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Sklaven der Technik – Läufer verlieren ihr Körpergefühl

15.03.12
Quelle: Andreas Butz

Es ist erstaunlich. Immer weniger Läufer vertrauen ihrem Körpergefühl und werden zu Sklaven ihrer Laufcomputer.

Letzte Woche hatte ich beim langen Lauf während unserer Laufseminare auf Mallorca zwei Läufer dabei, die unser Tempo immer wieder mit den gleichen Worte kommentierten: „Wir sind zu schnell“, oder „Wir sind zu langsam“. Jede noch so kleine Abweichung an der ausgegebenen Geschwindigkeit von 6:20 min/km ließ sie verzweifeln. Keine Steigung, kein Gefälle, keinen Gegenwind und kein Rückenwind fanden Beachtung, nur die Anzeige der GPS-Uhr. Der angesagte Schnitt war für sie Gesetz und die Abweichungen von plus, minus 15 Sekunden machten sie unzufrieden. Das zu guter Letzt der Kilometerschnitt doch erreicht wurde, trug erst nach 27 Kilometern zur Beruhigung bei.

 
© marathon4you.de

Nächstes Beispiel: Beim Tempotraining, zwei Tage zuvor, galt es eine 2,1 Kilometerrunde im von mir vorgegebenen Halbmarathonrenntempo zu laufen. Die Runde führte durch einen Wald und war streckenweise kurvig, sandig und wurzelig und hatte einige kleine Steigungen und Gefälle. Für die meisten Läuferinnen und Läufer der pure Laufgenuss und das Trail-Tempolaufen ein bisher ungekannter neuer Trainingsreize. Doch wenige andere waren unzufrieden. Die GPS-Uhren stießen im dichten Pinienwald an ihre technischen Grenzen, hatte immer wieder Aussetzer und zeigten 2,0 statt 2,1 Kilometer für die Runde an. Die Technikfreaks fühlten sich um 100 Meter betrogen und wussten nicht wie schnell sie die nächsten Wiederholungen laufen sollten. Du glaubst ich übertreibe? Nein, das tue ich nicht.

Liebe Läuferinnen und Läufer, ihr wisst, als Trainer bin ich ein großer Freund von tempoorientierter oder herzfrequenzorientierter Trainingssteuerung nach der Laufcampus-Methode. Diese kann sicherstellen, dass der Trainingsfleiß auch mit Leistungsverbesserung und Erfolgen belohnt wird und man sich nicht über- oder unterfordert. Dies darf aber nicht heißen, dass man die Schulung des Körpergefühls komplett vernachlässigt. Auch ohne Sportuhr sollten Läufer in der Lage sein, auf 5 Sekunden genau ihr Wettkampftempo bei einem 10-Kilometerlauf schon auf dem ersten Kilometer zu laufen. Auch ohne Pulsuhr sollten Läufer das Gefühl für den richtigen Trainingsreiz bekommen, sollten verstehen, dass bei sehr hohen oder sehr niedrigen Temperaturen das Tempo natürlich angepasst werden muss, um in einem annähernd konstanten Herzfrequenzbereich zu trainieren. Auch ohne Laufcomputer sollte man Freude am Training haben. Ich weiß von einem Läufer, der sein Training deshalb ausfallen ließ, weil die Batterie seiner Laufuhr leer war und daher keine lückenlose Protokollierung des Trainings möglich war.

Und dabei ist es so einfach effektiv zu trainieren. Der Trainingsreiz ist langsam und die Fettverbrennung hoch, beim „Laufen ohne Schnaufen“. Um das zu erkennen braucht man keine Pulsuhr. Und wenn Unterhaltungen nur noch in kurzen Sätzen möglich sind, dann ist das Dauerlauftempo zügig. Das ist ebenfalls ein sehr effektives Training, noch unterhalb des Marathonrenntempos, aber an der aerob-anaeroben Schwelle. Es fehlt nur noch der dritte wöchentliche Trainingsreiz, das Tempotraining. Hier reicht schon ein Fahrtspiel, hier ist eh alles erlaubt, Hauptsache man gibt mindestens dreimal richtig Gas und erholt sich dann wieder. Oder man schult mit einer einfachen Stoppuhr, auf vermessener Strecke, z.B. einer 400-Meterbahn, sein Tempogefühl.  Wird die Zeitvorgabe in der ersten Runde nicht erreicht, wird die Laufgeschwindigkeit nach Gefühl so lang angepasst, bis die Rundenzeiten auf zwei Sekunden genau  erreicht werden. Bei den meisten klappt das spätestens ab der vierten Wiederholung. Und 12 x 400 Meter im 5er-Renntempo sind ein richtig gutes Training vor dem nächsten 10er-Wettkampf.

Lasst die Technik mal zu Hause. In diesem Sinne weiterhin viel Freude beim Laufen wünscht

Andreas Butz

www.laufcampus.com

 

 
 

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