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Laufberichte

Schweizer Sahnestück

 

Ein Marathontor bringt uns aus der Altstadt hinaus erneut auf den Schwanenplatz. Nun wird klar, warum in der Altstadt relativ wenig Leute stehen. Alle sind hier an dieser strategisch günstigen Stelle, wo wir wieder auf entgegenkommende Läufer treffen. Gleichzeitig wird auf der Showbühne getanzt. Es ist also für die Zuschauer doppelt etwas geboten. Ab jetzt kennen wir die Strecke aus der Gegenrichtung. Die Aussicht ist aber eine ganz andere: wir laufen direkt auf die Hofkirche zu. Das imposante Bauwerk aus der Spätrennaissance ist ein Postkartenmotiv schlechthin und in seiner Symetrie auch von weitem eine Augenweide. Die Fassade ist grob in drei Teile geteilt: das Mittelstück mit dem Torbogen, dem Staatswappen und den beiden Heiligen Leodegar und Mauritius (die Kirche heißt ja auch St. Leodegar im Hof) und den beiden mittelalterlichen 69 m hohen Türmen. Bei genauem Hinsehen kann man auf dem einen Turm eine goldene Kugel mit einem Lilienkreuz und auf dem anderen einen Windanzeiger mit einem Hahn erkennen.

Wir laufen rechts an der Hofkirche vorbei. Die Halbmarathonläufer rüsten zum Endsspurt; wer noch kann, gibt Gas. Die anderen gehen und genießen den Rest der Strecke in der Gewissheit, es gleich geschafft zu haben. Der Startbogen ist verschwunden, stattdessen gibt ein Schild Auskunft über den weiteren Streckenverlauf: Halbmarathonis links ins Ziel, Marathonis rechts. Ich laufe rechts, es geht um die Kurve und den ganzen Weg wieder zurück. Zunächst mache ich aber eine Pause an der VP.

Gerade will ich weiter, da kommt mir die führende Marathonläuferin Conny Bertold entgegen und läuft einem ungefährdeten Sieg entgegen. Dicht gefolgt von Daniel Steiner, Schweizer Marathon4you-Kollege, der aber die zweite Runde erst noch laufen muss. Als Einheimischer ist es ihm eine Freude, den Pacer für 4h45 zu machen und viele Läufer ins Ziel zu führen.

Dann die Wende. Die entgegenkommenden Halbmarathonläufer und die scheinbar immer noch nicht müden Guggenmusiker machen die Strecke bis zum Schwanenplatz kurzweilig. Dann merkt man aber, dass es auf der Strecke ruhiger wird. Umso mehr genieße ich den Zuschauerhotspot am Bahnhof und dem KKL. Ungefähr bei km 22 kommt es dann zur endgültigen Streckentrennung. Ich sehe noch vereinzelte Läufer vor mir, komme aber nicht so recht heran. Natürlich sind auch noch ziemlich viele Zuschauer an der Strecke. Es sind unentwegte Marathonenthusiasten, die den Namen der Läufer von der Startnummer ablesen und jeden einzelnen persönlich anfeuern. Das motiviert nicht nur mich ungemein.

Auch die Musikkapellen spielen unentwegt, was vor allem an den Steigungen sehr hilfreich ist. Schon die ganze Zeit freue ich mich auf das lange Gefälle nach Kastanienbaum hinunter. Gerade in diesem tollen Abschnitt schlägt gnadenlos ein Krampf in meinem linken Oberschenkel zu. Ich muss tatsächlich stehen bleiben. Hier kommt die Gruppe um Daniel vorbei, im Schlepptau ein Motorrad mit Presselleuten an Bord. Er gibt doch tatsächlich während des Laufs ein Interview. Leider kann ich nicht mithalten, aber langsam geht es weiter.

In Christiane finde ich eine Laufpartnerin mit gleichem Tempo. Zusammen erreichen wir das wunderbare Stück direkt am See und können nun unsere Begeisterung für diese tolle Strecke teilen. Mit allerlei Tröten macht eine Feiergemeinde Lärm für drei und klatscht begeistert ab. Plötzlich, als ob Petrus uns für unsere Mühen belohnen will, kommt die Sonne heraus. Auf einmal liegt die Landschaft, der See und die Berge in ganz neuem, hellen Licht. Blau strahlt der See, bunt leuchtet das Herbstlaub und die Berge zeichnen nun deutlich ihr Profil in den klaren Himmel.

Auch in Horw sind noch etliche Zuschauer am Straßenrand. Als wir auf die Hauptstraße einbiegen, sehe ich im Augenwinkel etwas was mich stutzen lässt: In einer Seitenstraße ist ein Startbogen aufgebaut und darunter sind bestimmt hundert Leute versammelt. Gleichzeitig höre ich den Sprecher. Während ich unter dem Applaus des Publikums die Straße entlang laufe, wird der 5 Meilen Lauf gestartet. D. h., die schnellen Kurzstreckler und wir haben bis ins Ziel den gleichen Weg. Oh je, hoffentlich fegen sie uns nicht von der Straße. Auch Christiane ist besorgt.

Zunächst bleibt alles ruhig. Erst als wir schon an den Gleisen des Horwer Bahnhofs entlanglaufen, kommen die Fahrräder von hinten. „Bitte rechts halten!“ Das lassen wir uns nicht zweimal sagen, und schon kommen die schnellen Hirsche von hinten angewetzt. Hinter km 35 in dem kleinen Wäldchen sind wir Marathonies dann endgültig von der Masse geschluckt. An der VP kann ich gerade noch hinter die Tische flüchten. Die Menge an Händen, die nach den Bechern greift, ist so unübersichtlich, dass die Helfer sichtlich Mühe haben, Ruhe zu bewahren. Ich verkrümele mich zu den Alphornbläsern und halte ein kurzes Schwätzchen. Vorsichtig klinke ich mich dann wieder in den Läuferfluss ein.

