
Seine Frau war an diesem Wochenende mit einer Freundin zu einem Wellness-Wochenende unterwegs, wobei er sich jedes Mal auf das Neue fragte, was Frauen darunter verstehen. Vermutlich Sekt und Schuhgeschäfte, bis der Arzt kommt. Aber so hatte er an diesem Wochenende freie Bahn, um sich seinen persönlichen Gelüsten und Vorlieben mit aller Macht hinzugeben; er wollte laufen, laufen, laufen.
Nicht, dass er sonst nicht laufen würde, aber er hatte sich etwas ganz Besonderes für dieses Wochenende ausgedacht, eine Art Selbstexperiment. Er hatte sein Geschäft wie jeden Abend geschlossen und war nach Hause gefahren. Dort angekommen, trank er in Ruhe ein Glas Wasser und wartete auf die Dunkelheit.
Endlich war es draußen dunkel, er ging in den Keller und zog sich um. Diesmal legte er auch seinen Laufgürtel um, denn es sollte ein längerer Lauf werden und er steckte auch sein Portemonnaie in die Gürteltasche, denn dieses sollte heute eine besondere Rolle spielen.
Seine Strecke hatte er detailliert wie immer ausgeklügelt, um ja nichts dem Zufall zu überlassen, denn er hatte eine Strecke von mehr als zwanzig Kilometern vor sich. So war zumindest sein Plan, wobei er wußte, dass Experimente auch die Eigenschaft des Scheiterns beinhalten können. Aber er war sich auch im Klaren, dass vermutlich die ganze Läuferschaft, vermutlich die ganze Menschheit, auf dieses Experiment wartete, welches die Laufbewegung in völlig neue Bahnen bringen würde.
Deshalb atmete er noch einmal tief durch, sich der Verantwortung bewusst, die er von diesem Augenblick an tragen würde, und lief dann entschlossen los. Bei Dunkelheit zu laufen hatte ihn schon immer fasziniert und die heutige Nacht sollte eine besondere werden. Seit Jahren war er immer wieder bei Rennen unterwegs und hatte so manchen Stadt- und Landschaftslauf mitgemacht. Gerade bei den längeren Läufen war er sich nie sicher, wie denn seine optimale Ernährung aussehen sollte, damit er während der zweiten Streckenhälfte sein Tempo nicht nur halten, sondern sogar steigern konnte.
Diese Tatsache hatte ihm keine Ruhe gelassen und er hatte, wie es seine Art war, gründlich recherchiert. Stunden, Tage hatte er mit der Analyse verbracht und heute wollte er sehen, wie sich seine Erkenntnisse in der Praxis auswirkten. Er lief zunächst die Straße entlang, bis er in einen Feldweg abbog. Die Strecke hatte er genau vor Augen, auch wenn er diese noch nie gelaufen war. Er merkte, wie seine Muskeln langsam auf Betriebstemperatur kamen und er fühlte den leichten Schweißfilm, der sich auf seiner Haut bildete.
Dann führte ihn sein Weg wieder auf die Straße zurück und in einiger Entfernung sah er sein Zwischenziel – eine Filiale der Hamburger-Kette mit dem gelben "M". Diese hier zeichnete sich vor allem dadurch aus, dass sie abends zwar geschlossen war, aber es einen Autoschalter gab und den lief er locker an. Er drückte den Stop-Knopf auf seiner Uhr, als er die Sprechanlage erreichte.
„Guten Abend – ich wollte was bestellen.“ Trotz der Anstrengungen hatte er das Gefühl, als würden ihm die Worte locker über seine Lippen gleiten. Als er die Stimme aus dem Lautsprecher hörte, war er sich nicht mehr ganz so sicher.
„Entschuldigung, Sie können hier nichts bestellen!“ Jetzt war es an ihm, irritiert zu sein, denn schließlich lebte ein solcher Laden doch davon, dass sie bestimmte Dinge verkauften, insbesondere solche Dinge, die man essen könnte und er war fest entschlossen, denn dafür war extra dieser Lauf geplant.
