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Am Anfang war der Wille …

30.06.10
Quelle: Bernhard Sesterheim

…etwas in Bewegung zu setzen. Und da sind wir schon beim Thema. BEWEGUNG  ist eine ganz wichtige Säule, auf der ein gesundes und glückliches Leben basiert.

Die Spezies Mensch ist von der Natur zum ausdauernden Laufen bestimmt, denn in der Frühzeit der Menschheitsgeschichte und das ist die längste Epoche in der Entwicklung zum modernen homo sapiens war es dem Menschen bestimmt, seine Nahrung als Jäger und Sammler zu erwerben – anders als heute, wo wir die Beute den Kühlregalen der Supermärkte entnehmen- er musste zumindest vor der Erfindung von Pfeil und Bogen dem Wild hinterher rennen, um es dann letztendlich mit Steinen oder Knüppel zu erlegen.

Und diese Gene, die sich im Laufe der Jahrhunderttausendealten Menschheitsgeschichte verfestigten sind in uns noch immer gegenwärtig. Klar doch, Rolltreppen, Lifte und Kraftfahrzeuge veränderten erst seit wenigen Generationen das Leben des modernen Menschen. Bürotätigkeiten am Schreibtisch, stehende Fließbandarbeiten oder das Sitzen des Bauern auf dem Mähdrescher sind Errungenschaften des 20. Jahrhunderts. Und diese Entwicklung hat ein Ausmaß angenommen, wovon unsere Vorfahren in der vorindustriellen Zeit vor über 200 Jahren nur geträumt hatten.

Das Märchen vom Schlaraffenland mit den Bildern von sehr wohlbeleibten Männlein und Weiblein, denen in genussvoll ruhender Weise gebratene Tauben in den Mund fliegen, wäre für sie zumindest in den Industriestaaten der 1. Welt kein Märchen mehr sondern Realität.

 
Bernhard Sesterheim
© marathon4you.de

Aber… wie wir alle wissen ist nichts schwerer zu ertragen als eine ganze Reihe von guten Tagen. Es scheint eine Gesetzmäßigkeit der Natur zu sein, die besagt, dass alles, was mit zu… beginnt, sich letztendlich ins Negative verkehrt. – zu viel, zu groß, zu lang, zu kurz etc.

Die moderne Medizin und Pharmazie hat in wenigen Jahrzehnten einen Leistungsstandard erreicht, der unseren Artgenossen im Mittelalter, die zum großen Teil von Seuchen und Lappalien dahingerafft wurden, geradezu himmlisch erscheinen würde.
Noch vor einem halben Jahrhundert wurde ein wohlbeleibter im Grunde adipöser Mann von der Mehrzahl der damals hageren Zeitgenossen als „gutaussehend“ bezeichnet, was übrigens in  der 3. Welt noch immer seine Gültigkeit hat.

Wir alle hier wissen, dass diese vordergründig eigentlich positive Entwicklung – Hungersnöte sind aus dem Bewusstsein des Europäers verschwunden – viele für unsere körperliche und seelische Gesundheit sehr nachteilige Nebenwirkungen gebracht hat. So viel „good time“ hat die Natur nicht vorgesehen!

Unsere auf Bewegung ausgerichteten Jäger- und Sammlergene melden sich. Für jeden auf eine andere Art und Weise, aber sie machen auf sich aufmerksam! Es liegt an uns, auf sie zu hören….

Und wir stellen fest, dass wir reich belohnt werden. Erfahren wir doch am eigenen Körper, wie es ist, nach einer relativ kurzen Zeit des Lauftrainings, in Glücksgefühlen wie in unserer Kindheit zu schwelgen.

Ich komme jetzt auf meine persönliche Entwicklung vom relativ bewegungsarmen, über 50 Jahren alten, am Schreibtisch arbeitenden Alltagsbürger zum Abenteuerläufer zu sprechen, der wirklich, was km-Umfang, Wege- und Temperaturbedingungen anbetrifft, überaus extreme Läufe in Wüsten, tropischen Urwäldern, auf Vulkanen und im Hochgebirge gemeistert hat.

Und ich bin der Meinung, dass ein jeder, der einen Marathon schafft, das auch kann, wenn er wirklich will. Allerdings sollte er sehr gut in sich selbst hineinhören, ob es für ihn persönlich wirklich bedeutsam und wichtig ist. Wird einem klar, dass er damit nur in ein Rollenspiel gerät, sollte er es nicht tun.

Denn der Wille kommt von wollen, und dieser kann im Bereich des Laufsports eine Eigendynamik entwickeln, von der Außenstehende noch nicht einmal träumen.

