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Teatime

01.09.09
Quelle: Running Geck

Er sitzt in seinem Laden und wartet auf Kundschaft und irgendwie hat er das Gefühl, als würde der Tag nie enden, obwohl es schon später Nachmittag ist. Wie häufig hadert er mit sich, weil er ein schlechtes Gewissen hat, denn seine Laufaktivitäten sind in den letzten Tagen ein wenig zu kurz gekommen. Er streicht sich durch das kurz geschnittene Haar, während seine Augen die Aktivitäten vor seinem Geschäft betrachten. Es ist ein strahlend schöner Tag und es scheint mit der zunehmenden Dauer des Tages immer wärmer zu werden. Genau das falsche Wetter zum Laufen, zumindest sind seine Gedanken an vielen anderen Stellen. Er könnte sich jetzt vorstellen, auf der Terrasse zu sitzen, ein kühles Bier in der Hand und einen rauchenden Grill. Er seufzt, während sich draußen der Himmel spürbar verfinstert. Endlich ist es Zeit, den Laden abzuschließen und sich auf den Weg nach Hause zu machen, während sich der Himmel immer weiter zuzieht.

Er geht zu seinem Auto, einem alten Käfer, den er in all den Jahren so liebgewonnen hat, dass er sich nicht vorstellen kann, sich von ihm zu trennen. Er ist ihm so ans Herz gewachsen wie seine Frau Kati, die vermutlich auch längst zu Hause ist und auf ihn wartet. Er startet den Motor, macht das Radio an und fährt los. Kaum ist er unterwegs, hört er ein dumpfes Klopfen über sich. Bevor er sich noch Sorgen machen kann, klatscht es auch auf seine Windschutzscheibe. Regen! Aber nicht irgendein leichter Regen, sondern es scheint sich um ein heftiges Gewitter zu handeln, denn seine Scheibenwischer, die ja mit dem Auto in die Jahre gekommen sind, haben sichtbar Schwierigkeiten, die Scheibe freizuhalten.

Jetzt beginnt er zu strahlen und jeder, der ihn so sehen würde, würde vermutlich an seinem Verstand zweifeln, sind doch sonst alle froh, wenn das Wetter schön ist. Seine Stimmung steigt umso mehr, je näher er seinem Zuhause kommt.

Er nimmt sich gar nicht die Zeit, um etwas zu essen oder zu trinken, sondern stürmt direkt in den Keller. Dann nimmt er eine Flasche aus dem Regal, öffnet den Verschluss, schließt die Augen und nimmt einen tiefen Schluck. Zufrieden wischt er sich mit der rechten Hand den Rest aus dem Mundwinkel und greift dann nach seinen Laufklamotten. Er entscheidet sich für seine kurze Hose und sein ärmelloses Shirt an und greift sich seine Laufschuhe.

Er läuft los und der Himmel öffnet seine Schleusen immer weiter. Er kann kaum zehn Meter weit sehen, so dicht und stark ist der Regen. Aber er fühlt sich sauwohl und er hat den Eindruck, als würden die Tropfen scheinbar mühelos von seiner Haut verschwinden.

Einige Autos kommen ihm auf seiner Runde entgegen und die Fahrerinnen und Fahrer schauen ihn nur verständnislos an. Bis auf ein junges Pärchen, welches ihm beide Daumen nach oben zeigt. Das freut ihn, denn das sind wahrscheinlich auch Läufer und er fühlt sich verstanden.

Mehr als eine Stunde ist er unterwegs und schon seit geraumer Zeit fühlt er sich nicht mehr ganz so wohl. Er hat bereits zu zittern begonnen und seine Lippen haben schon eine leicht bläuliche Färbung angenommen, seine Hände und Füße fühlen sich an, als würden langsam aber sicher Schwimmhäute dazwischen wachsen. Und so ist er froh, als er wieder das Haus erreicht. Der Wagen auf der Einfahrt signalisiert ihm, dass Kati auch bereits zu Hause ist. Dies nimmt er allerdings nur schemenhaft wahr, so sehr zittert er mittlerweile. So braucht er auch einige Zeit, bis er es geschafft hat, den Schlüssel in die Tür zu bekommen.

Als er endlich drinnen ist, hört er aus dem Wohnzimmer die Stimme seiner Frau. "Ah. Da bist du ja. War heute so viel los, dass du länger auflassen musstest?" "Ne, nein" kommt es ihm schwer über die Lippen und er hat Mühe, sein Zittern, das sich auch auf seine Stimme auswirkt, zu unterdrücken. "Ich war lau..lau..laufen" stottert er. Da sieht er Kati's Gesicht, wie es ungläubig oder soll er sagen, fassungslos, um die Ecke guckt. "Du warst laufen?" Ihre Stimme klingt irgendwie scharf. "Bist du von allen guten Geistern verlassen? Es regnet in Strömen. Ich überlege, ob wir eine Arche bauen sollten und du gehst laufen?"

"Jaaa. Aber ich - ich habe, ich habe doch vorgesorgt. Lotus-Effekt - du verstehst?" Offenbar versteht sie ihn nicht, denn sie schüttelt nur den Kopf, dass ihre dunklen Haare nur so um den Kopf fliegen. "Lotus-Effekt?"

"Ja. Du kennst doch diese Werbung - die mit der Nanotechnologie. Wasser perlt ab und so. Das wollte ich probieren." Irgendwie beschleicht ihn das Gefühl, dass er das besser nicht gesagt hätte, denn ein wirklich verständnisvoller Blick sieht anders aus. "Ah ja. Und dann bist in dieses Car-Center gegangen und hast dich lackieren lassen wie eine Windschutzscheibe, richtig?" Die Ironie ihrer Worte ist nicht zu überhören.

"Nein. Ich bin doch nicht blöd." Jetzt ist es ihm, empört zu sein. "Ich wollte nur den Effekt. Vor einigen Tagen hatte ich mir Lotustee gekauft, zubereitet und dann abgefüllt, weil es zu heiß für Tee war. Den habe ich vorhin getrunken und bin gelaufen. Aber irgendwie habe ich das Gefühl, diese Nanotechnologie ist Mist. Ich friere und nass bin ich auch, kein Abperlen. Ich glaube, ich gehe besser erst einmal duschen."

Kati schaut ihn ungläubig an, bevor sie zu prusten anfängt. "Lotustee. Mensch. Die produzieren nur etwas, was den Effekt einer Lotusblume hat. Damit wird Molekül für Molekül verändert, sodass nichts darauf haften bleibt. Ich fürchte, dein Trinken dieses Zeuges führt nur dazu, dass in manchen inneren Teilen von dir nichts mehr haften bleibt. Aber da du noch weißt, wo du wohnst, scheint wenigstens die Festplatte versiegelt zu sein. Jetzt geht duschen, sonst holst du dir noch eine Erkältung. Ich mach dir in der Zwischenzeit einen Tee - einen heißen Zitronentee."

Er dreht sich um und trottet in Richtung Bad. Gleichzeitig hofft er, dass Zitronentee genau so wirkt wie Lotusblütentee. Also am besten gar nicht, sonst ist er vermutlich den ganzen Abend sauer.

 

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