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Laufberichte

Hochzeit!

27.10.12
Autor: Joe Kelbel

Weit über die Grenzen von Frankfurt hinaus ist die Museumsmeile bekannt. 13 Museen liegen hier wie an einer Perlenkette. Kurzer Blick zu meiner Stamm-Apfelweinkneipe in der Schweizer Straße, dann biegen wir in die Kennedyallee ein, laufen an der Villa Kennedy vorbei, dessen Bar in diesem Jahr die höchste Auszeichnung der weltweiten Barszene erhielt. Höchste Auszeichnung verdient auch der Getränkesponsor Rosbacher, der ein schmackhaftes Isogetränk anbietet, das den Marathonmagen nicht zur Rebellion bringt.

Bei km 22 steht wie jedes Jahr Heinz Berg, einer der besten Musiker beim Frankfurt Marathon. Wenn er die Rockklassiker auf seiner Querflöte spielt, dann möchte ich kaum mehr weiterlaufen. Zum Glück folgen bis zur Schwanheimer Brücke noch weitere Musikgruppen, die den Anstieg auf die Rampe der Brücke versüßen. Wie die “die letzten Waffeln vor der Autobahn”. die liebe Einwohner von Höchst den Marathonis anbieten.

“Über sieben Brücken musst du gehen…” spielt das Musikhaus Taunus, wie jedes Jahr. Letztes Jahr hörten wir hier über die Lautsprecheranlage, dass Wilson Kipsang den  Weltrekord um 4 Sekunden verpasst hat. Heute gibt es nur die Mahnung der Polizei, doch weiter links zu laufen.

Der Stadtteil Nied liegt am Mündungsgebiet der Nidda in den Main. Die römische Brücke war jahrtausendelang die einzige Verbindung zwischen Mainz und Frankfurt, bis 1879 hier das Dampflockausbesserungswerk entstand und tausende Gastarbeiter aus Franken und Bayern anzog. Ewig lange Eisenbahner-Wohnsiedlungen entstanden, die denkmalgeschützten Häuser prägen noch heute das Stadtbild.

In Hoechst war auch schon mal mehr los. Trotzdem, Hoechst als Geburtsort dieses Marathons muss sein, auch wenn das Mainufer und die zwei Schlösser ein wirklicher Höhepunkt des Laufes wären. Nur vor dem Lindner-Hotel stehen ein paar Kaffeetrinker. Die Bolongarostraße führt uns vorbei an den Adelshöfen des 15. und 16.Jahrhunderts, nicht sehr beeindruckend von den Fassaden her, doch im Inneren sind Millionen gelagert: die schönsten Stücke der Hoechster Porzellanmanufaktur.

Bei km 28 überqueren wir wieder die Nidda, mein Laufrevier zu Zeiten, als ich noch trainieren musste. Die wild romantischen Altarme des kleinen Flüsschens wurden renaturiert. Sogar Eisvögel gibt es wieder und zahllose Anglerheime laden zur Trainingspause ein.

Auf dem brachliegenden Platz am Ufer ist jetzt der Staffelwechselpunkt, der ideal außerhalb des Marathonbetriebes liegt. Es folgt unweigerlich die Mainzer Landstraße, Schrecken aller Marathonläufer. Für mich aber immer wieder schön, wenn ich auf diesem Stück etliche Mitstreiter überholen kann.

Bei km 34 kommen wir am ehemaligen Richtplatz von Frankfurt vorbei, der Galluswarte (Galgenwarte). Hier befanden sich die Adlerwerke, die nicht nur Schreibmaschinen, sondern auch Fahrräder und Autos (bis 1945) herstellten. So kam es, dass der letzte Eigentümer der Adlerwerke, die Volkswagen AG, auch Schreibmaschinen herstellte.

Mag sein, dass früher die Gesichter der Einwohner von den Farbbändern der Schreibmaschinen geschwärzt waren und man deswegen dieses Viertel immer noch Klein Kamerun nennt. Den Keniaexpress wird es nicht gekümmert haben, zumal die heutigen Bewohner des Viertels wiederum dunkle Gesichter haben.

