marathon4you.de

 
  • MeldungenMeldungen
  • LaufberichteLaufberichte
  • TermineTermine
  • MagazinMagazin
 

Magazin

Private Angel

22.12.09
Quelle:

Ich wünsche allen Leserinnen und Lesern eine schöne Weihnachtszeit und einen guten Start in das Jahr 2010. Eddi, der Running Geck

***

Private Angel - Eine andere (vorweihnachtliche) Begegnung.

Der Weihnachtsbaum war fertig geschmückt und Kati hatte sich entschlossen, noch eine letzte Runde Plätzchen vor Weihnachten zu backen. Draußen war es bereits dunkel, als Geck sich entschloss, mit einem schönen Lauf seine Weihnachtsfeiertage einzuläuten.

Also hatte er sich schnell umgezogen und lief los, wobei ihn die Dunkelheit nicht besonders störte. In der Winterzeit war das so. Selbst, wenn er am späten Nachmittag gelaufen wäre, hätte die Schwärze der Nacht ihn spätestens unterwegs erwischt. Richtig kalt war es auch nicht. Aber unangenehm. Der Wind ließ die gefühlte Temperatur rapide absinken. Deshalb hatte er sich warm angezogen.

Da er sich in der Umgebung auskannte, gelang es ihm, schnell abzuschalten und seine Gedanken fliegen zu lassen. Er betrachtete eigentlich nichts genau, sondern ließ die Gesamtheit der Eindrücke auf sich wirken, während er langsam vor sich hin lief oder wie seine Frau immer sagte: schlurfte. Diesen Schlurfschritt hatte er sich irgendwann angeeignet, als er die weiteren Distanzen angegangen war. Kaum merklich hob er die Füße vom Boden, so dass es auch über weite Strecken extrem ökonomisch war.

Plötzlich wurde er in ein helles Scheinwerferlicht getaucht, weswegen er leicht geblendet instinktiv die Augen schlosst. Der Adrenalinspiegel stieg plötzlich an, als er ein lautes Hupen hörte. In seinen Gedanken hatte er eine Straße überquert, ohne auf den Verkehr zu achten. Der schwere Mercedes, der wie aus dem Nichts auftauchte, wich gerade noch aus. Der Fahrer winkte ihm noch wild gestikulierend hinterher, während er die andere Straßenseite erreichte. Er blieb stehen. Den Schweiß, den er sich von der Stirn wischte, hatte nichts mit dem Laufen zu tun. Angst und Schrecken standen ihm noch im Gesicht geschrieben.

Die kahlen Bäume, die sich leicht im Wind wiegten, schienen ihm aufmunternd zuwinken zu wollen. Ganz, als wollten sie sagen: „Das ist ja noch mal gut gegangen“. Er ging wieder in seinen leichten Schritt über.
„Ich muss wohl einen Schutzengel haben“ dachte er sich, während die Wolken am Himmel leicht aufzogen und ein leichter Nieselregen einsetzte.

Ein leichter Schauer lief über seinen Rücken. Er grübelte, ob es sich noch um die Nachwirkungen des Beinahe-Unfalls handelte. Er hatte mit einem Mal das Gefühl, nicht mehr alleine zu sein, daher schloss er die Geschichte mit dem Unfall aus. Da mittlerweile der Mond hinter den Wolken verschwunden war, war nur noch Dunkelheit um ihn herum und das Gefühl wurde immer stärker.

Er drehte sich halb um. Dann sah er SIE. Sie trug eine kurze Hose und ein Top und lief leicht versetzt hinter ihm. Eigentlich lief sie nicht wirklich. Ihre Füße schienen den Boden nicht zu berühren und trotzdem hielt sie mühelos Schritt. Dabei beobachtete sie ihn, was Geck zunehmend irritierte, da er sich bis vor wenigen Augenblicken noch alleine wähnte. Es war kalt und nass und sie trug kurze Kleidung und es schien ihr nichts auszumachen. Er nahm allen Mut zusammen und sprach sie an.
„Hallo. Wer bist du?“ Ohne eine Antwort abzuwarten, schob er die nächste Frage hinterher: „Ist dir nicht kalt“. Dabei zog er fröstelnd die Schultern hoch.

