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Laufberichte

Wenn die Nacht zum Tag wird

 

Für die breiten Straßen hat man klingende Namen gewählt. Wer läuft schon außer hier am Kirchberg über die rue Antoine de St. Exupery?  Als wir uns bei Kilometer 7 dem Philharmonie-Gebäude nähern, das im Grundriss die Form eines Auges hat und dessen Stahlfassade von 823 weißen Säulen dominiert wird, schere ich aus und hoffe, dass das Foto nicht verwackelt ist. Hier stehen auch viele Zuschauer und feuern uns an. Das Motto des Marathons könnte klarer nicht sein: „Live, love, run!“
Es geht die Avenue J.F. Kennedy weiter direkt auf die Grande-Duchesse Charlotte, auch Rote Brücke genannt, die das Stadtzentrum mit dem Europaviertel auf dem Kirchberg verbindet. Der rechte Streifen der insgesamt wegen Bautätigkeit gesperrten Fahrbahn über die Brücke ist durch ein Gitter für uns Läufer zweigeteilt. Es kommen uns knapp vor Kilometer 8 die ersten schnellen Halbmarathonläufer entgegen.

Mir fällt eine ältere Schwedin auf, die vom 100 Marathon Club Sverige kommt. Ich laufe an der Kollegin vorbei – meine noch immer guten Schwedischkenntnisse habe ich heute schon unter Beweis gestellt, als ich gleich nach dem Start einen älteren Kollegen in blau-gelben Trikot mit „Hejdå gubbe“ begrüßt habe – ein „Gubbe“ ist (auch) ein schrulliger Alter, dem die Haare aus Nase und Ohren wachsen. Eine meiner schwedischen Freundinnen in den 1970ern, Karin aus Göteborg, begrüßte mich immer so.

Am Ende der Brücke erwarten uns Hunderte Zuschauer, da ist was los – wie laut wird es erst in der Altstadt werden, wenn uns Tausende anfeuern? Der Kurs führt uns nun in den Stadtteil Limpertsberg. Bei der Labe bleibe ich stehen und mische mir einen Drink – in der Reihenfolge Wasser, Iso, Cola. Petra, die 4:44-Zugläuferin, kann ich nicht abschütteln, sie hält an ihrer Taktik fest: Lieber am Anfang ein wenig schneller laufen, um für den Schluss des Marathons ein kleines Zeitpolster zu haben. Jetzt um 20 Uhr ist der Abend noch nicht angebrochen, es wird noch 1 ½ Stunden hell sein. Gut für die Fotos, denke ich mir. Vor dem Place A. Laurent befindet sich die erste Staffelwechselstelle, Hunderte warten schon ungeduldig auf ihre hinter uns nachkommenden Teammitglieder.

In einer langen Schleife geht es im Wohngebiet durch Limpertsberg weiter. Die 10 km-Labe befindet sich auf der rue Cerisiers, Zeit für einen Schluck aus dem Becher und einen geviertelten Isoriegel. Ich drehe mich um, die Petra lässt nicht locker. Sie läuft die angepeilten 4:44 für sich, eine Gruppe hinter ihr wie sonst bei Zugläufern üblich, sieht man nicht.

Bei Kilometer 11 geht es in Richtung Altstadt. Petra, die für-sich-selbst-Pacerin rückt auf. Ich nutze die Gelegenheit und sage „Hello“ zu  Richard Holms, Chef der Globetrotters. 500 Marathons und 80 Länder steht auf seinem Singlet.

Beim Champ du Glacis ist die nächste Labestation aufgebaut. Je mehr es solche Stützpunkte gibt, desto eher bleibt man stehen und verliert wieder eine halbe Minute. Und je länger das Rennen dauert, desto schwerer wird es, auch nur 30 Sekunden wieder aufzuholen. Ich verzichte dennoch nicht auf meinen Drink – auch wenn die liebe Petra dies nutzt, um wieder am M4Y-Laufbeobachter vorbeizukommen.

„Run as if you stole something“ – steht auf einer Tafel, die eine junge Frau den Läufern entgegenhält. Das würden viele gerne, nur sind die im Block G die falschen Ansprechpersonen. Wir biegen von vielen Zuschauern beklatscht in einen Park ab und erreichen die 13 km-Anzeige. Unweit der Grand Rue befindet sich die nächste Labe, die ich jetzt auslasse und so wieder etwas Boden gutmache – auf Petra und Richard, die mich beide im Visier haben. So gesehen verpflichtet meine Dienstkleidung mich zusammenzunehmen und nach Möglichkeit leistungsmäßig nicht abzufallen. Heute am Vormittag bin ich hier durchspaziert, Fotoshooting auf Vorrat könnte man auch sagen.

