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Laufberichte

Ab nach Kassel!

12.05.13
Autor: Joe Kelbel

Rita kämpft passenderweise vor einem Plakat, das die Regenwassernutzung anpreist mit ihrem Regenschirm, im Starkwind. Der Rita, der Frau vom Dita, wurde einmal ein riesiger Schmalztopf von einem unsäglichen Ultraläufer geplündert.

Viel Industriegebiet, viele politische Schmierereien, Kassel ist schon extrem. Sehr störend finde ich den Aufkleber “frauenfeindliche Werbung” auf der Bikiniwerbung einer bekannten Modekette, denn schließlich laufe ich nicht zum Spaß einen Stadtmarathon.

Als die Briten 1943 mit ihren Bomberangriffen die Staumauer des Edersees zerstörten, wurde Unterneustadt mitten in der Nacht von den Wassermassen eingeschlossen. Dreizehn Stunden schoss das mit Kadavern durchsetzte Treibgut durch die Stadt. Dreizehn Sekunden brauchen die 4:15 Pacemaker, um an mir vorbeizuziehen, aber ich bleibe dran!

Über die Hafenbrücke geht es hinüber in die Innenstadt. Kassel mit seinen zahllosen Fachwerkhäusern war 1943 das perfekte Ziel des britischen Moral-bombig. Der Massenabwurf von Phosphor und Stabbrandbomben zerstörte die Stadt vollständig. Okay, Marathonlaufen ist unpolitisch. CDU-Läufer, SPD-Bundestagsmitglieder und die hier stark vertretenen Kirchengemeinden laufen nicht in braunem Laufdress, weswegen ich die aufgeschmierten Parolen auf einigen Marathonplakaten so unpassend finde, dass ich Gegenaggression entwickele. Gut, das macht mich ja auch ein wenig schneller.

Weit geht es hinauf über die Fuldastraße zur bürgerlichen Terrassensiedlung über dem Wolfsanger. Angenehme Stimmung hier, die Menschen sind fröhlich, die Vorgärten sind bunt und die Lokale einladend.

Über die “Alte Stadtgrenze” geht es hinab zum Stadtteil Wesertor, km 20-25. Das Unigelände ist im alten, in neue Bauten integrierten Fabrikgebäude der Firma Henschel untergebracht. Sehr schön gemacht, gilt als das schönste Unigelände Deutschlands.

An der Uni Kassel konferierte Kaiser Wilhelm 1905 mit den Amerikanern über einen deutsch-amerikanischen Austausch von Universitätsprofessoren. Auch hier sind die Parolen unpassend, wir haben doch Frieden gefunden.

Mir, dem m4y-Reporter, kommen immer wieder Einheimische auf meine Laufhöhe, erklären mir das eine oder andere, kritisieren und beschuldigen, fast entschuldigen sie sich für die eine oder andere Situation, die, so meinen sie, nur in Kassel ist wie sie ist. Ich freue mich, wenn ich angesprochen werde, mir was erklärt wird. Aber, tut mir leid, ich halte mich da raus.

Km 27, wir befinden uns auf der alten Postroute Kassel-Holland des 18.Jahrhunderts. So kommt es zum Namen Holländische Straße, und der Stadtteil im Norden der Straße wurde zu Nord Holland.

Auch ein Österreich gab es hier. Es war die Kneipe von D. Österreich, Altstadtring Nr. 1, Treffpunkt der wohlhabenden Bürger. Sehr beruhigend finde ich einen brasilianischen Fanclub vor dem “Freudenhaus”, einstmals berühmt wegen seiner optisch-optimalen Angebote, nun ein beliebter “smokespot”.

Ich weiß nicht, warum ich jetzt hochschaue, aber da hab ich ihn: Thomas Werner vor seiner Hundeschule. Thomas sieht man öfters bei Extremläufen mit seinem “Hundebus” vorfahren. Darin ein Gewusel aus wunderschönen Huskies aller Altersklassen. Eine Auswahl der hübschen Vierbeiner darf dann mitlaufen. Und zufällig verfolgt mich sein Bruder, sodass mir ein schönes Foto mit den zwei “Bekloppten“ gelingt.

Km 30 Richtung Vorderer Westen, mit seinen gut erhaltenen Gründerzeitvillen ein beliebtes Wohngebiet. Gebaut wurden die Häuser von dem wohlhabenden Kasseler Bürgertum, das sich hier ein Leben in Glanz und Gloria in Häusern mit Türmchen, Zinnen, Bögen und Säulen führte.

Kassel Mitte. Vor wenigen Jahren fand der Direktor des Naturkundemuseums mumifizierte Föten hinter metallenen Schrankwänden. Getrocknete Mumien, mit Kupferdraht auf Holz fixiert, in aufgeschnittener Gebärmutter, über 300 Jahre alt. Bis zum 11.08.13 gibt es im Spohr Museum die Ausstellung: “Tausche Schädel gegen Mumie”, Sammellust im Kassel des 18.Jahrhundert. Eintritt frei.

Als es nach Wehlheiden geht, treffe ich Beate. Sie fühlt sich so, wie der Stadtteil heißt. Sie ist meine Freundin, seitdem sie mir bei den 100 Meilen in Berlin irgendwo bei km 140 ein Bier brachte und mich während meiner desolaten Einsamkeit an der ehemaligen Grenze einige Stunden begleitete. Mir war damals so schlecht, dass ich ihr Bier nicht trinken konnte. Heute ist ihr schlecht und ich kann mich revanchieren und ihr zum Finish verhelfen.

