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Laufberichte

Mehr als nur ein Marathon

09.05.10

Bei km 18,5 dürfen wir die Moldau wieder begrüßen und unseren Trip gen Süden fortsetzen,  Den im Abschluss felsigen, bis zum Moldauufer reichenden Burghügel müssen wir dabei in einem Tunnel durchqueren. Läuferischer Gegenverkehr ist auf den nächsten Kilometern angesagt. Die breite Uferstraße bietet Platz genug. Die mir entgegen kommenden Läufer beneide ich nicht nur deshalb, weil sie schneller sind, sondern auch, weil sie die eindeutig schönere Straßenseite unter Bäumen mit direktem Moldaublick belaufen dürfen. Hektisches Treiben ist wieder bei km 20 angesagt. Hier scharren schon die nächsten Staffelläufer ungeduldig mit den Hufen. Ein gutes Stück hinter der Halbmarathonmarke ist begleitet von den Klängen einer Band der Wendepunkt eingerichtet.

Fast schon auf dem Absatz machen wir kehrt und befinden uns unvermittelt auf dem Rückweg. Die nächsten 4,5 km habe ich fast permanenten und ungestörten Blickkontakt zum Fluss, wobei das von dichtem Grün umrahmte Flussleben eher meditativ-beschaulich als aufregend ist. Stetige Bewegung herrscht dafür auf der anderen Straßenseite und ich gebe ganz offen zu, dass es motivierender ist, dem Strom der Langsameren in die Augen zu blicken als die Voranlaufenden an sich vorbei ziehen zu lassen. Sehr viel beeindruckender als auf dem Hinweg ist aus der sich nun bietenden Perspektive der Blick auf die Burg Vysehrad, insbesondere auf deren turmhohe Befestigungsmauern.

Die sich zunehmend verdichtende Bebauung lässt die zunehmende Nähe der Innenstadt schon erahnen, doch weiß ich aus dem Laufplan, dass das Ende unseres Ausflugs in den Prager Süden noch längst nicht erreicht ist, sondern nur das Ende des Teil 1. Teil 2 erwartet uns  jenseits der Palackeho-Brücke (km 25) auf der anderen Seite der Moldau.

In der Verlängerung der die Moldau überspannenden Brücke steuern wir zunächst geradewegs dem Zentrum des Stadtteils Smichov entgegen. Freunden des gepflegten Einkaufs dürfte dieser Stadtteil vor allem durch das moderne Shoppingcenter „Novy Smichov“ ein Begriff und Ziel sein, Biertrinkern wohl eher durch die Brauerei Staropramen, die hier ihren Sitz hat. Der Glaspalast des Konsumtempels liegt ebenso an unserem Weg wie die langen Mauern des Brauereigeländes; eine Bierkostprobe für die Läufer ist leider nicht vorgesehen.

Ab km 26 wiederholt sich im Prinzip das Streckenführungsmodell der anderen Moldauseite: Erst geht es knapp 2 km wieder schnurgerade in Richtung Süden, danach auf gleichem Weg und gut 3 km zurück gen Norden. Und auch hier ist ein großer Teil der Strecke als Begegnungsparcours gestaltet.

Auch wenn sich dicke Wolken am Himmel zusammen brauen: Im Moment knallt die Sonne ziemlich erbarmungslos auf die Läuferschar hinunter und zum ersten Mal überkommt mich auf dieser optisch vergleichsweise reizarmen Pendelstrecke das Gefühl der „Kilometerfresserei“. Die Moldau ist zwar nahe, hier jedoch nicht sichtbar. Umso willkommener sind die Versorgungsstationen, die seit km 5 im 2,5 km-Abstand entlang der Strecke postiert sind. Wasser gehört zur Grundausstattung jeder Station, ansonsten werden alternierend Wasserschwämme und ein erweitertes Verpflegungsprogramm mit Isogetränken, Bananen- und Orangenstücken sowie Salz und Zucker pur (keine schlechte Idee!) geboten. Aufmerksame Helfer/innen reichen den Vorbeieilenden die Becher hin. Verdursten muss also wahrlich keiner.

Das Gefühl der Monotonie hellt sich aber deutlich auf, als ich bei km 28 den Wendepunkt hinter mir lasse und ist ganz verflogen, als wir wieder dichter besiedeltes Gebiet in Smichov erreichen.

Unter der Palackeho-Brücke hindurch folgen wir dem Moldauufer noch einen Kilometer, ehe es kurz hinter km 31 wieder heißt: Seitenwechsel.

Altstadt – ein drittes Mal

Die Most Legii bildet so etwas wie das Zugangstor zurück in die Altstadt. Dichte Zuschauertrauben erwarten uns lautstark applaudierend auf und vor allem am Ende der Brücke. Der Panoramablick von der Brücke ist einmal mehr ein ganz besonderer. Zu unserer Linken taucht die benachbarte Karlsbrücke, überragt vom Hradschin mit der Prager Burg auf, vor uns entfaltet sich der Bau des Nationaltheaters in seiner ganzen imposanten Größe.

Auf der anderen Brückenseite folgen wir auf der ältesten Prager Uferpromenade, dem Smetana-Kai weiter dem Lauf der Moldau in Richtung Altstadt. Ehe wir uns versehen, ist der von verschachtelten mittelalterlichen Gemäuern dicht umschlossene Kreuzherrenplatz erreicht. Auf der zur Moldau hin offenen Seite des Platzes beherrscht der dunkle Altstädter Brückenturm als einer der Zugänge zur Karlsbrücke hoch aufragend die Szenerie. Aber nur für einen kurzen Moment, denn sogleich verschwinden wir wieder zwischen den hohen Fassaden entlang der schmalen Straße. Von der Brücke selbst bekommen wir im Vorbeilaufen gar nichts  mit.