Nach rund 1 ½ Stunden Laufzeit bei Kilometer 14 verläuft der Marathonkurs nun in das Innere der Altstadt. Um den Place Guillaume II stehen wieder viele Zuschauer mit den orangen Hüten am Kopf. Man identifiziert sich mit dem großen Sportereignis. Die Absperrungen sind mitunter nur drei Meter breit, sodass man mit den begeisterten Menschen abklatschen kann. Inzwischen schon das dritte Mal assoziiert man meinen Namen auf der Startnummer mit dem „Anton aus Tirol“ – und fängt zum Singen an. Eine Musikgruppe spielt. Ich konzentriere mich auf die Kinder, manche strecken mir den kleinen Finger einer verlängerten Hand aus Schaumgummi entgegen. Ein Bub mit listigen Augen zieht seine Hand schnell zurück, sodass ich ins Leere schlage. Die Halbmarathonis biegen nun ab. Für sie geht es auf den letzten sechs Kilometern auf einen tlw. anderen Kurs wieder zur Lux-Expo zurück.

Bei der 15 km-Anzeige bin ich nun seit 1 h 42 Minuten unterwegs. Zwar habe ich mittlerweile einige Hundert Halbmarathonläufer überholt und auch zahlreiche Konkurrenten über die 42,195 km hinter mir gelassen, aber es wird bei den vielen kleinen Steigungen für mich schwer werden, die 21,1 km unter 2 h 15 zu bewältigen. Es geht weiter durch einen Grüngürtel, von einem Erholungspark kann man eher nicht sprechen. Die vielen Drehungen des Kurses verwirren allmählich, ich orientiere mich an der untergehenden Sonne im Westen.

Die Strecke verläuft stetig nach Westen, dort wo die Sonne einen roten Abendhimmel erzeugt. Im Osten ist die Nacht angebrochen, der Himmel ist schwarz. Bei Kilometer 17 holt mich Petra wieder ein. Sie hat ihr Tempo etwas reduziert und dürfte mit ca. 2:17 die 21,1 km erreichen. Ich bleibe aber an beiden dran und versuche kontrolliert zu laufen. Auf der anderen Straßenseite kommen uns die vor uns liegenden Einzel- und vor allem vielen Staffelläufer entgegen. Die Sambagruppe „Piranhas op jück“ begrüßt die Vorhut. Die Schleife ist kurz, eine Labestelle lädt zum Verweilen ein. Die Wohngegend hier vermittelt hohe Werthaltigkeit.  Ein Pärchen der Ärzte ohne Grenzen eilt an mir vorbei, mal sehen, wie es ihnen nach 30 km gehen wird.

Auf einem abgestellten Citroen hat man ein Poster unter den hinteren Scheibenwischer gedrückt, auf dem steht: „Chuck Norris never run a marathon.“  Da ist etwas dran, will heißen, ein Karatekämpfer braucht kein Läufer zu sein. Im Ernstfall würde ich das Weite suchen – wenn möglich. Wieder sind viele Menschen auf der Straße, die uns zujubeln. Ich würde gerne einmal in so eine Vuvuzela hineinblasen, Läufer haben in der Regel ein größeres Lungenvolumen, was die Lautstärke anhebt. Petra hat wieder Tempo zugelegt, Kompliment, sie hat alles unter Kontrolle. Richard Holmes hingegen hat nachgelassen – er wird heute hinter mir finishen.

Es geht weiter durch die bei Kilometer 15 bereits auf der gegenüberliegenden Seite durchlaufende Grünzone. Der nächste Wechsel der Staffelläufer steht an, einige scharren mit den Füßen und können es kaum erwarten, ins Rennen zu gehen. Petra bleibt stehen und stärkt sich mit einem Gel. Es hat den Anschein, dass sie nun knapp vor der Halbmarathondistanz den Turbo zünden wird. Hier kommt es zu einer Begegnungszone – die Kollegen, die uns entgegenkommen, haben einen Vorsprung von 6 ½ Kilometern oder 35 Minuten. Das ist bei 21 Laufkilometern eine beachtliche Leistung. Ich blicke auf die Uhr, 2:18 Stunden bin ich nun netto unterwegs, mit den rund 15 Minuten Startverzögerung ist es bereits 21 Uhr 30 abends – und die Dunkelheit bricht bald über uns herein.

