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Laufberichte

Wie weggeblasen

09.09.12

Zugegeben, laufend überholt zu werden und gleichzeitig zu spüren, dass bei der Halbmarathonmarke das Pulver für die Beibehaltung des für meine Begriffe schnellen Tempos verschossen sein wird, ist nicht Motivation pur. Aber das ist es, was lange Laufstrecken so interessant macht. Das Laufen geht irgendwie von selbst, vorausgesetzt der Kopf macht mit. Dies ist die Herausforderung. Einen guten flotten Trainingslauf hatte ich bis hierher, nun beginnt das geschickte Einteilen und die mentale Kondition das Zepter zu übernehmen.

Auch Armin muss seine Gruppe ziehen lassen. Schmerzen im Fuß gestatten ihm nicht, weiter als Schrittmacher zu fungieren. Weiter macht er trotzdem.

Eine kleine Schlaufe in die Gegenrichtung, also Fluss abwärts, bringt uns auf die Brücke über den Kocher hinüber nach Forchtenberg. Die mittelalterlichen Fachwerkhäuser innerhalb der vollständig erhaltenen Stadtmauer bleiben der näheren Betrachtung aber entzogen, denn die Strecke führt hinunter zum Fluss. Dafür ist die Blumendekoration auf der Brücke eine richtige Augenweide.

Auf der zurückgebauten Bahntrasse, welche für den Passagiertransport keine sechzig Jahre in Betrieb war, geht es zurück nach Weißbach. Ein Großteil des Radwegs liegt im Schatten, wogegen ich nichts einzuwenden habe.

Um unseren Lesern einen möglichst guten Überblick über die Strecke zu geben, fotografiere ich immer wieder die Kilometertafeln. Um die auf den Boden gestellten Schilder in eine gute Perspektive bringen zu können, muss ich mich bücken. Von hinten ist die Absicht meines plötzlichen Vornüberbeugens nicht ersichtlich.  Ich habe den Auslöser noch nicht gedrückt, da habe ich eine Hand auf der Schulter und die Frage in den Ohren: „Ist bei dir alles in Ordnung, geht es dir gut?“ An dieser Stelle verleihe ich dem unbekannten Sportskameraden eine Verdienstmedaille. Er hat seinen Laufrhythmus unterbrochen, weil er befürchtete, dass da jemand aus den Latschen kippen könnte, und hat seine Hilfe angeboten. Gelebten Sportsgeist zu erfahren, ist immer wieder ein wohltuendes Erlebnis.

In Weißbach sind bei der ehemaligen Bahnstation und dem jetzigen Bikerbahnhof ein paar Zuschauer beim Weizen und eine weitere Gruppe Supporter bei der Verpflegungsstelle, wo auch die beim Hinweg auf der anderen Flussseite aktiven Percussionisten und Cheerleaders wieder im Einsatz sind. Es summt und brummt ordentlich, denn die Halbmarathonis haben bereits in den Schlussmodus geschaltet und wollen sich ohne Zeitverlust noch ausreichend bewässern.

Wenig später begrüßt uns die Stadtgarde zurück in Niedernhall. Wie das Städtchen so daliegt - wirklich ein schmucker Ort, ich glaube, da lässt es sich gut sein.

Bevor die Halbmarathonis zum Endspurt ansetzen können, geht es noch um ein paar Ecken. Beim Ziel werden wir auf den schmalen Weg geleitet, der uns auf die zweite Wende nach Künzelsau führt. Beim Verpflegungsposten sind die Handbiker an den Vorbereitungen für ihren Einsatz. Von meiner Bewunderung für ihre Leistungen bekommen sie nichts mit, was nichts daran ändert, dass die groß ist.

Wäre Marathon Eiskunstlaufen, dann hätte ich eben die Kür hinter mich gebracht und würde nun den Pflichtteil absolvieren. Die 15 Kilometer der zweiten Wende sind eine ruhige Sache und viel Kopfarbeit. Das Feld ist auseinandergezogen, die Temperatur kurz vor 11 Uhr hochsommerlich und die Beine von meinem schnellen Antritt auf der ersten Hälfte schon ziemlich schwer. Trotzdem versuche ich das Schöne in diesem Abschnitt des Kochertals nicht zu übersehen. Zuerst sind es moderne Industriebauten ziemlichen Ausmaßes, dann alte Gebäude und Gemäuer und die Gestaltung der Landschaft. Es ist eine interessante Mischung von Altem und Tradition und Neuem und Fortschritt, wobei Letzerer seinen Erfolg auf den alten Werten aufbaut.

Auf den Verpflegungsposten in Ingelfingen freue ich mich. Mittlerweile ist der innere und äußere Siedepunkt erreicht. Die Kamera kommt am Getränketisch ins Zwischenlager, damit ich mir genüsslich ein paar Becher Wasser über den Kopf leeren kann. Es gibt nicht überall Leitungswasser, daher muss ich dazu wohl oder übel zum teuren Mineralwasser greifen. Das Prickeln hat fast Champagner-Qualität und die Hitze ist für den Moment weggeschwemmt statt weggeblasen.

