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Lieber mit Lauftreff oder lieber alleine?

07.10.09
Quelle: Andreas Butz

Alleine in Deutschland gibt es rund 3000 Lauftreffs, also in jeder Region mindestens einen.

Ich selber starte am 28. Oktober 2009 mit Treffpunkt um 18:25 Uhr am Stadtwald in Euskirchen (Köln/Bonn/Eifel), Münstereifeler Straße einen neuen Winterlauftreff. Du bist herzlich dazu eingeladen. Nicht weiter nachfragen, einfach hinkommen.
Aus diesem Anlass, und zur Einstimmung, veröffentliche ich nachfolgend einen Auszug aus meinem Erstlingswerk, dem Buch „runner’s high – Die Lust zu laufen“ erschienen bereits 2002 im Copress-Verlag. Das Kapitel heißt „Der Lauftreff“ und wurde von mir 2001 geschrieben:

Der Lauftreff
Jeder Läufer und jede Läuferin hat irgendwann einmal mehr oder weniger intensiven Kontakt mit einem Lauftreff. Für Manche kann ein Lauftreff die Initialzündung zum Laufen sein, und der Beginn eines neuen Hobbys. Für Andere ist der Lauftreff einfach nur die Möglichkeit, mal wieder eine Stunde bei ruhigem Jogging mit Freunden zu plaudern.

 
© marathon4you.de

Lauftreffs gibt es in jeder Region und in jeder Größenordnung, vom wöchentlichen Hausfrauenlauf am Vormittag bis zu semiprofessionell vorbereiteten Veranstaltungen, mit mehreren Gruppen, unterschiedlichen Tempi und über hundert Läufern.

Auch ich nahm an verschiedenen Lauftreffs teil. Lauftreffs sind für mich eine Bereicherung des Trainingsalltages. Die Möglichkeit mich mit Gleichgesinnten zu treffen und über Trainingserfahrungen und die letzten Wettkämpfe zu unterhalten, hilft den gelegentlich aufkommenden inneren Schweinehund zu besiegen. Fachsimpelei über Doping im Leistungssport, Extremläufe durch Sibirien und die Sahara gehören ebenso zu den Gesprächsthemen wie die besten Mittel zur Beseitigung von Blutblasen am Zeh. Schließlich haben blutige Zehen auch manchmal ihren Ursprung an einem Lauftreff, wenn stolz die soeben neu gekauften Laufschuhe und Socken präsentiert und eingelaufen werden.

Überhaupt ist es amüsant festzustellen, dass gerade bei Lauftreffs viel über sogenannte Anfängerfehler gesprochen wird und trotzdem wenig davon hängen bleibt. Beim Lauftreff sind sich beispielsweise alle einig, dass mehrere Paar Laufschuhe parallel zu tragen sind, um beispielsweise mögliche Fehlstellungen des Fußes auszugleichen. Oder, dass neue Schuhe nie direkt bei langen Läufen erstmals getragen werden sollten – eben um Blasen vorzubeugen.

Im Läuferalltag scheint aber zu gelten, dass jeder jeden Fehler unbedingt selber machen will, um dann beim nächsten Lauftreff wieder als Weisheit davon berichten zu können.

Mir ging es da bisher nicht anders. Wie oft habe ich beispielsweise schon gehört, dass das Immunsystem eines Läufers zwischen intensiven Marathontraining und nachfolgendem Wettkampf geschwächt ist und damit der Läufer besonders empfänglich für Erkältungen ist. Trotzdem passierte es vor einem meiner letzten Marathons, dass ich mir, durch Training im Dauerregen und eine intensive und gleichsam unnötige Tempoeinheit wenige Tage vor dem Wettkampf, mir schnell noch eine Kopfgrippe zuzog.

Nur mit Aspirin und Vitamin C konnte ich die Gesundheit bis zum Wochenende einigermaßen wiederherstellen. Hätte ich aber auf die bekannten Weisheiten gehört, dann hätte ich mich in den letzten zwei Wochen zurückgehalten und auf die Regen- und Tempoeinheit verzichtet. Es wäre erst gar nicht zur Infektion gekommen. Aber, wieder was gelernt und Gesprächsstoff für den nächsten Treff gewonnen.

