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Laufberichte

Kleiner Grenzverkehr

 

Rockmeile I

 

Auf der anderen Straßenseite kommen die Läufer von der ersten Ulmer Stadtrunde zurück. Die Kapellen, die hier unterhalten, können wir auf dem Rückweg erneut hören. Die sind clever platziert. Rechts sehen wir das CongressCentrum. Auf der Münchener Straße erreichen wir nach wenigen Minuten die St. Georgs-Kirche, die gerade außen renoviert wird. In den Jahren 1902 bis 1904 wurde sie als katholische Garnisonskirche errichtet.

Durch das Zundeltor führt unser weiterer Weg wieder in die Innenstadt von Ulm. Das Tor wurde im 14. Jahrhundert als Teil der Befestigung erbaut. Links davon ist der Seelturm zu sehen, auch Zundeltorturm genannt. Benannt wurde der nach dem Seelengraben, einem Wassergraben, an dem früher sich Ordensschwestern um Kranke und Bedürftige gekümmert haben, um „arme Seelen“. Im Turm wurde auch früher Zunder gelagert, das leicht brennbare Material, daher also der Name.

Ausgangs der Griesbadgasse, nun kurzzeitig Kopfsteinpflaster, kann man das Läuferfeld abermals in einem Gegenverkehrsbereich beobachten. Und dann gleich nochmal auf der Gänstorbrücke. Im 18. Jahrhundert wurde dieser Übergang immer wieder provisorisch durch einen Bau ermöglicht, meist, wenn die weiter westlich liegende Herdbrücke verbreitert wurde. 1910 wurde die jetzige Brücke nach langen Verhandlungen über Finanzierung und der wechselnden Verkehrsströme wieder neu errichtet. Die Band Ramba Samba macht hier Ramba Zamba, echt klasse, mit ihrem Trommelsound. Und, schwupps, sind wir wieder in Bayern.

Auf dem geteerten Uferweg fällt mir ein langhaariger, mit einem weißen Hemd bekleideter Läufer auf, der eine kleine Gitarre mitschleppt. Tobias Spöcker vom Radio 7 Laufteam gibt sich als Fan von AC/DC aus und wird im Ziel ein „Highway to Hell“ anstimmen.

An der Herdbrücke endet der zweite Ausflug in Neu-Ulm, wir wechseln wieder nach Ulm, die Stadt mit knapp 120000 Einwohner. Im Jahr 854 wurde die Stadt erstmals urkundlich als „Hulma“ genannt, war Freie Reichsstadt, ab 1802 bayrisch und wenige Jahre später württembergisch. Das Gebiet rechts der Donau verblieb damals in Bayern und entwickelte sich zu Neu-Ulm.

„Grüß Dich Anton“, höre ich dann vom Vanman Jochen Heringhaus übers Mikro und der schiebt gleich noch Infos über unser Portal nach. Durch den Zeitverlust ob meiner Arbeit werde ich von einer Pacerin überholt. 1.55 Stunden zeigt ihr Ballon an. An der Tankstelle vorher gibt es bereits das volle Programm mit Wasser, Iso, Obst und später auch noch mit Cola, Riegel und Bier.

Nur wenige Schritte davon sehen wir den im Jahr 1360 erbauten Gänsturm. Damals wurden die städtischen Gänse zum Grasen auf die Wiesen vor der Stadt getrieben. Unser weiterer Weg führt dann durch Ulms Neue Mitte, wo uns dann die Sambaband Beo Beo die Rhythmen Brasiliens nahe bringt. Die drei angekündigten Tänzerinnen habe ich nicht gesehen, war es denen zu kalt?


Rockmeile II

 

Kilometer 16. Weiter geht es mit der tollen Stimmung am Ulmer Rathaus im Herzen der Stadt. Natürlich stehen die Zuschauer dicht beieinander. Das Rathaus gilt heute wegen seiner Fresken und wegen der astronomischen Uhr als „Must See“ bei den Touristen und auch bei uns. Im 14. Jahrhundert wurde es erbaut und damals auch als Kaufhaus bezeichnet und benutzt. Eisen, Salz und später auch Fleisch gingen über den Tresen. Zwar wurde das Innere des Rathauses im Zweiten Weltkrieg zum großen Teil zerstört, doch das Äußere blieb stehen und so konnte in den ersten Jahren nach Weltkriegsende die Schäden beseitigt werden. Die wichtigsten Ämter und der Oberbürgermeister konnten 1951 wieder einziehen.

