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Laufberichte

Mehr als nur ein Marathon

09.05.10

Der Panoramablick ist grandios. Zu unserer Linken können wir die bereits im 14. Jh. entstandene, den Fluss in 16 Bögen auf einer Länge von 516 Metern überspannende Karlsbrücke in ihrer Gesamtheit überblicken. Als lange Zeit einzige Brücke trug sie einst wesentlich zum Aufstieg Prags als bedeutende Station im europäischen Ost-Westhandel bei. Ihre heutige Gestalt mit den zahlreichen barocken Heiligenskulpturen, die sie säumen, erhielt sie erst Anfang des 18. Jh.. Die wehrhaften gotischen Brückentürme auf beiden Seiten sind dagegen fast so alt wie die Brücke selbst.

Noch beeindruckender ist allerdings der Blick geradeaus: Vor uns türmt sich am jenseitigen Ufer der Hradschin mit der Prager Burg auf. Die bereits im 9. Jh. auf einem Hügelrücken hoch über der Moldau begründete Burg hat sich im Laufe der Jahrhunderte zum größten geschlossenen Burgareal der Welt entwickelt. Die noch heute existenten Wehranlagen und Tore, die diversen Palais, Kirchen und Innenhöfe stammen vor allem aus dem  14. bis 18.Jh. Jh. Das weithin sichtbare Herzstück der Burg ist aber der überaus prunkvolle gotische St. Veits-Dom (14. Jh.), Krönungskirche und Grabstätte der böhmischen Könige. Das Erklimmen des steilen Burgbergs gehört zwar zum Pflichtprogramm eines Pragbesuchs, läuferisch bleibt uns dies jedoch heute erspart. 

Prager Idylle – die Kleinseite

Am anderen Moldauufer angekommen tauchen wir über die Letenska Straße in die Prager Kleinseite ein. Die „Kleinseite“ war bis Ende des 18.Jh. eine eigenständige Stadt und verdankt ihren Namen schlicht dem Umstand, dass sie einst die „Kleinere Stadt Prag“ war. Noch heute ist die historische Kleinseite der wohl idyllischste Stadtteil Prags. Verwinkelte Gassen mit wunderschönen alten Bürgerhausfassaden, unterbrochen von lauschigen Plätzen und prunkvollen Adelspalästen, ziehen sich von der Moldau aus den Hang zum Hradschin empor. Zwar ist auch die Kleinseite, vor allem entlang der touristischen „Ameisenstraße“, die von der Karlsbrücke auf den Hradschin führt, nicht vor den Auswüchsen des Besucheransturms verschont. Aber wer ein wenig abseits des Weges die Kleinseite durchstöbert, wird hier auch heute noch viel Altprager Charme und Gemütlichkeit entdecken.

Die Letenska schlängelt sich ins Zentrum der Kleinseite hinein. Nur für Momente ist uns ein Blick auf den Kleinseitener Ring im Herzen der Kleinseite, quasi das (kleinere) Gegenstück zum Altstädter Ring jenseits der Moldau, vergönnt. Beherrscht wird der Platz vom barocken Monumentalbau der St. Niklas-Kirche (18.Jh.) mit seiner mächtigen Kuppel. Während das Gros der „Normaltouristen“ von hier aus über die steiler werdende Nerudagasse (Nerudova) weiter in Richtung Burg strebt, werden wir über die Waldsteingasse (Valdstejnska) in nördlicher Richtung abgeleitet und erreichen, vorbei am weitläufigen Palais gleichen Namens etwa bei km 3 wieder die Moldau.

Entlang der Moldau in den Prager Norden

Gerade einmal 2,5 km liegen hinter uns. Aber allein schon diese marathonische „Warm-up“-Distanz war mit mehr optischen Highlights und Eindrücken bestückt als es so mancher City-Marathon auf 42 km zu bieten vermag.