Nicht nur neue Schuhe werden stolz auf Lauftreffs präsentiert, ein Jahrmarkt der Eitelkeiten ist ein Lauftreff auch hinsichtlich der restlichen Laufgarderobe.

Die größte Aufmerksamkeit finden dabei die neuen Lauf-T-Shirts, die bei vielen Straßenläufen und Volkslaufveranstaltungen als Finisher-Prämie ausgegeben werden. Der Finisher-Gedanke honoriert jedes ins Ziel kommen eines Starters – neudeutsch „Finishen“ – und ist insbesondere bei längeren Wettbewerben ab der Marathondistanz üblich. Und trotz schwerer, vom Muskelkater geplagter Beine nach einem harten Wettkampf, läuft es sich mit solch einem Hemd beim nächsten Lauftreff recht locker.

Inzwischen wurde die Lauftreff-Szene sogar von Sportartikelherstellern als Marktplatz entdeckt und so werden die bekanntesten Treffs von den großen Marken wie Adidas, Nike und Puma angefahren, um dort die neuesten Modelle von ihren Händlern zum Test und natürlich Kauf anzubieten.

Lauftreffs sind längst mehr als nur Läufe in der Gruppe – Lauftreffs sind gesellschaftliche Ereignisse und Umschlagplatz von Tipps, Trends und Informationen.

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Die Lauftreffs die ich kenne sind alle von höchst unterschiedlichem Charakter. Meinen ersten regelmäßigen Lauftreff besuchte ich in Rednitzhembach. Jeden Mittwoch gegen 18.20 Uhr treffen sich immer noch am Aldi-Parkplatz über 100 Läuferinnen und Läufer. Bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit wird gelaufen, ganz egal ob es schneit oder einem, bei 35° im Schatten, den Schweiß schon im Stehen in die Augen treibt.

Ob in der Dunkelheit im Winter oder an Feiertagen, der Lauftreff findet immer statt. Nur wenn Heiligabend auf einen Mittwoch fällt, dann wird notgedrungen eine Ausnahme gemacht. Der 1990 ins Leben gerufene Lauftreff lebt von seinem Initiator Jürgen Wegschaider, der guten Seele der dortigen Laufszene, der über jeden Läufer und jeden gelaufenen Kilometer penibel Buch führt, um einmal im Jahr, bei einem gemütlichen Beisammensein, stolz Bilanz zu ziehen. Präsentiert werden dann Daten zu den gelaufenen Kilometern des letzten Jahres, geehrt werden die fleißigsten Teilnehmer und angestoßen wird auf die steigenden Teilnehmerzahlen.

Das Besondere an diesem Lauftreff ist aber die Teilnehmerstärke. Bis zu 160 Läufer und Walker wurden abendlich schon gezählt. Diese Schar verteilt sich dann in 6 Gruppen, von der Walking Gruppe über die Gruppe mit den Läufern, die regelmäßige Gehpausen einlegen bis zu den ganz Schnellen, die mit ihrer Gruppe in einer Stunde 14 – 15 Kilometer abspulen.

Für alle heißt aber das Motto „eine Stunde Laufen“, und wie alle in ihren Gruppen gegen 18:30 Uhr sternförmig den Startplatz verlassen, so trudeln sie auch 60 Minuten später wieder ein. Ganz egal, ob sie 6 Kilometer stramm gegangen sind oder 15 Kilometer auf Tempo trainiert haben. Eine Stunde Laufen, das verbindet und macht alle Sportler zu einer Gemeinschaft, vom 100 Kilo schweren Laufanfänger bis zum dünnen Leistungssportler.