 

 

Für uns geht es in westlicher Richtung weiter. Ich habe es verabsäumt zu zählen, wie oft sich bisher der Marathonkurs gedreht hat. Wir befinden uns im Wohngebiet, allerdings nimmt man in der Dunkelheit trotz Straßenbeleuchtung die Umgebung nicht mehr so intensiv wahr. Nach der Labestelle bei Kilometer 22 nimmt der Kurs die Form eines „S“ an, es geht es nach links stadteinwärts, dann wieder nach rechts Richtung Westen und das Ganze wiederholt sich. Schließlich nähern wir uns bei Kilometer 25, nahe dem Parc de Merl, durch den der Marathon durchführt, wieder der Altstadt, die zum UNESCO-Kulturerbe gehört. Ich bin etwas frustriert, dass kein einziges Foto trotz Stopps mehr herzeigbar. Ich kann mir so eigentlich das Knipsen auf den folgenden 17 Kilometern ersparen. Pacerin Petra ist inzwischen davongeeilt, Richard nicht mehr aufgetaucht und Franz liegt wahrscheinlich doch schon etwas weiter zurück.

Knapp vor Kilometer 28 ist wieder eine Labestelle, bei der ich stehenbleibe. An das wellige Profil beim Laufen gewöhnt man sich, nicht jedoch an die Tageszeit. Gegen 22 Uhr will der Körper eher ausspannen, zur Ruhe kommen. Hier und heute puscht man sich auf – mit Cola, Gels und der guten Stimmung, die einem die Zuschauer vermitteln. Mit über 60 darf man sich auch schon als etwas müde outen, der zu dieser späten Stunde sonst lieber vor dem TV-Kastl sitzt und die Nachrichten  ansieht.

Zu unserer Linken erstrahlen die Logos bedeutender Bankhäuser – Raiffeisen mit dem Giebelkreuz ist mir vertrauter als die Lichtreklame der Bank of China. Über die Pont Adolphe überqueren wir das Petrusse-Tal. Beim genaueren Hinsehen befindet sich hier bei Kilometer 29 eine weitere Begegnungszone, allerdings sind die sich in die gleiche Richtung bewegenden Läufer bereits bei Kilometer 34 und auf dem Wege in die Altstadt, während wir noch das Petrussetal vor uns haben.

Irgendwo an einer Ecke des Kurses, der noch vor uns liegt, spielt und singt eine Volksgruppe. Es hört sich an, wie ethnische Musik aus einem Balkanland, mit vielen Molltönen und langgezogen, dann wieder wie musique québécoise, obwohl kein französisches Wort für mich erkennbar ist. Die Klänge und Stimmen sind für mich so berührend, dass „die Seele weint“ – vor Ergriffenheit.

Hinunter zur Petrusse komme ich wieder auf Touren – Abwärtslaufen ist meine Spezialität. Auch wenn ich geschlaucht bin, abwärts geht es immer. Wegen der Dunkelheit kann ich die landschaftlichen Besonderheiten an dieser Stelle des Kurses bei Kilometer 30 nicht so richtig erkennen. Fest steht, dass die Luxemburger rund um die Altstadt nicht nur schöne Parks zum Ausspannen haben, sondern auch von ihren beeindruckenden Brücken in die Flusstäler herunter kommen können - zu Fuß auf schmalen Wegen und auf asphaltierten Straßen. Wir schaut es mit meiner Laufzeit aus? Die 30 km-Anzeige mit einer angeschlossenen Labe habe ich nach 3:25 Stunden Laufzeit geschafft. Das restliche Viertel könnte sich in 1 ½ Stunden ausgehen.

Schade, dass meine Kamera nur mehr eingeschränkt funktioniert, denn ich würde gerne ein paar Eindrücke vom den vielen Lampions und der Partystimmung in den Lokalen hier an der tiefsten Stelle des Marathons direkt unter den Rundbögen der Brücke festhalten. An der Spitze einer 3 Meter hohen Lichtsäule ist die Zahl 30 hell erleuchtet. Nach einem Kilometer an den kleinen Bächlein Petrusse entlang geht es nun wieder 40 Höhenmeter aufwärts.

Bei der 34 km-Anzeige geht es über die Viaduktbrücke in die Altstadt. Die Sehenswürdigkeiten dort inklusive der Kasematten habe ich schon am Vormittag tlw. gesichtet und Fotos geschossen. Doch heute erstrahlt die Nacht in der zur Partymeile umfunktionierten Innenstadt von Luxemburg zum Tag. Viele Menschen haben sich entlang der Marathonstrecke postiert. Sie sind nicht nur wegen des Marathons hier. Die Leute feiern, essen und trinken, genießen das Leben.
Ich bin inzwischen schon seit geraumer Zeit damit beschäftigt, mehrere Läufer in Schach zu halten. Das M4Y-Shirt dürfte doch einen gewissen Anreiz haben, dessen Träger Paroli zu bieten. Den meisten gelingt es ja eh, nur Typen meiner Altersgruppe M-60 sind kaum besser. So behalte ich meine Konkurrenten hier trotz toller Partystimmung – eben habe ich den „Anton aus Tirol“ schon zum 4. Male vernommen – im Auge. Allerdings spüre ich bei Kilometer 36 schon eine verstärkte Müdigkeit. Der Blick auf die GPS-Uhr zeigt, dass mir noch 45 Minuten verbleiben, um unter 5 Stunden zu finishen.