Wo vorhin noch die Strecke geteilt war, ist nun von Gegenverkehr nichts mehr zu sehen. Da ja die Marathonwende um 12 Uhr geschlossen wird, kann auch keiner mehr kommen. Wir biegen ins KKL ein. Hier ist immer noch Disko. Eigentlich ist nun mehr los, als vorhin. Die Läufer sind begeistert und feiern zusammen mit den Zuschauern. Wieder entlassen uns die Chearleader nach draußen. Dort ist ein Sprecher unterwegs, der das Publikum motiviert. Er scheint es speziell auf Marathonläufer abgesehen zu haben. Sofort hält er mir das Mikro vor die Nase. Er will wissen, wie ich die Strecke finde, ob ich schon einmal hier war, was ich alles erlebt hätte und so weiter. Dann endlich entlässt er mich. Voller Adrenalin laufe ich schneller denn je.

Die Zuschauer sind unglaublich. Ist denn hier keiner müde? Auch sie fischen sich die Marathonläufer heraus, um sie namentlich anzufeuern. Das puscht mich nach vorne. Der Reusssteg liegt in der Sonne. Schnell haben wir die Altstadt hinter uns.

Das letzte Stück ist Genuss pur. Ich fliege dem Ziel entgegen. Die Musiker geben nochmal ihr bestes, Zuschauer und Helfer sparen nicht mit Applaus. Immer wieder kommen mir gefinishte Läufer entgegen, die mich zusätzlich anfeuern. Diesmal gibt es nur einen Weg, und der führt in Richtung Verkehrsmuseum. Das runde Gebäude ist das Ziel des Laufs. Bis zum Eingang müssen wir zunächst die Straße entlang, die gesäumt ist von Menschen. Eine scharfe Linkskurve bringt uns vor das Museum und dann hinein. Drinnen wird frenetisch Applaus gespendet. Es herrscht unglaublicher Lärm. Wir verlassen das Gebäude zum Hof hin. Hier beginnt der rote Teppich, an dessen Ende tatsächlich das Ziel auf uns wartet. Ein stimmungsvoller Zieleinlauf, wie er seinesgleichen sucht.

Im Ziel werden Marathonläufer nach links geführt. Hier gibt es zunächst Glückwünsche und eine Medaille. Danach wird der Chip von der Startnummer entfernt und abgegeben. Am Ausgang erhalten alle dann eine gefüllte Flasche des Sponsors mit einem Sportgetränk. Diese ist liebevoll gestaltet und mit dem Logo des Swiss City Marathons versehen. Norbert passt mich ab, sonst hätten wir uns vermutlich gar nicht gefunden. Der Platz um das Verkehrsmuseum quillt fast über von Läufern und ihren Begleitern.

Den Gutschein für ein Erdinger lösen wir sofort ein, dann suchen wir ein ruhiges Plätzchen im Museum. Obwohl hier zum Thema Mobilität einiges geboten ist, fehlt mir für eine längere Besichtigung die Lust und die Kraft. Bevor wir das Gelände verlassen, holen wir uns das Finisher Shirt. Immer noch kommen Läufer ins Ziel. Plötzlich wird es laut. Eine Formation der Trinklergruppe Jänzigrat aus Stalden kommt anmarschiert. Als Trinkeln oder Treicheln werden großen Kuhglocken bezeichnet, die, wenn sie anhaltend geläutet werden, ein monotones, ohrenbetäubendes Geräusch verursachen. In der Schweiz begleiten solche Gruppen Nikolaus und Knecht Ruprecht. Heute besteht ihre Aufgabe darin, das Ziel zu sperren. Punkt 15 Uhr ist Zielschluss.

Fazit:

Luzern ist eine Reise wert und der Marathon ein richtiges Sahnestück im Angebot der Citymarathons. Die Sehenswürdigkeiten werden gekonnt in Scene gesetzt und bieten dem Läufer ein großartiges Erlebnis. Der See und das Panorama sind einzigartig.

Besonders hervorheben möchte ich die Stimmung auf der Strecke. Gerade wir langsameren Zeitgenossen sind am Schluss meist allein und unter uns. In Luzern ist es gerade umgekehrt. Hinten raus hatte ich das Gefühl, dass das zahlreiche Publikum nur für mich applaudiert hat. Dass der Lauf selbstverständlich perfekt organisiert ist und die Helfer außerordentlich engagiert und freundlich sind, versteht sich und ich erwähne es nur der Vollständigkeit halber. Danke für diesen tollen Lauf.

 

 

Marathon-Impressionen

(Klaus und Margot Duwe)

 

 

 

Rangliste Marathon / SM

 

Männer

1. Kuert Fabian,  Langenthal                  2:26.18,1 
2. Wenk Stephan, Greifensee                  2:29.09,3    
3. Bodenmann Heinz, Gais                     2:32.10,7 

Frauen

1. Berchtold Conny,  Spiez                    2:45.20,0    
2. Rüegger Susanne,  Cham                     2:47.31,0  
3. Bernasconi Claudia, La Tour-de-Peilz      2:49.54,9   

1438 Finisher

 

 

 

123
 
 

Informationen: SwissCityMarathon Lucerne
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