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„Das geht doch auch ohne diese Quälerei!“

07.07.10
Quelle: Joachim Ewen

Es ist Sonntagnachmittag, der 25.04.10. Ich liege platt wie eine Flunder auf dem Rasen des Heinz-Heyer-Stadions in Dresden und habe gerade den längsten Marathon meiner Läuferkarriere beendet. Aus den geplanten 4:20 Stunden sind satte 4:53 Stunden netto geworden.

Bis zum Halbmarathon lief alles wie am Schnürchen. Bei Kilometer 27 war ich platt. Akku leer, fertig, finito. Normalerweise kam der Mann mit dem Hammer mich zwischen Kilometer 28 bis 32 besuchen, hat kurz sein Instrument gezeigt und war wieder verschwunden.

Beim Rest vom Fest war heute Wandertag angesagt, mit ein paar letzten, trotzigen Läufchen aufgelockert. Alles in allem eine bestenfalls unschöne Quälerei.  Seit dem weiß ich, dass ein Marathon in fünf Stunden schwerer sein kann als einer in vier Stunden.

Mag sein, dass das ein oder andere Bier am Abend zuvor den Aufenthalt in der Dresdner Altstadt zu sehr verschönt hatte. Wieder zu Hause angekommen begann ich, mir ernsthafte Gedanken zu machen, warum meine Marathonvorbereitung diesmal so gründlich in die Hose gegangen ist.

Als langjähriger engagierter Läufer für den um die 2.000 Laufkilometer im Jahr nichts Außergewöhnliches sind, hatte ich mich natürlich auch mit den Laufgurus und deren Theorien beschäftigt. Egal ob Greif, Steffny oder Marquardt, ich hatte ihre Bücher gelesen wie die Bibel; von Wessinghage und Steffny habe ich mir Vorträge angehört und zusammen mit den anderen Zuhörern an den Lippen der Meister geklebt.

Verdammt, theoretisch hatte ich alles richtig gemacht. Warum komme ich läuferisch nicht mehr auf einen grünen Zweig? So wirklich hoch haben meine grünen Zweige eh´ nie gehangen, aber nur noch im läuferischen Unterholz herum zu grasen macht auch nicht eitel Freude.

Anstrengen? Gerne! Mal an die Grenzen herangehen? Why not! Etliche Stunden lange, langsame Läufe, nur ich, Natur, Gedanken, Musik? Her damit!
Quälen? Über Stunden? Nö, brauche ich nicht!

Also muss eine  Lösung her. Irgendwo in den läuferischen Weiten muss es ja eine Lösung geben. Um es mit den Worten von Walter Moers zu sagen „Bin auch ganz zuversichtlich, eigentlich!“.

Zwei unmittelbar hintereinander folgende Infektionen fünf Wochen nach Dresden kicken mich erst mal ins Aus, geben mir aber Zeit nachzudenken. Letztendlich komme ich zu dem Schluss, dass ich doch sowieso ein eher visueller Typ bin. Ergo: Weg von den Büchern, hin zu einem der Ahnung hat. Laufdiagnostik ist angesagt.

Als eifriger Marathon4You-Leser kenne ich die Rubrik von Andreas Butz. Etliche seiner Trainings- und Ernährungstipps habe ich gelesen. Außerdem habe ich vor Jahren einmal mit dem Gedanken gespielt, bei einem der von ihm veranstalteten „Quassel-Marathon“ mitzumachen. Von daher weiß ich, dass Andreas seine Zelte nicht ganz so weit von meinen entfernt aufgestellt  hat.  Also: Es wird nicht lange gefackelt und Andreas angeschrieben.

Knappe 3 Wochen später stehe ich vor einem Einfamilienhaus in Euskirchen; Laufklamotten unter dem Arm, Ehefrau als Verstärkung und Rückendeckung im Gefolge.

Andreas begrüßt uns herzlich und verkündet zu meiner Erleichterung, dass wir uns gleich in den Keller verziehen um mich dort auf einem Laufband zu deponieren. Bei den aktuell angesagten Temperaturen von irgendwas über 30 Grad schon mal ein guter Anfang.

Zuerst sind aber das Ausfüllen eines mehrseitigen Fragebogens und ein Vorgespräch angesagt, in dem es um meine körperlichen und läuferischen Befindlichkeiten geht. Neben meinen bisherigen „Erfolgen“ will Andreas auch von mir wissen was ich mir für meine läuferische Zukunft so vorstelle. Alles in allem brauchen wir knappe 15 Minuten, dann gehe ich mich umziehen und wir verschwinden in den angenehm kühlen Keller.