Unterhalb der Messe, nach der Frankenalle bei km 35, steht Tommy Scharf, der sich nach Woodstock selbst das Gitarrenspiel beibrachte. Lange kann ich den Sänger noch hören, bis der Trubel des Platzes der Republik seine Countrysongs übertönt.

Das Wummern der Trommeln von Bloco X auf dem Kaiserplatz vor dem Frankfurter Hof hämmert durch die Hochhausschluchten. Das ist der gewaltige Sound des Frankfurt Marathons und über all dem glitzert das höchste Hochhaus Deutschlands, dessen Besitzer mit Hochdruck Immobilien aller Art und aller Kunden aus den Büchern haben will.

Wieder geht es an der Hauptwache vorbei: “Aaaartuuuur” rufe ich dem Moderator Artur Schmitt zu, weil mir in Köln nach den 63 Kilometern im persönlichen Nebel sein Name nicht einfiel. “Joooooeeeee” ruft er zurück und macht so gute Reklame für m4y, dass mich zahlreiche Leute vor der Hauptwache abklatschen.

Rechter Hand das Portal des ehemaligen Palais der Thurn und Taxis, dann passieren wir bei km 39,5 wieder den Eschenheimer Turm. Rechts auf dem Appartementhaus steht seit ewigen Jahren groß “Detektiv Tudor”. Es ist das Haus, in dem Rosemarie Nitribitt (die mit dem Bundesverkehrsminister), 1957 ermordet wurde. Da ihr Tod nie aufgeklärt wurde, wurden die sterblichen Überreste erst 2008 beigesetzt.

Vom Kinokomplex weht leckerer Popcorngeruch herüber. Der Irish Pup ist mit Spinnweben eingehüllt. Wer erinnert sich noch an die Nächte in der guten, dunklen  Waikiki Bar? An das Hard Rock Cafe? Die Mädels, die heute in die Bar Fifty Four gehen, sind nicht scharf auf sportliche Marathonläufer, denn die haben nur Kohle für ein Nahverkehrsticket in der Gürteltasche.

An der Alten Oper vorbei biegen wir erneut auf die Mainzer Landstraße ein. Mir macht es Spaß, Kilometer 41 ist erreicht und nur die Staffelläufer, die hier an den Rändern auf ihren Schlussläufer warten, um dann gemeinsam und händchenhaltend in Viererreihe den Eingang zur Festhalle zu blockieren, nerven. Entgegen der Laufrichtung sind sie suchend unterwegs, als würde heute schon der Mayakalender enden.

Aber auch von diesen Staffelläufern lebt der Marathon. Wegen ihnen stehen Mütter und Väter fähnchenschwenkend am Streckenrand und erzählen später am Telefon Tanten, Onkels und dicken Jugendfreunden, ihre Kinder wären Marathon gelaufen.

Als ich in die Festhalle einlaufe, werfen die Läufer die Arme hoch und freuen sich. Ich nehme mir Zeit, um mit den süßen Cheerleadern zu quatschen. Feinste Fotos mit Kussmund und knappem Klitzerbikini im Halbdunkeln der Festhalle. Leider haben Kameras in der Preisklasse der meinigen hier ihre Grenzen.

Ach so! “Hochzeit!” So steht es in der Überschrift. Tschuldigung, ich wollte Hoch-Zeit schreiben. Die war im Starterfeld, zwischen Schwarz und Weiß.

Das war‘s! Ein Erlebnis, das ich nie vergessen werde.

 

Marathonsieger

 

Männer

1 Makau, Patrick (KEN) 02:06:08
2 Edae, Deressa Chimsa (ETH) 02:06:52
3 Kirwa, Gilbert (KEN) 02:07:35

16 Kah, Sören (GER) 02:13:57

Frauen

1 Melkamu, Meselech (ETH) 02:21:01
2 Rono, Georgina (KEN) 02:21:39
3 Daska, Mamitu (ETH) 02:23:52

8 Hahner, Lisa (GER) 02:31:28

11964 Finisher

 

123
 
 

Informationen: Mainova Frankfurt Marathon
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