Wir biegen auf die Herdbruckerstraße ein, im Hintergrund kann ich die Spitzen des Ulmer Münsters gerade im Nebel noch erkennen. Wer weiß, ob die Suppe sich heute noch auflösen wird. Temperaturmäßig mit knapp unter 15 Grad sind die äußeren Bedingungen weiterhin klasse. Auf der Herdbrücke, wieder ein Gegenverkehrsbereich, laufen wir nach Neu-Ulm.

Am Petrusplatz wartet Helles oder Weizen. Nein, nicht wie ihr denkt ein Ausschank edlen Getränkes aus Hopfen, Hefe, Malz und Wasser, sondern eine Band, die uns Rock, Balladen und Folk vorträgt. Und das in der Nähe der evangelischen Petruskirche, die 1863 errichtet wurde.

Ein paar Meter weiter sehen wir die katholische Kirche St. Johann Baptist, die nach Aussagen von Spezialisten in expressionistischem Stil errichtet wurde. Wer will, kann in einem Spendentor ein kleines Schärflein für einen guten Zweck spenden. Ein Plakat spricht mir aus der Seele, es heißt: „Nach der Qual gibt’s Bier nach Wahl!“

Eine kleine Wendeschleife in der Augsburger Straße, die Tankstelle am Rathaus und noch mal die Petruskirche sind die nächsten Streckenteile. Dann laufen wir über das Donaucenter ans Jahnufer. Und jetzt steigt nochmals die musikalische Unterhaltung. Diesseits und jenseits der Donau ertönt Musik. Es scheint, als wolle jede Kapelle die andere in Punkto Lautstärke übertreffen. Gänsehaut pur. Wer so etwas erleben will, dem empfehle ich Ulm uneingeschränkt.

Nochmals laufen wir an den Schildern vorbei, die Kinder gemalt haben. Ich kann aber nicht sagen, ob die von vorher kurz eingesammelt und neu aufgestellt wurden, ist ja auch egal. „Bleib dran, der Wille versetzt Berge“, so heißt es. „Für Ulm's kleine Spatzen“, lese ich weiter, ein Verein, der sich die Aufgabe einer Unterstützung von Kindern in Notlage ins Handbuch geschrieben hat.

Am Steg bei der Adenauerbrücke überqueren wir ein weiteres Mal die Donau. Nun laufen wir an der Nordseite der Donau entlang der Oberen Donaubastion und der Stadtmauer. Musikkapellen im Abstand von 300, 400 Meter lassen die Luft beben. Dann heißt es Streckentrennung in 200 Meter. Die Halbmarathonis links, wir geradeaus. Helfer passen auf, dass keiner in die Irre geht.

 

Wende zur Donauhalle

 

Unser Laufkollege und Reporter Andreas berichtet mir später über Mail, dass ich ihn in diesem Bereich überholt haben muss. Und keiner hat's bemerkt. Entweder ist es der mittlerweile gestiegenen Laufgeschwindigkeit geschuldet, ich gebe jetzt Gas wie eine Wildsau, oder der Andreas hat eine Pause in einer Wirtschaft eingelegt. Hättest du mir den Fuß gelegt, hätten wir einen kurzen Ratsch gehalten.

Das Feld dünnt sich gehörig aus, mindestens fünf zu eins. Der schmale Uferweg, vorher mit den Halbmarathonis schon an der Kapazitätsgrenze, reicht nun dicke für uns Marathonis, auch wenn die  Schnellsten, darunter die 3.15er Gruppe mir schon entgegenkommen.

Kurz nach dem 21. Kilometer wird die Zeit genommen, einer im Feld redet etwas von 1.56 Stunden. Ich rechne kurz und denke, dass es heute mit einer 3.45 eng werden kann. Aber probieren will es schon noch, denn viele Fotomotive gibt es nicht mehr zu sammeln. Der Bayer sagt „a gmahde Wiesn“, was bedeutet, die meiste Arbeit ist getan.

