der Stadt wäre noch schöner.

Sofort wird mir ein Getränk gereicht, dann gibt es die Medaille und schließlich den Versorgungsbereich, bestückt von Cactus, einer einheimische Einzelhandelskette.

Ich bin begeistert. Das Land ist klein, der Marathon ist es nicht.

Marathonsieger

Männer

1 Rono, Stanley (KEN)  02:19:13
2 Assefa, Girma (ETH)  02:20:17
3 Ngeno, John (KEN)  02:21:58

Frauen
1 Mindaye, Gishu (ETH) 02:39:56
2 Chemunge, Selina (KEN)  02:50:30
3 Flammang, Danièle (LUX) 03:10:26

1057 Finisher

Impressionen

12
 
 

Informationen: ING Night Marathon Luxemburg
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