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Survival of the Fittest

01.08.09
Quelle: Running Geck

Gespannt steht er an der Startlinie. Jede Faser seines Körpers atmet die Anspannung aus, unter der er steht. Neunzig Kilo Dynamit verteilt auf 175 Zentimetern. Diese wie aus einem Marmorblock gehauene Form befindet sich in höchster Anspannung. Die Augen zu Schlitzen zusammengekniffen wartet er auf das „GO“ des Starters.

Aber den scheint das nicht sonderlich zu stören. Beinahe gelangweilt sortiert er seine Bleistifte und schiebt sich seine Ärmelschoner noch einmal zu Recht. Geck sieht ihn nur an und denkt „In seinem normalen Leben ist der wahrscheinlich Buchhalter.“ „Name?“ spricht dieser ihn wohl dosiert und akzentuiert an. „Geck“ schnarrt er zurück. Dabei bewegt er kaum die Lippen, da er konzentriert bis in die Haarspitzen ist. Fein säuberlich macht der Buchhalter einen Haken in eine Liste. Dann wendet er sich beinahe gelangweilt an Geck. „O.K. Ihr Startgeld in Höhe von 5 Euro legen Sie bitte hier in diese Schale“.

Geck schüttelt ein wenig unwirsch den Kopf und kramt nach seinem kleinen Lederbeutel. Dann schüttet ein Haufen Münzen in die Schale. Warum die das Startgeld in 10 Cent Stücken haben wollen, ist ihm schleierhaft. Aber als gut trainierter Ehemann gehorcht er einfachen Anweisungen und damit hat er auch diese Klippe überwunden.

Nun steht die drahtige, bösartige Kampfmaschine am Start. Eingepackt in sein Ganzkörper-Kondom wartet er auf das Startsignal, während seine Muskeln sich anspannen und die Adern an seiner Stirn sichtbar hervor treten. „Los“ ruft der Buchhalter mit einer Vehemenz, als wollte er Angela Merkel zu einem Strip Poker auffordern. Ein Schauer bei dem Gedanken durchrast Geck, während er vorwärts stürmt.

Er hat Schwierigkeiten, sich auf dem sandigen Grund zu halten. Tief graben sich seine Schuhe in den Untergrund. Sonst kann er das Trommeln seiner Laufschuhe auf dem Asphalt hören, aber der Untergrund schluckt dieses vertraute Geräusch. Zunächst geht es in Windungen aufwärts. Seine Beine rotieren nur noch propellerartig um die Hüften. Dann wechselt schon der Untergrund und es wird nass und modrig. „Gut, dass ich meinen tollen Anzug anhabe“, lobt er sich selber. Der Gipfel der Steigung ist erreicht und seine Lunge ist dem Platzen nahe. Er schaudert. Auf der anderen Seite ist der Weg zu Ende. Oder zumindest fast. Wenige Meter unter ihm geht es weiter. „Laufen? Springen? Rutschen?“ geht ihm durch den Kopf.

Bei einem solch steilen Abstieg, wie er sonst nur während einer crashartigen Rezession vorkommt, versucht er den Hang hinunter zu rutschen. Wie im realen Leben erscheint ihm das leichte Abwärts gleiten einfacher und schonender als ein harter Aufschlag. Er reibt sich seine Glieder, während er pustend wieder auf die Füße kommt. „Schneller, schneller!!“ hämmert es in seinem Hirn. Und schon schaltet er wieder in seinen schnellsten Laufschritt.

Plötzlich merkt er, wie sein Magen rebelliert. Diese blöde Bohnensuppe, die er vor dem Start essen musste. Eine Teilnahmebedingung – was für ein Quatsch. Gott sei Dank sieht er vor sich ein Häuschen von diesen netten Menschen namens „Dixie“. Er kennt ihn zwar nicht persönlich, aber in diesem Moment liebt er ihn. Schnell schließt er die Tür und erleichtert sich. Kaum ist er fertig, hört er eine Art Sirene und als er aus dem Häuschen tritt, leuchtet oben ein grünes Umlauflicht. Aber um es zu bewundern hat er keine Zeit und er hastet weiter.

