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Gruß an Eberhard O. aus S.

10.08.10
Quelle: Bernhard Sesterheim

Morgendlicher, sommerlicher Trainingslauf mit Birgit verbunden mit einem Deja-Vue-Erlebnis - „Bedenke, dass Du sterblich bist!“

Ca. 10 Minuten sind wir jetzt langsam bergauf joggend unterwegs, und es ist geplant, einen 1-stündigen Lauf in einem Rundkurs über die Tarforster Höhe bei Trier zu absolvieren, als Birgit mich auf eine kleine Burg, die idyllisch auf der Spitze eines Weinberges steht  und ca. 2- 3 km von unserem jetzigen Standort entfernt ist, aufmerksam macht:

„Es ist nach dort eine landschaftlich sehr schöne Strecke, die durch einen kleinen Weiler, durch Wald und Weinberge führt. Sicherlich wird sie Dir gefallen und es ist nur unwesentlich weiter zu laufen, als das was wir vorhaben. Aber ich kann mich nicht so gut orientieren und finde wahrscheinlich den Pfad durch den Wald nicht!“

Mein nicht gerade unterentwickeltes Selbstvertrauen in Orientierungsfragen flankiert mit einem gewissen Anteil von männlichem Imponiergehabe lässt mich antworten: „Klar doch, das dürfte kein Problem sein. Ganz bestimmt werde ich als ehemaliger Einzelkämpfer den Weg dorthin finden“.

Der Weg zwischen Feldern mit erntereifer Gerste und Weizen sowie blühenden roten Mohn- und blauen Kornblumen ist mit  fußhohem Gras bewachsen, das noch die Nässe des nächtlichen Regens in sich birgt. Innerhalb von Sekunden durchdringt diese Nässe die Laufschuhe und Strümpfe, was mich in keiner Weise stört, da uns ja nur ein Kurzstreckenlauf von ca. 10 km bevorsteht.

Bald sind wir in dem vorhin besagten Weiler angekommen, der auf einem Hochplateau, umgeben von wilden Hecken, Wald und Wiesen liegt. Es ist eine perfekte Landidylle, nicht mehr als 3 km Luftlinie von der Universitätsstadt Trier mit seinen knapp über 100.000 Einwohnern entfernt. Erwähnenswert erscheint mir, dass Trier einzigartig auf der Welt ist, denn vor 2.000 Jahren beherbergte das damalige Augusta Treverorum als Roma secunda die gleiche Anzahl Bewohner.

Es sind weniger als ein Dutzend perfekt restaurierte alte Bauernhäuser mit schönen, gepflegten Blumen- und Gemüsegärten, teilweise umgeben von alten Obstbäumen an denen wir jetzt gemächlichen Schrittes vorbeilaufen.  Birgit hat Recht, es gefällt mir tatsächlich sehr gut hier und ein wehmütiges Gefühl keimt in mir auf; denn ich hatte vor Jahren auch auf einem ähnlich idyllischen Platz gelebt. Meine andere Gehirnhälfte, und zwar die Ratioseite meldet sich glücklicherweise sofort: „Willst Du tatsächlich wieder den Großteil Deiner Freizeit mit Gartenarbeit etc. wie damals verbringen?“ 

Und sofort bin ich wieder in meiner jetzigen Welt angekommen, denn genau das will ich nicht mehr, denn diese anheimelnden und gepflegten Blumen- und Gemüsegärten würden sich heute unter meiner Obhut sehr schnell zur Wildnis zurückentwickeln…

Innerhalb weniger Minuten haben wir die Siedlung hinter uns gelassen und gelangen durch einen schmalen Niederwaldpfad zu einer breiten betonierten Straße. Sie erweist sich als Panzerstraße, die zu einem eingezäunten militärischen Sperrbezirk der Bundeswehr führt. Wir könnten zwar auch auf einem mit Gras bewachsenem Weg, der parallel daneben verläuft weiter traben; jedoch vor kurzer Zeit muss darauf eine große Herde Schafe unterwegs gewesen sein, denn auf Schritt und Tritt sind wir jetzt mit erheblichen Mengen schaflicher Stoffwechselendprodukte konfrontiert.

Wir laufen auf der Panzerstraße, die jetzt leicht ansteigend  ca. 1 km bis zur nächsten Kurve führt. Ich weiß aus Erfahrung, dass Birgit nicht die große Liebe zu langen Straßenabschnitten entwickelt hat und glaube auch schon erste Anzeichen von Verdruss in ihren Gesichtszügen zu erkennen. Egal, nach der Kurve geht es weiter, und noch immer kommt kein Weg oder Pfad, der in Richtung Burg führt.

Wie von mir befürchtet höre ich die schon murrende Stimme von Birgit: „Das ist nicht der richtige Weg zur Burg!“  „Stimmt wohl, aber ich habe noch keinen abzweigenden Weg erkennen können, er wird noch kommen“ gebe ich zu verstehen.

Widerwillig und in den Gehschritt fallend folgt sie mir doch noch so ca. 3 km. Der Wald links von uns lichtet sich nun und wir haben freie Sicht auf Wiesen und Weinberge und den tief unter uns liegenden Trierer Stadtteil Kürenz. In ca. 2 km-Entfernung kann ich einen Feldweg ausmachen, der die Weinberge in Richtung Burg hinabführt.

