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Laufberichte

LIVE, LOVE, RUN

 

Über uns startende Flugzeuge. Und was für welche: B747-Jumbos von Luxair Cargo sieht man hier oft. Der Flughafen liegt hinter dem Messegelände und besitzt neuerdings einen Freeport. Das ist eine Möglichkeit, Superreiche anzulocken: ein stylischer Bunker, in dem Lagerräume für Kunst- und sonstige Wertgegenstände vermietet werden.

Die Altstadt ist im Nordwesten von einem Grünzug umgeben. Durch den geht es jetzt einen Kilometer hindurch, bevor wir bei Kilometer 14 in die Grande Rue einbiegen. Das „Grande“ bezieht sich nicht auf die Straßenbreite, sondern auf die unglaubliche Stimmung in dieser Straße. Den nächsten Kilometer werden wir vorerst nicht vergessen: Eine nicht enden wollende Reihe von Zuschauern auf beiden Seiten. Dazwischen Musik und Trommelgruppen. Das Palais Grand-Ducal, Stadtresidenz des Großherzogs mit einer Fassade im Stil der flämischen Renaissance, wird kurz gestreift, bevor es auf dem weitläufigen Place Guillaume II („Knüdler“) zur Trennung von den Halbmarathonis kommt. Hübsche Luxair-Stewardessen weisen den Weg. Da läuft niemand falsch. Und dann geht’s bei der Poissonnerie Guillaume durch eine Fußgänger-Passage. Von rechts umweht mich der Geruch frischen Fisches. Hinter den Meeresfrüchten wird getafelt. Das sind die Streckenführungen, die einen Stadtmarathon unvergesslich machen. Am Kiosque de la Place d'Armes verlassen wir den Trubel wieder.

Jetzt freue ich mich auf eine kurze Erholungsphase im Grüngürtel, bevor es nach Belair geht. Auch nach der Trennung von den Halbmarathonis sind noch genug Läufer unterwegs. Inzwischen ist es viertel vor neun und meine GPS-Uhr kündigt einen Sonnenuntergang um 21:29 Uhr an. Normalerweise benötige ich diese Auskunft nur im Winterhalbjahr, wenn ich entscheiden muss, ob ich zum Training meine Stirnlampe mitnehme. Auch ohne GPS kann man jetzt die schöne Stimmung genießen. Vor etlichen Häusern sind Tische aufgebaut. Wer weiß, wie viele Liter Alkoholika an so einem Laufweg heute getrunken werden?

In Luxemburg gibt es nicht nur virtuelles Geld, sondern auch Betongold: Und so umrunden wir jetzt eine neu gebaute Anlage mit hübschen Eigentumswohnungen, von denen einige noch zu erwerben wären. Würde mich interessieren, ob diese von mir so bezeichnete „Schleife der Immobilienhändler“ auch schon in früheren Jahren zu durchlaufen war. Auf jeden Fall kommen wir nun bald zur Kirche St. Pie X, vor der eine große Party steigt.

Mein Nachbar macht mich darauf aufmerksam, dass ich meine Frau verloren hätte. Ich kann ihn beruhigen, Judith gibt erst im letzten Viertel so richtig Gas, dann überholt sie mich meistens.

Kurz durchs Grüne, an der großen Synagoge von Luxemburg vorbei und dann zur nächsten Schleife. Acht Kilometer durch den Stadtteil Merl. Die Halbmarathon-Marke ist erreicht und leider ziehen nun die Läufer mit den Vier-Stunden-Ballons an uns vorbei. Wir müssen bald abreißen lassen. Nun gibt es rechts einen tollen Spielplatz namens „Scheiwisschen“ (Schlosspark) zu sehen. Er ist im Stil einer Comic-Ritterburg angelegt. Das muss für die Jüngeren fantastisch sein. Die Kinder des Viertels nehmen sich aber heute Zeit nur für uns. Der große Spaß heißt Abklatschen.

Kilometer 25 ist beim Parc de Merl erreicht. Wieder so eine schöne Grünanlage mit Teich und Springbrunnen. Auf dem Balkon eines großen Wohnhauses steigt eine Läuferparty. Auch die blauen Ballons von tango, einem lokalen Handy-Netzbetreiber mit einem Vier-Staaten-Tarif, zieren so manchen Balkon.