Hinter der nächsten Kurve scheint die Welt zu explodieren. Nicht mehr weit bis zum Ziel und dann das. Kleine Kugeln schießen von scheinbar allen Seiten auf ihn ein. Ein regelrechtes Trommelfeuer. Knapp einen Zentimeter im Durchmesser und in allen möglichen Farben schlagen diese Dinger rechts und links von ihm ein. Mehrere finden den Weg zu seinem Körper wie er schmerzhaft feststellen muss. Von Schmerzen leicht gekrümmt mobilisiert er die letzten Kraftreserven und rennt weiter.

Das Ziel vor Augen jagt er weiter und mit letzter Kraft wirft er sich in Ziel, wo er völlig verausgabt erst einmal auf die Knie geht. Dort steht seine Frau Kati und neben ihr seine Nichte Sophie, die heute ihren 5. Geburtstag feiert.

Mit leerem Blick starrt er sie beide an. Beide grinsen ihn an und er erwidert diesen Blick mit einem leicht debilen Gesichtsausdruck. Dann kommt die strahlende Sophie zu ihm und drückt ihm etwas in die Hand: einen rosa Plüschhasen. „Das war toll, Onkel. Das hast du wirklich verdient. Du warst SUPER!!“ Vor lauter Freude bekommt sie ganz rote Wangen.

Sichtlich gerührt dreht er sich zu seiner Frau. „Schön, dass sie sich so freuen kann. Aber sag mal, was hatte das mit diesem Dixie-Häuschen und den Kugeln auf sich?“ Diese Dinge müssen nur aufgeklärt werden, während er sich die schmerzenden Glieder reibt.

„Na schön. Ich erkläre es dir. In dem Dixie Häuschen ist eine Lambda Sonde angebracht. Du weißt doch, so ein Sensor, um im Abgas einer Verbrennung das Verhältnis von Luft zu Kraftstoff bestimmen zu können. Deine Abgase, die durch die Bohnensuppe forciert wurden, entsprachen voll der EU-Norm. Eigentlich hättest du eine grüne Plakette verdient. Aber darauf wird aus Zeitgründen verzichtet. Daher gab es nur das grüne Umlauflicht und das akustische Signal. Hättest du nicht bestanden, hätte das eine Zeitstrafe zur Folge gehabt. Aber so“ dabei schmunzelt sie „brauche ich dich nicht zu entsorgen und du darfst wieder mit nach Hause. Du weißt ja, wir wohnen in einer 'Grünen Zone'.“

Geck ist fast fassungslos. „Und die Kugeln?“ fragt er nun scheinbar interessiert, obwohl er glaubt, dass er die Antwort eigentlich nicht wissen will.
„Na ja. Deshalb das Startgeld in zehn Cent Stücken. Mittels dieser Münzen konnten die Kinder am Kaugummiautomaten diese kleinen runden Kaugummis ziehen. Und du warst dann das bewegliche Ziel. Gewonnen hat der oder die, der dich am häufigsten getroffen hat. Und die bekam dann einen Preis. Es war übrigens Sophie.“ wie sie ihm breit grinsend hinzufügt.

„Ist es nicht schön, wenn man Kinder an ihrem Geburtstag glücklich machen kann“ versucht sie ihn zu beruhigen, da seine Gesichtsfarbe eine leichte, aber doch gefährliche Rotfärbung angenommen hat. Zu seiner Frau gewandt zischt er nur „Der nächste Geburtstag wird aber wieder mit Eierlaufen und Topfschlagen veranstaltet und nicht wieder in seinem Kinder-Erlebnisparadies. Und nächstes Jahr könnt ihr euch einen anderen Deppen suchen.“ Sprach es, strahlt Sophie ein letztes Mal und verschwindet zur Dusche.

Kindergeburtstage und Läufer – zwei Dinge, die nicht immer zusammen passen.

 

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