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Laufberichte

Luzern - ja, gern!

30.10.11

Schon sind wir beim KKL, dem Kultur- und Kongresszentrum Luzern, dem nächsten „Hotspot“ mit Musik, viel Volk, Aussicht auf die andere Seeseite und dem blauen Teppich. Es fehlt wirklich an nichts, doch freue ich mich jetzt schon darauf, wenn wir im kommenden Jahr einen neuen Höhepunkt erleben und durch dieses ehrwürdige Gebäude laufen dürfen.

Bei so viel guter Stimmung und Wohlbefinden muss ich die Uhr fest im Auge behalten, damit ich nicht Gefahr laufe, die Kilometer zu schnell abzuspulen. Hier eine wahre Batterie von Alphörnern, da wieder eine Guggenmusik und daneben und dazwischen viele Zuschauer mit Glocken, Rasseln und Plakaten. Wir sind in der Schweiz, es ist nicht Fasnacht, die Leute scheinen nüchtern – und trotzdem steppt der Bär. Da kann ich mich freuen, dass mir dieses Vergnügen länger als sonst gewährt wird.

Vernunftmäßig greife ich beim ersten Verpflegungsposten auch nach einem Becher Wasser; angeboten wird aber das Vollsortiment. Was es bei jeder Verpflegungsstelle wo und auf welcher Straßenseite gibt, war in der Marathon-Zeitung akribisch dargelegt. Beim Lucerne Marathon wird nichts dem Zufall überlassen, deswegen sind auch die 850 Helfer bestens eingewiesen und erledigen nicht einfach einen Job. Sie sind kompetent und mit Herz und Seele dabei.

Nach dem Erlebnis eines tollen Citymarathons wechselt die Streckencharakteristik mehr auf Landschaftslauf. Um die Horwer Halbinsel herum gibt es ein paar Steigungen zwischen gepflegten Anwesen, Grünflächen und sogar Rebbergen hindurch. Zwischen Häusern und Bäumen öffnet sich der Ausblick immer wieder auf den See und die Berge. So nobel die Gegend auch ist, noble Zurückhaltung gibt es nicht. Immer wieder Ansammlungen von Leuten, die geselliges Beisammensein und das Erlebnis Marathon miteinander verbinden, eine gute Zeit haben und uns zu einer guten Zeit verhelfen, einigen sogar zu einer schnellen.

Die Kilometerschilder folgen auch mit einem Schnitt von 6:44 unglaublich schnell aufeinander. Wenn ich daran denke, dass die Halbmarathonis an der Südspitze der Horwer Halbinsel schon fast die Hälfte des Vergnügens vorbei haben, dann bin ich wirklich froh, dass ich noch eine zweite Runde laufen darf.  Hätte ich zu diesem Zeitpunkt Zweifel oder Bedenken, würden diese spätestens im Zentrum von Horw verfliegen. Aber das habe ich anders gar nicht erwartet, davon wurde ich schon in den vergangenen Jahren überzeugt. Der Rückhalt in der Bevölkerung ist spür- und hörbar da. Weil sich die Gärten nicht mehr in Blumenpracht präsentieren, ist der Zaun eingangs Schrebergartenareal mit Seidenblumengirlanden geschmückt. Aloha, solchen Empfang gibt es sonst nur auf Hawaii.

Die große Unbekannte steht unmittelbar bevor. Statt über die Allmend in Richtung Stadt geht es in den Untergrund. Es ist eine Besonderheit und ein Privileg, den frisch erstellten Eisenbahntunnel der Zentralbahn vor dem Einbau der Geleise und eisenbahntechnischen Anlagen auf diese Weise durchschreiten und besichtigen zu dürfen. Wer diese Chance verpasst, dem fehlt später in den Erzählungen für die Großkinder ein Kapitel. Etwa in der Mitte des Tunnels stehen auf dem Bahnsteig der Haltestelle Allmend Zuschauer und lassen diesen fast endlosen Zug an sich vorbeiziehen. Endlos deshalb, weil gut zwei Kilometer später der Führende schon von hinten naht und ich schon lange keinen Blickkontakt zum Motorradpolizisten am Schluss des Feldes habe. Knapp auf den Fersen ist jedoch immer noch Simon bei seinem Weltrekordversuch. Mit dem Polster, das er schon hat, kann er auf der zweiten Runde ein paar Gänge zurückschalten und es trotzdem packen.

KKL, Seebrücke, Schwanenplatz und Haldenstraße haben auf dem Rückweg nebst der unverändert motivierenden Stimmung entlang der Strecke das Studium der entgegenkommenden Marathonis zu bieten. Es ist spannend, die unterschiedlichen Laufstile und Gesichtsausdrücke zu beobachten. Kurz vor dem Wendepunkt kann ich die Halbmarathonis verabschieden und mit gutem Gewissen weiter zum Ziel schicken. Mit meiner - nicht als Versprechen aber als klares Ziel - geäußerten Absicht, beide Runden gleichmäßig zu laufen, liege ich im Plan.

