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Laufberichte

Klassentreffen

 

Alljährlich kommen sie über der Hauptstraße von Dudenhofen angekrochen, die Klassenkameraden in ihren mehr oder weniger noblen Karossen. Früher waren es Gänse, die angewatschelt  kamen, wenn Christian Walter mit seiner Trillerpfeife das Geflügel aus den Gärten entlang der Hauptstraße rief, um sie zur Gänsbrüh zu treiben. Jetzt sind es nette Einweiser, die uns dirigieren.

Florian Reus, der nicht nur läuft, sondern auch seinen Wein verkauft (so wie ich meine Bücher), hat den Begriff „Klassentreffen“ ausgegraben. Ja, es gab Schüler, die konnten alles, andere mussten lernen wie blöde, und andere, ich zum Beispiel, die nähten ihre zerrissene Kleidung auf der Hinterbank.

Mittlerweile bekomme ich meine Kleidung von Marathn4you, aber leider zu klein. Und so gibt es schon mal spitze Bemerkungen. Die lustigste Bemerkung heute gibt es aber von einem über zwei Meter großen Läufer, der einen Stromschlag kriegt, wenn er die Wäsche aufhängt.  Er fragte seine kleine  Begleitung, ob Marathon4you ein Modelabel für Langläufer wäre. „Langläufer“ bekommt bei dem Riesen eine neue Bedeutung.

Meine ersten Klassentreffen ab 2007 in Rodgau kosteten noch 12 Euro und die Voranmeldungen lagen jenseits der 1000. Die hohe Zahl lag vielleicht auch dran, dass erst vor Ort bezahlt werden musste. Genau deswegen blieben viele Vorangemeldeten oft genug im Bett. Mit dem System von race result wird wegen der unmittelbaren Zahlung bei Anmeldung jetzt diesbezüglich mehr Disziplin durchgesetzt, allerdings auf Kosten den Meldezahlen. Die heutigen 820 Läufer verträgt das System locker, das aus einem Microchip und einer Antenne auf der Rückseite der Startnummer besteht. Die Zielmatte liefert die Energie in Form von elektromagnetischer  Strahlung, worauf die Antenne antwortet. Das funktioniert wie ein  Babyphone. Wer lang genug läuft, der hört dann auch die Kleinkinder aus Dudenhofen über seine Startnummer.

 

 

So ein Klassentreffen dient zur Inklusion. Das Wort bedeutet: „Einschluss von Fremdkörpern“. Ich bin also bereit, junge, schnelle Läufer und vor allem Läuferinnen in meine Gemeinschaft einzuschließen. Sehen wir mal, wie das heute klappt. Ich hätte auch um 9 Uhr einen Frühstart hinlegen können.  Das  wäre dann aber keine Inklusion, denn diese Frühstarter, alles verdiente Veteranen, kenn ich doch.  

Zuerst geht es zur Startnummernausgabe ins Tennisheim.  Die nette Dame am Eingang weist alle Leute, die rein oder raus wollen, auf die Bodenschwelle der Schiebetür hin, damit es niemanden hin bretzelt. Apropo bretzeln: Stefan Betzelt gibt mir zwei Zelte für den Transport nach Sao Tomé mit. 200 Kilometer laufen wir in drei Wochen auf den Inseln im Golf von Guinea. Auch Ursel, Ingo und Dittmar bekommen jeweils zwei Zelte in die Hand gedrückt, jeweils 3,5 Kilo schwer.

Alles wird schwerer, ich auch. Nach meinem Beinbruch bei der „Broken“ Challenge erst recht. Die Zeit im Rollstuhl war ein Albtraum. Ich bin also ein Jahr sitzen geblieben und hab gewartet, bis mein Schienbein wieder nutzbar ist. Bei den seltenen Klassenfotos gab es immer Schüler, die standen ganz am Rand.  Wohl, damit man sie rausschneiden kann. Das sind diejenigen, die jetzt seitlich im Rollstuhl sitzen würden, oder nur mit einem Foto mit schwarzer Schleife anwesend sein würden.    

In der Sporthalle ist es mir zu eng: Draußen vor den Dixiklos stellen sich die ersten Läufer an. Ein Typ wie ich kackt nicht. Das liegt an meiner veganen Ernährung, die ich im ausgewiesenen Bereich unauffällig  parke. Die aufgereihte Selbstverpflegung sieht lustig aus. Als Ricarda und Jens noch hier gelaufen sind, standen dort Getränke auf dem Tisch, mit denen haben wir anschließend  Saunaaufguss gemacht.

Die Icehouse Läufer heizen einen italienischen Kaffeekocher auf der Gaskartusche an. Aber 2 x  3:57 rechtfertigen den Aufwand dieser Klassenkameraden. Die Minimalisten, also zum Beispiel ich, sind zufrieden mit dem reichhaltigen Angebot bei der Verpflegungsstelle, oder hängen ihre Getränkekarte in die Bäume.

 

 

Ich überquere die Startlinie mit einer Minute Verspätung, weil es auf den hinteren Bänken, wo ich mich schon seit der Grundschule wiederfinde, mehr Spaß gibt. Also, es gilt die Bruttozeit. Aber es gilt nicht, dass man hinter den langhaarigen Mädchen mit Streichhölzern oder Bastelscheren hantiert, ich glaube, die mögen das immer noch nicht Ich höre sie noch: „Der Kelbel ärgert mich dauernd!“

Von meinen ersten zwei Runden bin ich begeistert. Das liegt auch daran, dass ich immer jemanden hinter mir habe. Tatsächlich bin ich dann irgendwann auf der vierten Runde, da überholt mich eine Läuferin von der Unterstufe zum zweiten Mal.  Ich nenne sie wegen ihres hübschen runden Gesichts Äpfelchen. Die folgende Läuferin würde ich jetzt eher Birnchen nennen, sie läuft bisschen gebückt, hat sie Rücken. 

