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Pain ist beautyful

01.10.09
Quelle: Running Geck

"Post für dich" begrüßt ihn seine Frau, als er nach Hause kommt, und hält ihm seine so heiß geliebte Laufzeitschrift unter die Nase. "Na, besser als Rechnungen, oder?" erwidert er nur kurz. "Sag mal, du müsstest doch mittlerweile alles über das Laufen wissen.“ fügt sie mehr als Aussage denn als Frage hinzu und zieht dabei die Stirn leicht kraus. „Ach Kati“. Jetzt ist es an ihm, leicht zu stöhnen ob der scheinbaren Unwissenheit seiner Frau. „Über das Laufen kann man nie alles wissen, sondern es ist ein steter Prozess der Weiterentwicklung. Früher liefen die Läufer in ungedämpften Schuhen herum und fanden das klasse. Dann wurde die Dämpfung für Schuhe entwickelt und die Läuferinnen und Läufer merkten, dass dies den Beinen und Gelenken half. Genauso gibt es immer wieder neue Erkenntnisse über das richtige Training und die richtige Ernährung. Da muss man sich informieren, um immer auf dem Laufenden zu sein.“ Dabei lehnt er sich entspannt in seinem Stuhl zurück, als ob ihn diese Erklärung über Gebühr strapaziert hätte. Aber Kati lässt nicht locker, da sie vermutlich sein Abo der Laufzeitschrift in ein Abo einer Wohnzeitschrift ändern möchte. „Aber Geck – ich bitte dich. Du wirst niemals an Olympischen Spielen teilnehmen oder Weltmeister werden. Da ist das Ganze doch nicht so wichtig.“ Immer, wenn sie anfängt, hitzig und aufgeregt zu diskutieren, spricht sie ihn mit dem Nachnamen an.

In seinen Augen beginnt es zu blitzen, denn offenbar fühlt er sich furchtbar missverstanden und solche Äußerungen von einem Nicht-Läufer fordern ihn nahezu heraus. „Ich muss und werde mich jetzt weiterbilden. Mit den Olympischen Spielen hast du zwar Recht, aber ich weiß, dass ich mich läuferisch noch sehr weit entwickeln kann. Dazu gehört die richtige Information und Selbstdisziplin und beides ist bei mir vorhanden.“ Sie seufzt nur und scheint sich geschlagen zu geben und Geck macht es sich mit seiner Zeitschrift gemütlich. Zunächst will er die Zeitschrift nur kurz durchblättern, um einen Überblick zu erhalten, als er auf einmal wie elektrisiert innehält. Er merkt, wie seine Hände feucht werden und seine Augen bekommen diesen für Dritte seltsamen Glanz und manche Frau hätte dies auf einen Sexhormonschub gehalten.

Ein Artikel über das Thema Leistungsdiagnostik fesselt ihn, denn was gibt es Tolleres, als zu wissen, wie gut und wirklich fit man ist. Nach dieser Aussage lechzt der Läufer. Dieser beinahe animalische Drang ist sonst nur noch bei Verona Pooth oder Lothar Mätthäus im Zusammenhang mit Kamera und Mikrofon zu erkennen. Wie stellt man das am besten an? Mit der richtigen Leistungsdiagnostik, wie sie hier vorgestellt wird. Das klingt professionell und scheint das Richtige für einen ambitionierten Läufer wie Geck zu sein, der sich immer mal wieder unter der Schale des passionierten Schlussläufers hervor wagt.

Jetzt gilt es, dieses noch seiner besseren Hälfte zu verkaufen. „Schaaatz, ich weiß noch nicht, ob ich für den nächsten großen Lauf fit genug bin und ob ich das schaffe. Was hältst du davon, wenn ich mir hierfür mal professionellen Rat hole“. Mit einem Gesichtsausdruck der zwischen „Gute Idee“ und „Ich durchschaue dich“ liegt, nickt sie verständnisvoll und murmelt etwas von „Du wolltest ja fit werden und dich nicht umbringen“ vor sich hin. Dies nimmt er als Unmissverständliches „Ja“ zur Kenntnis. Ein Strahlen geht über sein Gesicht, weil er es aus seiner Sicht so klug angestellt hat. Jetzt muss er nur noch den richtigen Zauberdoktor finden. Ein Blick in die Zeitschrift lässt ihn erkennen, dass an seinem nächsten Urlaubsort sich einer der vorgestellten Protagonisten befindet.

Er setzt sich direkt an seinen PC und verfasst eine entsprechende Mail mit seinem Anliegen und dem Wunschtermin und bereits kurz darauf erhält er per Mail die Bestätigung mit ersten Anweisungen. Zunächst soll eine gründliche Untersuchung durchgeführt werden, vermutlich damit er nicht beim Laufbandtest direkt aus den Schuhen kippt. "Na gut", denkt er sich, denn woher soll der auch wissen, das er es nicht mit einem einfachen Läufer, sondern einer drahtigen bösartigen Kampfmaschine zu tun hat. Aber das wird er ihm schon zeigen.

Pünktlich zum vereinbarten Termin erscheint er in der Praxis und wird auch bald aufgerufen. Nun steigt seine Spannung, wer ihm gleich gegenüber stehen wird, aber statt einer Mischung aus Arnold Schwarzenegger und Haile Gebreselassie empfängt ihn jemand der figürlich eine Mischung aus Rainer Calmund und Dirk Bach ist, ein typischer Ausdauersportler also. Er stellt schnell fest, dass Gecks Herz genug Blut durch den Körper pumpt und dass auch sonst keine Beschwerden vorhanden sind. Am Ende der Untersuchung wird der Lauftest auf den nächsten Tag im nahe gelegenen Fitnesstempel terminiert.