Es folgt das gut vier Kilometer lange Pendelstück, das uns fast bis zur Donauhalle führt. Auf dem Grünstreifen sehe ich ein paar Schwäne. Mich reitet der Schalk, ich will einen übers Gefieder streicheln. Der Schwan faucht und läuft auf mich zu. Ich haue ab, denn die können zwicken. Frühzeitig kommt mir dann der 3.45er Zielläufer auf der anderen Seite entgegen, rund einen Kilometer ist er mit seiner Gruppe voraus.

Etwa bei Kilometer 22,5 ist die Wende, ein paar Helfer passen auf, dass wir nicht abkürzen. Es geht zurück. Ein paar Verrückte der Kreissparkasse Köln laufen auf der anderen Seite noch in Richtung Wende. Die sind verkleidet wie Napoleon. Ja, heute laufen die Sparkassler ihre Meisterschaften über alle Distanzen aus. Deutlich über 2000 Banker sind nach Ulm gekommen. Am Abend werden die noch eine Siegersause abhalten.

 

Metzgerturm – Donauauen

 

Zurück an der Streckentrennung dürfen wir eine kleine Runde am Metzgerturm drehen. Der Turm ist ein noch heute erhaltenes Tor der früheren Stadtmauer. 1340 wurde der 36 Meter hohe Turm errichtet. Und der ist, so sagt man, ganz schön schepps (schief). Über 2 Meter beträgt die Abweichung zur Senkrechten an der Spitze des Turms. Nur der Schiefe Turm von Pisa ist noch ein wenig mehr aus dem Lot. Der Sage nach entstand die Turmneigung dadurch, als sich dort eingesperrte „wamperte“ Metzger aus Angst vor einer Strafe in die Ecke drängten, als der zornige Bürgermeister eintrat. Die haben minderwertiges Fleisch verkauft und das gute selbst gefressen.

Auf unserer kurzen Runde sehe ich an der Musikschule den Ulmer Spatz, das Wahrzeichen schlechthin. Und dafür gibt es auch eine Geschichte: Beim Bau des Münsters hatten die Ulmer einen besonders großen und langen Balken angekarrt, mit dem sie nicht durch das Stadttor kamen. Als sie schon fast das Tor einreißen wollten, sahen sie einen Spatzen, der für seinen Nestbau einen Zweig längs im Schnabel hatte. Da ging ihnen ein Licht auf und sie legten den Balken der Länge nach auf den Karren.

Durch unsere Spritztour gewinnen wir ein paar Höhenmeter und laufen nun hoch oben auf der Stadtmauer. Unten sehen wie das hintere Feld auf der Halbmarathonstrecke auf ihrem letzten Kilometer dem Münster entgegeneilen. Uns führt nun die Strecke auf einem Radweg unter der Adenauerbrücke und unterhalb des Galgenberges in die Donauauen westlich der Stadt. Ein, zwei Personenzüge sind auf den Gleisen rechterhand unterwegs und von der Bundesstraße 311 hören wir Verkehrslärm. Auf der anderen Donauseite erkenne ich kurzzeitig einen Marathonläufer.

Kurz vor Kilometer 30 geht es an dem Donaukraftwerk über das Gewässer. Die folgende Trinkstelle ist wie geschaffen für mich, denn hier wird Bier gereicht. Da läuft es sich gleich leichter. „Du Temposau,“ ruft mir Charly Berger hinterher. Ein paar Minuten später laufe ich auf Kathrin Schramm auf, die auch schon mal für M4Y berichtet. „Du kommst wieder zu früh,“ muss ich mir anhören. „Und grüß mir meine Freundin Anja Völler, die ist weiter vorne.“ Mittlerweile haben wir den Ortsteil Wiblingen erreicht.

 

Wiblingen – Ziel

 

Kilometer 34, vor dem Klostereingang sitzt einer der unzähligen Helfer. Stellvertretend für alle richte ich meinen und unseren Dank aus, dafür, dass er und seine Freunde den heutigen Sonntag für die ehrenamtliche Tätigkeit geopfert haben.

Wir umlaufen den Klosterbau und biegen dann durch ein Tor auf den Klosterhof ein. Die im Jahr 1093 gegründete ehemalige Benediktinerabtei bestand bis 1806 und gehörte am Ende zum österreichischen Haus. Herzog Heinrich nutze es fortan als Residenz. Den Wiblingern wurde es verboten, den Bau als „Kloster“ zu bezeichnen, „Schloss“ war die richtige Bezeichnung. Noch heute verläuft deswegen an Kloster eine Schlossstraße. Im 19. Jahrhundert wurde die Anlage Teil der Bundesfestung Ulm und daher immer wieder als Kaserne benutzt.

