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Laufberichte

Erdmännchen, Kamel, Giraffe und ich

 

Endlich sind Judith und ich auf dem Weg nach Münster. Schon zweimal kam etwas dazwischen, beim letzten Mal ein gebrochenes Handgelenk. Aber das ist nun alles vergessen.

Unser Hotel liegt gleich am Bahnhof und direkt daneben beginnt schon die Altstadt von Münster. Der erste Weg führt uns zur Startnummernausgabe im Gymnasium Paulinum. In der Veranstaltungshalle der Schule halten wir schnell unseren Startbeutel in Händen. Der ist gefüllt mit einer Lauftasche und den üblichen Warenproben. Ein Laufhemd kann separat erworben werden.
Wer die lateinische Infotafel an der Schulwand lesen kann, kennt sicher auch die Daten des Westfälischen Friedens von Münster und Osnabrück, mit dem am 24.10.1648 der Dreißigjährige Krieg beendet wurde.

Münster ist mit 321000 Einwohnern die zehntgrößte Stadt Deutschlands. Flächenmäßig so groß wie München, woran vermutlich auch der große Hafen einen Anteil hat. Ein kurzes Sightseeing zeigt uns eine sehr schöne Altstadt. Diese wurde nach der Bombardierung im alten Stil wieder aufgebaut. Auffallend die vielen Radfahrerinnen und Radfahrer, die die Sache recht locker angehen. Man lässt den Fußgängern ihre Ruhe, auch wenn sie wie ich mal wieder auf dem falschen Weg unterwegs sind. Wir finden eine nettes Ristorante für unsere Pasta-Party. Dann geht es nach langer Bahnreise früh ins Bett.

 

Marathontag

 

Das Gymnasium Paulinum ist Anlaufstelle für die Taschenabgabe. Im Hof sind auch Duschcontainer aufgebaut, sowie eine kleine Bühne für die AK-Prämierungen und eine Party nach dem Lauf. Der Startbereich befindet sich gleich in der Nähe auf der Straße vor dem barocken Schloss, im 18. Jahrhundert erbaut als Residenz für Münsters vorletzten Fürstbischof Maximilian Friedrich von Königsegg-Rothenfels. Hier befindet sich auch ein riesiger Parkplatz, vor dessen Zufahrten sich lange Schlangen bilden. Rechtzeitig anreisen ist also wichtig.

 

 

Kurz nach acht taucht die aufgehende Sonne das Schloss in ein wunderbares Licht. Hier ist viel los. Fast 2000 Marathonis werden starten, plus 500 Vierer-Staffeln. Es macht richtig Spaß, mal wieder bei einem großen Lauf dabei zu sein. Noch schnell ein Toilettenbesuch, die Wartezeit ist dank ausreichender Anzahl kurz, dann am Startbogen vorbei, wo gerade die Spitzenläuferinnen und
-läufer vorgestellt werden.

Wir müssen ganz nach hinten und bekommen vom Start nicht allzu viel mit. Aber die Wartezeit ist kurz und dann sind auch wir auf der Marathonstrecke.

Diese wird sicher sehr spannend. Über 10 Kilometer geht es durch die Innenstadt. Dann durch Vororte mit einigen Kilometern über plattes Land, um dann nach km 30 wieder ins Stadtgebiet zu kommen. Das Ziel erwartet uns auf dem zentral gelegenen Prinzipalplatz von Münster.

Noch ist es nicht so weit. Kurz nach dem Start wird es etwas enger, Geschwindigkeit rausnehmen, gleich wird die Straße aber ausreichend breit und man kann sich einordnen. Über die Aegediistraße kommen wir  in die Altstadt. Zwei recht groß geratene Erdmännchen stehen am Streckenrand und entpuppen sich als verkleidete Stelzengeher, die so etwas wie ein Markenzeichen des Marathons in Münster sind. Am LWL vorbei, ein Kürzel, das man hier öfter sieht: Es handelt sich um den Landschaftsverband Westfalen-Lippe. Für Gäste aus dem fernen Bayern ein neuer Begriff, hinter dem sich eine Körperschaft des öffentlichen Rechts verbirgt.

