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The Holy Geck

19.12.08
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Der Wind streicht um seine Beine. Normalerweise findet er das angenehm, nur heute will keine so rechte Freude aufkommen. Das ist auch nicht sonderlich verwunderlich, zeigte doch sein Thermometer zu Hause 5 Grad an.

Er hatte gehofft, dass es besser werden würde, wenn er erst einmal laufen würde. Er hat zwar mittlerweile seine Betriebstemperatur erreicht, trotzdem ist ihm kalt. Außerdem ist es noch dunkel. Heute hat er bewusst eine frühe Zeit gewählt um nicht zu vielen Leuten zu begegnen.

Hart schlagen seine Füße auf dem Asphalt auf. Dabei spürt er beim jedem Auftritt einen harten Schlag. Keine Dämpfung, keine Stützung schützt seinen Fuß. Das ist laufen in seiner reinsten Form.

"Au" schreit er unvermittelt auf. Obwohl es sich um asphaltierten Weg handelt, liegen hier kleine Steine, die vom Rand auf den Weg geweht wurden. Einer dieser Steine hat sich schmerzhaft zwischen Fußsohle und Schuhsohle eingeklemmt und verursacht einen kurzen, aber heftigen Schmerz. Er hält an und entfernt schnell den Stein. Dann massiert er kurz seinen nackten Fuß und weiter geht es.

Vor sich sieht er eine Bus-Haltestelle, vor der ein paar Jugendliche stehen, die offenbar auf den Weg zur Schule sind. Kaum sehen sie ihn, beginnen sie zu johlen und zu pfeifen. "Hey, guckt euch den….." "Bruder, alles ….". Die Worte kommen nur als Fetzen beim ihm an. "Warum müssen die so früh zur Schule fahren?", geht ihm durch den Kopf. "So ein Mist, da war doch ein Fehler in meinem Plan". Er versucht, möglichst gleichmütig auszusehen und läuft mit der gebotenen Lässigkeit an ihnen vorbei.

"Heb doch mal das Röckchen" brüllt ihm der Größte von Ihnen entgegen und beginnt zu pfeifen. Geck versucht es zu ignorieren. Er hebt seine Kutte ein wenig an, wobei er sein muskulöses Bein leicht entblößt. Nun ist die Menge nicht mehr zu halten und ein lautes Lachen und Grölen begleitet ihn, während er seinen Weg fortsetzt.

Mittlerweile ist er fast zwei Stunden unterwegs und langsam wird es hell. Zu hell, wie ihm scheint. Während er in sich versunken vor sich hin trabt, bemerkt er vor sich ein junges Paar. Dem Aussehen nach zu urteilen sind es Japaner. Diese These wird noch dadurch unterstützt, dass bei jedem von ihnen eine Kamera um seinen Hals baumelt. Während er auf sie zuläuft, winken sie ihm zu und deuten ihm an, dass er anhalten soll.

Da er glaubt, dass ihm eine kleine Pause gut tun wird, hält er an und lächelt den beiden freundlich zu. "How do you do" begrüßen sie ihn. Er erwidert ein "How do you do" und lächelt zurück. "Sorry" fahren Sie fort. "Sorry. We are from Japan". Leicht grinsend merkt Geck, dass er Recht hatte. "We are in Germany for the first time. You wear a nice costume. Is this the time, you call 'carneval'?".

Er wusste es, dass eine solche Ansprache kommen würde. Er wusste es einfach. Und er antwortet nur kurz, bevor er sich sicherheitshalber wieder in den Laufschritt bewegt: "No. No carneval. I'm looking for the roots of running". Nun sieht er die beiden verwirrt. Das stört ihn aber nicht besonders und lässt sie mit offenem Mund einfach stehen.

Vor ihm liegt ein Kloster, das er umrunden muss um zurück nach Hause zu gelangen. Auf dem Feld vor dem Kloster sieht er einem Mönch, der zielstrebig auf ihn zukommt und ihn begrüßt. "Hallo Bruder. Aus welchem Kloster bist du denn?" fragt er und deutet auf Gecks Mönchsgewand. "Entschuldige. Ich bin kein Mönch und auch aus keinem Kloster". Dabei dreht er sich ab und läuft weiter. Zurück lässt er einen ratlosen Mönch.

Endlich ist er wieder zu Hause und schließt ermattet die Haustür hinter sich zu. Da taucht auch schon der Kopf seiner Frau Kati aus der Küche auf. Sie sieht ihn an, reibt sich die Augen und fängt dann laut an zu lachen. "Wie siehst du denn aus? Karneval ist doch noch nicht. Wieso trägst deine Karnevals Mönchs Kutte? Und wo sind deine Laufschuhe? Was sind das für komische Riemchen-Sandalen?" Sie scheint sich gar nicht mehr ein zu kriegen und wischt sich die Tränen aus den Augen.

"Schatz" beginnt er. Dabei versucht er, seiner Stimme einen ernsten Klang zu geben. "Schatz, ich habe einen Ausflug in die Vergangenheit gemacht. Back to the roots quasi. Gestern Abend fiel mir die Bibel in die Hand. Ich habe sie aufgeschlagen und wusste sofort, dass das Laufen keine neuzeitliche Erfindung ist."

Nun ist sie noch mehr verwirrt und sieht ihn nur mit irritiertem Blick an. Er geht an ihr vorbei ins Wohnzimmer und nimmt die Bibel zur Hand. Ein kleines Post-It klebt darin. Er schlägt die Stelle auf und reicht das Buch seiner Frau. Diese liest:

Die Knaben werden müde und matt, und die Jünglinge fallen; aber die auf den HERRN harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden. (Jesaja 40,31).

"Und dieses Erlebnis wollte ich haben. Ich bin gelaufen und gelaufen und nicht müde geworden. Ab und zu bin ich auch gewandelt. Nur mit dem Fliegen wollte das nicht so recht klappen. Ich habe nur versucht mich zur Erlangung dieses ursprünglichen Gefühls entsprechend anzuziehen. So wie es zu dieser Zeit üblich war. Da ich kein anderes Oberteil hatte, habe ich halt das Mönchskostüm angezogen. Und dann sind mir auch die alten Riemchensandalen in die Finger gefallen, die seit bestimmt 15 Jahren ihr kümmerliches Dasein im Schrank fristen."

Nun nickt sie wissend. "Ja. Du hast Recht. Auch damals wurde schon gelaufen." Nun nimmt er sie an die Hand, während er mit der freien Hand eine andere Stelle der Bibel aufschlägt und ihr vor die Nase hält.

"Zieh mich dir nach, so laufen wir." (Hohelied 1,4)

So wird es ein schöner und entspannter Morgen und er fühlt sich, als wäre er zu biblischen Zeiten bereits gelaufen. Und seine Frau nennt ihn nicht mehr "Running Geck", sondern "Holy Geck"

 

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