Das ändert sich erst, als wir  bei km 32,5 auf bereits bekanntes Terrain treffen: die Mánesův Brücke.

Zu guter Letzt: noch einmal durch den Prager Norden

Die letzten 10 km liegen vor uns. Noch einmal genießen wir von der Mánesův Brücke den weiten Rundumblick mit Karlsbrücke, Kleinseite, Hradschin und Burg, wenn auch leider nicht mehr bei eitel  Sonnenschein, sondern unter grauen Wolken. Auf unserer Schlussetappe müssen wir nochmals kursidentisch unsere Eingangsschleife durch den Prager Norden bewältigen, allerdings ohne den anfänglichen Schlenker durch die Kleinseiter Gassen. So schwenken wir am anderen Ende der Brücke sofort auf die Uferstraße ab.

Abermals ziehen die Parkanlagen des Letna-Plateaus an uns vorbei. Dennoch ist vieles nicht nur wetter-, sondern auch stimmungsmäßig anders als auf unserer ersten Nordrunde zu Beginn des Marathons. Nicht nur das stark ausgedünnte Läuferband, sondern auch die nicht zu verkennende allgemeine Erschöpfung bedingen, dass es deutlich ruhiger zugeht. Zuschauer sind gleichfalls deutlich rarer gesät und selbst die Bands, von denen immerhin über 30 im Rahmen des Marathon Music Festivals entlang der Strecke postiert sind, wirken etwas ermattet. Da erfahrungsgemäß Ablenkung in einer solchen Situation das beste Hilfsmittel ist, finde ich schnell einen willigen Plauschpartner in der Läuferschar, was das Fortkommen erheblich erleichtert und die Kilometer schneller vergehen lässt. Wenn es irgend etwas an dem Lauf zu optimieren gäbe, wäre es wohl, diese letzte Schleife – wie auch immer – mit zusätzlichen kleinen Highlights aufzuwerten.

Über die Libensky-Brücke queren wir zum sechsten und letzten Mal die Moldau, dann steht die letzte lange Gerade zurück in die Altstadt an. Im Tunnel unter der Hlavkuv-Brücke schallt statt großem Geschrei nurmehr das Getrappel der Laufschuhe von den Wänden. Doch nun ist es nicht mehr weit. Schon als wir zur finalen Passage in die Pařížská einbiegen, dringt aus der Ferne die Geräuschkulisse des Zielbereichs an unsere Ohren.

Im Ziel

Dann geht alles ziemlich schnell: Schon vor dem Ende der Pařížská feuern Zuschauer in dichten Reihen die Ankömmlinge zum Schlussspurt an. Auf dem Altstädter Ring selbst wird uns ein großartiges Finale bereitet. Der Einlauf über den leuchtend blauen Teppich, umringt von einem begeisterndem Publikum, vorbei an einer Stafette fahnenschwenkender Kinder, dazu die von der großen Bühne tönende Live-Musik, ist ein einmaliges Erlebnis, dem sich kaum einer emotional entziehen kann.

Ein wahrlich großartiges Finale wird in Prag geboten. Wohin man auch schaut: Der ganze weite Platz ist ein einziges wogendes Menschenmeer. Für die ankommenden Läufer ist gleich hinter der Medaillenausgabe zwar eine abgesperrte Erholungszone eingerichtet, wo es Getränke und Obst gibt. Ruhe und Platz findet man aber auch hier nicht wirklich – andererseits ist das Gewimmel außerhalb dieser Zone noch viel größer. Aber diese Stimmung, die über dem Platz liegt, ist einfach unglaublich. So ausgelassen habe ich bisher noch kaum einen Marathoneinlauf erlebt. Und das Bild, das sich mir vor der im durchbrechenden Sonnenlicht wieder erstrahlenden Kulisse der Altstadt bietet, wird mir unvergesslich bleiben.

4.848 Einzelfinisher auf der Marathondistanz wird die Statistik am Ende des Lauftages ausweisen, ein Plus von stolzen 22 % gegenüber dem Vorjahr. Sieger in neuer Streckenrekordzeit von 2:05:39 – immerhin die weltweit sechstschnellste in diesem Jahr gelaufene Zeit –  wird völlig überraschend der erst 20-jährige und noch unbekannte Eliud Kiptanui aus Kenia. Bei den Frauen setzt sich nicht unerwartet die Kenianerin Helena Kiprop in 2:25:29 durch. Für mich und wohl die meisten anderen Einläufer ist dies aber wohl eher ein Nebenaspekt: Was vielmehr bleibt ist das Erlebnis eines perfekt organisierten, wirklich stimmungsvollen Marathons auf einem durchdachten, insgesamt sehr attraktiven Streckenkurs, der auch als Event mehr als ein „normaler“ Marathon bietet. Und die Erkenntnis: Prag ist immer eine Reise wert – vor allem aber dann, wenn Marathon gelaufen wird. 

Marathonsieger

Männer

1   KIPTANUI ELIUD      KEN   02:05:39   
2   TSEGAY YEMANE      ETH   02:07:11   
3   KOECH NICHOLAS KIPRUTO   KEN  02:07:23   

Frauen

1   KIROP HELENA LOSHANYANG  KEN      02:25:29   
2   IVANOVA ALEvTINA   RUS      02:27:36  
3   KASIM ASHU   ETH    02:29:54    

 
 

Informationen: Prague Marathon
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