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Good shoes - bad shoes

31.01.10
Quelle: Running Geck

Er wollte sich am Abend mit seiner Frau in der Stadt treffen und da er noch ein wenig Zeit hatte und sowieso neue Laufschuhe benötigen würde, besuchte er kurz entschlossen seinen Lieblings-Dealer, um sich schuhtechnisch wieder auf die Höhe zu bringen und vielleicht schon den Laufschuh zu finden, der am besten zu ihm passte. Der Laden war richtig voll, was ihn nicht besonders störte, denn so konnte er sich völlig unbeschwert umsehen und er ging direkt zu den Regalen mit den Schuhe.

Er nahm den ersten Schuh in die Hand, der auf den Namen „Adrenaline" getauft wurde.  War das bereits der Richtige für ihn? Adrenalin bezeichnet ein Stresshormon, welches die Herzfrequenz und Blutdruck steigen lässt. Wenn dies Rückschlüsse auf den Läufer zulassen würde, müsste dies einer sein, der das Runner's High nie selbst erlebt hat aber unbedingt erleben will. Ansonsten würde er solche Hilfsmittel nicht benötigen. Außerdem muss es sich um einen eher blassen aber austrainierten Typ handeln, der permanent unter niedrigem Blutdruck leidet, aber durch lange Ausdauerläufe einen extrem niedrigen Puls sein eigen nennt.

Er entscheidet sich spontan, dass dieses Modell offenbar nicht zu ihm passt und nimmt das nächste Paar in die Hand und erkennt beim ersten Blick auf den Namen, dass es sich um einen Schuh für Volkslauf-Teilnehmer handeln muss – es ist der „Supernova“. Eine Supernova zeichnet sich dadurch aus, dass sie kurz vor ihrem Ende noch mal hell aufleuchtet, bevor sie sich selbst zerstört. Der entsprechende Läufer ist während des Laufes dem Erbrechen vor Erschöpfung nahe. Sieht er das Ziel, gibt er noch einmal Gas, um die letzten Zehntel herauszuschinden. Nach dem Zieldurchlauf bricht er dann vor Erschöpfung zusammen und die Verpflegungsstände voll. Geck genoss aber gerade die letzten Meter vor dem Ziel, so dass es bislang nie zu solchen Ausfallerscheinungen kam.

Das nächste Modell überging er direkt, da er sich nicht für besonders religiös hielt. Es handelte sich um den „Premier Trinity“, wird doch die Dreifaltigkeit auch als Trinity bezeichnet. Dieser Schuh darf allerdings nicht von Lehrern und Lehrerinnen getragen werden, denn religiöse Symbole in der Schule sind ein No-Go. Das Meditative würde allerdings ganz zu ihm passen, denn viele seiner Läufe beinhalteten dieses Element.

Er zweifelte und nahm das nächste Modell. Er war zwar ein Genussläufer, allerdings nicht osteuropäischer Herkunft, weshalb das Modell „Phasis“ auch nicht in Betracht kam. Dieser trägt seinen Namen vermutlich nach einer georgischen Hafenstadt, deren wichtigstes Ausfuhrgut Wein war. Der Träger eines solchen Schuhs feuert seine Mitläufer stets mit einem Kräftigen „Dawai, dawai“ an, hat häufig eine rote Nase und mindestens ein rotes Auge gegen Rennende, als Zeichen, dass er auf Reserve läuft.

Das Modell „Grid Triumph“ könnte schon eher zu ihm passen, den der richtige Läufer für diesen Schuh steht immer unter Hochspannung, denn Grid ist der englische Fachausdruck für das Stromnetz. Eine solche Hochspannung prädestiniert den Schuhträger geradezu für ein Rennen. Daneben zeigt der zweite Namensteil „Triumph“ an, dass er für Siegläufer gebaut wurde und nicht für diese Feldfüller. Genau das war sein Ziel.

Bevor er sich entscheidet, schaut er sich weitere Schuhe an, wobei das nächste Modell nicht seinen Ansprüchen genügen dürfte, denn dieser wurde offenbar für Feld-, Wald- und Wiesenläufer, auch „Gemeiner Jogger“ genannt, konstruiert. Allerdings schien er, wie der Name verriet, ein kleines Schmankerl aufzuweisen, wodurch er wieder in die engere Wahl geriet. Denn wenn dieser Schuhträger an den Wettkampf-Start geht, macht er einen Wandlungsprozess durch, erfindet sich quasi neu und wird im Laufwettbewerb zur Pistensau. Dieser Läufer hat mit dem Ursprungsläufer nicht mehr viel gemein; daher trägt er das Modell „Evolution“. Bei den Nebenwirkungen konnte er lesen, dass in seltenen Fällen auch die umgekehrte Konstellationen vorzufinden sind. Er beschloss, auch diesen Schuh auf die „Merken-Liste“ zu setzen.

Direkt daneben fand er den „Pegasus“, was nach der Bezeichnung ein echter Rennschuh war. Nach der griechischen Mythologie war der Pegasus ein geflügeltes Pferd, daher ist vermutlich für einen großen, durchaus kräftigen, aber dennoch drahtigen Läufertyp konzipiert, der mit großen Schritten  durch die Gegend eilt. Dabei berührt er mit seinen Schuhen kaum den Boden, insbesondere wenn er in seiner schnellsten Gangart, dem Galopp unterwegs ist. Er seufzte, denn das konnte er nicht wirklich von sich behaupten.

Genial fand er das Modell mit dem schlichten Namen „758“ und er kramte in seinen Erinnerungen, wofür diese Zahlen stehen könnten. Die Zahl sieben stand für die Vergänglichkeit, die fünf für Lernfähigkeit und die acht für das Schicksal. Direkt erkannte er, dass dieser Schuh für Schüler konstruiert wurde, denn die Schulzeit ist schließlich vergänglich und gut lernen können sollte der Schüler auch. Und wenn er sich die Schüler von heute ansah, so empfanden sie die Schule als Schicksal. Damit schieden diese aus seiner Wahl ebenfalls aus.

Seinen Favoriten fand er am Ende: den Schuh für den Non-Plus-Ultra-Läufer: den „Nimbus“. Um einen solchen Schuh tragen zu können, benötigte man eine gestandene Persönlichkeit, die von eine Aura des „Unverlierbaren“ umgeben wurde, denn selbst Niederlagen gegen andere oder sich selbst  werden weggesteckt und können mit dem angeborenen Charisma des Läufers überstrahlt werden.

Nach der Durchsicht der Modelle musste er gestehen, dass er  verwirrter als vorher  war und dass er noch ein wenig grübeln musste, welchen Schuh er kaufen sollte. Er wusste, Timo würde ihm am liebsten Holzklotschen unter die Füße nageln, aber so weit wollte er es nicht kommen lassen und  so drückte er sich wieder Richtung Ausgang, winkte Timo noch einmal kurz zu, der offenbar immer noch mit dem GPS beschäftigt war, wie er aus seiner Gestik erkannte, und verließ den Laden.

Die Wahl des richtigen Schuhs ist eine Wissenschaft für sich.

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