Als ich im Juni 2000 nach halbjähriger Vorbereitung (= von 0 auf 42) meinen ersten Wettbewerb, den Eifelmarathon bei Bitburg lief, hatte ich d a s Schlüsselerlebnis. Obwohl ich alle Fehler, die ein Marathondebütant machen kann, machte und bei km 28 glaubte, in der Hölle zu sein, lernte ich dann die enorme Kraft des Willens kennen und beim Zieleinlauf glaubte ich, die Himmelspforte zu durchschreiten. Es waren Gefühle, die man mit Worten nur sehr schwer beschreiben kann. Am nächsten Morgen ging ich die Treppe rückwärts nach unten und dieses grandiose Hochgefühl, etwas ganz Besonderes geleistet zu haben und über sich selbst hinaus gewachsen zu sein, blieb auch den ganzen Tag noch in mir.

Schon damals war mir klar, dass ich einen Schlüssel zu einer Schatztruhe (= den Schlüssel zum besseren Leben) gefunden hatte.

Allerdings muss ich dazu noch betonen, dass ich keinesfalls hiermit empfehle, mit der Vorbereitungszeit nur eines halben Jahres, einen Marathon zu laufen. Ich wusste es damals nicht besser. Über ein Jahr Marathontraining ist nach Sicht von Sportmedizinern das Mindeste an Vorbereitungszeit, wie ich zwischenzeitlich erfahren habe.

Parallel zu meinem Lauftraining ca. 40 – 50 km die Woche veränderte ich meine Ernährungsgewohnheiten. Der Konsum von Gemüse, Obst, Kartoffeln und Reis sowie Seefisch erhöhte sich zu Lasten von Wurst, Fleisch und Süßigkeiten, was sich dann allmählich auf der Waage erfreulich positiv bemerkbar machte.

Im Erstlingsjahr meiner Laufkarriere lief ich dann 5 Marathons, wobei mir von Anfang an die Zeit nicht wichtig war. In der M 55 ist es, da bin ich sicher, auch nicht wichtig, als Anfänger nach Bestzeiten zu streben. Hätte ich 30 Jahre früher mit dem Laufsport begonnen, hätte ich das ganze sicherlich von einer anderen Perspektive gesehen.

Bei meinem 4. Marathon im Herbst 2000 in Frankfurt beeindruckte mich in der Gemeinschaftsdusche das Erscheinungsbild eines älteren Läufers, in dessen Gesicht schon etliche Jahresringe zu sehen waren, aber eine Figur abgab, die einem gut durchtrainiertem 45-Jährigem schmeicheln würde. Ich fragte ihn nach seinem Lebensalter, und die Antwort war: 81 Jahre. Und da wurde mir bewusst, wie positiv sich das Langstreckenlaufen auf die Kosmetik auswirken kann.

Im nächsten Jahr wurde ich mit dem Erreichen des Ziels in Schmiedefeld nach 72 km zum Ultraläufer. Hier machte ich eine neue Erfahrung, nämlich die, dass schon beim Start in Eisenach ein großer Teil der Läuferschar viel langsamer startete als bei normalen Marathons. …und das war ganz in meinem Sinn!

Im Februar finishte ich bei Tindouf in der Süd-West-Ecke Algeriens meinen ersten Wüstenlauf unter erschwerten Bedingungen; denn erst nach 20 km erhielten wir das erste Mal ausreichend Wasser….

Juni 2002 waren dann die 100 km in Biel an der Reihe, der mir unvergessen bleibt, denn nach 92 zurückgelegten km hatte ich das Gefühl, in der Körpermitte auseinanderzubrechen, und letztendlich triumphierte der Willen. Seither laufe ich die 100 km Biel jedes Jahr.

Ein sehr schönes Laufevent stellte im April 2003 der Marathon des Sables in Marokko dar, der durch eine der schönsten Wüstenlandschaften der Sahara führt. Hier lernte ich, dass man mit Willen auch schlimmste Schmerzen aushalten kann.

Oktober 2003 startete ich beim legendären Grand Raid de la Reunion, oder auch la Diagonale des Fous (Diagonale der Verrückten) genannt, ein Rennen, das die Energie von 5 Stadtmarathons erfordert und über 140 km auf zum größten Teil schwierigen Gebirgspfaden mit über 8.900 Höhenmeter rauf und runter sich erstreckt. Hier erfuhr ich, dass man mit einem aktivierten Willen auch dem Schlafbedürfnis trotzen kann.

Was mich an diesen Monsterläufen fasziniert, ist die Entdeckung des eigenen Ichs, die einhergeht mit allen Skalen die die menschliche Gefühlswelt bieten kann. Man fühlt sich als hochfliegender Adler, um dann kurze Zeit später zu einem Wurm zu werden…

Den Grand Raid de la Reunion habe ich mittlerweile schon 3 Mal erfolgreich zu Ende gebracht und habe vor, im Oktober dieses Jahres wieder daran teilzunehmen.

