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Laufberichte

Frankfurt dreht auf

29.10.12

Mainzer Landstraße

 

Unter Frankfurt-Läufern ist sie schon berühmt-berüchigt, bei den meisten unbeliebt, von manchen gar gefürchtet, für viele die größte mentale Herausforderung des Laufparcours. Die Mainzer Landstraße. Von ihrer glamourösen Seite durften wir sie auf den Anfangskilometern kennenlernen. Hier zeigt sie aber nun ihr so ganz anderes Gesicht: Ab km 30 führt sie uns schier endlose sechs Kilometer schnurgeradeaus primär durch triste Industrie- und Gewerbelandschaft in Richtung Stadtzentrum zurück. 

Dessen ist sich auch der Veranstalter bewusst. Und so hat er allein auf diesem Streckenstück 11 Musikgruppen postiert, vor allem aus dem rhythmus- und dynamikbetonten Samba- und Trommlersegment. Eine gute Idee. Sehr viel leichter läuft sich dieser Part bei so viel Ablenkung, eine echte Verbesserung gegenüber der Situation vor neun Jahren.

Eine stets willkommene  Abwechslung sind gerade hier die Verpflegungsstellen, üppige 14 an der Zahl, entlang der gesamten Strecke. Im 2,5 km-Intervall bieten sie alternierend  Wasser pur und Wasser plus Sportgetränk, Tee und Bananen, ab km 20 auch Gels. In der Auswahl ist Frankfurt damit vergleichsweise puristisch. Aber: bringt mehr (Auswahl) mehr (Leistung)? Wohl kaum. Überhaupt: Es gibt wohl kaum einen Marathon, bei dem es schwerer fallen dürfte, eine plausible Ausrede dafür zu finden, warum es mal wieder nicht zu einer schnelleren Zeit gereicht hat.

Wegen Bauarbeiten muss der Part durch die Mainzer Landstraße ab km 34 zeitweise über eine Parallelstraße umgeleitet werden, eine vergleichsweise lauschige Allee, die aus meiner Sicht auch das Potenzial zu einer Dauerlösung hätte. Durch das Laub spitzen am Horizont bereits die Wolkenkratzer der Innenstadt wie das Licht am Ende des Tunnels hervor.

 

Zum Finale durch die City

 

Mit dem Platz der Republik bei km 36 sind wir endgültig back in town. Und dort zurück, wo das Leben auch entlang der Strecke tobt. Hier wären wir schon fast im Ziel, zumindest luftlinienmäßig, aber wie gesagt: wir wären es nur. Wenn nicht noch sechs Kilometer bis zum vollen Marathon fehlen würden. Aber diese sechs Kilometer dürfen wir auf großenteils schon aus dem Anfangsviertel des Laufs bekannten Wegen durch das Stadtzentrum zurücklegen.

Deutlich dünner ist der Läuferstrom geworden, umso mehr fallen die Zuschauer entlang der Strecke auf, die die Läufer nun auch häufiger mit dem auf der Startnummer aufgedruckten Namen anfeuern. Und intensiver als auf der Eingangsrunde lässt die höher stehende Sonne die Fassaden der Wolkenkratzer erglühen, ein immer wieder beeindruckendes Bild. Zum dritten Mal geben wir ein Stelldichein bei der Alten Oper und ziehen unsere Schleife durch die Innenstadt. Artur Schmidt, der Streckenmoderator an der Hauptwache, erwischt mich beim Fotografieren und verkündet schon mal für Dienstag das Erscheinen des Laufberichts auf marathon4you. Erneut queren wir die Zeil mit dem Palais Quartier und den Eschenheimer Torturm, alles schon bekannt. Und doch ist das Erleben ein ganz anderes, schon weil ich mich nicht mehr auf Massen von Mitläufern um mich herum konzentrieren muss. Ein letztes Mal passiere ich den Opernplatz, dann weiß ich: Jetzt geht es endgültig in Richtung Ziel.

In der Ferne grüßt schon der Monolith des Messeturms und rückt langsam näher. Den km 42 legen wir auf derselben Strecke wie km 1 zurück, nur jetzt in umgekehrter Richtung.

 

Zehn Sekunden Rausch auf dem roten Teppich

 

Das Finale in Frankfurt ist ohne Zweifel eines der außergewöhnlichsten und wohl auch bombastischsten, das man in der Welt der Marathons erleben kann. Noch bei km 42 ist nicht zu erahnen, was sich kurz darauf abspielen wird. Schon vor der Festhalle harren zwar viele Zuschauer entlang der Strecke, aber das ist nichts Ungewöhnliches für den Zieleinlauf eines City-Marathons. Wäre da nicht dieses dumpfe, laute Grollen im Hintergrund, das schnell an Volumen gewinnt.