Mittwochs kam ich dann oft etwas früher von der Arbeit nach Hause um mich flugs umzuziehen und zum Lauftreff weiterzufahren. Meistens kam ich dann auf dem letzten Drücker um Punkt 18:30 an, stellte meinen Wagen schnell ab und orientierte mich nach meiner Laufgruppe, der „Gruppe B.“ Mit zwei Eigenheiten hatte ich in dieser Gruppe zu kämpfen. Da waren zunächst „die von der A“, denen das Tempo der A-Gruppe die letzten Male wohl zu schnell war und die sich nun wieder in der B eingliederten. Die Laufgruppe B hat zum Ziel, in einer Stunde rund 11 Kilometer zu laufen, was einen Schnitt pro Kilometer von rund 5:30 Minuten bedeutet. Die „Gruppe A“ hingegen läuft normalerweise einen 4:30er Schnitt und die „Gruppe C“ plant rund 6:00 Minuten pro Kilometer ein. Der Sprung von B zu A ist groß und einiges härter als der von C zu B. Ein ungeschriebenes Gesetz aller Lauftreffs besagt aber, dass nicht nur gemeinsam gestartet und gemeinsam angekommen wird, sondern auch, dass die vermeintlich Schwächsten das Tempo vorgeben. Das mit dem gemeinsam Ankommen klappt auch meistens, aber das Tempo wird in der Gruppe B meist von den Schnelleren vorgegeben. Und so kam es in der Vergangenheit allwöchentlich zum gleichen Spiel.

Die B-Gruppe lief einträchtig miteinander los. Sie war nicht nur die zweitschnellste Laufgruppe, sie war auch mit 30 – 35 Läufern die zweitgrößte. Ich zog es vor, am hinteren Ende der Gruppe zu laufen, da lässt es sich am besten die Läuferschar beobachten. Die Spitze gehörte den „Hasen“, die die Gruppe hinter sich herzogen und nach den ersten 5 bis 10 Minuten fast unmerklich das Tempo ganz allmählich anzogen. Nach dem Motto, so lange keiner was sagt, scheint’s ja nichts auszumachen, wurden „die von der A“ immer schneller. Meist waren dies Siggi, mit der Igelfrisur – daher auch Igel genannt - und sein Freund Georg, ein geübter Marathonläufer.Nun, was ging in den Köpfen der anderen vor?

Die, die sich gerade das erste Mal von der C-Gruppe in die B gewagt hatten, trauten sich nichts zu sagen. Keiner sollte merken, das ihnen das Tempo viel zu schnell war und so kämpften sie verbissen, um ja Anschluss an die Gruppe zu halten. Dies hatte zur Folge, dass viele von Ihnen von ihrem Traum Gruppe B zunächst geheilt waren und sich beim nächsten Mal wieder reumütig bei den C-Kollegen eingliederten. Aber an diesem Abend gab sich keiner die Blöße, alle hielten kämpfend und schweigend durch. Ganz anders ging es da den erfahreneren B-Läufern, die ohne „Aufstiegsambitionen“ einfach nur ihr gewohntes Tempo laufen wollten. Die ersten 20 Minuten schauten sie sich das Spiel an und murrten dann langsam auf. Thomas wurde angesprochen.

„Du Thomas, die da vorne, die sind schon wieder schneller geworden. Das ist doch nie und nimmer ein 5:30er Schnitt!“ Da die gemeinsamen Stundenläufe der Abwechslung halber immer über andere Routen führten, fehlte zwar die exakte Zeit-Orientierung aber die Läufer konnten sich auf ihre Erfahrung verlassen. „Na klar, schaut mal, wer mal wieder vorne läuft. Georg und der Igel. Die machen wieder einen auf Tempo.“

Jede Gruppe hatte einen Anführer, der die Aufgabe hatte die Gruppe zu lotsen, die Strecke auszuwählen und zu schauen, dass alle beieinander blieben. Die Anführer waren meist streckenkundige und erfahrene Läufer aus der Region und wurden vom Lauftreff Gründer Jürgen bestimmt. Thomas führt die Gruppe B an und lief meist in der Mitte des Feldes, weil er dort die große Gruppe am einfachsten kontrollieren konnte.

