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Der Geck’sche Frostschutz

27.01.09
Quelle: Running Geck

Der Himmel ist fast nicht wahrnehmbar. In dem trüben Grau verschmilzt er fast mit dem Horizont, so dass es scheinbar keinen Übergang gibt. Das Fehlen der Wolken sorgt auch dafür, dass die kalte Luft sich ungehindert ausweiten kann und der Wind drückt die gefühlte Temperatur noch deutlich unter die tatsächliche Gradzahl. Geck atmet gleichmäßig ein und aus, ruhig und gleichmäßig. Der Atem gefriert nahezu in dem Moment, wo er seine Nase verlässt und leichte Eiszapfen bilden sich an der Nase.

Seine Augen suchen den Horizont ab. Alleine. Um ihn herum ist nichts. Rein gar nichts. Sonst sind es im Jahresverlauf die Tiere, die ihn auf seinem Weg begleiten. Ein lustiges Zwitschern hier, das davon stürmende Eichhörnchen dort. Aber jetzt? Nichts! Alle scheinen sich in den Winterschlaf begeben zu haben. Nur er nicht, denn echte Läufer sind zu jeder Jahreszeit aktiv. Kilometer um Kilometer spult er ab. Wobei er dies zu dieser Jahrszeit extrem entspannend findet, wird doch die Schweißbildung durch die Kälte merklich gehemmt. Wenn er nach diesen Läufen nach Hause kommt, hat er häufig das Gefühl, dass sein Shirt noch nicht einmal nass ist und das Duschen empfindet er dann als eigentlich nicht notwendigen Luxus.

Vor sich sieht er einen Läufer, was ihn sichtlich freut, da er doch nicht alleine ist. Dieser kommt ihm mit leichtem Schritt entgegen. Es ist kaum erkennbar, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Eine dicke Mütze schützt den Kopf. Vor Mund und Nase ist ein Tuch gebunden und darunter trägt er, oder sie, wenigstens 13 Lagen verschiedener Kleidung. "Mein Gott" fährt es ihm durch den Kopf. "Wir haben gerade mal 17 Grad unter Null und der oder die stellt sich vielleicht an. Ich bin doch nicht ..". Bei diesem Gedanken fällt ihm seine Frau ein. "..Kati" vollendet er daher seinen Gedankensatz. Kaum sinkt die Außentemperatur unter 20 Grad, packt sie den Pullover aus, spricht von Ice-Age und murmelt etwas von "The day after tomorrow". Sie gehört zu den Kategorie Menschen, für die es bis zur Klimaerwärmung viel zu lange dauert.

Geck fühlt sich leicht und frei und so bewegt er sich. Mit seiner eigenen Eleganz, vergleichbar dem Yeti auf Klumpfüßen, bewegt er sich vorwärts. Immer darauf achtend, im Schnee zu bleiben, weil er sich hier zumindest für kurze Zeit in der Umwelt verewigen kann und auch um den hinterlistigen Eisschollen auszuweichen, die sich tückisch unter dem jungfräulichen Schnee verbergen.

Die Gestalt kommt näher und ihr Aussehen ändert sich ein wenig. War bis gerade noch ein schmaler Streifen Gesicht zwischen dem Mundschutz und Mütze sichtbar, gucken jetzt nur noch Augen heraus. Große Augen. Beinahe überdimensioniert wirken sie in dem schmalen freien Gesichtsstreifen. Fassungslosigkeit ist diesem Blick zu sehen. Eine Mischung aus Angst, Abscheu, Frust und Bewunderung spiegeln sich in den blauen Augen. Diese Augen, schön, gepaart mit diesem Blick können nur einer Läuferin gehören, denkt er sich. Männer in diesem Zustand hätten nur einen müden, stumpfen und introvertierten Blick übrig.

Schon mischt sich ein verschmitztes Lächeln auf sein Gesicht und freundlich grüßt er mit einem anständigen "Moin". Dies dehnt er ein wenig, damit es lässig klingt und belässt es dabei. Hätte er "Moin, Moin" gesagt, hätte sie ihn vermutlich für einen Schwätzer gehalten.