 

Jetzt geht es richtig los

 

Als wir über die Brücke Pont Adolphe das Pétrusse-Tal queren, ist die Dämmerung zu Ende. Für mich beginnt die „Biathlon“-Zeit: Stehen bleiben. Luft anhalten. Abdrücken und hoffen, dass die Kamera ein brauchbares Bild macht. Danach muss ich Judith wieder einholen. Es geht jetzt ca. 30 Höhenmeter hinab in das Tal der Pétrusse, die ein Stück weiter rechts in die Alzette fließt. 30-km -Verpflegungsstelle, wie immer vorbildlich organisiert, die Getränke werden gereicht. Neben Wasser gab es schon sehr früh Iso, dann auch Cola, Bananenstücke, Orangenstücke, Iso-Riegel... In der Nähe der Verpflegungstätten auch zwei Toilettenhäuschen. Bei den 2,5-km-Wasserpunkten fast das gleiche komplette Programm.

Hinter den Bögen des Pont du Viaduc der stimmungsvollste Teil des Marathons: Viele farbige Ballons säumen das Sträßlein. Ein Heißluftballon wiegt sich in der lauen Abendluft und wartet auf seinen Einsatz. Aus den Biergärten am Wegrand tönt Musik. Über dem Pétrusse-Kanälchen wabert blauer Kunstnebel. Es geht gemächlich bergauf durch den kühlen Park. Nach zwei Kilometern sind wir wieder in der Stadt. Das Bahnhofsviertel wartet auf unseren Besuch. Vor den Lokalen, die hier etwas schlichter gestaltet sind, wird gefeiert. Wir laufen auf den erleuchteten Turm des Bahnhofs zu. Weiter über die monumentale Avenue de la Liberté mit ihren großen Palazzi, Sitz von Banken mit langer Tradition wie Hauck & Aufhäuser oder Banco Espirito Santo.

Auf dem Boulevard de la Pétrusse laufen wir gut abgetrennt ein Stück neben unseren Verfolgern her. Sie sind fünf Kilometer hinter uns und dürfen bald ins Tal hinunter. Wir bekommen an der Eglise de Sacre Coeur noch einen Trachtentanz geboten, bevor es diesmal über den Pont du Viaduc zum nächsten Highlight geht. Vor uns erheben sich die Türme der Kathedrale aus dem Dunkel der Nacht. Linker Hand das angestrahlte Mahnmal „Monument du Souvenir“ mit der „Gelle Fra“ („Goldene Frau“) genannten Skulptur auf einer Bastion über dem Tal. Unter der Bastion gibt es die Casemates de la Pétrusse zu besichtigen. Oben ist der Teufel los. Party-Zone. Wir umrunden den Platz vollständig. Feiernde Zuschauer auf beiden Seiten. Unglaublich. Ich bekomme besonders viel Zuspruch, denn in der Dunkelheit leuchten die Knicklichter, die ich an meiner Kleidung befestigt habe, besonders farbenfroh. Auch andere Sportler stechen nun durch fantasievolle Lichtkreationen hervor.

Es folgt ein Kilometer durch die Kneipen-Gässchen der Oberstadt. Besonders die Lokale an der Ecke des EU-Infobüros scheinen voll angesagt zu sein. Ein kurzes Stück durch eine dunkle Gasse mit schlechtem Kopfsteinpflaster verlangt erhöhte Aufmerksamkeit – dann wieder viel Stimmung. Die Samba-Truppe am Robert-Schuman-Platz kurz vor km 37 bildet den Abschluss dieses unvergesslichen Party-Ausflugs.

Über die Brücke geht es Richtung Kirchberg-Plateau. Jetzt kommt die Zeit des Durchbeißens. Stetig  bergauf heißt die Devise. Wer noch nie nächtens durch eine verlassene Bürostadt lief, kann nun eine neue Erfahrung machen. Trotzdem: Vor dem Sportcenter sitzt ein Zuschauergrüppchen in Liegestühlen und feuert uns an. Die Trommeln einer Band sind schon lange zu hören, bevor man sie im Dunkeln ausmachen kann. Hey, warum steht ihr nicht unter einer Laterne wie einst Lili Marleen? Zweieinhalb Kilometer vor dem Ziel warten die GO GO BOYS und GO GO GIRLS, ausgestattet vom schon erwähnten Mobilfunkbetreiber tango. Wie die Engel beim Marathon in Karlsruhe begleiten die Mädels und Jungs „ihre“ Läufer auf den letzten quälenden Minuten. Unterstützung ist nun wirklich nötig. Abwechslung bietet die letzte Verpflegungsstelle. Discomusik voraus.