 

 

Vor uns taucht der markante Turm der Pfarrkirche Liebfrauen Überwasser auf. Nicht dass es auch eine Unterwasserkirche gäbe. „Überwasser“ wird das Gebiet hinter der Münsterschen Aa genannt. Jetzt muss ja dann bald das Antiquariat Solder kommen, besser bekannt als „Antiquariat Wilsberg“, der Laden des Privatdetektivs aus den gleichnamigen Fernsehkrimis. Just habe ich Judith meine Vermutung mitgeteilt, da bekomme ich von einem freundlichen Mitläufer schon den Hinweis, dass es gleich so weit ist. Links an der Ecke. Vielen Dank. Das gibt natürlich ein Erinnerungsfoto. Aber abends werden Judith und ich sowieso noch mal vorbei kommen. Apropos: Hier in der Altstadt haben wir gelegentlich auch Kopfsteinpflaster unter unseren Füßen. Aber am Anfang eines Laufs macht das noch wenig Probleme.

Weiter nach Norden ins Kühviertel. „Und wenn morgen Frieden wäre“ steht am Theater Münster, passend zum 375. Jubiläumsjahr des Westfälischen Friedens, das aktuell mit vielen Veranstaltungen begangen wird. Warum nicht schon heute, frage ich mich. Viel Stimmung in den Stadtteilen Kreuz und Uppenberg. Da stehen die Anwohner am Straßenrand oder schauen aus ihren schönen Häusern. Manchmal ist der Laufweg schon recht schmal. Die nun überholenden schnellen Staffelläufer weichen auf den Gehweg aus. Ich sehe ein Wayne-Rooney-Fußballtrikot vor mir. Den Träger kenne ich doch. Martin Richard aus dem Vereinigten Königreich ist uns schon öfters begegnet.

Es geht auf den Grüngürtel der Altstadt, Promenade genannt. Der Teerstreifen ist normalerweise den Fahrrädern vorbehalten. Heute sind wir hier ein paarmal unterwegs. Wieder in die Altstadt, am Marienplatz vorbei. Wer sieht die Mariensäule vor der St.-Ludgeri-Kirche?

 

 

Die wenig aufregende Klosterstraße in der Altstadt wird von Privatleuten aus dem Fenster beschallt. Die Lautsprecher haben aber durchaus professionelles Format. Links die Raphaelsklinik mit einer großen Anzahl Nonnen davor. Die Klinik wird betrieben von den Alexianern und den Clemensschwestern. Dann gleich rechts die 1961 eröffnete Synagoge der jüdischen Kultusgemeinde.

Wir drehen nochmals ins Zentrum, sehen die Servatiikirche und den schönen Erbdrostenhof, eines der bedeutendsten Baudenkmäler Münsters. Der ursprünglich als Stadtpalais genutzte Adelshof wurde im Auftrag des Erbdrosten Adolph Heidenreich Freiherr Droste zu Vischering 1753-1757 vom Barockarchitekten Johann Conrad Schlaun erbaut, fungiert heute als Dienstgebäude des LWL und beherbergt eine wichtige Sammlung historischer Instrumente. Dann über eine Einkaufsstraße. Vor uns der hohe Turm der St. Lamberti-Stadtkirche. Daran befestigt ist eine nachts illuminierte 54-stufige „Himmelsleiter“, eine Installation der Wienerin Billie Thanner. Das Lichtkunstwerk, das den persönlichen Weg des Menschen zu Gott symbolisieren soll, ist noch bis zum März 2024 in Münster zu sehen.

Die drei Stahlkörbe am Turm werden wir erst im Ziel wahrnehmen. Darin wurden im 16. Jahrhundert die sterblichen Überreste von drei Protagonisten des radikal-reformatorischen „Täuferreichs“ ausgestellt, die ein religiös begründetes Terror-Regime errichtet hatten. Diese Maßnahme sollte als Warnung und Abschreckung aller „unruhigen Geister“ dienen, die ähnliches im Schilde führten wie Jan van Leiden, Bernd Krechting und Bernd Knipperdolling, die durch Folter und öffentliche Hinrichtung ein unrühmliches Ende fanden.

