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Dirk's Weihnachtsgeschichte

01.12.09
Quelle: Dirk Liedtke

Du sollst nicht stehlen

„Oh du fröhlichehe, oh du seeligehe gnadenbringende Weihnachtszeit…“, klang es erwärmend aus dem Lautsprecher am Binzer Weihnachtsmarkt, welcher mit „Engel und Licht am Meer“ passend umschrieben wurde. So reiten sich im Parkareal an der Putbusser Straße zwischen evangelischer und katholischer Kirche glitzernde und duftende sowie von Menschentrauben belagerte Buden.
„Fangen wir gleich mit einem Glühwein an?“, schlug Christine fröstelnd vor.
„Aber gern“, erwiderte ihre gerade erwachsen werdende Tochter Manuela.
„Gleich hier vorn gibt es auch heißen Caipirinha“, sagte Vater Karsten und stellte sich gleich an.

„Zu dumm“, bemerkte er alsbald seine Jackentaschen durchsuchend. „Habe ich doch glatt mein Portemonnaie im Hotel liegen lassen.“
„Ganz schön leichtsinnig“, meinte Christine kopfschüttelnd.
„Ich hab nur fünf Euro dabei“, erklärte Manuela.

„Das reicht nur für euren Glühwein. Ich gehe schnell zurück“, sagte Karsten und machte sich auf den Weg. Er eilte die Elisenstraße entlang und bog die festlich geschmückte Hauptstraße hinauf. Erst auf der Strandpromenade verfiel er in einen verhaltenen Schritt. Was sollte er auch wie ein gehetztes Tier ins Hotel stürmen und damit nicht nur unnötig auf sich aufmerksam machen, sondern auch noch die allseits verbreitete besinnliche Adventszeit stören?

Nach einigen Minuten betrat er das Hotel. Die Rezeption war nicht besetzt. Gut, dass er es auch vergessen hatte, die Zimmerchipkarte dort abzugeben. Diese trug er bei sich in der Jackentasche. Er forderte den Fahrstuhl an. Als der nicht kommen wollte, nahm er die Treppe in Angriff. Karsten hatte gerade die ersten Stufen erklommen, da kam der Fahrstuhl. Vom ersten Treppenabsatz zurücksehend sah er ein fein ausstaffiertes Paar mittleren Alters vor die Rezeption treten. Der Mann rief „Hallo.“ Da sich nichts rührte, legte die Frau die Zimmerchipkarte auf dem Tresen ab und ließ sich, von ihrem Mann untergehakt, aus dem Hotel führen. 

Das fand Karsten nun ziemlich leichtsinnig. Konnte doch irgendjemand die Chipkarte an sich nehmen und das Zimmer nach brauchbarem Diebesgut durchsuchen. Eine Vorstellung setzte sich in Karsten fest: Er könnte derjenige sein. Es war weniger die Gier, sondern mehr der Reiz, in dem Zimmer der Leute nachzusehen. Schon stieg er den Treppenabsatz hinunter. Karsten könnte ja behaupten, vermeintlich seine eigene Karte gegriffen zu haben. Ein Irrtum, soso. Aber es kam niemand. Flugs war die Karte in seiner Jackentasche verschwunden und er betrat den Fahrstuhl. Verstohlen lüftete er die Karte und entzifferte die Zimmernummer: eine drei vorn. Karsten drückte die nötige Taste.

Auch auf dem Flur war niemand. Jetzt könnte er noch behaupten, versehentlich in der falschen Etage gelandet zu sein. Soll doch vorkommen, nicht? Es war das erste Mal, dass er dergleichen vor hatte. Er zögerte. Aber die Sache war zu spannend, war zu weit vorgeschritten. Außerdem, ein paar – vielleicht großzügige – Weihnachtsgeschenke mehr für Manuela und Christine wären nicht zu verachten. Das war der Reiz, war die ihn sich selbst entschuldigende Rechtfertigung.

Er klopfte an die Zimmertür, horchte, ob vielleicht noch jemand da sein mochte. Stille. Die Chipkarte schob sich ins Fach, die Tür öffnete sich.

Im Zimmer war es schummrig dunkel. Doch Karsten unterließ es, das Licht einzuschalten oder die Vorhänge aufzuziehen. Seine Argusaugen suchten zunächst Kommoden, Tische, Betten ab. Außer ein paar Klammotten fand er nichts. Er zog sich seine Handschuhe an, öffnete den Kleiderschrank, die Nachtischschubladen, ging sogar ins Bad. Nirgends Schmuck oder Wertgegenstände, nicht einmal eine Uhr, auch kein Laptop und kein MP-3-Player. Natürlich auch kein Bargeld. Enttäuscht wandte er sich zum Gehen. Wenigstens den teuren Blazer und die Lederstiefel konnte er ja mitnehmen.

Doch als er aus dem Bad zurück ins Zimmer trat, stand da plötzlich jemand in der dunklen Ecke neben dem zugezogenen Terrassenfenster. Karsten hatte keine Ahnung, wie lange der da schon stand. Vielleicht die ganze Zeit, vielleicht erst seit kurzem. Aber Karsten hatte doch die Zimmertür hinter sich zugezogen und bei der Ruhe im Zimmer hätte er es eigentlich hören müssen, wenn jemand hereingekommen wäre. Fenster und Terrassentür waren doch auch verschlossen. Also war der Typ die ganze Zeit anwesend. Eine peinliche, eine brenzlige Situation. Immerhin beruhigte es Karsten, dass es nicht der Zimmermieter oder ein Hotelangestellter war. Denn der da stand machte selbst nicht nur einen einfachen, wenn nicht gar ärmlich oder abgewrackten Eindruck, sondern er verhielt sich zudem ungemein passiv, zurückhaltend, ängstlich. Aus weit aufgerissenen Augen sah der in eine zerschlissene Kutte gehüllte Typ zu Karsten hin. Die langen zerzausten Haare schienen sich fast zu sträuben. Karsten hatte keinen Zweifel mehr: der Typ da war selbst ein Einbrecher und glaubte in Karsten den Zimmermieter vor sich zu haben. Karsten spürte, diese momentane Überlegenheit ausnutzen zu müssen, um selbst heil aus der Sache herauszukommen.