Sie sah ihn aus ihren gold schimmernden Augen an. Während sie zum sprechen ansetzte, strich sie sich eine Strähne ihres brünetten Haares aus dem Gesicht.
„Ich bin dein Engel – dein Schutzengel. Du hast gerade an mich gedacht.“ Dabei beschenkt sie ihn mit einem Lächeln, bei welchem er dahin schmolz wie ein Schokoriegel in der Sahara. „Schutzengel – klar. Engel sind blond und tragen Nachthemden mit Flügeln. Aber du?“ Irgendwie beschlich ihn das Gefühl, als wollte ihn hier jemand auf den Arm nehmen. Sie schien das überhaupt nicht zu irritieren und antwortete ihm:

„Glaub nicht alles, was du in Bilderbüchern liest. Ich bin immer bei dir und wenn du läufst, achte ich besonders auf dich. Das erscheint bei dir sinnvoll zu sein.“ Dabei lächelte sie wissend und wuschelte sich durch ihr Haar. Obwohl es regnete, war es ganz trocken.

„Das glaube ich nicht. Wo hast du denn auf mich aufgepasst?“ Nun wurde er skeptisch.
„Ach erinnere dich nur an die Geschichte mit deinem Vibrator. Hätte ich nicht aufgepasst, so hätte deine Frau dich gegrillt. Oder dein Nachtlauf, als du dachtest, du wärst im Krieg. Habe ich nicht dafür gesorgt, dass du immer rechtzeitig die Deckung erreicht hast?"

Er musste schlucken. Verdammt viel schien diese Frau oder besser dieser Engel zu wissen. Das musste er nun erst einmal verdauen. Ein eigener Engel. Und dann auch noch ein so schöner. Mittlerweile lief sie leicht versetzt vor ihm. Unwillkürlich glitt sein Blick gen Süden. „Wenn so Engel aussehen, dann möchte ich den immer mit mir laufen haben – unendlich weit“ ging ihm durch den Kopf. Aber er war immer noch ein wenig skeptisch.

„Aber einmal“ sinniert er vor sich hin „da warst du nicht da, als ich dich brauchte“. Dabei schaute er sie an und suchte ihre Augen, die unverändert strahlend auf ihm ruhten.

„Als meine Frau meine geliebten Rennsocken entsorgt hat. Da hätte ich dich brauchen können.“ Sie sagt nichts, zwinkerte ihm nur zu und war auf einmal verschwunden. Nichts ist mehr zu sehen. Er sah sich um. Doch nur die Stille und Dunkelheit der Nacht hüllten ihn ein. Obwohl sie nicht mehr da war, spürte er unverändert ihren Blick und hatte die anmutige Gestalt vor seinem geistigen Auge.

Er schüttelte den Kopf. „Du bist einfach überarbeitet“ dachte er sich, als er wieder zu Hause ankam. Als er herein kam, stand seine Frau im Flur. Sie musterte ihn von oben bis unten, was ihn merklich irritierte.
„Sag mal, bist du heute an der Deponie vorbeigelaufen?“ fragte sie ihn. Dabei schüttelte sie fast unmerklich den Kopf. Er schaute an sich herunter - roch an sich. Nichts Ungewöhnliches zu erkennen. So roch man eben nach einem Lauf. „Wieso sollte ich an der Deponie vorbeigelaufen sein?“ fragte er leicht verwirrt.

Sie deutete nach unten. „Sind das nicht diese alten Socken, die ich entsorgt habe, weil die schon von alleine standen?“ Er schaute nach unten. Tatsächlich. Seine Rennsocken. Jetzt wusste er es. Seinen persönlichen Engel gab es wirklich. Immer. Und er war froh darüber.

 
 

Anzeige

Das M4Y-Buch

Das M4Y-Buch bestellen

Aktuelle Print-Ausgabe

Das marathon4you.de Printmagazin
 
  • MeldungenMeldungen
  • TermineTermine
  • LaufberichteLaufberichte
  • MagazinMagazin