Ein weiteres Lauferlebnis, das bis zum Ende meiner Tage in sehr wohltuender Erinnerung bleiben wird, ist der Badwater-Ultramarathon an der Grenze Californien/Nevada, 217 km lang und immer Mitte Juli stattfindend. Er erhebt für sich den Anspruch, der heißeste Lauf der Welt zu sein, was mit Temperaturen von über 50 Grad auch sicherlich der Fall ist. Auch hier erfuhr ich, dass man im Lebensalter von 59 Jahren noch lange nicht zum alten Eisen gehört. Die Kombination von gutem Training und eisernem Willen macht auch eine solche Herausforderung, wobei nach Erreichen von 200 km bei den restlichen 17 km noch über 2.000 Höhenmeter zu überwinden sind, machbar.

Karl der Große hatte sicherlich bei der Kaiserkrönung im Jahre 800 in Aachen keine größeren Glücksgefühle…

Und noch etwas ganz Wichtiges: meines Erachtens sind diese Monsterläufe auch Erfüllungsgehilfen zur Steigerung des Selbstvertrauens; denn man sollte doch annehmen, dass man dadurch auch viel besser mit den Niederungen des Alltagslebens zurechtkommt und natürlich berufliche Herausforderungen besser meistert.

Mancher wird sich jetzt fragen, was so ein sich in den sechziger Jahren befindlicher Ausdauersportler an Nahrung zu sich nimmt. Nun, ich bin nach wie vor Gemischköstler, nehme also die gesamte Angebotspalette der mir zur Verfügung gestellten Nahrungsmittel zu mir, trinke in Maßen Bier und Rotwein und nehme außer Spirulina keine Nahrungsergänzungsmittel. Bei den Rennen haben sich die Gel-Chips von ULTRA-SPORTS bewährt, die ich bei Marathons nach ca. 30 km einnehme. Tatsächlich bringen mir 2 Stück davon hintereinander gegessen in Minutenschnelle neue Kraft, und ich kann wirklich wieder leichter laufen.

Von der Wirkung der Alge Spirulina platensis bin ich überzeugt, schon alleine weil ich festgestellt habe, dass meine Sehschärfe mit dem Konsum beeinflusst wird. Ich habe mal eine halbjährige Einnahmepause gemacht und dabei festgestellt, dass ich eine Lesebrille brauchte. Als ich dann wieder täglich Spirulina konsumierte, war nach kurzer Zeit die alte Sehschärfe wieder hergestellt…

Was mir noch bedeutsam erscheint zu erwähnen ist, dass ich Chili-Schoten fast täglich in selbst für vietnamesische Verhältnisse hoher Konzentration verzehre. Der Wirkstoff Capsaicin, der in den Perperonis enthalten ist, hat eine eigenimmunabwehrfördernde und schmerzstillende Wirkung. Die Kämpfer des Vietcong im Vietnamkrieg wurden auf ihren langen und entbehrungsreichen Märschen auf dem Ho-Tschi-Minh-Pfad stets gut mit diesen Schoten versorgt…

Eine weitere großartige Bereicherung meines Lebens ist praktisch die Potenzierung meiner sozialen Kontakte. Im Laufe der Zeit haben sich viele angenehme Bekanntschaften und sogar Freundschaften generationenübergreifend entwickelt, die durch Treffen bei den vielen Laufevents zustandekamen und weiter gepflegt werden.

Dieser wunderbare Ausdauersport, der uns beim Ausüben Glückshormone beschert, mehrt das Bedürfnis nach Harmonie und macht uns toleranter.

Ich bin sicher, die Führungseliten der Palästinenser und er Israeliten, würden sie zusammen Marathon laufen, würden das Wort Krieg bald nicht mehr benutzen.

Mittlerweile bin ich über 64 Jahre alt und fühle mich 10 Jahre jünger als vor 10 Jahren, bin von Krankheiten jeder Art bisher verschont geblieben und mein Wahlspruch lautet: DAS LEBEN IST SCHÖN.

Und ich bin sicher, dass ich vieles davon dem Langstreckenlaufen zu verdanken habe. Auch deshalb werde ich mit dem Bewährten fortfahren und mich jährlich der Herausforderung einer großen Ultralaufveranstaltung stellen. Dieses Jahr ist wieder die Teilnahme am Grand Raid in Reunion geplant, denn wie heißt es so schön: „Das Schiff im Hafen ist sicher, aber dafür wurde es nicht gemacht“!

Dieses Vorhaben kann natürlich nicht ausschließlich mit Willenskraft realisiert werden. Es gehört auch die Körperkraft dazu, die ich mir durch zahlreiche Marathon- und kleinere Ultramarathonläufe erhalte, die ich immer in meinem Rhythmus erschöpfungsfrei absolviere.

 

 
 

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