Für einen anderen  Prominenten ging es 1874 “Ab nach Kassel“: Kaiser Wilhelm, der am Friedrichsgymnasium (km 40, links) sein Abitur machte. Seine Mutter wollte, dass der zukünftige Herrscher den Geist seiner Generation kennen lernt, schickte ihn deshalb nach Kassel auf das aufgeklärte, öffentliche Gymnasium. “Zur Stärkung seiner Kondition” ging es zu Fuß von Berlin nach Kasel, in einem 6tägigen Ultramarsch. Beate kommt auch aus Berlin, nahm aber das Auto.

Wilhelms Schultag begann um 5 Uhr, endete spät abends nach der 10ten Schulstunde. Eine Stunde täglicher Spaziergang durch die Karlsaue war vorgeschrieben. Wilhelm war nicht gerade der beste Schüler, im Gegensatz zu seinem Namensvetter Wilhelm und dessen  Bruder Jacob Grimm, die gleich mehrere Klassen des Friedrichsgymnasiums übersprangen.

Mann, was für ein Gebrüll. Biergläserschwingende, brüllende Sonntagskämpfer stehen vor Joe´s Garage. Ich hatte nicht ernsthaft erwartet, dass man wegen mir den Pogo macht. The Edge ist hinter mir, der Stammgast, der beim Laufen mal einen doppelten Espresso trinkt, hier jetzt aber isotonische Getränke angeboten bekommt. Miri wurde von Klaus im Ziel fotografiert, Bernd und Dirk waren auch Teil der Staffel. Nix Besonderes, aber: Die Chaoten sammeln für Nairobi, unterstützen die Aktion “Ärzte für die Welt”, die hier im Rahmen des Marathons tätig ist. 1227 Euro hat die jubelnde Truppe bis jetzt zusammen. Wer von den Läufern der Spendenaktion dieser tollen Truppe helfen will, der Link ist auf der Kassel-Marathon-Seite.

Km 37, wir laufen Richtung Herkules, von dessen Anhöhen seit 1701 die Wasserspiele fallen. Mai-Oktober, mittwochs, Sonn- und Feiertags 14:30 Uhr, 7 €. Aber natürlich sind die illuminierten Wasserspiele von Juni bis Sept., 22. bzw. 21 Uhr  der Hit. Die Wasserwege werden manuell bedient. Dazu sind sechs Personen notwendig, die die jahrhundertealte Technik bedienen. Das Konzept ist, dass der Besucher das Wasser von seinem Lauf von oben nach unten begleitet und alle einzelnen Stationen betrachtet. Es gibt Getränkestände! Neben dem Marathon eines der beklopptesten Events in Deutschland. Quer über den Hang das Schloss Wilhelmshöhe, die Sommerresidenz Kaiser Wilhelms. Hier, vom Bahnhof Wilhelmshöhe fuhr der Kaiser mit seinem zitronengelben Daimler hinauf zum Schloß. Tausende Bürger begleiteten ihn im Sommer bei seinen Spaziergängen mit seinem Dachshund “Erdmann” im Bergpark, der jetzt supergrün vor uns leuchtet.

Die letzten Kilometer fliege ich jetzt, bis… ausgerechnet die Jungs von der Polizeigewerkschaft isotonische Getränke in die Laufstrecke halten und mich bremsen. Dann geht es weiter. Nein halt, Vanman Jochen ist auch da. Wie bei so vielen Läufen moderiert er bei km 40 und muss unbedingt abgeklatscht werden.  Er freut sich, wenn der ein oder andere Läufer ein paar gute Wort in sein Mikro spricht.  Meinen Kommentar in Düsseldorf über Altbier, was wirklich wie Briefmarke von hinten schmeckt, muss man ja nicht wiederholen.  

Dann endlich der vollendete Endspurt. Der Einlauf ins Auestadion ist hitverdächtig. Ganz großes Marathon-Highlight. Das ist wirklich tränenmäßig, das ist JA!

Lange stehe ich noch im Zielbereich und lasse mir immer wieder von Brigitte und den anderen Mädels eine Medaille umhängen und mich abbusseln. Eigentlich müssten sie mich durchschauen. Aber offenbar busseln sie gern. Kassel ist genial!

Bei meinen postmarathonalen Recherchen treffe ich auf Hosea Kiplagat Tuei und die zurückhaltende Zerfe Worku Boku, die scheu in mein Objektiv blinzelt. Ganz süß, die Kleine. Mittels Übersetzer loben die beiden Gewinner den Kassel Marathon und die schnelle Strecke. Auch die anderen Hochlandafrikaner sind begeistert. Ich stelle fest, dass sich ihr Erfolg nicht nur auf den Hirsebrei zurückführen lässt, auch andere Getreideerzeugnissen zählen zu deren Grundnahrungsmitteln. Mit einem Vorurteil gegenüber Afrika muss ich jetzt endlich aufräumen: Es sind nicht Laufschuhe, die dringend gebraucht werden, es sind Flaschenöffner! Flaschenöffner für Afrika!

 

Marathonsieger

Männer

1 Hosea Kiplagat Tuei 1 M Kenia 02:15:21 1
2 Felix Kipkorir 2 M Kenia 02:15:41
3 Pharis Kimani 3 M Kenia 02:15:51

Frauen

1 Zerfe Worku Boku 1 W Äthiopien 02:38:40
3 Alice Jepkemt Kibor 2 W Kenia 02:45:41
5 Abebech Bulbula 3 W Elite Club Spiridon Ethiopia 02:52:48

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Informationen: Kassel Marathon
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