Die Laufstrecke besteht oft aus Asphalt, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Sieht so aus, als habe der RLT selbst hat versucht, die Frostlöcher mit frischem Asphalt aufzufüllen. Wo es nicht geklappt hat,  hat man die Sprayflasche genommen und die Hindernisse gekennzeichnet. Die schnellen Läufer wird das nicht interessieren, die heben die Beine und fliegen drüber. Beim Begegnungsstück hat man die Pfützen mit Schotter aufgefüllt. So hätte es der Scheuer auch machen lassen, besser wird es dadurch nicht. Für uns Ultraläufer aber absolut kein Problem. 

Hinten im Wäldchen  sind sogar die Baumwurzeln mit Sprühfarbe markiert. Die meisten von uns kennen nach all den Jahren aber jede Wurzel auch so. Nur dass sie mit der Zeit  dicker werden. Wie ich. Wenn man den gewaltigen Berg bei Kilometer 4 bezwungen hat, geht es auf feinstem Waldboden leicht abwärts  über die Zielgerade (wo es ab Kilometer 20 eine Wertung gibt), dann weiter über die Anfahrtsstraße. Jetzt steigt der Weg wieder an. Na gut, ich übertreibe, der Höhenunterschied beträgt auf den 50 Kilometern ist in Wahrheit nicht der Rede wert.

Die drei lustigen Helfer am Ende des Begegnungsstückes stehen auf Styroporplatten, drei, vier übereinander. Styroporplatten! O.K., die Helfer standen schon hier, als es noch keine Klimakrise gab. Im Laufe der Jahre sind sie trotz Erwärmung nicht älter geworden. Ich kann mir nicht verkneifen, zu fragen, was die hier eigentlich machen. Für die Spitzenläufer ist eine Kontrolle vielleicht angebracht, die bekommen ja auch Medaillen, wir nicht.

Es gibt da noch eine andere Möglichkeit abzukürzen,  kurz hinter dem Krankenwagen. Die Abkürzung führt fast an die Verpflegungsstelle, lässt aber die Zwischenzeitmessung im Start/Zielbereich aus. Die armen Helfer des RLT stehen dort und frieren ohne Styropormatten. Danke, wäre aber für uns doch nicht nötig, oder? Es gibt Läufer, die sind jetzt schon auf der vorletzten Runde und bedanken sich bei den Medizinern, ich habe vor, noch weitere drei Stunden zu laufen.

Läufer, die mich kennen, sagen: „Schön, dich wieder dabei zu haben“. Aber es  gibt auch die Schnellen, die mich nicht kennen: „ Das sieht gut aus, du schaffst das!“ – „Boah Leute, danke, nett gemeint, aber ich bin schon Ultra gelaufen, da war Lothar Matthäus noch bei Gladbach, und meine Laufhose ist älter als ihr!“

„Läufts du heute durch?“ – „Ja klar, mehrfach!“

 

 

Die Fünfte Runde beende ich zeitgleich mit Jan Kerkmann, nur mich beachtet dabei niemand. Mir wird klar, dass ich mit meinem Tempo auch locker durchlaufen könnte, doch vier Kilometer weiter am Opel-Testgelände ist der brutale Anstieg. Christian Walter, der Gänsehirte, war hier beschäftigt. Er kam nach Dudenhofen, weil der amerikanische Großaktionär von Opel, General Motors das rheinlandpfälzische Dudenhofen mit dem hessischen verwechselten. Nur deswegen wurde hier die Teststrecke gebaut. Die Familie Opel pflegte enge Kontakte in die USA und studierte dort die Fertigungsmethoden von Ford und General Motors. Die Kopie der Fließbandarbeit machte Opel zum größten Autoproduzenten Deutschlands. Die Modernisierung kostete viel Geld. 1929 während der Weltwirtschaftskrise sprang General Motors ein und finanzierte ab da wissentlich den Bau von Torpedos und Bauteile für Kampfbomber.

Kampfbomber wie mich, gibt es einige auf der Strecke.  Dirk aus Köln ist wie immer kraftvoll unterwegs. Micha, den ich in der Frittenbude in Nohfelden kennengelernt habe, zieht zweimal mit seiner markanten Bauchwunde vorbei. Ich werde mehrfach auf mein schiefes Bein angesprochen.  Es fehlt halt die Wade, die hat sich verdrückt.

Ich verdrücke mich nach 35 Kilometern. Eine Wanderung wäre jetzt kontraproduktiv, ich bin lieber laufend wieder auf dem Weg nach oben. Ultraläufer sind in der höchsten Klasse, wir müssen alle drin bleiben. Da draußen sind Millionen, die wären gerne wie wir!

 

Siegerliste

 

Männer

1 Kerkmann, Jan    TSVE 1890 Bielefeld    2:59:05        
2 Kaschura, Jan    RunArtist Holzminden        3:01:06        
3 Reicherstorfer, Ludwig    LG Mauerweg Berlin e.V.    3:19:15

 

 

 

Frauen
1 Brunnée, Merle     engelhorn sports team - MTG Mannheim    3:33:26    14
2 Müller, Annette LG Nord Berlin Ultrateam        3:45:42    
3 Stillger, Nadine    Frankfurt 3:50:14    

 

 

 

Impressionen

(Klaus und Margot Duwe)

 

 

 

Informationen: Ultramarathon Rodgau
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