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Faunatisch

31.10.09
Quelle: Running Geck

Er merkte, dass es langsam Herbst wurde, denn die Blätter hatten schon angefangen, sich von den Bäumen zu entfernen und es war bereits dunkel, als er seinen Laden abschloss und nach Hause fuhr. Er lehnte sich entspannt im Autositz zurück, denn der Tag war extrem anstrengend gewesen.

Wie häufig an solchen Tagen hatte er das dringende Bedürfnis Laufen zu gehen, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Heute haderte er aber mit sich, ob es tatsächlich tun sollte, denn er fühlte sich extrem schlapp. Auf dem Weg nach Hause sah er ein paar vereinzelte Läuferinnen und Läufer, was sein schlechtes Gewissen anstachelte. Dennoch war es schön zu sehen, dass es doch wenigstens einige Gleichgesinnte gab. Zu Hause angekommen, sah er auf dem Küchentisch einen Teller mit Muffins stehen, die irgendwie niedlich aussahen und er schob sich erst einmal einen in den Mund.

Er zog sich seine Laufsachen an und packte sich noch etwas zum Essen und Trinken ein, denn er hatte vor, einen längeren Lauf zu machen. Seine Frau hatte ihn am Morgen wissen lassen, dass es bei ihr heute etwas später werden würde, da sie beabsichtigte, noch ein paar Schuhe zu kaufen. Aus seiner langen Erfahrung als Ehemann wusste er, dass für Frauen der Begriff "etwas" im Zusammenhang mit einem Schuhkauf ein sehr unbestimmter Begriff war, daher rechnete er damit, dass sie vermutlich pünktlich zu den "Tagesthemen" wieder zu Hause sein würde. Also ausreichend Zeit.

Er lief los, ließ seine Gedanken kreisen und auf einmal hatte er wieder ein klares Zielbild vor Augen. Er wollte wieder an einem Volkslauf teilnehmen. Eigentlich hatte er das aufgegeben, denn auf Dauer was es doch deprimierend, immer als Letzter die Ziellinie zu überqueren. Viel hatte er investiert und in den letzten Jahren war er kontinuierlich schneller geworden. Blöderweise die anderen auch, so dass sich an der Reihenfolge nichts änderte. Aber er schwor sich, dass sich dies von nun an ändern würde und auf einmal beschlich ihn ein Gefühl, was ihm bislang so fremd war: Ehrgeiz!

Dieser Gedanke trieb ihn an, so dass er kaum merkte, wie die Zeit verging, denn seine Beine erledigten ihre Arbeit ganz selbstverständlich. Als er sich umsah, stellte er fest, dass es nicht mehr weit nach Hause war. Ein kleiner Wald lag zwischen ihm und seiner verdienten Dusche und während die Dunkelheit ihn umringte, lief er in den Wald. Ein dichter Eichenwald mit alten riesigen Bäumen und er hatte Mühe, den Weg zu verfolgen, so finster war es mittlerweile. Vorsichtig lief er weiter, immer darauf achtend, dass er nicht über eine der zahllosen Wurzeln stolperte.

Da passierte es! Ein unachtsamer Schritt und schon lag er der Länge nach auf dem Bauch. Seine Augen wurden schreckensweit, denn etwas mit einem mächtigen Geweih kam auf ihn zu. Er konnte die dunklen Kiefern erkennen und fürchtete schon, es sei um ihn geschehen. Nicht ein, sondern ganz viele dieser Exemplare fielen über ihn her und er schlug wild um sich, rappelte sich mit scheinbar letzter Kraft wieder auf und stolperte mehr als das er lief vorwärts.

Erleichtert ließ er den Wald hinter sich und zitternd vor Schreck kam er wieder zu Hause an. Kati war in der Zwischenzeit auch schon eingetroffen, wie er an dem Auto auf der Auffahrt bemerkte.
Er ging in die Küche, weil er erst einmal etwas zu trinken brauchte und traf seine Frau, die den Einkauf gerade wegräumte.

"Wie siehst du denn aus?"
"Wieso? Wie soll ich aussehen? Ich habe gerade mit riesenhaften Monstern gekämpft, bin dabei knapp dem Tod entgangen, meine Lunge pfeift - also alles in Ordnung."

"So. So. Monster sagst du. Ich meinte eigentlich, seit wann du Sommersprossen trägst. Das sieht zwar ganz drollig bei dir aus, aber in all den Jahren unserer Ehe habe ich das noch nie bemerkt."

Nun war es an ihm, verwirrt zu sein und schnell begab er sich in das Gäste-WC und schaute in den Spiegel. Tatsächlich. Sein Gesicht war bedeckt von dunklen Flecken, die zumindest ansatzweise wie Sommersprossen aussahen. Beim näheren Hinsehen waren es aber kleine Teile der Monster, gegen die er gekämpft hatte. Er wusch sich das Gesicht und ging in die Küche zurück.

"Oh schade, jetzt sind deine Sommersprossen weg" sagte Kati mit einem unübersehbarem Grinsen.

"Und - du hattest Kontakt mit Monstern? Ich dachte, du bevorzugst das Rendezvous mit dem Mann mit dem Hammer."

"Grins nicht so. Es waren richtige Monster, so mit riesigem Geweih und eine ganze Reihe sind über mich hergefallen. Aber da ich als Ernährer der Familie nicht ausfallen wollte, habe ich heldenhaft gekämpft und gewonnen!" Seine Stimme schwoll jetzt noch einmal an, um die Bedeutung richtig herauszustellen.
"Aha. Und wo hast du die Monster getroffen?"

"Im Wald. Aber irgendwie werde ich das Gefühl nicht los, dass du mir nicht glaubst."

"Ach. Geliebtester aller meiner Ehemänner. Im Wald also. Und die Tiere hatten richtige Geweihe. Hm. Lass mich überlegen. Hirsche gibt es bei uns nicht, aber.."

Er konnte nicht mehr hören, was sie hinzusetzen wollte, denn etwas zerrte an seiner Schulter. Er wollte es abwehren wie die Geweihtiere im Wald, diese Monster, mit denen er gekämpft hatte, aber es ließ nicht nach.

"Schatz. Hallo - hörst du mich? Ich bin vom Einkaufen zurück. Entschuldige - ich wollte dich nicht wecken. Du hast wohl ein kleines Nickerchen gemacht. Aber das Essen ist gleich fertig." Mit einem Mal schlug er die Augen auf und wunderte sich, dass es noch nicht wieder hell war.

"Was gibt es denn?" fragte er um die Verlegenheit zu überbrücken.
"Hirschgulasch, das hattest du dir doch gewünscht. Aber vielleicht hast du ja keinen Hunger mehr, denn die gesamten Käfer-Muffins hat du ja schon verputzt." sagte sie mit einem leicht ärgerlichen Unterton.

Und langsam dämmerte es ihm. Der Hirsch für den Gulasch und die Muffins, die wie Käfer aussahen. Das macht nach Adam Riese Hirschkäfer und genau diese Wesen hatten ihm überfallen. Aber diese Geschichte sollte er besser für sich behalten, beschloss er. Und demnächst würde er direkt laufen gehen, ohne sich einen Moment vorher auszuruhen.

 

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