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Laufberichte

Stay on the Scene, like a Laufmachine

 

Bei keinem Marathon bin ich so gut ausgeschlafen, wie beim Frankfurt Marathon. Das liegt an der Umstellung auf Winterzeit. Die weltweit erste Zeitumstellung war noch auf Geheiß des Kaisers. Alle Uhren sollten sich nach Berlin richten. Jetzt soll die Uhrenumstellerei abgeschafft werden. Egal, ich bin Läufer und schaue nicht nur wie der Rest der Welt am letzten Oktober-Wochenende nach Frankfurt, sondern ich bin aktiv dabei.

Vor 18 Jahren bin ich in Frankfurt meinen ersten Marathon gelaufen, 4:27. Damals hatte noch die  Informationsgemeinschaft Deutsches Ei uns ein Sixpack (Eier) in den Starterbeutel gelegt. Dieses Jahr gibt es alkfreies Bier, das ich den netten Damen von der Startnummernausgabe zurückgebe - das Pfandlabel fehlt. Im Veranstaltungs-Magazin gibt es die üblichen Grußworte der Politiker.  Zwei Millionen Euro verdient die Stadtkasse an diesem Wochenende zusätzlich. Die Gewerbesteuer stammt übrigens wie die Zeitumstellung aus dem Kaiserreich.  

Als ich mein Fahrrad am Hermes Denkmal anschließe, werde ich von schwarz gekleideten Männern kontrolliert.  Entweder ich sehe nicht aus wie ein Läufer, oder man fragt sich, was ich in meinem  Rucksack auf die Strecke mitnehme. Als einer reinschaut erkläre ich ihm, dass eine Maschine nicht mit Wasser läuft.

 

 

Die hohen Absperrgitter sind durchlässiger aufgebaut als sonst. Kontrollen, ob man sich in den richtigen Block einordnet, gibt es offenbar nicht. Das Gefühl zum Schlachthof getrieben zu werden kommt somit nicht auf. Als die hinteren Startblöcke um 10:10 Uhr gestartet werden, reihe ich mich ein. Das übliche Auflaufen auf die Vorderläufer bleibt aus, um 10:11 Uhr beginnt mein Rennen. Früher nervten noch unerfahrene Staffelläufer, indem sie durch unkontrollierte Überholmanöver Unruhe ins Feld brachten. Das gibt es nicht mehr, Staffelläufer starten später.

Auf der anderen Seite der Senckenberganlage kommen die Spitzenläufer schon entgegen. 3,5 Kilometer in 11 Minuten? Das will ich auch! Als ich nach der Runde durch die Innenstadt dort ankomme, sind die gegenüberliegenden Startblöcke leer und sämtliche Zuschauer jetzt auf dieser Seite.  Ich habe reichlich Körner, fühle mich gut.

 

 

Auf der Bockenheimer Landstraße wurden die Wasserbecher heute Morgen in Etagen beidseitig der Laufstrecke gestapelt, jetzt müssen die Helfer reichlich nachschenken. Wir kommen zum ersten Mal an der Alten Oper vorbei. Als 1880 Wilhelm I. die Alte Oper eröffnete, seufzte er: „So etwas könnte ich mir in Berlin nicht leisten!“ Ich leiste mir einen schnellen Lauf, Probleme mit dem kalten Wind haben nur die Afrikaner im Spitzenfeld.

Am Streckenrand ein Typ wie Catweazle, irgendwo habe ich den schon mal gesehen. „ Hey, alter Mann!“- Da dreht sich Gerhard um und winkt mir zu. Hoffe er kriegt bald seinen alten Diesel wieder zum Laufen.

Vor dem Frankfurter Hof wirbeln die Japaner auf ihre Trommeln. Gestern habe ich eine Japanerin gefragt, warum so viele ihrer Landsleute mitlaufen.  Antwort: „Weil wir Japaner sind!“

 

 

Als ich bei der Hauptwache abbiege, bin ich recht allein. Das liegt an den Blockstarts, es dauert, bis sich die Läufer mischen. Hinter der Börse vorbei, rein in die Freßgass. Die Gasse bekam um 1900 ihren Namen, damals konnten sich Delikatessenläden noch die Miete leisten. Als die U Bahn eröffnet wurde, betrieb Marika Kilius, die Kathi Witt der Vorzeit, hier eine Sektbar

Wieder an der Alten Oper,  Blick nach oben: „ Dem Wahren Schönen Guten“ steht auf dem Fries, man kennt mich also. Der Rothschildpark bietet Gelegenheiten, die herbstlichen Büsche aufzusuchen. Der Bankier Rothschild hatte hier 1810 ein Landhaus erworben. Die Bockenheimer Landstraße war damals von Gärten und Ausflugslokalen flankiert.   

