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Laufberichte

Bilder und Geschichten

12.06.10
Autor: Klaus Duwe

Jackie freut sich auf den Ho-Chi-Minh-Pfad: „ 27 Jahre nach meinem letzten Lauf entlang des Emmendammes biege ich also in diesen abenteuerlichen Stein- und Wurzelweg ein; der Magen hält! Nun bin ich allein, allein mit mir und allein auf diesem sagenumworbenen Weg! Welch eine Wonne, welch ein Glück! Laufen pur, Laufen im Dunkeln in der Natur! Ich schnappe Läufer um Läufer, ab und zu prescht ein Staffel-Läufer vorbei. Nichts mehr kann mich aufhalten – ich weiß, dass ich es schaffe! Mein Ziel vor Augen laufe ich weiter! Irgendwann überhole ich eine bucklige Gestalt - wow! - ein Läufer ohne Stirnlampe! ‚Wilde Sieche‘ gibts!“

In Gerlafingen erwartet sie Fabian, ihren Mann. Er ist nicht da, komisch. Sie läuft weiter. „Mein Schnauf ist gut, die Muskeln auch“, sagt sie. Kurz vor Bibern trifft sie dann ihren Mann. Motiviert läuft sie weiter, jetzt in Begleitung. Verpflegung in Bibern, dann „den Stutz hoch und äne weder abe“ nach Arch. Sie wechselt die Schuhe, um die Muskulatur anders zu belasten. Das hilft. Dem Gipfeli-Duft aus der Bäckerei kann sie nicht widerstehen, Fabian ist der erste Kunde an diesem Morgen. Jackie genießt den Lauf entlang der Aare. „In Büren ist nichts los, zu spät für die Festbrüder, zu früh für Schaulustige“, stellt sie fest.

Km 90, es läuft bei Jaqueline. Dann Pieterlen. Sie denkt an die Horrorgeschichten 7 km vor Schluss und ist sicher, sie fügt heute keine neue hinzu. K 99, die berühmte Tafel. Dann nur noch Freude. Derselbe Feldweg wie vor 27 Jahren - Erinnerungen und Glück. 9:16 Stunden, ein Hammer. 80 Minuten schneller als damals, knapp 7 Minuten hinter der Drittplatzierten und nur 100 Sekunden hinter einem Podestplatz der Schweizer Meisterschaften. Aber erster Rang Frauen 45.

„Ich bin froh und glücklich, den Hunderter wieder geschafft zu haben; es ist schön und ich bin stolz, trotz meiner großen Schwierigkeiten, nur eine halbe Stunde auf die Gesamtsiegerin verloren zu haben. Es ist meine zweite Zielankunft in Biel - und wahrscheinlich nicht die letzte. Biel ist Mythos und Geschichtskiste des Laufsports.“

Karlheinz Kobus, der übrigens sein Debüt im gleichen Jahr hatte wie Jaqueline Keller, kommt zusammen mit seinem Freund Klaus Neumann nach 13:51 Stunden ins Ziel. Unglaublich, für den Dialysepatienten.  Auch alle m4y-Läufer kommen ins Ziel: Anton Lautner 10:30, Daniel Steiner  10:31, Markus Pitz 11:43, Wolfgang Bernath 12:17 und Joe Kelbel 13:51 Stunden. 

 

Ist die Zweite wirklich die erste Verliererin?

 

Vielleicht erinnert Ihr Euch noch an die Story vom  letzten Jahr, als Deborah Balz in Biel ihren ersten 100er lief und gleich gewann. Ein gewisser Bruno spielte dabei eine wichtige Rolle. Er war als Biker nur so aus Spaß und als Beobachter unterwegs. Da fiel ihm auf, dass die in Führung liegende Frau, Deborah Balz nämlich, ohne offiziellen oder privaten Velobegleiter unterwegs war. Spontan entschied er sich, sie zu begleiten, ihr in der Nacht den Weg auszuleuchten, sie aufzumuntern und zu motivieren. Was eindrucksvoll gelang, denn Debi gewann, wie schon erwähnt.

Die Verbindung zu Bruno reißt danach nicht ab und Bruno hat bald wieder die Möglichkeit, sich als Motivator auszuzeichnen. Mitte Februar gerät nämlich Debis Vorbereitung zur Titelverteidigung jäh ins Stocken. Schmerzen in der Hüfte, die bis ins Bein ausstrahlen, machen jeden Trainingslauf unmöglich, sogar das Gehen bereitet ihr Probleme. 2 – 3mal in der Woche fährt sie Rad und hält sich so einigermaßen fit, das Ziel 100 km Biel immer im Auge.  Jeden zweiten Tag probiert sie zu laufen, es geht nicht.  Die Ärzte vermuten, dass die Ursache eine länger zurückliegende Zeckeninfektion ist.