Mit dem Einbiegen auf die zweite Runde gibt es plötzlich viel Platz um mich herum. Wäre ich alleine für mich unterwegs, würde ich mir keine Gedanken machen und mich auch nicht einsam fühlen. Mit meiner Aufgabe und der Hoffnung, dass sich einige Läufer über die ganze Distanz an meine Fersen heften, empfinde ich es anders. Ich bin zwar immer noch in wechselnder Begleitung, doch nebst den anerkennenden Zurufen am Streckenrand gibt es vermehrt auch kleine Sticheleien, wo ich denn meine Gefolgschaft gelassen habe. „Die sind mir alle davongerannt“, ist eine meiner Antworten mit partiellem Wahrheitsgehalt. „Ich stinke vermutlich schon zu fest“, eine andere. Trotzdem gelten die gelben Plakate mit der grünen Aufschrift „dräk sak“ – auf gut Deutsch „Drecksack“ – nicht mir, sondern sind der Name eines Recyclingunternehmens und der Hinweis, wo die Becher bei den Verpflegungsstellen entsorgt werden können.

In Sachen Aufgabe als Zugläufer erlebe ich mehr und mehr die Einsamkeit des Langstreckenläufers. Dann und wann kann ich wieder jemanden ein bisschen weiterziehen, meist bin ich jetzt aber allein. Weil die erste Tunnelpassage mein GPS-Eisen irritiert hat, bin ich laufend am Nachrechnen mit den Durchgangszeiten. Gemäß der angezeigten Pace bin ich zu schnell, das Nachrechnen der Kilometerzeiten zeigt mir aber, dass ich nicht langsamer werden darf. Auch wenn ich niemanden von Anfang an über die ganze Strecke ins Ziel ziehen kann, so will ich wenigstens meine Aufgabe in Sachen Zeit mit Anstand und Professionalität erfüllen. Dumm nur, dass ich im Umgang mit der Uhr wenig Übung und deshalb erst unterwegs realisiert habe, dass mit der gewählten Einstellung nur Stunden und Minuten, nicht aber Sekunden angezeigt werden.

Auch wenn an den Verpflegungsständen schon erste Aufräumarbeiten im Gange sind, ist der Service immer noch erste Güte. Alle Helferinnen und Helfer, ob bei der Verpflegung oder als Streckenposten, geben herzliche Unterstützung und auch viele Zuschauer harren aus, um denen, die später kommen, die gleiche Aufmerksamkeit wie den Schnellsten zu geben. Vielleicht noch mehr, weil es nun im ausgedünnten Feld die ungeteilte ist.

Auf dem letzten Kilometer gelingt es mir noch, den einen und anderen in Schlepptau zu nehmen. Diejenigen, welche nicht viel vor mir über die Startlinie gelaufen sind, erreichen so meine vorgegebene Zielzeit. Nach dem Einlaufen auf den von dichten Zuschauerreihen gesäumten roten Teppich im Hof des Verkehrshauses und dem Überqueren der Zeitmessmatte kann ich zufrieden konstatieren, dass ich meine Aufgabe erfüllt habe.

4:44.08,3 ohne Sekundenanzeige und ungenauer Paceangabe auf der Uhr, da bin ich doch zufrieden. Etwas anderes wäre mir peinlich, denn es würde nicht zu der tollen Organisation des Lucerne Marathons passen, wo nichts dem Zufall überlassen wird. Somit kann ich hoffen, dass ich im nächsten Jahr als Pacemaker wieder Teil des Geschehens sein darf. Das Schreiben – so hat er es angekündigt – wird Klaus übernehmen. Gut so, denn auch wenn es das Ziel von OK-Chef Hansruedi Schorno ist, die Veranstaltung stetig zu verbessern, gehen mir nach drei Berichten langsam die Superlativen aus. Es sei denn, Simon Federer, der seinen Weltrekord aus dem letzten Jahr geradezu pulverisiert hat, blase erneut zu einem entfesselten und erfolgreichen Angriff auf seine Bestzeit. 
 

Marathonsieger

 

Männer

1. Schoch Woody, 1969, Pany                        2:32.08,6 (247)  
2. Müller Stefan, 1981, Luzern                     2:33.28,3 (1)    
3. Lombriser Gabriel, 1981, Büsserach              2:35.10,1 (2135)

Frauen

1. Jeska Lauren, 1974, GB-Todmorden                2:48.17,0 (778)  
2. Mayer-Hofmann Lucia, 1979, Stans                2:56.48,2 (1521) 
3. Eggenschwiler Petra, 1988, Laupersdorf          3:01.09,0 (939)

1647 Finisher

12
 
 

Informationen: SwissCityMarathon Lucerne
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