„Vorne kürzer“ rief er gelegentlich, um die „Hasen“ Jürgen und Igel zu bremsen. Beim Laufen zählen kurze Kommandos, um nicht noch zusätzlich außer Atem zu gelangen. Thomas Rufe hatten auch meistens Erfolg. Aber selten war der von Dauer. „Kürzer“ rief er immer wieder, denn die Heißsporne an der Spitze drohten die Gruppe auseinander zu ziehen. Irgendwann war Thomas Geduld überstrapaziert. Dann half nur noch Eines.

 „Alles kehrt“ rief er und lief die gleiche Strecke zurück. Die eiligen Hasen befanden sich zur Freude der Mehrheit plötzlich am Ende der Gruppe und liefen rund 60 – 70 Meter dem Feld hinterher. Dies half für eine Weile, bis das Spiel wieder von vorne losging.

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Die zweite Eigenart dieser Gruppe waren die gelegentlichen Sprinteinlagen. Die Strecken rund um den Lauftreff Rednitzhembach führten über teilweise recht profiliertes Gelände. Ein Hügel namens Heidenberg lud mit seinen gut ausgebauten Waldwegen zu Tempoverschärfungen auf seinen langen Steigungen ein. Diese Anstiege nutzte Thomas um die Tempolust seiner Laufgruppe zu stillen. „Wer mag, kann bis zur Anhöhe vorlaufen. Dort warten!“ hieß das wie immer präzise Kommando. Auf dieses Startzeichen hatten viele schon gewartet.

Nun ging es richtig ab, und ein Teil der Gruppe, meist 8 – 12 Läufer, zogen das Tempo an. Wie bei einer Schar übermotivierter Kinder, wurde diese Gelegenheit genutzt, um gegenseitig abzustecken, wer wie fit ist und wer der vermeintlich stärkste Läufer der Gruppe war. Dies waren nicht unbedingt „die von der A“, stellte doch Berglaufen ganz besondere Anforderungen dar. Natürlich gab keiner zu, dass er diese Steigung als Wettkampf interpretierte und ein möglichst gelassener Gesichtsausdruck wurde aufgelegt, sowohl während des Sprints, als auch total erschöpft nach Erreichen des Zieles. Auch ich mischte immer munter mit.

Es ging nun darum abzuschätzen, wie lang die Steigung war und wie früh man das Tempo so anzuziehen musste, dass die nachfolgenden Läufer verunsichert nachließen und ein beeindruckender Abstand herausgelaufen werden konnte. Wenn das Tempo aber zu früh verschärft wurde, dann konnte dies, im wahrsten Sinne der Worte, ganz schön nach hinten losgehen. Aus der harmonisch laufenden Gruppe B erwuchsen auf einmal taktierende Gegner.

Da natürlich nicht immer die gleiche Strecke gelaufen wurde und die krummen Waldwege einen geraden Blick bis zur Anhöhe nicht erlaubten, taten sich alle besonders schwer, die den Weg nicht kannten. Sie mussten entweder risikobereit nach vorne preschen, oder sich am Tempo der ortskundigen Läufer orientieren. Aber wer von den zehn voreilenden Mitstreitern kannte wohl die Strecke?

Nun, ab und zu habe auch ich diesen inoffiziellen Wettkampf gewonnen und scheinbar teilnahmslos, versteckt aus meinen Augenwinkeln beobachtend, die anerkennenden Blicke der Anderen genossen. An diesen Tagen fragte ich mich dann immer, ob ich nicht mal in die Gruppe A wechseln sollte, verwarf die Idee aber spätestens am nächsten Morgen wieder, wenn mich der Muskelkater an meinen glorreichen Sieg vom Vorabend erinnerte.

Das Buch „runner’s high“ (ISBN 3-7679-0820-4) gibt es überall im Handel oder handsigniert unter www.laufcampus.com

Viel Freude am Laufen wünscht

Andreas Butz

 
 

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