Es sind noch zwei Wochen bis Biel, Debi probiert wieder einen Trainingslauf. Hey, gibt es das? Wo ist der Schmerz? Weg, einfach weg. Zu spät für einen Start bei den 100 km? Bruno rät ihr zu. „Mach es, probiere es, genieße die Atmosphäre, ich helfe Dir.“  Jeweils viermal geht sie laufen in den zwei verbleibenden Wochen.

Jetzt muss man wissen, dass Deborah Balz keine Titeljägerin ist. Sie ist eine von uns, eine Spaßläuferin, allerdings auf hohem Niveau. Laufen ist für sie Lebensphilosophie, Siege können, müssen aber nicht sein. Deshalb macht sie jetzt das „Gschpunnenste“, das sie sich denken kann, sie geht in Biel an den Start, neugierig auf das, was kommt.

Mit einem Sieg rechnet sie nicht. Das kann gar nicht sein. Ein Rennen wie die 100 km in Biel gewinnt man nicht ohne gewissenhafte Vorbereitung.  Debi macht es wie immer, sie läuft ihr Rennen, lässt die anderen ziehen, kümmert sich nicht um ihre Platzierung, hört nur auf ihren Körper. In Aarberg liegt sie deutlich zurück, in Kirchberg aber bereits in Führung. Und das Beste: Sie sieht gut aus.  Sie nimmt sich Zeit für eine ausgiebige Verpflegung,  rennt weiter.

Bruno redet ihr zu. Lauf, Debi, lauf. Und Debi läuft, ist selber gespannt, wie lange sie durchhält. Km 80, es geht hinunter nach Arch. Wo sie es letztes Jahr locker laufen ließ, muss sie jetzt kämpfen. Ihre Beine wollen nicht mehr. Kein Wunder. Aber die letzten 20 Kilometer will sie auch noch schaffen. Das bekannte Spiel beginnt: Hören die Beine auf den Kopf, oder der Kopf auf die Beine? Der Kopf gewinnt. Sie läuft weiter, kämpft wie ein Löwe. In Büren a. A. (km 90)  liegt sie sogar noch gut 4 Minuten vor der Deutschen Branka Hajek.

Aber als Beobachter sieht man, sie ist frischer, viel lockerer als Debi. Und jeder, der schon einmal 100 Kilometer gelaufen ist, weiß, dass die letzten 10 Kilometer eine ewig lange Distanz sind. Und Debi weiß es auch, weiß, dass sie keine Chance hat, wenn ihre Konkurrentin fit ist. „Lauf, Debi, lauf“, motiviert sie Bruno, „und wenn sie Dich überholt, trabe locker weiter ins Ziel“.

Und irgendwann passiert es dann.  „Branka zieht mit Karacho vorbei, dass ich auch mit einem Schnellzug keine Chance gehabt hätte“, sagt sie später. Man muss wissen, Debi ist Lokomotivführerin. Fast denkt sie „endlich“ und ist erleichtert. Es ist vorbei. Sie kann sich darauf konzentrieren, ins Ziel zu kommen.   Und das schafft sie auch. 8:51 Stunden, unglaublich. Zweiter Platz in der Gesamtwertung, aber Erste bei den Schweizer Meisterschaften.

Debi hat gewonnen. Von wegen, die Zweite ist die erste Verliererin. Verlierer ist, wer sich so fühlt.

Herzlichen Glückwunsch allen Finishern, sie alle sind Sieger.

Auszug aus der Ergebnisliste

100 km Männer

1. Girardet David,  Belfaux                   7:31.01,0     
2. Gröbli Adrian,  Oetwil an der Limmat       7:31.36,6 
3. Uebersax Dan,  Homburg                     7:36.48,4  

100 km Frauen

1. Hajek Branka,  D-Ludwigsburg               8:46.29,4
2. Balz Deborah,  Grub SG                     8:51.42,6    
3. Braun Marion, D-Simmerath                  9:09.45,4   

.........

6. Keller Jacqueline, Gebenstorf               9:16.37,8

Schweizer Meisterschaft Ultralauf
Männer

1. Girardet David,  Belfaux                   7:31.01,0     
2. Gröbli Adrian,  Oetwil an der Limmat       7:31.36,6 
3. Uebersax Dan,  Homburg                     7:36.48,4  

Frauen

1. Balz Deborah               Grub SG         8:51.42,6    
2. Zimmermann Denise          Mels            9:11.53,0    
3. Sommer Daniela             Sempach         9:14.57,9    
4. Keller Jacqueline, Gebenstorf               9:16.37,8

Marathon
Männer

1. Larizza Filippo,  Schüpfen                 2:59.48,5 
2. Righetti Sandro,  Burgdorf                 3:04.09,8 
3. Leidinger Patrick,  D-Dillingen            3:05.46,5 

Frauen

1. Dubach Jane,  Susten                       3:27.38,6 
2. Aeberhardt Regine, , Kirchberg BE          3:34.14,8
3. Bethke Ricarda,  Zuchwil                   3:35.05,0

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Informationen: Bieler Lauftage
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