Vom Wahlamt gab es letzte Woche für Wähler, bei denen die Laufstrecke zwischen Wohnung und Wahllokal liegt, Ratschläge, wie man Wählen sollte. Im Prinzip sind die Tipps so zu verstehen: Wer nicht schnell genug ist, der solle Briefwahl machen. Habe ich dann auch befolgt.

Allzu langsam bin ich aber nicht, obwohl die Bremer Straße deutlich ansteigt ist. 27,6 Höhnmeter sind beim Frankfurt Marathon zu bewältigen. Frankfurter nennen diesen „Berg“ Affenfelsen, weil hier die Irrenanstalt war, jetzt die Uni. Vor zehn Jahren grub man zufällig den Eiskeller der Irrenanstalt aus. Ob die Kühlkammer für Bier oder zur Ruhigstellung der Patienten genutzt wurde, ist nicht überliefert. Beim Überqueren der 10-Kilometermatte brauche ich kein Bier, ich bin fit und genau eine Stunde unterwegs.

Richtig schnell kann ich jetzt die Eschersheimer Landstraße hinablaufen, sie ist neu asphaltiert. Eschenheimer Turm, Eschenheimer Anlage und Eschenheimer Tor werden nicht mit „rs“ geschrieben wie die Landstraße, die nach Eschersheim führt. In Frankfurt herrschte einst eine andere Rechtschreibung als im Umland. Alle Namen, die sich auf Eschersheim beziehen und innerhalb Frankfurts liegen, werden noch immer ohne „rs“ geschrieben.

 

 

Die Fellnerstraße ist nach dem letzten Bürgermeister der Freien Stadt Frankfurt benannt. Er nahm sich das Leben, als Preußen 1866 Frankfurt annektierte. Nicht aus Angst vor den Preußen, denen die liberale Politik Frankfurts verhasst war, sondern weil er gegenüber dem Frankfurter Rat mit seinem Vermögen haftete, sollten die Preußen Frankfurt erobern. Ein bisschen Schmerz empfinde ich schon wegen der verlorenen Unabhängigkeit.

Bevor wir zur Konstabler Wache kommen, werfen wir einen Blick auf den Bethmannpark, unter dem 50.000 Pesttote begraben liegen. Deswegen wurde hier nie gebaut. In der Konstabler Wache arbeitete einst der Frankfurter Konstabler, also der Stallmeister, der die Pferde der Polizei betreute.

Leichter Anstieg zur Alten Brücke, von der die meisten Fotos beim Frankfurt Marathon geschossen werden, weil die Läufer nun perfekt vor die Skyline passen. Die Brücke verbindet die beiden Ufer mit der Maininsel.  Hier ist die Furt der Franken, die der Stadt den Namen gab, zu verorten. Auf der Insel war eine Richtstätte der Stadt. Die Köpfe der zum Tode Verurteilten wurden zur Abschreckung auf die hölzernen Brückenpfosten gespießt. 100 bis 150 Jahre hielt sich so  ein Kopf auf den Pfosten, bis er abfiel. Bei der heutigen Volksbefragung habe ich für die Abschaffung der Todesstrafe in Hessen gestimmt.

Am Deutschherrenufer ist das ehemalige Ordensgebäude des Ritterordens. Die dortige Jugendherberge ist beliebt bei Marathonläufern. Vom Museumsufer aus hat man einen guten Blick auf den Kaiserdom. Zehn Kaiserkrönungen gab es dort. Um den Krönungsweg wurde jetzt die  Altstadt rekonstruiert. Sehenswert. Das Mainufer ist wichtigstes Trainingsgebiet für Jogger. Läufer dagegen trainieren an der ruhigeren Nidda, die wir bei Höchst sehen werden.  