Längst spüre ich, dass die Strecke wieder ansteigt, auch der Untergrund hier in Stadt ist für meine lädierten Füße nicht so günstig. Kopfsteinpflaster mag ich überhaupt. Bei Kilometer 36 befindet sich eine Labestelle. Die Versorgung lässt nichts zu wünschen übrig, ich mische neuerdings, wenn verfügbar, Wasser, Iso mit Cola.  Wir verlassen die Altstadt und der lange Weg zurück zur Lux-Expo beginnt. Der Kurs steigt stetig an. Über die Grand Duchesse Charlotte-Brücke geht es über das Alzette-Tal. Diese Steigung hat es nun doch in sich. Sobald es aber auf der anderen Seite wieder runter geht, nehme ich Tempo auf. Es geht exakt auf der gleichen Strecke zurück, auf der wir auf den ersten Kilometern nach dem Start gelaufen sind. Vorgenommen habe ich mir, auf dem Rückweg nahe bei Kilometer 40 beim Stand des Köln-Marathons den Becher mit Bier zu trinken. Diese knappe Minute nehme ich in Kauf, auch wenn ich die sub 5 vielleicht wegen dieser kleinen Pause nicht schaffen sollte.

Ich hole alle wieder ein – mit der bewährten Stopp-and-Run-Methode von Galloway, die ich jeden empfehlen kann, der schonend einen Marathon bewältigen will. Nur eine junge Frau hat auf den letzten 500 Metern noch Power und nimmt die leicht abwärts führende Passage in Sprint-Tempo. Am Display steht 5:01:46 Nettozeit, als ich einlaufe. Was soll’s, Hauptsache ich bin im Ziel. Fast könnte man meinen, Petra, die 4:44-Pacerin hätte auf mich gewartet. Sie kommt auf mich zu und merkt an, dass sie ihre vorgegebene Laufzeit exakt erreicht habe. Dazu kann ich nur herzlich gratulieren.

Die Medaille ist schön, die Duschen fast zu heiß. Beim Ausgang kann man sich noch Reste von den Kuchenstücken holen, auch zu trinken gibt es noch genug. Draußen fahren die Shuttlebusse noch bis 3 Uhr morgens.

 


Mein persönliches Fazit:

 

Die Veranstalter arbeiten auf höchst-professioneller Ebene und logistisch vorbildhaft. Das breite internationale Teilnehmerfeld verdeutlicht die Akzeptanz und das Interesse der ausländischen Läuferinnen und Läufer, auch einmal in Luxemburg das Marathonspektakel erleben zu können. Der Kurs ist wellig, hat für einen Städtemarathon fast zu viele Höhenmeter, aber die Topologie lässt sich nicht so einfach wegzaubern. Die vielen Schleifen mögen irritierend sein, aber anders würde man die Marathondistanz nicht so einfach messtechnisch erreichen.

Die vielen Zuschauer an der Strecke und besonders in der Innenstadt am Rückweg ins Ziel am Kirchberg unterstützen die Sportler durch ihren Enthusiasmus. Und die Sambadarbietungen machen Müde wieder munter. Da der Marathon sechs Stunden offen ist, ist die Strecke auch für Langsame, zu denen ich mich ja auch zähle, gut zu schaffen. Für Ländersammler ist Luxemburg ohnehin ein Muss, für alle anderen eine schöne und bleibende Erfahrung.

Ich würde nur noch gerne rausfinden, wie die Musik- und Tanzgruppe heißt, deren Darbietung bei mir den Weltschmerz ausgelöst hat.

 


Marathonsieger


Männer

1. John Komen (KEN) –  02:12:57
2. Bellor Yator (KEN) – 02:14:52
3. Duncan Cheriyor Koech (KEN) – 02:16:22

Frauen

1. Belaynesh Yigezu (ETH) – 02:42:34
2. Rael Jepyator Kimayio (KEN) – 02:44:25
3. Zerfe Boku (ETH) – 02:50:54

1173 Finisher beim Marathon, 6426 beim Halbmarathon, 726 beim Teammarathon

 

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Informationen: ING Night Marathon Luxemburg
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