Kurz danach verlassen wir die Altstadt. Ein Drittel der Strecke liegt hinter uns. Bei km 14 starteten um 10:15 Uhr die 500 Teilnehmenden des „Hengst-Filtatrion 28“, eines 2022 neu eingeführten Zweidrittel-Marathons. Wir kommen an den Aa-See. Da kann ich mir natürlich ein lautes „Ah!“ nicht verkneifen. Die Staffelwechselstelle ist in der Nebenstraße. Die Marathonis genießen den Blick auf den See und die andere Seite. Der Aasee ist ein Stausee, welcher die gelegentlich drohenden Überschwemmungen von Münster verhindert.

 

 

Ein Stück weiter kommen wir zum Getränkepunkt am Platz der Weißen Rose, dann über die Torminbrücke und durch ein schönes Villengebiet an den Seeterrassen vorbei. Brasilianische Tänzerinnen plus Trommler warten auf uns - und wer lässt sich mit den Schönheiten ablichten? Rooney alias Martin. „Anders als du denkst“ steht auf dem Plakat des Titelsponsors Volksbank Münster. Viel Zeit, über einen möglichen Zusammenhang zwischen leicht bekleideten Sambatänzerinnen und dem Geldinstitut nachzudenken, bleibt mir nicht, denn ein großes Kamel ist am Straßenrand aufgetaucht. Ein kleineres Exemplar freundet sich gerade mit einer kleinen Zuschauerin an. Furchteinflößende blaue Fabelwesen mit hellen blauen Augen erschrecken Kinder am Wegesrand.

Wir kommen in das Gebiet des Universitätsklinikums. Mein erster Marathon durch ein Klinikgelände. Ich zähle die Fachgebiete am Wegrand auf und überlege laut, wo wohl die Orthopädie bleibt. Auch hier hat ein Mitläufer eine prompte Antwort parat: ein Stück weiter links. Beim Naturwissenschaftlichen Zentrum herrscht rege Bautätigkeit. Es soll noch grüner weren. 65.000 Studierende gibt es in Münster und oft sehen wir Wohnheime samt netten Cafés. Auch einen Studi-Cup gibt es im Rahmen des Marathons. Sind eigentlich noch Semesterferien?

Zwei Autobahnen sind nun zu queren. Die erste auf einem recht anstrengenden Anstieg. „Beeil dich, der Sekt wird warm“ - diese Aufforderung kannte ich bisher nur mit Bier. Dann ist auch schon der Halbmarathonpunkt samt Staffelwechselstelle erreicht. Wir sind in Nienberge. Anscheinend versucht man hier, die Begeisterung der Münsteraner noch zu übertreffen. Wieder ein Schild, diesmal mit der Aufschrift: „Ein Leben ohne Marathon ist möglich, aber sinnlos“. Da kann ich nur zustimmen und merke noch an, dass es sich heute um meinen 18. Marathon handelt. Den Zusatz „in diesem Jahr“ verkneife ich mir lieber.

 

 

Für mich ist die Architektur der Einfamilienhäuser etwas Besonderes: Roter Klinker ist angesagt, da gibt es wohl keine Alternativen. Unter der Autobahn hindurch. Zweihundert Meter auf sehr schmalem Weg. Genau dort kommen uns Radelnde entgegen, die lautstark auf uns schimpfen. Aber das wird das einzige negative Erlebnis des Tages bleiben. An der nächsten Ecke dann ein buchstäblich „cooler“ Fanpunkt. Den Kühlschrank dafür hat man auf einem Anhänger transportiert. Hier steht auch eine große Trommelgruppe. Eine von sehr vielen an der Strecke.

Gut fünf Kilometer bleiben wir nun in der Lohei oder sagt man hier Heide? Kurz vor dem VP bei km 26 ein kleines Wasserschloss am Wegesrand. Sehr idyllisch. Die VPs bieten immer Wasser, Iso-Getränke, jetzt auch Cola, Orangenscheiben und sehr grüne Bananen. Die nimmt man einmal und ist danach froh, den „interessanten“, weil leicht pelzigen Geschmack wieder aus dem Mund zu bekommen. Da ist wohl beim Einkauf etwas schiefgegangen. Ich düse nun so dahin, hatte mich bei der  Halbmarathon-Marke von Judith verabschiedet und erhöhe mein Tempo. Die kleine Straße ist ideal zum Laufen. Apropos: Der Marathon ist absolut autofrei, auf der gesamten Strecke.