„Warum … Warum kann ich nichts bestellen?“ Er glaubte, dass jetzt eine leicht devote Haltung angebracht wäre.
„Das ist ein Autoschalter. Und – Sie haben kein Auto!“
„Natürlich habe ich ein Auto, einen schnuckeligen kleinen Käfer. Der steht zu Hause vor der Tür, denn jetzt laufe ich.“
„Genau. Und die Sache ist ganz einfach. Kein Auto – kein Verkauf am Autoschalter.“ So einfach gab er sich nicht geschlagen und er redete weiter auf sie ein, bis sie die Nase voll hatte und ihn endlich fragte, was er denn haben wollte.
„Ich hätte gerne 50 Chicken McNuggets“, sagte er mit vollster Überzeugung. Einen kleinen Moment hörte er nichts – nichts als Stille.
"Es gibt die nur in 4er Portionen. Also 48 Stück. Soll es auch eine Soße dazu sein?" Mit einem Mal war die Stimme irgendwie unfreundlich.
"In Ordnung. Dann geben Sie mir 48 Stück und keine Soße. Wegen der Kalorien…."
Die Stimme sagte nichts mehr und er lief weiter zur Ausgabe, wo bald eine große Tüte stand. Er griff in seine Gürteltasche, nahm sein Geld und bezahlte. Dann nahm er die Tüte, drückte den Start-Knopf seiner Uhr und lief weiter. Auf den nun folgenden zehn Kilometern drückte er sich einen nach dem anderen in den Hals. Bald kam ein Gefühl der Übelkeit in ihm hoch, dass er aber mannhaft überspielte. Zwei waren noch übrig, als er nach Hause kam. Vor dem Nebenhaus stand sein Nachbar Klaus, der Triathlet, der gerade von seinem Radtraining zurückkam.
"Hallo Geck. So spät noch unterwegs? Wenn ich mich nicht täusche, tragen Sie da eine Tüte von McDonalds spazieren. Ich hatte immer gedacht, Sie hätten wirklich Ambitionen, aber wer als Sportler so etwas isst….."
"Ach Nachbar, Du hast ja keine Ahnung. Diese kleinen Dinger sind die reinste Sportlernahrung", sagte er, während er den Würgereiz leicht unterdrückte. "Ich habe mich intensiv damit beschäftigt. Bei meinem Alter, Gewicht und körperlichen Aktivität benötigte ich pro Tag 4.108 Kalorien. Diese Nahrungsaufnahme sollte 150 gr. Eiweiß, 133 gr. Fett und 551 gr. Kohlehydrate beinhalten. Mithilfe meiner 48 Nuggets konnte ich 138 gr. Eiweiß, 103 gr. Fett und 130 gr. Kohlehydrate zu mir nehmen und in der Summe komme ich dann nur auf 2.021 Kalorien. Damit steht fest, dass dies eine fast ideale Läufernahrung ist, die sich auch während des Laufens ideal einnehmen lässt und zum anderen, weil die bösen Kohlehydrate fehlten, sogar noch den Abnehmprozess fördern."
Damit beendete er sein leidenschaftliches Plädoyer, wobei er einen triumphierenden Gesichtsausdruck aufgrund seines akuten Magengrummelns nicht zustande bekam. Stattdessen hielt er seinem Nachbarn die Tüte mit den zwei Reststücken hin.
"Probier es selbst einmal", sagte er nur und schon war im Haus verschwunden. Er lief in Rekordgeschwindigkeit in Richtung des Gäste-WC und ließ sich jeden Bissen noch einmal durch den Kopf gehen.
Danach nahm er sein Trainingstagebuch und stellte zu seinem Experiment fest: "Test geglückt – nahezu 2.000 Kalorien zu mir genommen und nach dem Lauf direkt wieder abgebaut." Welche Ernährung konnte das schon von sich behaupten? Sein letzter Gedanke war, dass er der Kette vorschlagen würde, die Dinger umzubenennen – in McRun.