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Laufberichte

Die weißen Nächte von Sankt Petersburg

30.06.13

Auf der linken Seite passieren wir die Fürst Wladimir Kathedrale. Ich kann mich fast des Eindrucks nicht erwehren, dass wir mehr Kathedralen als Kilometerschilder passieren, denn wir sind gerade mal bei Kilometer 4. Übrigens ganz interessant ist, dass hier die Kilometerschilder alles fleißige Helfer sind, die eine große Kilometermarkierung übergezogen haben und ständig auf Russisch die Kilometerangabe rufen.

Nach einer Schleife sind wir zurück beim schon erwähnten „Fitness-Schiff“ und sehen auf dem anderen Neva Ufer die Ermitage im vollen Glanz in hellgrün und golden erstrahlen. Dann kommen wir am Militärmuseum mit Panzer- und Geschützausstellung vorbei, auf der anderen Seite sehen die Peter-Paul Festung. Auf dem Gelände der Festung befindet sich die von 1713 bis 1732 gebaute Peter-Paul-Kathedrale, in deren Innenraum die meisten russischen Kaiser seit dem 18. Jahrhundert begraben liegen. Die Kathedrale wurde von Trezzini gestaltet. Ihr mehr als 122 Meter hoher Turm, der mit einem sieben Meter hohen Engelsstandbild auf der vergoldeten Spitze geziert wird, war für lange Zeit das höchste Gebäude der Stadt. Heute wird sie nur vom städtischen Fernsehturm übertroffen, den wir später an der Strecke ebenfalls noch sehen werden.

Der Innenraum der Kathedrale wurde mit Trophäen aus den diversen Kriegen und Wandmalereien geschmückt. Die Särge der Zaren sind aus weißem Marmor, einzig Alexander II. und seine Frau bekamen Särge aus grünem, beziehungsweise rotem Marmor. Seit 1998 befinden sich in einem angeschlossenen Raum die Gräber der letzten Zarenfamilie.

Nachdem wir die Festung umrundet haben, kommen wir bei einer kleinen vergoldeten Kuppel vorbei, die den Platz der ersten orthodoxen Kirche symbolisiert. Hier teilt sich die Strecke und die 10 km Läufer überqueren die Neva und sind fast im Ziel. Die Marathonis machen sich nach links auf den Weg, um noch weitere Sehenswürdigkeiten zu erkunden, die auch nicht lange auf sich warten lassen, denn wir passieren den Panzerkreuzer Aurora. Im Jahre 1916 wurde die Aurora nach Sankt Petersburg verlegt, um größere Arbeiten durchzuführen. Ein Teil der Besatzung engagierte sich während der Februarrevolution auf Seiten der Bolschewiki und verteidigte das Winterpalais gegen General Kornilow.

In der Nacht auf den 25. Oktober wurde die Aurora auf Befehl des Petrograder Militärrevolutionären Komitees in die Nähe der Nikolai-Brücke gebracht. Am gleichen Abend gab die Aurora mit einem Schuss aus der Bugkanone das Signal für den Sturm der Bolschewiki auf das Winterpalais, den Sitz der Provisorischen Regierung in Sankt Petersburg. Der Sturm gilt bis heute als Beginn der russischen Oktoberrevolution.

Von dort aus laufen wir eine große Runde durch die nördlichen Stadtteile von Sankt Petersburg. Hier gibt es viel Wald und zwischendurch herrliche Bauwerke, die noch der Restaurierung harren, wie z. B. die Orangerie, die ich ganz versteckt im Dickicht entdecke. Wir kommen dann auch zu einem großen Vergnügungspark in der Nähe der Gasprom Arena.

Dann bei ca. 21 km überqueren wir die Nevabrücke zur Ermitage. Kurz danach kommen wir wieder am Ehernen Reiter vorbei und haben nochmals einen tollen Blick auf die Isaaks-Kathedrale. Dann geht es weiter am Neva Ufer, wieder Richtung Ostsee. Wir sehen das Niederländischen Konsulat und kurz danach die Residenz, in der Otto von Bismarck als deutscher Gesandter gearbeitet hatte.

Dann geht es durch einige schmale Straßen, nahe am Mariinsky Theater vorbei, zur Fontanka, einem der größeren Flüsse in Sankt Petersburg. Hier kommen wir direkt ins Blickfeld einer Kathedrale mit hellblauen Kuppeln, die mit goldenen Sternen verziert ist. Es ist die Dreifaltigkeitskathedrale eine russisch-orthodoxe Kathedrale. Sie wurde als Regimentskirche für das Ismailowski-Regiment errichtet. Infolge der Russischen Revolution wurde 1922 ein Großteil der Kirchenschätze geplündert und die Kirche im Jahr 1938 endgültig geschlossen. Sie diente daraufhin als Lagerhaus und wurde erst 1990 der russisch-orthodoxen Kirche zurückgegeben.