Die Augen der Läuferin werden noch größer und noch verzweifelter. Bevor sie gleich den Paniktod stirbt, was dem Augenausdruck nach nicht lange dauern wird, entschließt er sich, weiter zu laufen. Nach gut neunzig Minuten ist er wieder zu Hause. Zufrieden mit sich und der Welt schließt er die Haustür auf. Dabei läuft er fast in seine Frau, die mit dickem Pullover bekleidet offensichtlich neues Holz für den Kamin aus dem Keller geholt hat, obwohl die gefühlte Temperatur in der Wohnung die dreißig Grad-Grenze locker überschritten haben dürfte. Auch sie wirft ihm einen Blick zu, als wäre er ein wenig geisteskrank. Da dieser Blick dem gerade erlebten ähnelte, ist er sich nun sicher, dass seine Laufbegegnung eine Frau war.

"Wie siehst du denn aus". Gedehnt und nahezu ungläubig verlassen diese dürre Worte ihre Lippen, ohne dass der leicht anklagende Tonfall zu überhören gewesen wäre. "Hallo Kati. Na, ich sehe so aus, wie Läufer aussehen, die gerade laufen waren." Er versucht dabei ganz locker und selbstsicher zu klingen. Denn ehrlich gesagt kann er ihr nicht folgen. "Was trägst du da?". Ihre Stimme nimmt bereits einen leicht schrillen Klang an. Sie lässt ihm keine Zeit zu antworten, sondern fährt fort "Bei den Temperaturen läufst du mit kurzer Hose und kurzärmligen Shirt? Bist du jetzt völlig durchgeknallt?". „Ich weiß gar nicht, was du willst. Ich trage doch Handschuhe und Socken. Wobei letzteres“, gibt er zu, „nur wegen der Sittlichkeit.“ Aber er versteht, was sie meint. Er grinst, nimmt ihre Hand und führt sie in den Keller. In seinen Keller. Der fast einzige Raum im Haus, der ganz ihm gehört.

Er deutet auf eine kleine Flasche. "Mein Geheimnis" sagt er verschwörerisch. "Frostschutzmittel! Ein wenig getunt, versteht sich." Er setzt zur Erklärung an, während ihr Blick fassungslos zwischen ihm und seiner Flasche hinterher schwankt. "Also. Ab einer bestimmten Temperatur wird aus einem flüssigen ein fester Stoff. Ich weiß zwar ", und dabei zwinkert er ihr zu, "dass dir in bestimmten Situationen feste Stoffe lieber sind, aber das Blut soll schon schön flüssig bleiben. Daher werden der Flüssigkeit weitere Stoffe hinzugefügt, damit dieser Zeitpunkt sinkt. Hier kommt das Frostschutzmittel zum Einsatz. Glysantin ist der richtige Stoff für solche Situationen. Es schmeckt ein wenig süßlich, wenn man die zusätzlichen Bitterstoffe ausfiltert. Im richtigen Mischungsverhältnis reicht der Schutz bis -40 Grad. Außerdem sind diesem Mittel noch verschiedene Additive zugesetzt, die auch gegen Rost schützen und schmierende Eigenschaften haben. Genau das Richtige für meinen Bewegungsapparat."

Kati's Gesichtsfarbe wechselt schlagartig und es bricht aus ihr heraus: "Bist du völlig durchgedreht? Das ist hochgiftig. Das ist für Autos und so nen Zeug, aber nicht für Menschen. Wir müssen sofort ins Krankenhaus und dir den Magen auspumpen lassen!"

Geck lächelt weiter und genießt es offenbar, dass sie so in Rage ist. "Ach Schatz. Als würde ich so ein Zeug trinken. Die Lösung ist viel einfacher." Dabei schaut er sie unverwandt an.

"Und. Wie ist die?" Sie wirkt beruhigt, aber doch ein wenig ungeduldig. "Ganz einfach. Ich bin bekloppt"

Sie dreht sich auf dem Absatz um und marschiert wutschnaubend nach oben zu Ihrem Kamin, während er noch einen tiefen Schluck nimmt. Er weiß, dass sie nicht alles wissen muss und dass die Kälte ihm nichts anhaben kann. Echte Wärme kommt doch von innen und so ein warmer Tee wärmt auch den kühlsten Mann wieder auf. Obwohl. Ist es wirklich Tee…?

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