An der Sonne – wo anders bewege ich mich auf diesem Streckenteil kaum – heizt es ordentlich ein. Doch die Bedingungen sind für alle gleich und setzen nicht allen gleich zu. Locker und flockig kommen die Entgegenkommenden zwar nicht gerade daher, aber schnell.

Einem Sani-Team schmettere ich die Parodie auf „Ecuador“ von Sash entgegen: VENTILATORRR!!! Denen ist SWR3 offenbar fremd, sie zeigen kaum eine Reaktion. Doch ein sanftes Lüftchen macht die Mittagshitze erträglicher. Nicht wie weggeblasen, aber immerhin entschärft. Wäre ja gelacht, wenn die Lüfter-Päpste nicht eine Lösung des Problems hätten…

Die gleiche Wirkung haben die beiden noch folgenden Verpflegungsposten vor der Wendeschlaufe bei Künzelsau. Davon, dass der ausrichtende Polizeisportverein hier beheimatet ist, lässt sich die Bevölkerung nicht beeindrucken und lässt die Strecke links und rechts liegen, dabei ist der Gottesdienst schon längst vorbei. Für Abwechslung auf der Strecke sorgen die Mitstreiter und die Radfahrer und in meinem Fall eine junge Läuferin des Duo-Marathons. An jeder Verpflegungsstelle zieht sie an mir vorbei, auf halbem Weg zur nächsten hole ich sie wieder ein, dann versägt sie mich wieder (um es in Schneggis Worten zu sagen).

Ich funktioniere wie mein Hund nach dem Belohnungsmuster. Beim Hinweg in Ingelfingen wurde mir für den Rückweg ein Radler in Aussicht gestellt. Mit hängenden Lefzen, ohne zu sabbern (alles ausgetrocknet) nähere ich mich nun dem letzten Verpflegungsposten vor dem Ziel. Als Belohnung für mein Ankommen erhalte ich einen Becher Radler. Nein, ich freue mir kein Loch in den Bauch, nein, diese Köstlichkeit behalte ich für mich.

Dass mir die anderen schon wieder entwischt sind, stört mich nicht, denn ich kann erfrischt und gestärkt den zweiten Teil meines Trainings angehen, zwei in wieder erhöhtem Tempo gelaufene Schlusskilometer, auf welchen ich nochmals einsammeln kann. Langsam aber sicher kommt die Form zurück.

Auf der Zielgerade sehe ich mich einer breiten Front von Nachwuchsläufern gegenüber, welche auf ihren Start (ich glaube zum Mini-Halbmarathon) warten. Wenn die losgelassen werden, bevor ich im Ziel bin, dann blasen die mich weg. Viel schlimmer noch, dann muss das Besenfahrrad tatsächlich zum Besen greifen und meine flachgetretenen Überreste vom Asphalt kehren. Ich habe Glück und darf den Start von hinten betrachten. Als stolzer Finisher eines weiteren Marathons, ausgezeichnet mit einer der originellsten Medaillen meiner umfangreichen Sammlung.

Flüssiges Gold gibt es an der Tankstelle aus Erding. Ich bin so ausgepowert, dass ich so langsam einen Schluck nach dem anderen die Kehle hinunterrieseln lasse, dass das Bleifreie am Becherboden von meinen Händen schon richtig aufgewärmt ist. Kein Problem, mit einem zweiten und einem dritten Becher ist das locker runtergespült.

Heiß abgespült wird anschließend die Salzkruste unter der Dusche, damit wir uns erfrischt in der gemütlichen Stimmung auf dem Festgelände im Lauffreundeskreis zusammensetzen und feine Häppchen von den verschiedenen Ständen genießen können. Alt und Jung, Fußgänger und Rollifahrer, Sportler und solche, denen es auch gut täte, sind beisammen und für jeden wird etwas geboten. Dass nur ein Bruchteil der 3600 Teilnehmer auf der namensgebenden Marathonstrecke gestartet ist, tut nichts zur Sache, im Gegenteil. Ich kann mir gut vorstellen, dass an diesem Familienfest Nachwuchs schrittweise den Weg auf den langen Kanten findet. Die €20.- Meldegebühr (bei Anmeldung vor Ende Juli) sind auch für ein Studentenbudget realistisch. Der Hauptsponsor sorgt dafür, dass diesbezügliche Sorgen weggeblasen werden.

Marathonsieger

Männer

1 Zeyer, Fedor (GER) 02:44:49
2 Ruedenauer, Marco (GER)03:02:27
3 Albrecht, Bernd (GER) 03:03:21

Frauen

1 Dr. Müller, Andrea (GER)03:30:44
2 Schürle, Ursula (GER)03:33:03
3 Bogun, Gisela (GER) 03:46:49

139 Finisher

12
 
 

Informationen: ebm-papst Marathon
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