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Das Geheimnis der richtigen Ansprache

02.07.09
Quelle: Running Geck

Geck war wieder einmal auf dem Weg, diese beinahe legendäre Distanz über 42 Kilometer zu absolvieren. Diese Art von Lauf, die einen nicht nur physisch, sondern in erster Linie auch psychisch fordert. Ab dem Kilometer 30 ist es ein Kampf gegen sich selbst und seinen inneren Schweinehund. Ja, ein gewisser Hang zum Masochismus ist dabei sicher nicht hinderlich.

Früh am Morgen war der Start. Eigentlich die beste Zeit für ein gemütliches Frühstück. Aber er war bereits mit seinen schnellen Schuhen unterwegs. Nun war er froh über den frühen Start, denn es drohte ein warmer Tag zu werden. Vielleicht am Ende zum warm?

Gemächlich rollte er sich auf den ersten Kilometern ein. Kein Gedanke an eine mögliche Bestzeit quälte ihn. Er wollte einfach nur genießen. Wann hatte man schon einmal Gelegenheit, eine Stadt so zu erlaufen? Man hatte extra die Straßen für ihn abgesperrt und so konnte er völlig neue Eindrücke in sich aufnehmen.

Geck war es gewohnt, alleine zu laufen. Hier hatte er zwar einige Tausend Mitläufer, aber das nimmt er kaum wahr. Nach seinem Premieren-Marathon hat er sich abgewöhnt, sich einen Läufer oder eine Läuferin „auszugucken", an denen er sich orientieren kann. Das funktioniert bei kurzen Läufen, aber nicht beim Marathon. Spätestens an den Verpflegungsstationen „fliegt" das Feld nahezu auseinander. Danach sind vor und hinter ihm völlig neue Mitläufer.

So geht es ihm auch diesmal bis kurz nach der Halbmarathon-Marke. Da hatte er auf einmal einen „Laufpartner" gefunden. Klaus stand auf seinem Shirt und sie hatten das gleiche Tempo, also Rennschnecke mit Herzklappen-Scharnierstift-Verrostung, und die gleiche Schrittfrequenz. Also liefen sie zusammen und unterhielten sich. Über alles, nichts und noch viel mehr. Klaus erzählte ihm, dass er mit seiner Frau angereist sei und diese irgendwo an der Strecke, so bei Kilometer 30, auf ihn warten wollte.

So bei Kilometer 25 oder 26 fing Klaus leicht an zu schwächeln. Erst unmerklich, dann aber immer mehr. „Meine linke Wade brennt so. Und auch das Wetter macht mir zu schaffen."

Tatsächlich war es fühlbar wärmer geworden. Die Sonne stand am Himmel, ohne von Wolken am ungehinderten Strahlen gehindert zu werden.

„Na komm. Wir nehmen mal nen halben Schritt raus. Dann wird das wieder", versucht Geck ihn zu ermuntern. Klaus schaut ihn nur kreidebleich an und antwortet schon ein wenig apathisch: „Ich weiß nicht. Im Training ist es so gut gelaufen. Ich habe sogar mehr lange Läufe als sonst gemacht. Aber heute?" Dabei wirkte er wenig resigniert.

„Komm. Da hinten ist wieder eine Verpflegungsstation. Da gibt es Bananen und Coke. Das hilft und gibt dir die nötige Kraft."

Nun war die 30er Marke überschritten und sie liefen stumm nebeneinander her. Aber Klaus sah zusehend schlechter aus. „Zu schnell angegangen" zischte er hervor.

Eher er etwas erwidern konnte, sah er eine junge Frau am rechten Straßenrand mit beider Armen winken. Ein Schild mit „Klaus – Go" hielt sie hoch.

„Ah. Meine Frau" murmelte er mehr als das er es aussprach und lief, oder besser humpelte, zu ihr herüber.

„Hallo Schatz. Ich bin fix und fertig. Ich kann nicht mehr. Ich glaube, ich steige hier besser aus."

Stille.

„Du Arsch."

Geschockte Stille.

 
''Du Arsch!''
© marathon4you.de

Die anderen Zuschauer halten gebannt den Atem an. Man kann die Spannung fühlen, so knistert die Luft.

„Seit vier Monaten hast du dich intensiv darauf vorbereitet. Während dieser Zeit bist du fünf Abende auf der Straße gewesen, statt bei mir. Du hast keinen Handschlag im Haushalt gemacht und ich habe das akzeptiert. Ich habe unseren Speiseplan umgestellt, damit du deine Kohlenhydrate bekommst. Wenn wir zum Essen waren, dann dir zuliebe nur beim Italiener. Ich habe hingenommen und mitgemacht, dass es während dieser Zeit keinen Alkohol mehr gab. Nicht mal mehr Wein zum Essen. Keine Feiern, denn du warst ja zum müde vom Training. Wenn du jetzt aufgibst, sind wir geschiedene Leute!" Dabei bebte ihre Stimme vor Erregung und diese Erregung setzte sich über die Zuschauer auf die Läufer fort.

„Wow" denkt sich Geck. „Was für eine Ansprache. Und so wie die jetzt aussieht, meint die das wirklich ernst."

Er wirft einen verstohlen Blick auf Klaus. Der scheint zu überlegen, ob dies der geeignete Moment für eine Trennung ist. Besser als manche SMS Nummern. Aber er sagte nichts, sondern trabte nur langsam, mit hängenden Schultern, wieder an, begleitet vom donnernden Applaus der umstehenden Zuschauer.

Geck schließt zu ihm auf und gemeinsam machen sie sich wieder auf den Weg. Klaus leidet wie ein Hund, das sieht er ihm an, wobei er nicht weiß, ob das Leiden auf die bevorstehende Trennung oder die Anstrengung zurückzuführen ist. Er versucht ihn aufzubauen und textet ihn zu, bleibt aber eisern an seiner Seite.

So absolvieren sie die restlichen Kilometer. Dann werden sie völlig unvermittelt aus ihren Gedanken gerissen, denn das Ziel tauchte vor ihnen auf.

Da stand auch Klaus's Frau und grinste über das ganze Gesicht. Seite an Seite überquerten sie die Ziellinie.

Nachdem sie sich verpflegt und den Zielbereich verlassen haben, steht diese Rächerin aller Laufbegleiter vor ihnen und nimmt ihren Klaus in die Arme. Er weiß gar nicht wie er reagieren soll und auch Geck schaut ein wenig irritiert und konsterniert herum.

„Ja Schatz. Mit der richtigen Motivation lässt sich so manches erreichen. Ich bin stolz auf dich."

"Welch schöne Schlussworte", denkt sich Geck. Und ist gleichzeitig froh und glücklich, dass seine Frau in den meisten Fällen nicht dabei ist. Ob er diese Motivation vertragen könnte, möchte er lieber nicht ausprobieren.

 

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