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Dark Room

03.12.09
Quelle: Running Geck

Dunkelheit umfängt ihn, nichts als Dunkelheit.

Aus der Entfernung betrachtet könnte man meinen, dass er schwebt, so leicht und ästhetisch wirkt sein Schritt. Spötter hatten ihn immer kritisiert wegen seines Laufstils, denn Sie verglichen ihn mit einem joggenden Tier mit Rüssel. Auch wenn er dies nie kommentiert hat, so hat es ihn doch ein wenig geschmerzt.

So einfach und ästhetisch es aus der Distanz aussah, so merkte er die extreme Anspannung. Seine Lungen schienen beinahe zu bersten und seine Beine fühlten sich schwer und ausgelaugt an. Er spürte, wie sich die Säure langsam aber sicher durch die Muskulatur fraß, und fragte sich, wie lange es noch dauern würde, bis er zusammenbrach. Aber er hatte mehr als einmal bewiesen, dass er ein Kämpfer war und alleine dieser Gedanke machte ihm wieder Mut. Die langen Hosen und das langärmelige Shirt vermittelten ihm das Gefühl einer stark Behinderung. Dies war allerdings kein neues Gefühl, denn immer wenn er seine kurzen Laufshorts gegen etwas Langes eintauschte, brauchte er eine ganze Weile, bis er sich darin wohlfühlte. Aber trotzdem war es diesmal irgendwie anders. Er glaubte, dass es an den verwendeten Textilien lag, denn anders als sonst machten diese nicht den Eindruck, als wären sie besonders atmungsaktiv. Zumindest glaubte er zu spüren, wie ihm die Luft knapp wurde und sein Atem ging noch hechelnder. Jeder Hund hätte ihn in Anbetracht der aus dem Mund hängenden Zunge direkt als Artgenossen akzeptiert.

Neben seiner Atemnot kam die Dunkelheit erschwerend hinzu, die ihn veranlasste, noch langsamer als gewöhnlich zu laufen, um ja nicht zu stürzen. Dies war überhaupt nicht so einfach, denn die Strecke war alles andere als eben, dies machte ihm, der sonst eher die ebenen Asphaltwege gewöhnt war, mehr zu schaffen, als er zugeben wollte. Den einen oder anderen Trial-Lauf hatte er absolviert, aber gegen diese Strecke war das alles wie ein Kindergeburtstag.

Und schon passierte es. Er stolperte. Er hatte einen Stein übersehen, obwohl ein Außenstehender den nicht gerade als klein bezeichnen würde. Er hätte schwören können, dass dieser Stein gerade noch nicht dort gelegen hatte. Vor seinem geistigen Auge machte er sich bereit für einen harten Aufschlag, aber - es passierte fast nichts. Langsam, ganz langsam fiel sein Körper vornüber, und ehe er in seiner ganzen Länge und Schwere den Boden erreicht hatte, war es bereits wieder vorbei und er stand wieder auf seinen Beinen. Er atmete schwer, viel schwerer als sonst und er blickte sich um. Obwohl es beinahe tiefschwarz war, konnte er ein paar Augen erkennen und er erschrak sich. Die Augen wirkten seltsam starr und dennoch fixierten sie ihn. Obgleich ihm der Schreck die Glieder schwer werden ließ, kam er nicht umhin, sich zu wundern, denn die Augen tauchten in verschiedenen Höhen auf. Mal waren sie in der Nähe seines Gesichtes, dann auf der Höhe seiner Knöchel und am Ende auf Bauchnabelhöhe.

Er versuchte, die Augen mit seinen Armen zu verscheuchen und zu seiner eigenen großen Überraschung gelang dies sogar. Kaum hatte er sich von diesem Schock erholt, als er ein paar Hände vor sich sah, die wild gestikulierten. Da er kaum in der Lage war, zu atmen, reckte er nur den Daumen in die Höhe, denn dies war aus seiner Sicht das Einzige, was noch möglich war. Die Hände signalisieren ihn, dass sie ihn verstanden hatten und Geck versuchte durchzuatmen und vielleicht noch ein fulminantes Finish hinzulegen. Er warf einen Blick auf seinen Hochleistungschronografen, um noch einmal seinen Puls zu kontrollieren, denn bei allem Ehrgeiz wollte er nicht überdrehen. Seit über einer Stunde war er unterwegs und sein Puls war fast die ganze Zeit am Limit, sein Blick fiel auf die absolvierten Kilometer und ihn erschauerte, denn dann stand nur eine ganz kleine Zahl. Nun holte er das Letzte aus sich heraus, und als sein anvisiertes Ziel erreichte hatte, blieb er stehen und schnaufte laut und vernehmlich durch.

Dann sah er wieder die Hände. Sie gehörten zu einem bestimmt zwei Meter großen Hünen, der einen Blaumann und kniehohe dunkelgrüne Gummistiefel trug. Das Gesicht hatte die Farbe einer 100 Watt Birne und das, obwohl diese doch mittlerweile in der EU verboten sind.

"Was machen Sie da?“ Der Mann zischte die Worte so stark, dass Geck einige Teile der feuchten Aussprache abbekam.

„Na. Ich würde sagen, Skispringen war es nicht“ antwortete Geck etwas spitz. Er war viel zu erschöpft, um jetzt noch eine Quizrunde einzulegen.

„Sie sind gelaufen!“

Toll, dachte er sich. Da bist ja an einen richtigen Blitzmerker geraten und er schaute sich nach der versteckten Kamera um, aber die war nirgendwo zu sehen. Bevor die Diskussion noch skurrilere Formen annahm, entschied er sich für die Vörwärtsstrategie.

„Sie haben recht – ich bin in der Tat gelaufen. Wo ist das Problem?Mein Doc hat mir empfohlen, mal einen Ausgleich für das Laufen auf der Straße zu suchen.“

Er sah den Hünen an und merkte, dass bei diesem ein paar Adern am Hals hervortraten und er entschloss sich instinktiv, vorsichtiger zu sein.

Die Stimme seines Gegenüber wurde leise, als er fortfuhr.

„Halten Sie mich nicht für blöd. Ich weiß sehr wohl, was Aquajogging ist.“ Jetzt wurde er lauter und seine Stimme ging in ein Brüllen über.

„Wenn Sie das nächste Mal Aqua-Jogging machen wollen, dann gehen sie gefälligst wie alle anderen auch ins Schwimmbad und nicht ins Meeresaquarium. Unser armer Hugo, die über hundert Jahre alte Meeresschildkröte hat sich ganz schön erschrocken, als Sie auf sie draufgetreten sind und sie können froh sein, dass Billy the Kid, unser Hai, heute schon gefressen hatte, denn sonst hätte ihr Laufabenteuer ein abruptes Ende finden können."

"Hugo! Billy the Kid! Ihr seid ja drollig. Aber o.k. Beim nächsten Mal im Schwimmbad.Obwohl – ich habe doch vollen Eintritt …..." Aber Geck hatte das Gefühl, dass diese Argumentation jetzt unangebracht war und daher verschluckte er den Rest.

Unter brausenden Applaus zog er sich seinen Neopren-Anzug herunter, nahm die Sauerstoffflasche vom Rücken und bewegte sich langsam zum Ausgang.
Alles was Spaß macht, darf man nicht, dachte er sich, als er sich langsam zurückzog.

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