Mit dem Abzweig in die Schweizerstraße laufen wir auf zwei traditionelle Apfelweinkneipen zu: Dem Gemalten Haus und dem Wagner. Am Ufer ist die wichtigste Chillstation Frankfurts: Das Maincafé. Wir kommen zum schönsten Verpflegungspunkt des Marathons vor der Villa Kennedy, wo Jan Ulrich mutmaßlich das Escortmädchen Brandy berührt hat, der Unhold. Die „Georg Speyer Suite“ im Turm ist mit 326 m² größte Präsidentensuite Europas. In der hat Bruce Willis gewohnt, als er sein Parfüm vorstellte: „Welchen Geruch mögen sie an einer Frau am liebsten?“- „Den Körpergeruch!“

 

 

Körpergeruch gibt es trotz kühlem Wetter, weil einige Läufer den Tipp befolgen, nur bereits getragene Kleidung beim Marathon anziehen. Der Typ mit der Handsirene steht jedes Jahr an der Abzweigung zur Pferderennbahn. Ich wollte ihn nach seinem Namen fragen, aber ich muss an meinen Rucksack, ich muss feiern.  An der Pferderennbahn begann vor 35 Jahren meine Zockerkarriere. Jetzt soll hier ein DFB Leistungszentrum entstehen. Die Commerzbank Arena sehen wir nicht. Penny aus der Serie „Gang Bang Theory“ ist bekennender Fan von der Eintracht: Ihr Hoodie mit der Aufschrift SGE, Sportgemeinde Eintracht Frankfurt kostet 600 Euro.

In Niederrad gab es einst den weltweit größten Hersteller von Schildkrötensuppe. 250 Tonnen Schildkröten hat Lacroix pro Jahr verarbeitet, auch Haifischflossen, Krokodilschwänze und Seegurken. Der Geruch von gekochten Seegurken vermischte sich damals mit dem Pferdeschweiß. Trotzdem (oder deswegen?) kamen so viele Damen zum sonntäglichen Rennen.

Kilometer 20 passiere ich mit 2:01, I am the Laufmachine! Die Halbmarathonmarke aber mit 2:08, also 27 Minuten schlechter als 2005.  Jetzt muss ich Gas geben. Beim „Anstieg“ auf die Schwanheimer Brücke macht das mein Vorläufer, aber lautstark und ungeniert. Eigentlich will ich ihn deswegen zur Rede stellen, wage aber nicht den Mund zu öffnen. Ich überhole ihn wortlos um den Kontaminierungsbereich zu verlassen. Der Wind, der über den Main fegt, gestattet es mir wieder Luft zu holen.

Die Nordseite des Bolongaropalastes ist eingerüstet. Die Gebrüder Bolongaro hatten in Frankfurt die größte Tabakfabrik der Welt. Napoleon verbrachte hier seine letzte Nacht in Deutschland, das war 1813, als er von Leipzig nach Paris flüchtete. In Bornheim, dem „lustigen Dorf“, hatten ihn die Nutten mit Besen von seinem Pferd geholt, ihn die Berger Straße runtergetrieben, auf dass er ja schnell zurück nach Frankreich reite, das damals bei Mainz begann. Der Bolongaropalast war noch unbewohnbar, von allerlei Gesinde besetzt, Heimatlose und Versprengte der Napoleonischen Kriege. Napoleon zeltete im Garten auf der Südseite, die wirklich sehenswert ist.     

In Nied und Höchst gibt es Streckenpartys der Anwohner. Bei diesem fiesen Wetter nicht ganz so zahlreich und ausgelassen wie sonst, aber die Qualität der Zuschauer ist auffallend gut. Es gibt große Plakate mit neuen, guten Sprüchen. Das „tap here to get energy“ gibt es zu oft. Später lese ich: „ Run like her husband is coming“.  Das ist ein Spruch, mit dem man was anfangen kann.  

Und endlich kommt die gefürchtete Mainzer Landstraße. Vor hundert Jahren breitete sich über diese Straße die spanische Grippe aus. Grund war die Straßenbahnlinie 15, mit der die Erkrankten zum städtischen Krankenhaus fuhren, weil Krankenwagen für Sterbenden reserviert waren. Jetzt nutzen die Staffelläufer die Straßenbahn und erste Läufer haben Anfälle, legen sich an den Straßenrand oder hängen über dem Zaun, der uns von den Gleisen trennt. Ich will nicht lügen, aber gut versorgte, leidende Läufer zu sehen macht mich schneller.

Ende der 50er waren auf der Mainzer Landstraße die Autohäuser ansässig. Elvis Presley, der 1958 seinen Wehrdienst in Friedberg ableistete, kaufte hier einen BMW 507 für $ 3.750.-.  Ja, er zahlte in Dollar. Dann noch einen schwarzen Mercedes 180  für seinen Vater Vernon Presley und einen roten VW Käfer für die Leibwächter.  Ach und dann kaufte er noch einen Cadillac Fleetwood Sedan, so ein Ding, das ich 1984 in Toronto zu Schrott fuhr, weil die Bremsen nicht funktionierten. Mein erstes Auto war ein Jetta, der Name leitet sich vom Jetstream ab, und der kommt nun von Westen und treibt uns in die Innenstadt.