Die nächsten erhöht am Moldauufer entlang führenden Kilometer auf der für den sonstigen Verkehr gesperrten Uferstraße verschaffen uns insofern eine willkommene Verschnaufpause. Was aber nicht heißen soll, dass es nichts zu sehen gäbe. Zur Linken steigt eine von Spazierwegen durchzogene grüne Parklandschaft steil zum Letna-Plateau hinauf, zur Rechten blicken wir über die Moldau hinweg auf die Altstadt.

Die erste der vielen langen Geraden des Prag Marathon liegt vor uns. Etwa bei km 5 unterqueren wir die breite Hlavkuv-Brücke, über die der Autoverkehr der innerstädtischen Hauptdurchgangsstraße donnert. Aber schnell wird es wieder ruhig. Im Stadtteil Holesovice erwartet uns zunehmend städtebauliche Normalkost – aber auch das ist Prag. Nach ein paar Straßenwindungen erreichen wir mit der Libensky-Brücke bei km 6,5 den Wendepunkt unserer Schleife durch das nördliche Prag. Mit 1.340 m Spannweite ist sie die längste der 15 Prager Moldaubrücken, doch am anderen Moldauufer angekommen verlassen wir sie vorzeitig über einen Seitenweg und treten durch den Stadtteil Karlin den Rückweg in Richtung Innenstadt an. Gewerbliche Ansiedlungen einerseits, weite brachliegende Grasflächen andererseits prägen die Umgebung. Eine weitere lange Gerade liegt vor uns.

Die Hlavkuv-Brücke, die wir bei km 10 wieder erreichen, markiert das Ende unseres Ausflugs in die Stadtgebiete nördlich der Innenstadt. Wie ein riesiger Kristall ragt vor der Brücke der Glaspalast des Prager Hilton, offizielles Partnerhotel des PIM, inmitten einer Ansammlung weiterer Zeugen elegant-moderner Architektur empor. Dann verschluckt uns für einen halben Kilometer ein Tunnel. Inmitten des Tunnels herrscht eine Geräuschkulisse wie im Fußballstadion. Des Rätsels Lösung: In der Tunnelmitte warten die zweiten Läufer der Marathon-Staffeln auf ihre Ablösung. Da die Lichtverhältnisse nur suboptimal sind, versuchen sie das Auffinden des richtigen Laufpartners akustisch zu fördern.

Mit dem Tunnelende kehren wir allmählich dahin zurück, wo sich Prag von seiner Schokoladenseite zeigt.    

Auf ein Neues durch die Altstadt

Direkt dem Moldauufer folgend rücken wir weiter gen Altstadt vor. Einige interessante historische Gebäudekomplexe ziehen an uns vorbei, darunter bei km 11 das heute von der Nationalgalerie als Kunstmuseum genutzte Agnes-Kloster. Auf der anderen Flussseite eröffnet sich ein weiter Blick über die grünen Hänge des Letna-Parks und dessen symmetrisches Wegenetz. Auf dessen Anhöhe wird ein überdimensionales Metronom sichtbar, ein Kunstwerk, das als Symbol des Wandels an der Stelle errichtet wurde, wo einst ein Riesenstalin über die Stadt wachte. Durch die Biegung der Straße wird allmählich auch wieder der Hradschin am Horizont sichtbar und ehe wir uns versehen, werden wir nach links in die uns schon bekannte Pařížská - nur diesmal in umgekehrter Richtung – abgeleitet. Vorbei an den sonnenlichtüberfluteten herrlichen Fassaden geht es für uns schnurstracks dem Altstädter Ring (km 12) entgegen.

Auf dem großen Marktplatz erwartet uns geradezu Volksfeststimmung. Vom Beifall der Zuschauer euphorisiert lassen sich die Läufer über den blauen Teppich tragen und genießen ein gewisses „Sieger-Feeling“, auch wenn erst ein Viertel der Distanz geschafft ist. Und diese Stimmung wirkt auch noch nach, als wir wenige Augenblicke später in einer schmalen Gasse auf der anderen Seite des Platzes entschwinden.

 
 

Informationen: Prague Marathon
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