Pünktlich erscheint er am nächsten Tag in diesen Tempel der Qualen und trifft direkt auf seinen Doktor. Dieser ist aber nicht alleine, sondern hat gleich zwei Damen als Verstärkung mitgebracht. Eine der beiden, eine blonde, schlanke junge Frau mit einer ausgesprochenen Läuferinnenstatur trägt eine schwarze Baseballkappe, auf der in großen Blockbuchstaben das Wort „PAIN“ zu lesen steht. Erstmals kommen ihm Zweifel und er fragt sich, ob dieses Wort Programm ist? Seine bisherige Sicherheit schwindet merklich und er bekommt dieses Zahnarzt-Syndrom. Wenn man auch mit viel guten Willen dort sitzt und wird hereingerufen, hat man komischerweise überhaupt keine Schmerzen mehr. Er schüttelt diesen Gedanken ab. "Ach, ich bin doch ein Kerl und keine Uschi" geht ihm durch den Kopf und trabt diesem Trio mit scheinbar coolem Gesichtsausdruck hinterher.

Glücklicherweise ist es relativ leer in diesem Ort des Schweißes und der Leiden und nur ein paar Hausfrauen laufen schwatzend umher. Nach kurzer Einweisung durch den Mediziner schwingt er sich locker auf das Band, welches sich nach ein paar Knopfdrücken des Arztes in Bewegung setzt. Nach einer kurzen Warmlaufphase signalisiert der Doc ihm, dass der Test jetzt beginnen wird und die beiden Damen ziehen sich Handschuhe über. "Vermutlich haben die nur Angst vor Fingerabdrücken" geht ihm durch den Kopf und wieder wird es ihm mulmig. Er versucht sich locker und entspannt  in Trab zu setzten, was kaum möglich ist, denn kaum das er seinen Rhythmus gefunden hat, wird bereits das Ende der ersten Runde eingeläutet.

Aus dem Augenwinkel nimmt er wahr, wie sich die beiden Damen die Hände reiben und das nicht etwa, weil sie ihm eine Massage angedeihen lassen wollen. Das Band stoppt beinahe abrupt und schon springt die unbemützte bebend herbei und beginnt sein Ohr zu kneten. "Wenn die wüsste, dass dies einer meiner erogenen Zonen ist" denkt er sich und schaut prüfend an sich herab, ob man ihm das ansieht. Nur die wohlige Gesichtsfarbe könnte ihn verraten, aber in Anbetracht der Anstrengung kann dies auch woanders her kommen. Er schließt einen Moment genießerisch die Augen, während die Ohrfetischistin offenbar nicht genug bekommen kann. Bevor er in die völlige Entspannung gerät, springt das schwarz bekappte Laktatluder plötzlich herbei und sticht ihm ins Ohr und im ersten Augenblick glaubt er, sie wollte ihm ein Loch für einen Ohrring stechen. Er merkt wie das Blut läuft und überlegt kurz, ob er ohnmächtig werden soll, da er doch kein Blut sehen kann. Offenbar hat diese gut gebaute Frau früher einen Nebenjob in einem SM-Studio gehabt, so wie sie zur Sache geht.

Er hat den Gedanken mit der Ohnmacht noch nicht zu Ende gedacht, da läuft das Band mit nun höherer Geschwindigkeit wieder an und er muss sich konzentrieren, dass er nicht aus dem Tritt gerät, so dass sein Hirn sich langsam von den Gedanken leert. So geht es Runde um Runde, immer ein bisschen schneller. Immer der gleiche Ablauf. So ab 16 km/h merkt er, wie dieses hinterhältige Laktat so langsam die Extremitäten herauf kriecht und die Beine schwerer werden. Er glaubt aber nicht, dass er wirklich kaputt ist, sondern das diese Ermüdung auf den imensen Blutverlust zurückzuführen, welche der kleine schwarze Teufel ihm beibegracht hat. Aber der Doktor und seine beiden Folterassistentinnen haben noch kein Einsehen und der Defribrillator bleibt unangetastet. Dann ist es endlich geschafft und ehe er sich überlegen kann, ob nicht vielleicht jetzt gerade kotzen soll, schwappt die Endorphin-Welle über ihm zusammen.

Am nächsten Tag sitzt der dem Doktor gegenüber und lässt sich das Ergebnis erläutern. Mit einem Tonfall, wie ein Arzt ihn vermutlich sonst gegenüber seinem 86jährigen an Altersinkontinenz leidenden Patienten anschlägt, sagt er nur: „Sie sind in einem ganz guten Zustand“. Unwillkürlich zieht den Geck den Bauch rein und die Brust raus und setzt ein wohlwollendes Siegerlächeln auf. Zu früh, denn nun fährt der Arzt mit verhängnisvoller Deutlichkeit fort: „Sie sind ein prima 800m Läufer und haben keine Probleme mit dem Tempo, aber die Grundlagenausdauer ......... Die ist doch stark verbesserungswürdig“. Diese unsensible, brutale Äußerung untermauert er noch durch entsprechende Kurven.

Während Geck noch nach der versteckten Kamera sucht, drückt ihm der Arzt das Ergebnis nebst Trainingsplan in die Hand und vorbei an der wissend grinsenden Ohrfetischistin, die leicht und ungeniert die Zunge über ihre Lippen gleiten lässt, und dem Laktatluder stolpert er hinaus auf die Straße. Er hat nun das Gefühl, dass es manchmal doch besser ist, wenn man nicht alles weiß.

 

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