Mit Kilometer 35 kommen wir nahe zur Festhalle, man kann vom Europaviertel aus die verschwitzte  Luft im Zielbereich schon fast riechen. Letzten Monat wurde Richtfest für Deutschlands höchsten Wohnturm gefeiert. Die 401 Appartements des Grand Towers sind für bis zu 40.000 Euro pro Quadratmeter verkauft worden. Vor dem Mövenpick ist das Führungsfahrzeug geparkt. Bei 2:06.37 eist die Uhr stehengeblieben.  Wer damit nichts anfangen kann, hier eine andere Zahl: Arne Haase (86), er ist auch in diesem Jahr ältester Teilnehmer auf der Volldistanz,   läuft nach 6:09 Stunden ins Ziel. Das würden 95 % der Bundesbürger nicht schaffen.

Für mich läuft die Uhr weiter, die 4:15 Pacer überholen. Die letzten Meter durch die Hochhausschluchten von Bankfurt sind spitze. Ermüdungserscheinungen habe ich nicht, die 200 Kilometer durch Portugal letzte Woche warenoffenbar eine gute Vorbereitung.

Mit Kilometer 38 kommen wir wieder am ehemaligen Palais Thurn und Taxis und am Eschenheimer Turm vorbei. In dem Haus, wo „Detektiv Tudor“ unübersehbar draufsteht, wurde vor 61 Jahren die Edelprostituierte Nitribitt ermordet. Heute Morgen stand die ungelöste Mordgeschichte wegen der Jährung wieder in allen Zeitungen.

 

 

An der Börse gibt es die letzte Verpflegungsstation. Die Limofirma bizzl wurde 1968 gegründet, als ein späterer Außenminister seinen Professor auf der Bockenheimer Landstraße mit Torten bewarf. Die Limo ist gut, dennoch wir viel auf das Kopfsteinpflaster der Freßgass verschüttet, so dass man von  sicherem Lauf nicht sprechen kann.  Es gibt Geräusche, als würde man mit einem Pömpel den Abfluss bearbeiten.

Die Zeitmessung bei Kilometer 40 zeigt 4:26 an. Minus 11 Minuten für mich, da ich später gestartet bin, da kommt schon Freude auf! Hinter der Alten Oper geht es leicht abwärts.  Eigentlich bin ich schnell, aber bei Kilometer 41 überholt mich der Rückwärtsläufer. Da vergeht mir die Freude, ich muss mich aufbauen: „ Joe stell dir vor, der Rückwärtsläufer wäre einbeinig und blind, dann müsstest du mit dem Training anfangen!“ Ha, ich kann selbst mich zum Laufen animieren!

Die letzten 700 Meter zur Festhalle kurve ich an Staffelläufern vorbei,  ich muss  links, rechts überholen. Dann eine schmale Gasse, ich spüre jeden Brüller der unzähligen Zuschauer im Gesicht. Es sind zärtliche Küsse einer großen Gemeinschaft laufbegeisterter Fans der 18 jährigen Laufmashine! Ich bin heute eine Minute langsamer als bei meinem Debut vor 18 Jahren. Da muss ich grinsen, denn James Brown hat Recht:  Ich bin eine Maschine!

 

 

Impressionen

 

(Klaus und Margot Duwe)

 

 
 

Brezellauf am Samstag

 

 

Ergebnisse

 

Männer:
 
1. Kelkile Gezahegn ETH 2:06:37
2. Martin Kosgey KEN 2:06:41
3. Alex Kibet KEN 2:07:09
4. Amos Mitei KEN 2:07:28
5. Kenneth Keter KEN 2:07:34
6. Mark Kiptoo KEN 2:07:50
7. Asefa Tefera ETH 2:08:34
8. Tsedat Ayana ETH 2:09:39
9. Arne Gabius GER 2:11:45
10. Vincent Yator KEN 2:12:03
 
Frauen:

1. Meskerem Assefa ETH 2:20:36
2. Haftamnesh Tesfay ETH 2:20:47
3. Bedatu Hirpa  ETH 2:21:32
4. Belaynesh Oljira ETH 2:21:53
5. Dera Dida ETH 2:22:39
6. Sintayehu Hailemichael ETH 2:22:45
7. Nancy Kiprop KEN 2:22:46
8. Betsy Saina KEN 2:24:35
9. Stellah Barsosio KEN 2:25:00
10. Abebech Afework ETH 2:25:17
14. Katharina Heinig GER 2:29:55

 

 

 

 

Informationen: Mainova Frankfurt Marathon
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