Ich mache sie auf diesen Weg aufmerksam und schlage vor, dorthin zu laufen.
„Das ist doch alles viel zu weit. Wir haben doch gar kein Wasser dabei!“ grantelt Birgit. „Es ist ja gar nicht heiß und wir brauchen  kein Wasser“ antworte ich.

Wir verlassen die Panzerstraße und traben auf einem Pfad, der tunnelartig durch undurchdringlichen Buschwald, der vornehmlich aus Eschen besteht, führt. Nach einiger Zeit erreichen wir einen sehr gepflegten Weinreben-Steilhang und sehen dann die Burg in ca. 2 km Luftlinien- Entfernung.

„Siehst Du, wir sind ja viel zu weit daran vorbeigelaufen!“ höre ich mit mürrischem Unterton. Ich gehe nicht darauf ein und schlage vor, den steilen Weinberg hinabzusteigen, um dann auf den Weg zu gelangen, der sicherlich zur Burg führen wird.

Beim Abstieg ist ein wenig Anstrengung vonnöten und als dann der unterhalb führende Weg erreicht ist, muss ich leider feststellen, dass er nur rings um den Weinberg führt. Es gibt keinen Abzweig zur Burg. Stattdessen bildet ein dorniger Schlehensekundärurwald ein unüberwindliches Hindernis. Es nützt nichts, wir müssen wieder den steilen Weinberg  zurück zur von Birgit ungeliebten betonierten Panzerstraße.

Ganz neue Töne muss ich mir jetzt von meiner sonst so lieben Birgit anhören. Sie beschimpft mich jetzt lautstark. Es ist ein deja vue –Erlebnis, das ich des Öfteren schon bei Stresssituationen meines guten Lauffreundes Eberhard O. aus S. erfahren musste.

Als wir dann wieder die befestigte Straße erreicht haben, bin ich zwischenzeitlich mehrmals in den „Genuß“ weiterer „eberhardender“ Ausfälle von Seiten Birgits gekommen.

Noch einmal betrachte ich mir den Platz unter uns genau und glaube, jetzt links von einer Waldwiese eine tunnelartige Öffnung in den dichten Naturwald zu erkennen. So ca. 100 m laufe ich nach unten, und tatsächlich gibt es hier einen Pfad, den schon seit längerem kein Mensch mehr betreten hat.

Ich winke Birgit zu, die auf der Straße zurückgeblieben war und ohne den kleinsten Anschein von Begeisterung folgt sie mir nun auf dem Pfad, der nach meinem Orientierungsvermögen unbedingt zur Burg führen muss.

Ca. 1 km bewegen wir uns jetzt auf diesem von der Natur langsam  zurückeroberten Dornenweg weiter. Das „Eberharden“ von Seiten Birgits hat noch kein Ende gefunden. Schließlich erreichen wir einen breiteren Weg, der noch von anderen Menschen frequentiert wird.

Das Granteln meiner Gefährtin wird erkennbar weniger…Und  hinter einer Kurve stehen wir plötzlich vor der Burg. Wir genießen den schönen Panoramablick auf die darunter liegenden Weinberge,  Kürenz, den gegenüberliegenden Petrisberg und die futuristisch anmutende Trierer Universität.

Der Weg zurück ist leicht zu finden und auch Birgit bekannt. Deren Gesichtszüge entspannen sich zusehends und auf meine Frage, ob es ihr jetzt gut gehe, bejaht sie, was mich freudig stimmt.

Weiterhin freue ich mich, dass ich jetzt schon das 2. Mal in Folge endlich wieder schmerzfrei laufen kann. Seit dem  80 km-Fidelitas-Nachtlauf plagten mich starke Schmerzen unterhalb des Knies. Als ich vor wenigen Wochen wegen eines Zeckenbisses zum Arzt musste, war ich doch etwas ins Zweifeln geraten; denn als ich ihn beiläufig fragte, ob dieser Schmerz vielleicht ursächlich mit einer Arthrose zusammenhängen könnte, musste ich hören:

„Warum soll das keine Arthrose sein! Natürlich ist es eine Arthrose; ich sehe gerade auf dem Bildschirm, dass Sie 1945 geboren sind, also bald 65 Jahre alt werden. Ich bin 44 Jahre und habe auch Arthrosen und schon leichte Gefäßverengungen. Glauben Sie denn, Sie wären mit Ihrem Supersport unsterblich?“

Auf den „Supersport“ kam er wohl, weil ich mit dem Finishershirt eines harten Ultra-Marathons bekleidet war und er, obwohl er früher Stabsarzt bei der Bundeswehr war, heute bei Römerfestspielen in der alten Römerstadt Trier gut in die Rolle des Weingottes Bacchus passen würde, denn sein körperliches Erscheinungsbild lässt ihn als Bonvivant erkennen und eine gewisse Ähnlichkeit in Sachen Leibesfülle mit dem südasiatischen Religionsgründer Buddha ist nicht zu übersehen.

Kurz vor unserer Wohnung umarmt mich Birgit und bedauert ihr zurückliegendes gegen mich temporär nicht so freundliche Verhalten und gelobt, mir in Zukunft nicht mehr „den Eberhard zu machen“.

Aus dem geplanten 1 h-Lauf war ein 3 h-Lauf geworden, der dann letztendlich doch ein schönes Ende nahm.

 
 

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