2004 begann man mit Restaurierungsarbeiten, um den vorrevolutionären Zustand der Kirche wieder herzustellen. Dabei kam es zu  einem  Großbrand, der die Hauptkuppel, eine der größten und bedeutendsten Holzkuppeln Europas, zerstörte. Alle Kirchenschätze konnten jedoch, auch dank des Einsatzes von Passanten, in Sicherheit gebracht werden. Heute erstrahlt sie weithin sichtbar in neuem Glanz.

Weiter geht es dann entlang der Fontanka und wir passieren schließlich die Lomonossow Brücke,  mit ihren 4 Türmen  typisch für das Petersburg des 18. Jahrhunderts.

Die ursprüngliche Tschernyschow-Brücke ist 63 Meter lang und 14,7 Meter breit. Sie wurde von 1785 bis 1787 erbaut. Im 19. Jahrhundert wurden andere bewegliche Brücken in feste Brücken umgebaut, um den Verkehr zu erleichtern. Die Tschernyschow-Brücke blieb jedoch unverändert und behielt das ursprüngliche Aussehen. Im Jahr 1948 wurde die Brücke nach Michail Wassiljewitsch Lomonossow umbenannt. Dort treffe ich eine junge Kunststudentin, die die Brücke gerade zeichnete. Künstler findet man übrigens in dieser Stadt der Künste auch recht zahlreich.

Entlang der Fontanka findet man wieder viele Prachtbauten, denn hier war eines der beliebtesten Wohngegenden der Petersburger. Bei Kilometer 29 passiere ich dann meine Unterkunft, das Hotel Asteria (bitte nicht verwechseln mit dem 5 *****Astoria im Stadtzentrum). Da das Wetter mit fast 28 Grad und sehr hoher Luftfeuchtigkeit doch etwas an die Substanz geht, leiste ich mir den Luxus einer  eiskalten Pepsi Cola an der Hotelbar.

Einen Kilometer weiter kommen wir dann zum Newski Prospekt. Er ist eine 4,5 Kilometer lange Straße im historischen Zentrum Sankt Petersburgs und eine der berühmtesten Straßen Russlands. Die Straße wurde zwischen 1711 und 1721 als Verbindung zwischen der Admiralität im Westen und dem Alexander-Newski-Kloster im Osten der Stadt gebaut. Ab Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich daraus zunehmend eine Prachtstraße, als die zahlreichen ansässigen Aristokraten hier ihre Residenzen errichten ließen.

Auf dem Newski-Prospekt finden sich bis heute historische Palais, die große lutherische St.-Petri-Kirche, eine römisch-katholische Kirche, die russisch-orthodoxe Kasaner Kathedrale, zahlreiche Cafés, Museen und Kinos, ebenso das 1785 entstandene Gebäude des Kaufhauses Gostiny Dwor sowie der Jugendstil-Bau des Feinkostladens Jelissejew. Hier liegt auch der Kilometerpunkt 30 mit einer Verpflegungsstelle.

Würde man jetzt nach links den Prospekt entlang laufen, würde man nach 2 km das Ziel erreichen, aber die Aufgabe des heutigen Tages lautet ja Marathon. Also nach rechts den Prospekt entlang. Über einen riesigen Kreisverkehr gelangen wir an das östliche Ende des Prospekts mit dem Alexander-Newski-Kloster, dem bekanntesten russisch-orthodoxes Kloster in Sankt Petersburg. Auf dem Gelände befindet sich der Sitz des Metropoliten ebenso wie das Grab Alexander Jaroslawitsch Newskis, der Lazarus-Friedhof und der Tichwiner Friedhof mit zahlreichen Prominentengräbern.

Hier biegen wir dann nach links ab und folgen nun als eine Art Zielgeraden der Neva bis hin zur Ermitage. Schon hat man den goldenen Turm der Peter-Paul Kathedrale im Blick, der die Zielnähe anzeigt. Wieder kommen wir an zahlreichen Kirchen vorbei, aber auch an imposanten Industriebauten, die hervorragend restauriert sind und anderen Zwecken dienen, wie die weltbekannte Buddha Bar.
Nach weiteren 3 km erreichen wir dann den Sommergarten, ein Parkensemble, das ein landschaftsgärtnerisches Denkmal aus dem ersten Drittels des 18. Jahrhunderts im Zentrum von Sankt Petersburg ist. Er wurde auf Anweisung des Zaren Peter I. in den Jahren 1704 bis 1719 angelegt.

Am Haupteingang des Gartens befindet sich die letzte, der alle 5 Kilometer angelegten Verpflegungsstellen (km 40). Kurz danach kommen wir noch zum Russischen Museum mit dem Reiterstandbild des Zaren Alexander III.
Jetzt sind wir echt auf der Zielgeraden. Entlang des Winterpalastes und der Ermitage geht es durch eine Vielzahl von Touristen hindurch (Ich glaube nicht, dass die wegen uns da waren), links um die Ermitage herum auf den Schlossplatz und der Zieleinlaufkanal tut sich vor einem auf.

Eine atemberaubende Kulisse. Nur noch 300 m bis zum Ziel. Dann ist es geschafft: Meine längste Stadtbesichtigung, aber garantiert auch die interessanteste. Und ja, auch ein Marathon war wieder geschafft. Ein wirklich empfehlenswerter!

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