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Laufberichte

Hochzeit!

27.10.12
Autor: Joe Kelbel

Die Abperrgitter der Startgasse sind zu hoch, ich muss weit laufen, bis ich einen Durchlass finde. Da setzt der Lindwurm schon zum Laufschritt an, acht Minuten später bin auch ich über der Startlinie, außer Atem, fix und fertig. Es war mein Marathontag, mein unvergessliches, kurzes Erlebnis zwischen Schwarz und Weiß, Hochzeit eines Marathonlebens.

Für mich beginnt jetzt eine ruhige Reise. Weiß und Blau ist der Himmel, nur auf der Gegenseite flitzt in diesem Moment der farbige Keniaexpress wieder hinauf, zehn Minuten für 3,5 Kilometer, das ist unvorstellbar schnell. Es ist mein letzter Blick auf dunkle Haut. Mit viel Abstand folgt das weiße Läuferfeld. Die Laufkleidung wird immer üppiger und auf meiner Seite in meiner Preisklasse überwiegen schon die Tauchanzüge. 

Am Goetheplatz wunderbarer Blick auf das Gebäude Rathenauplatz 1. Wo früher die Lehmannbank residierte, ist jetzt die Modekette ZARA untergebracht. Man sagt, die Firma bräuchte nur zwei Wochen, um ein Produkt zu entwickeln und dann in die Läden zu bringen.

Von der Junghofstrasse Blick auf die Doppeltürme der Deutschen Bank, ausnahmsweise mal strahlend. Der Pole Pawel läuft barfuß wie Pumuckl, der heute eher wie Keith Richards aussieht. Auch der Blick auf die Türme rund um die Messe ist unter diesem strahlend blauen Himmel fantastisch.

Auffallend sind die vielen Neubauprojekte in Frankfurt, vier neue Hochhäuser werden gerade hochgezogen. In der Bockenheimer Landstraße lese ich auf einem Shirt, dass Jesus Sieger ist. Da frage ich mich doch, warum die Kenianer dann noch weiterlaufen.

Wir sind damals zu dritt unterwegs gewesen und wollten über die Eisfläche des langen, schmalen Teiches vor der KfW den direkten Weg nachhause nehmen. Doch  unterhalb des Eises befanden sich Stahlspieße, die im Sommer Körbe mit Sumpfgräsern hielten. Die wurden in dieser Nacht uns gegenüber äußerst  aufdringlich und produzierten einen mittleren Blaulicheinsatz. Seitdem verhindern starke Gitter knapp unter der Wasseroberfläche eine Wiederholung dieses ersten Braveheartbattles der Geschichte.

Links die Schumannstrasse, wo ich die Wohnung von Ignaz Bubis kaufen wollte. Die gesamte Wohnung war mit Sisalstricken statt Tapeten dekoriert. Hier an der Ecke fanden 1974 die härtesten Straßenschlachten der Hausbesetzerszene statt. Joschka Fischer und Daniel Cohn-Bendit waren Mieter von Bubis, der bis zur Baugenehmigung seine Altbauten an Studenten vermietete. 1977 wurde Walter Wallmann Bürgermeister und rettete viele Altbauten. Gegenüber, die Siesmayerstrasse 6, war bis 1986 von einem turnschuhtragenden Minister besetzt und  wurde dann an die Deutsche Bank übergeben.

Letztes Jahr berichtete ich von den Tortenschlachten im Cafè Laumer mit Professor Adorno (Hausnummer 67, Robin Hood, alias Thorsten knutscht gerade davor). Am 20. Juli 1944 wartete hier die Gruppe Lupus, die Frankfurter Widerstandsgruppe gegen Hitler, auf “Walküre”, das Stichwort für das Gelingen des Anschlages in der Wolfsschanze, um dann die Frankfurter Schergen des Zampanos stillzulegen. Doch es kam anders. Die Stadtkommandantur rückte um 17 Uhr, nachdem das Scheitern des Anschlages bekannt wurde, von den Umsturzplänen ab, das Café wurde geräumt. Nebenan, in der Lindenstrasse 27 steht das riesige, ehemalige Gestapogebäude und wartet auf einen Mieter.

“Peace Happiness Love Frankfurt” steht  passend dazu auf dem Rücken von Pumuckl und schon hängt er in der Goethestraße der Sängerin Ally Quinn am Hals, die hier jedes Jahr zusammen mit dem Kalifornier Jim an der Kreuzung zur kleinen Bockenheimer Straße beste Musik macht.

