
„Koma, gleich fall ich ins Koma“
denkt er sich, während er sich mit der Zuverlässigkeit eines VW Käfers und der Geschwindigkeit eines Trabi dem Ziel nähert. Die Lungen werden noch einmal voll gepumpt und geht er in der Schlussspurt über, da er weiß, dass es nur noch zehn Kilometer bis zum Ziel sind. Die leichten Salzablagerungen auf seinen Wangen beginnen in Anbetracht der glühenden Sonne zu brennen und er sehnt sich Regen herbei.
Jetzt könnte nicht einmal das Winken mit Schlüpfern am Rand seinen Schritt bremsen. Zum einen ist er dazu mental überhaupt nicht mehr in der Lage, an seine diesbezüglichen körperlichen Fähigkeiten mag er gar nicht denken. Und so jagt er weiter, frisst eine Kilometermarkierung nach der anderen und selbst an den Verpflegungsständen, wo ihm ein „Wasser! Isodrink! Bananen!“ entgegen schlägt, hält er nur kurz, um seinen Kopf in die Wasserwanne zu stecken und schon geht es weiter.
„Nicht mehr weit. Du wirst doch jetzt nicht schlapp machen“ hämmert es in seinem Hirn. So sehr ist mit seinen Gedanken beschäftigt, dass er die scharfe Haarnadelkurve kurz hinter dem Verpflegungsstand fast übersieht und seine 90 Kilogramm im wahrhaft letzten Augenblick mit Vehemenz herum reißt. Da passiert es. Er rutscht auf einer Lache aus Iso-Drinks und halbreifen Bananenresten aus und da er nun gnadenlos der Anziehungskraft der Erde ausgesetzt ist, schlägt er hart auf.
Er rappelt sich auf, tastet, ob etwas gebrochen ist und will weiter laufen. Es fühlt sich so herrlich leicht an und als an sich herunter schaut, kann er den Grund unschwer erkennen. Seine Hose – zerfetzt. Keine Chance, damit weiter zu laufen. Jetzt nur einen Müllsack überziehen und irgendwie nach Hause durchschlagen. Mehr fällt ihm nicht ein, bis eine der Iso-Zapferinnen zu ihm kommt. „Wie ich sehe, könnten sie was zum Anziehen gebrauchen.“ Dabei reicht sie ihm eine lange Hose. „Habe ich im Startbereich gefunden“ fügt sich entschuldigend hinzu. „Scheint einer aus seinem Rucksack verloren zu haben. Ist ne Damengröße – ich glaube M. Nehmen Sie die, wenn es Ihnen hilft“.
Dieses Teil kommt ihm irgendwie bekannt vor, auch wenn er nicht weiß, woher. Er zwängt sich in dieses Teil. „Klar ist das eine Damenhose“, denkt er sich. „Frauen haben schließlich eine Haut aus Carbon. Egal wie heiß es ist, immer tragen sie lange Hosen. Das geht nur mit einer Carbon-Haut.“ Als er sich irgendwie hinein gewürgt hat, freut er sich, dass er nicht gerade in Köln ist und es bis zum Christopher-Street-Day noch etwas hin ist. Ansonsten würde er mit diesem Outfit nicht lebend und unversehrt das Ziel erreichen.
Schnell hat er seinen Rhythmus wieder gefunden und sein Blick wirkt beinahe fiebrig, als er auf die Zielgerade einbiegt, während flinke Helfer bereits dabei sind, das Ziel abzubauen. Aber rechtzeitig wirft er sich über die Ziellinie und er hört ein lautes Piepsen. Erst denkt er, dass es sich um einen Kabelbrand in seinem Herzschrittmacher handelt, bis er merkt, dass er ja gar keinen hat. Also kommt das Piepen offenbar von dem Chip, diesem mörderischen Teil, das schonungslos seine Zeit festhält.
Damit ist dieser Teil geschafft und ihm wird bewusst, dass er jetzt ein neues Problem hat. Wie soll er seiner Kati die gerissene Hose und vor allem die Damenhose Größe M erklären? Nicht nur sein Körper hat durch die körperliche Anstrengung gelitten, auch sein Kopf, da dieser zuletzt nur noch schonend versorgt wurde, da die Erhaltung der primären Lebenserhaltungssysteme Vorrang hatte.
Aber als Mann der Tat hat er schnell einen Plan und so schnell ihn seine Füße noch tragen können, schleppt er sich in das Verpflegungszelt und schnappt sich zwei Berliner, schiebt sich diese unter sein Laufshirt und fixiert sie unter dem Brustgurt. Dann nimmt er seinen Kleiderbeutel, zieht seine Laufkappe heraus und setzt sie auf. Als er sich prüfend betrachtet, stellt er fest, dass seine Oberweite nicht besonders üppig ist, aber wenigstens nichts hängt.
Mit gesenktem Kopf nähert er sich dem Duschzelt, dem Damenduschzelt, und leicht vorn über gebeugt mustert er seine Umgebung. Mit seiner Körpergröße von 175 Zentimetern fällt er nicht groß auf, zumal die wenigen anwesenden Damen einen etwas abwesenden Blick haben. Sie schauen, als hätten sie gerade Kontakt mit dem Nirwana gehabt. Er setzt sich mit gesenktem Kopf auf eine Bank, setzt ebenfalls den Nirwana Blick auf und wartet geduldig, bis alle im Duschcontainer verschwunden sind und dann handelt er schnell. Er reißt sich die Hose vom Leib und stopft die einfach in einen der herumliegenden Säcke. Anschließend bindet er sein Handtuch um die Hüften und verdrückt sich leise aus dem Zelt.
Nun schnell die Berliner essen und in die Männerdusche, wo er ausgiebig duscht. Wäre ja blöd, wenn ihn eine der Damen beim Verlassen des Zeltes direkt erkennen würde. Nach einiger Zeit fängt er auch an, sich zu waschen und wie der Zufall es will, vergisst er seine kaputte Hose in der Umkleide. Kann ja schließlich mal passieren.
Mit der Hoffnung, dass die Dame, der er die M-Hose zugedacht hat, diese auch gebrauchen kann, verlässt er vergnügt den Veranstaltungsort und fährt nach Hause. Kaum ist er zu Hause angekommen, erwartet ihn auch seine Gattin. Nicht freudestrahlende Blicke, sondern leichte Furchen auf ihrer Stirn empfangen ihn.
„Sag mal, ich bin gerade dabei, die Sachen für die Altkleidersammlung zusammen zu packen. Hast du vielleicht aus Versehen meine lange Sporthose eingepackt? Seitdem du deine Sachen eingepackt hast, vermisse ich die. So ne dunkle in Größe M. M wie marathon4you. Dir passt die bestimmt nicht.“ Ohne auf eine Antwort zu warten, fährt sie fort: „Wird sich hoffentlich bald wieder einfinden, damit ich die endlich entsorgen kann. Die ist mir viel zu groß.“
Er bekommt einen leicht irren Blick, während er zugleich das Frauen Mulit-Tasking bewundert. Sie trommelt gleichzeitig mit Ihrem Finger auf seine Brust und spricht.
"Im Übrigen", trommelt sie nun im Takt "diese Hose, die du zum Lauf angezogen hast, gehört ebenfalls entsorgt. Die stammt bestimmt noch aus den Zeiten eines Emil Zatopek." Damit dreht sie sich um und lässt einen verstörten Geck zurück.
Warum kann Laufen nicht einfach einfach sein? Aber wenn man damit seine Frau glücklich machen kann, dann ist einem echten Läufer nichts zu schade.