Die Klosterkirche St. Martin wurde 1993 von Papst Johannes Paul zur Basilica minor erhoben. Sie kann heute besichtigt werden und dient auch als Pfarrkirche für die Katholiken. Im Gebäudekomplex haben sich eine Akademie der Uni-Klinik und ein Altersheim niedergelassen.  Es gibt auch ein Klostermuseum. Eine Tankstelle für uns ist ebenfalls eingerichtet.

Unser weiterer Weg führt uns nun durch den Wiblinger Wald und zur Illerbrücke. Jenseits der Iller sind wir wieder in Bayern. Ich weiß nicht mehr, wie oft wir mittlerweile die Landesgrenze überschritten haben. Zwei, drei Kilometer verläuft nun die Marathonstrecke an der Iller entlang.  Ich versuche nun, das Tempo hoch zu halten und glaube, dass bei jeder Laufgruppe nun endlich der 3.45er Zeitläufer dabei ist.
 
Noch vor Kilometer 40 laufe ich auf Anja Völler auf, die mich gleich weiterschickt. Bei der letzten Versorgung kommen die Helfer mit mir nicht ins Geschäft. Ich starte durch und laufe nun am Südufer der Donau durch die Halbbastion 9 mit dem Memminger Tor, einem Teil der Bundesfestung Ulm auf Neu-Ulmer Seite. Auf der anderen Donauseite befindet sich die Obere Donaubastion (Roxy).

Wir überqueren nun zum letzten Mal die Donau auf der Eisenbahnbrücke. Bei Kilometer 41 reiße ich eine gelbe Blume am Eisenbahndamm ab und stecke mir diese hinters Stirnband. Entlang am Duft- und Tastgarten springe ich zum Omnibusbahnhof und dann nach einer kleinen Berg- und Talfahrt an der Zinglerbrücke biege ich in die Fußgängerzone bei der Hirschstraße ein. Ich höre auf den letzten Metern Artur Schmidt am Mikrophon und erkenne der 3.45er-Pacer noch gerade am Auslaufen nach der Ziellinie.  Es geht über die roten Matten. Hurra, wieder ist ein Marathon Geschichte. Einer, den ich in guter Erinnerung behalten werde.

 

Auf dem Münsterplatz

 

Ich fotografiere eine Weile und werde zweimal von einer Securitykraft gebeten, Platz zu machen. Der hat mit dem Laufen wohl wenig zu tun. DieVersorgungsstraße ist reich bestückt, so sagt man. Auch die Ausgabestelle für Freibierletschen wie mich. Zusammen mit zwei fränkischen Freunden sitze ich auf der Bank beim Hopfengenuss, bis ein total verschwitzter Kerl uns vor die Linse nimmt. Und dann sagt der Michael: „Schau mal, das ist ja einer von euch!“ Ja, es ist der Günter Schmidt, der meist den Ostteil unserer Republik abklappert. Damit hat er meinen Titel als Ostbeauftragter übernommen.

Einig sind wir uns, dass der Einstein Marathon mittlerweile zu den großen Läufen gehört. Wer Musik und Stimmung will, wer an vielen Sehenswürdigkeiten flanieren will, wer auch ruhige Streckenteile braucht, wer eine verrückte Streckenführung mag und wer das Ganze in eine familiäre Organisation verpackt haben will, der ist in Ulm richtig. Meine Empfehlung für den September 2015.  Es muss ja nicht gleich der Marathon sein.

 

Siegerliste Marathon

 

Männer

1 Schumacher, Richard  BKK-Team AST Süßen 02:28:30
2 Brown, Clive  BSG Boehringer Ingelheim  02:36:41
3 Strecke, Michael  SSV Ulm 1846  02:42:42

Frauen

1 Lienhart, Laura  TSG Soeflingen  03:06:12
2 Schneider, Nicole  WMF BKK-Team AST Süßen 03:08:59
3 Ahrendts-Konold, Silke  LT Herbrechtingen  03:15:36

686 Finisher

 

 

 

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Informationen: Einstein-Marathon
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