Das Grollen wandelt sich urplötzlich zum Tosen, als wir 60 Meter vor der Ziellinie das sich wie ein dunkles Maul öffnende Ostportal der Festhalle durchschreiten. Die zehn Sekunden, die wir von hier noch zum Zielbogen brauchen, vergehen wie im Rausch. Lichter zucken durch das Dunkel, eingebettet in ohrenbetäubendes Getöse. Hell erstrahlt der blutrote Teppich unter unseren Füßen, über den die marathonischen Matadore wie in Trance zum letzten Spurt ansetzen. Details nimmt wohl kaum einer auf diesem letzten Wegstück wahr.  Alles was hängen bleibt, ist das Gefühl einer gewaltigen Orgie aus Licht und Sound, deren Bestandteil man ist. Und plötzlich ist man durch, unter dem weiß leuchtenden Zielbogen am Ende des Teppichs.

Zur Besinnung kommen die Läufer erst hinter der Ziellinie. Erst dann hat man die Chance, Details wahrzunehmen, die Menschenmassen auf den Tribünen, die donnernde Musik, die einpeitschende Moderation, die tanzenden Cheerleadermädels, die riesigen Videoleinwände und vor allem die einem Popkonzert würdige Lightshow. Ein gewaltiges, ein unvergessliches Bild. Die Chance, diesen Eindruck zu vertiefen, hat man aber kaum, denn schon treiben die Ordner die Einlaufenden weiter und hinten hinaus aus der Halle, in den Versorgungsbereich, um Platz zu schaffen für den nicht enden wollenden Strom der Neuankömmlinge. So darf ich mich glücklich wähnen, mit der Kamera als Alibi ein wenig länger verharren, die Einlaufenden beobachten zu dürfen, wie sie sich   von diesem Empfang einfach mitreißen lassen und mit erhobenen Armen oder anderen Siegergesten dem Ziel entgegen stürmen. 

Außerhalb der Halle erwartet uns im Läuferbereich das übliche Zielprozedere: Medaillenausgabe, Einpacken in Wärmefolien, heiße Bouillon und  Tee zum Aufwärmen, und wer Freude am Anstehen hat, bekommt auch ein Bier. Alles ist routiniert und bestens organisiert, aber lange bleibe ich nicht.

Fast schon magisch zieht es mich zurück in die Halle, nun als "Zivilist" aus der Zuschauerperspektive,  und merke erst hier, dass es offensichtlich viele Läufer gibt, die noch etwas mehr von diesem Spektakel mitnehmen, miterleben wollen. Von einem der höher gelegenen Ränge beobachte ich noch eine ganze Weile das mitreißende Spektakel auf dem roten Teppich. Ja, in Frankfurt weiß man, wie man Finisher glücklich macht.

11.964 sind es in diesem Jahr, die laut Finisherliste das Glücksgefühl dieses besonderen Zieleinlaufs genießen dürfen, trotz höherer Anmeldezahlen etwas weniger als im Vorjahr. Vielleicht haben so manchen doch die frostigen Temperaturen oder der Wintereinbruch am Vortag  verschreckt.

Erster Einläufer wird, wie erwartet, Patrick Makau, auch wenn die 2:06:08 nicht das sind, was die Veranstalter wohl insgeheim erhofft haben. Bester Nichtostafrikaner wird als 16. Sören Kah in hervorragenden 2:13:57.

Streckenrekord gibt es dafür bei den Frauen durch die Äthiopierin Meselech Melkamu in 2:21:01, die ebenso wie die beste Deutsche, Lisa Hahn als Achte in 2:31:28, ein äußerst erfolgreiches Marathondebut gibt. Und man muss kein Prophet sein, um zu erahnen, dass dieser Erfolg Frankfurts sich auch im kommenden Jahr fortsetzen wird - an der Spitze ebenso wie in der Breite.
 

Marathonsieger

 

Männer

1 Makau, Patrick (KEN) 02:06:08
2 Edae, Deressa Chimsa (ETH) 02:06:52
3 Kirwa, Gilbert (KEN) 02:07:35

16 Kah, Sören (GER) 02:13:57

Frauen

1 Melkamu, Meselech (ETH) 02:21:01
2 Rono, Georgina (KEN) 02:21:39
3 Daska, Mamitu (ETH) 02:23:52

8 Hahner, Lisa (GER) 02:31:28

11964 Finisher

 
 

Informationen: Mainova Frankfurt Marathon
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