Wer mit Frankfurter Straßennamen nicht zurechtkommt, der sollte zunächst hier bei der kleinen Bockenheimer Straße mit den urigen Kneipen anfangen, später auf die Große Bockenheimer (Fressgass) und dann auf die Bockenheimer Landstraße wechseln. Wir Marathonläufer machen dasselbe, auch mit Mainzer- und Eschersheimer Strassen und einigen “Anlagen”, irgendwann wird es jedem egal sein, wie man die ähnlichen Straßennamen unterscheiden könnte.

An der Gallusanlage passieren wir den Fürstenhof (erbaut 1902). Schon 1910 ging das Hotel pleite, weil der Schah von Persien in der Lobby am Kamin jeden Tag seinen Hammel briet und mit dem durchdringenden Geruch des gebratenen, testosterongetränkten Wiederkäuers alle übrigen Gäste vertreib. Eigentlich war er in Deutschland, um in Bad Homburg eine Kur zu machen. Doch dort weilte gerade der Prinz von Wales, der ihm seine Show gestohlen hätte.

Bekannt ist der Fürstenhof wegen der Sanierung durch Jürgen Schneider. Er kaufte das Gebäude für 40 Mio. und verkaufte es anschließend für 450 Mio. DM. Viel mehr konnte er auch nicht mehr verkaufen bis zu seiner Pleite. Hilmar Kopper als Chef der Deutschen Bank nannte die offenen Handwerkerrechnungen Peanuts. Peanuts wurde 1994 Unwort des Jahres und Kopper ließ sich für die Werbekampagne “Dahinter steckt immer ein kluger Kopf” der FAZ auf einem Berg Erdnüsse ablichten.

Noch sitzen die Eurobanker in dem ehemaligen BfG Hochhaus, doch im Osten der Stadt leuchtet schon der EZB Neubau mit seinen 220 Metern.

Der Frankfurter Hof hat viele Geschichten zu erzählen. Zum Beispiel über Rosemarie Nitribitt, die hier in den 50ern mit ihrem schwarzen Mercedes-Cabrio den Kreisverkehr des Kaiserplatzes belegte, um einen prominenten Freier zu ergattern. Krupp, Quandt, Gunter Sachs, der Bundeskanzler und passenderweise auch der Bundesverkehrsminister saßen damals in ihrem Auto – aber nicht gleichzeitig.

Rechter Hand das Goethehaus, wo der Dichter geboren wurde, gegenüber der Hauptwache die Katharinenkirche, wo er getauft wurde. Über der Kaufhof Galerie
wird das asymmetrische Jumeirah Hotel (fünf Sterne) sichtbar. Rechter Hand die Zeil, Deutschland umsatzstärkste Einkaufsstraße.

Die Streckenführung ist genial, es durch die Innenstadt und an der Alten Oper vorbei. Jedes Mal freue ich mich, dass der Architekt Lucae bei der Inschrift im Dachfries an mich gedacht hat: “Dem Wahren Schönen Guten.” Nach dem Architekten Lucae ist auch der Brunnen benannt, von dem aus jetzt Zuschauer hinunterschauen. In wenigen Wochen wird er wieder im weihnachtlichen, bläulichen Glanz aus riesigen LED-Bällen erstrahlen - wenn nicht wieder jemand rosa Waschpulver hineinwirft. Könnte mir dieses Jahr ein grelles Grün vorstellen.

“Es Will Merr Net In Mein Kopp Enei, Wie Kann Nor E Mensch Net Von Frankfurt Sei” so steht der Spruch von Friedrich Stolze auf der Hauswand. Hier gegenüber in einem klassizistischen Gartenhaus der Rothschilds war seine letzte Wohnung. Das Gartenhaus wurde 1930 für den Bau des IG-Farben-Hauses abgerissen. Nun ist dort die Goetheuniversität untergebracht. Km 10 und die höchste Stelle des Marathons ist erreicht. Jetzt geht es erst mal rasant hinunter Richtung Mainufer.

An der Alten Brücke gelingt mir ein Foto vom Brickegiggle, dem goldenen Hahn, der schon Zielobjekt vierer Besatzungsmächte war. Zuletzt haben die Amis mit dem Panzer Schießübungen veranstaltet. 600 Fotos müssen sortiert werden, denn es geht heute um die Läufer und für die nehme ich mir hier immer Zeit. Gerade bei diesem Traumwetter entstehen hier vor der Hochhauskulisse die schönsten Marathonbilder.

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Informationen: Mainova Frankfurt Marathon
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