„Was machen Sie denn hier?“, fragte er entrüstet.
Der Typ regte sich kaum. Nur Kopf und Schultern zuckten, der ängstlichen Gewissheit, ertappt worden zu sein, wegen.

„Hab ich sowas schon erlebt?“ Karsten stemmte sogar die Hände in die Hüfte. Erst jetzt hatte er den grobleinenen Umhangbeutel des Typen ausgemacht. Dieser war prall gefüllt, wahrscheinlich mit Diebesgut. Als Karsten entschlossen auf den Typen zutrat, setzte der sich in Bewegung. War Karsten zu perplex oder lag es an dem entschlossenen, ihn zu durchdringen scheinenden Blick des Typen? Jedenfalls war der Typ mit einem Satz an Karsten vorbei und an der Tür.
Karsten starrte ihm hinterher, und wusste dann wohl selbst nicht, was er tat. Denn er eilte dem Typen nach und rief: „Haltet den Dieb!“

Doch da war niemand. Sie hetzten die Treppe hinab. Mann, war der Typ flink. Karsten war als Mittelstreckenläufer in der Seniorenklasse kein unbeschriebenes Blatt. Aber hier reichte ihm seine Konstitution nur, um an dem Typen dranzubleiben, ein bekam er ihn nicht.

Die Rezeption war noch immer nicht besetzt. Der Typ war schon an der Tür. Klar, gleich suchte der draußen das Weite. Einer Eingebung folgend legte Karsten die „geliehene“ Zimmerchipkarte wieder auf dem Rezeptionstresen ab, bevor er sich ebenso der Tür zuwandte.

Eigentlich hätte er den Typen jetzt ruhig ziehen lassen können, wäre doch besser für Karsten, wenn sie ihn nicht stellen würden. Aber vor der Tür stieß er auf die ihm bekannte Hotelangestellte von der Rezeption. Die junge Frau hatte gerade eine Zigarettenkippe im Ascher zerdrückt. Jetzt blickte sie in angespannter Haltung erst dem auf der Strandpromenade davoneilenden Typen nach, um dann Karsten, den heraus eilenden Verfolger, fragend anzusehen.

„Ein Einbrecher“, brachte Karsten knapp hervor. Dann lief er auch schon Seite an Seite mit der Hotelangestellten dem Typen nach und rief erneut: „Haltet den Dieb!“
Die meisten Leute jedoch machten dem davon preschendem Typen erschrocken Platz. Einigen wenigen, die die Situation erkannten und nach dem Typen griffen, wich dieser äußerst gewandt aus.  

„Na, den kriegen wir schon“, rief Karsten aus. Ehrgeiz und Jagdinstinkt gaben sich in ihm die Hand, dann ein weiterer Gedanke: Der Typ da trug einen vollen Beutel. Sicher hatte er bereits mit einem „Universalchip“ einige Zimmer durchsucht, auch ihr Zimmer. Mit Sicherheit trug er sein Portemonnaie mit davon: „Haltet den Dieb!“
Aber wo strebte er nur hin? Statt aus Binz hinaus, lief er auf der Strandpromenade direkt in das belebte Zentrum des Ortes hinein. Und niemand hielt ihn auf. Karsten blieb zwar dran, kam aber wirklich nicht näher. Die Hotelangestellte hing etwas zurück, dafür schlossen sich andere Passanten Karsten an. Als sie an der Hauptstraße angelangt waren, liefen dem Typen bald zehn Leute nach.

Ha, bald mussten sie ihn haben, denn er lief doch tatsächlich auf die Binzer Seebrücke zu. Spätestens am Ende der Brücke war für ihn Schluss, es sei denn, ein Komplize im laufenden Motorboot erwartete ihn dort. Doch das hielt Karsten für ausgeschlossen. Auf so einen wartete doch kein Motorboot, bestimmt nicht.

Auch auf der Brücke hielt den Typen niemand auf. Wirklich gekonnt schlug er um die Leute Haken, fast schien es, als liefe er durch einige hindurch. Eine ältere Frau hielt, nachdem der Typ sie so merkwürdig passiert hatte, verdutzt inne. Völlig entgeistert blickte sie ihm nach.

Dann war Schluss, jedoch nicht für den Typen, sondern für seine Verfolger. Als Karsten mit den Leuten am Brückenkopf angelangt war, hielten alle inne. Sie sahen dem Typen nach, wie er wehender Kutte und wehenden Haares über die Ostsee lief. Wirklich behände sprang er von Wellenkamm zu Wellenkamm und ließ auch in seiner Geschwindigkeit nicht nach.

Da hob sich unter den Leuten ein lautes Raunen und Rufen an. Fotoapparate klickten, Stimmen überschlugen sich. Nur Karsten stand ruhig und in sich gekehrt da. Als der Davoneilende weit draußen fast mit dem Horizont verschmolz, hatte Karsten ihm längst ein Dankgebet hinterhergeschickt. Karsten wandte sich um und drängte sich durch die angehäufte Menschentraube hindurch. Er musste sein Portemonnaie holen und auf den Weihnachtsmarkt.

 
 

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