 

Grandioses Finale

 

Der Rhythmus treibt uns in Richtung Erdinger Weißbier. Keine Fata Morgana, sondern ein Irrlicht, das den höchsten Punkt der Strecke anzeigt. Von nun an geht es einen Kilometer bergab ins Ziel. Öllämpchen am Boden und viele Schlachtenbummler kündigen das Finale an: Durch ein Tor geht es in die Messehalle: Lightshow, Judith und ich Seite an Seite, 180 Grad Kurve. 20 Meter vor Schluss boxt sich eine Staffelläuferin zwischen uns beiden durch und ist Sekundenbruchteile vor uns im Ziel. Das hat sich aber voll gelohnt!

Der Applaus vom M4Y-Chef und Judiths Sieg in ihrer Altersklasse lassen uns um die Wette strahlen. Zwar haben wir knapp über 4 Stunden gebraucht, sind aber dafür um wunderschöne Eindrücke reicher. Der ING-Nachtmarathon ist wirklich eine fantastische Abwechslung im Laufkalender.

Josy Simon, mit dem wir uns beim Salzkammergut-Marathon ein Wettrennen geliefert haben und der am Wolfgangsee seine Wahlheimat gefunden hat, ist als gebürtiger Luxemburger heute auch dabei. Mit 4:25 Stunden hat der 82-Jährige manch Jüngerem das Nachsehen gegeben. Gratulation von uns.

 

Frühmorgens unterwegs

 

In der Nachbarhalle holen wir unsere Taschen und decken uns mit Zielverpflegung ein. Die Stände sind noch bestens mit Getränken, Obst, Kuchen und Riegeln bestückt, obwohl ja der Großteil der Läufer schon durch ist. Schön, dass sich alles unter einem Dach befindet: Sogar die Duschen und die  Massagestation sind vor der jetzt doch empfindlichen Kühle der Nacht geschützt. Und dann wieder zurück zur Party beim Zieleinlauf. Die Shuttlebusse fahren bis 3:00 Uhr in dichter Folge. Auf dem Rückweg sehen wir dann auch den Besenwagen.

Nach kurzem Schlaf treffen wir am Frühstücksbuffet die Sikhs, die am Freitag die Getränkeausgabe bei der Pastaparty betreut hatten und selber mitgelaufen sind. Sie kommen aus London und stellen uns Rosa Mota vor. Die Läuferlegende und Olympiasiegerin aus Portugal ist gestern die Marathonstaffel mit Jan Fitschen, Irina Mikitenko und einer gewissen Jeanette Jackson gelaufen. Letztere ist nicht zu verwechseln mit der fast gleichnamigen US-Sängerin. Sie hatte den Platz in der Promi-Staffel per „Wildcard“ erhalten, da die als „Vierte im Bunde“ vorgesehene Lokalmatadorin Désirée Nosbusch kurzfristig ausfiel. Kurz nach dem Frühstück dreht Frau Mota mit Läuferkollegen schon wieder eine Trainingsrunde um die Altstadt von Luxemburg.

Fazit: Ein Lauf mit fantastischer Atmosphäre. Man muss dabei gewesen sein.

 

Marathonsieger

 

Männer

1 KOMEN, John (KEN)         02:13:55     
2 KIPKEMBOI, Hosea (KEN)     02:15:22     
3 MAIYO, Johnstone kibet (KEN)     02:19:30

Frauen

1 TUEI, Naomi (KEN)             02:34:23     F
2 BOKU, Zerfe worku (ETH)       02:37:06     
3 KIMAIYO, Rael jepyator (KEN)     02:37:43

1136 Finisher

 

 

12
 
 

Informationen: ING Night Marathon Luxemburg
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