Roxel wartet auf uns. Eine nette Schleife durch den Ort. Und natürlich ist auch hier die Hölle los. Ich hole Markus Pitz ein, der auch im M4Y-Shirt unterwegs ist. Seine goldene Startnummer dokumentiert, dass er mehr als 10 Marathons in Münster mitgemacht hat, bei ihm sind es sogar alle 20 plus heute. Er hat darüber schon viele Berichte verfasst.

Schon km 30, die Zeitnahme erfolgt alle 5 km. Der Chipstreifen an der Startnummer ist schmaler als gewöhnlich und später stelle ich fest, dass auch die App mir gut gefällt. Auf einer Karte können Begleiter „ihre/n“ Teilnehmer/in verfolgen und auf einer Heatmap sehen, wo die Läuferinnen und Läufer gerade unterwegs sind. Ob allerdings graue Schrift auf schwarzem Hintergrund bei Sonne gut zu lesen ist?

Hinter Roxel erwartet uns der letzte Staffelwechselstelle. Dann kommen wir nach Münster in den Stadtteil Gievenbeck. Ich freue mich immer, wenn vor Altersheimen ein großer Fanpunkt aufgebaut ist. Hier schon mehrmals. Noch spannender ist der G-town Döner-VP. Da gibt es Döner, Runners Only. Im Vorbeilaufen sehe ich auch Bierflaschen. Umkehren? Nein, ich habe es nun doch etwas eilig und kann mein flottes Tempo gut halten.

 

 

18 Shirts hängen über der Straße. Markus bestätigt, dass es sich um Exemplare der offiziellen Münster-Marathon-Hemden aus 18 Jahren handelt. Ein Dudelsackspieler leitet weiter zum Spinning-Kurs, der hier in gleißender Sonne sein Training abhält, die Vorfahrerin (sagt man so?) auf der anderen Seite der Laufstrecke. Alles natürlich mit der entsprechenden Beschallung. Touristik Müller hat Flugbegleiterinnen aufgeboten. Kurz nach km 35 dann der Startbereich des Gesundheitslaufs. Alle in blauen Leibchen. Hoffentlich gehen die noch nicht so bald auf die Strecke.    

Bei km 40 kommen wir in bekanntes Terrain. Hier liefen wir vor 16 km in die entgegengesetzte Richtung. Dann endlich der große große Chintu Cargobull Power Point am Aegidiitor. Der Sänger ist nun auf der Laufstrecke. Super.

 

 

Kleine Schilder zählen den Weg ins Ziel in 100-Meter-Schritten herunter. Giraffen tummeln sich vor der großen Bühne, Zuschauer stehen links und rechts dicht gedrängt in mehreren Reihen. Die Stimmung ist phantastisch, ich höre meinen Namen, wie schon oft zuvor auf der Strecke. Der mit bunten Fähnchen geschmückte Prinzipalmarkt bebt. Roter Teppich, Cheerleader, Finish.

Mit 4:27 Stunden  habe ich mal wieder eine super Zeit hingelegt. Nun aber erst mal zum Sekt oder doch eher alkoholfreien Weißbier aus der Heimat? Schön kühl ist beides. Judith und Markus, der auch noch Tanja begleitet hat, treffen zeitgleich ein. Es gibt viel zu ratschen und das Bier fließt bei sommerlichen Temperaturen in Strömen.

 

Fazit:

Der Münster Marathon ist ein Großevent mit sehr vielen Zuschauern, toller Stimmung und zahlreichen Actionpoints an der Strecke. Dank der vielen Wettbewerbe ist auf der Strecke immer was los. Die Strecke ist abwechslungsreich, führt teilweise über Kopfsteinpflaster ohne große Anstiege, aber letztendlich doch mit mehr als 100 Höhenmetern. Organisation und Informationen im Internet sind top, das Preis-/Leistungsverhältnis sehr gut.

 

Siegerinnen Marathon

1 Rebecah Jeruto Cherop         KEN    2:29:13
2 ane Moraa Onyangi             KEN    2:30:06
3 Judith Cherono             KEN    2:35:24

Sieger Marathon

1 Charles Yosey Muneria         KEN    2:09:07
2 Martin Cheruyiot             KEN    2:11:21
3 Cornelius Kibiwott Chepkok     KEN    2:11:52

Finisher
Marathon    1.773
4-er Staffel    1.393
28 km        415
 

 

 

Informationen: Volksbank Münster-Marathon
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