Nach einer kurzen aber völlig ausreichenden Einweisung in das Laufband – ich hab nie zuvor auf einem gestanden – pikst mir Andreas ins Ohr und nimmt das erste Mal meinen Laktatwert.

Ich erfahre weder jetzt noch bis zum Ende des Tests was das Gerät anzeigt. Gleiches  gilt für meinen Puls. Ich trage zwar einen Brustgurt, Andreas hat den Empfänger aber so ausgerichtet, dass ich auch diesen Wert nicht sehen kann. Klar, er will erreichen, dass ich mich nicht von meinen Werten ablenken lasse oder mich gar daran orientiere und damit das Testergebnis verfälsche.

Los geht´s.  Zum Warmwerden sind erst mal drei Minuten lang zarte 8 km/h angesagt, an deren Ende Andreas ein weiteres Mal den Laktatwert bestimmt. Darüber hinaus will er von mir anhand einer Skala von acht bis zwanzig wissen wie ich mich fühle. Pillepalle. Eigentlich will ich „zwei“ sagen, aber da die Skala erst bei „acht“ beginnt entscheide ich mich vorsorglich für „neun“. Andreas grinst mich an, ich grinse zurück. Ich befürchte, er hat mich durchschaut.

Über 9,5 km/h und 11 km/h kommen wir zur nächsten Stufe. Umgerechnet auf 10 Kilometer würde ich jetzt knapp 55 Minuten brauchen. Gegen Ende der Sequenz ist Andreas so nett, mir ein Handtuch zu reichen, damit ich mir den Schweiß aus dem Gesicht wischen kann.

Auch jetzt wieder 10 Sekunden Pause, Laktatwert bestimmen, weiter geht´s.  14 km/h bedeuten einen Halbmarathon in etwa  1:48 Stunden zu finishen. Ich brauche das Handtuch jetzt öfters und freue mich so langsam auf das Bestimmen meines Laktatwertes.

Finale. Andreas kurbelt das Laufband auf einen Wert von 15,5  km/h. Marathonendzeit wäre bei dieser Geschwindigkeit so um die 3:30 Stunden. Bis kurz vor dem Platzen renne ich in Richtung des großen Fensters. Nur ja nicht auf die Uhr schauen, nur rennen. Als mein Magen anfängt sich zu melden weiß ich aus Erfahrung, dass ich bei meinem Maximalpuls und dem Ende der Testreihe angekommen bin. Mein Weibchen schaut angenehm besorgt in meine Richtung, das tröstet mich.

Während ich langsam noch ein paar Minuten auf dem Laufband herum trabe, beginnt Andreas bereits mit der Testauswertung. Bis ich ausgeschwitzt und anschließend geduscht habe, ist er gerade so mit seiner Auswertung fertig.

Zunächst zeigt mir Andreas die Werte anderer Läufer, um mich mit den unterschiedlichen Verläufen der Datenreihen vertraut zu machen. Dann wird es spannend, denn auf dem großen Monitor erscheint meine eigene Laktatkurve. Ich bin herb enttäuscht. Jahrelanges Training und dann ein Kurvenverlauf wie bei einem  Laufanfänger. OK, optimistisch gesehen kann ich länger und weiter laufen als ein Anfänger, aber trotzdem. Das habe ich nicht erwartet.

Andreas päppelt mich wieder auf. Scheinbar ist in meinen bisherigen Trainingsplanungen irgendwo ein Kardinalfehler enthalten. Darüber gilt es nachzudenken. Auf alle Fälle habe ich nun dank der angefallenen Daten und Andreas` plausibler Erklärungen eine solide Grundlage, um darauf eine neue Trainingsplanung aufzubauen.  Damit das ganze Hand und Fuß hat werde ich mir jedenfalls für meinen nächsten Marathon Anfang Oktober in Essen von Andreas einen auf die aktuellen Testergebnisse abgestimmten Trainingsplan aufstellen lassen.

12 Wochen nach der heutigen Leistungsdiagnostik werde ich dann noch einmal nach Euskirchen fahren und mir auf dem Laufband die Kanne geben. Bis dahin sollte sich mein veränderter Trainingsablauf schon positiv bemerkbar machen. Ich bin jedenfalls jetzt schon gespannt wie ein Flitzebogen, nicht jeden Tag macht man sich zum Versuchskarnickel in eigener Sache. Es wird etwas zu berichten geben.

 
 

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