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Laufberichte

Tief im Westen

 

Auf freiem Feld passiere ich KM 15, nächster Verpflegungspunkt. Gefüllte Plastikbecher stehen auf den Tischen, die leeren treibt der Wind vor sich her.  Ich lasse mich die nächsten Kilometer auch treiben. Bäume blühen, ein Plakat verspricht neue Perspektiven. Immer wieder feuern uns Zuschauer an. Kurz vor KM 19 warten Cheerleader-Girls, eine La Ola ist da schon noch drin. Im folgenden Industriegebiet spielt die Band Tequilla. Wäre auch mal wieder was, aber nicht jetzt auf der Strecke, obwohl das Wetter dazu paßt. Also weiter, die Halbmarathonmarke wartet schon. Vorher quere ich noch den Rhein-Herne-Kanal. Ja, das Ruhrgebiet kennt alle Straßen: Wasser, Schienen, Beton und Asphalt.  

 

 

Die Hälfte habe ich im Sack. Die Staffeln wechseln, ich muss mit alten Kräften weiter, vielleicht verhilft mir die braune Brause zu neuer Energie. Essen liegt jetzt hinter mir. Ich erreiche Bottrop. Kurz nach KM 22 geht es vorbei am Tanklager von BP. Die Brems- und Zugläufer für 4:15 Stunden überholen mich. Ihr Ballon ist bereits vom Winde verweht. Ihr Wunsch, ein Bild von sich auf Marathon4you, wird erledigt. Ihre Zielzeit habe ich für mich abgehakt und schnell sind sie verschwunden. Hoffentlich fängt mich Dirk mit seinen 4:30 Läufern nicht auch noch ein. Die Zuschauer machen mir weiter Mut, auch auf Transparenten: „Läufer sehen gut aus. Ihr seid der Beweis“. Danke für die Blumen. Da fällt das Laufen gleich wieder leichter. Bei KM 24 erwartet mich das nächste freie Feld, links grüßt die Kokerei Prosper. In ihrer Bauweise erinnert sie an die Kokerei der Zeche Zollverein. Das verwundert nicht, denn die Bauhausarchitektur des Weltkulturerbes war Vorbild für zahlreiche andere Industriebauten. Die Kokerei Prosper arbeitet noch, überflüssiges Gas wird abgefackelt. Der Gedanke an die Hitze dort treibt mir weiteren Schweiß auf die Stirn. 

Jetzt nur  nicht den Kopf hängen lassen. Bei  KM 26 erfreut die Welheimer Gartenstadt meine Augen und mein Herz. Ja, genauso habe ich mir das Ruhrgebiet immer vorgestellt. Vor den Häusern der Arbeiterkolonie aus der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts stehen viele Zuschauer oder sitzen in den kleinen Vorgärten,, klatschen den Marathonis zu oder kühlen sie aus Wasserschläuchen ab. Manche Bewohner bleiben in den kühlen Räumen und schauen aus den Fenstern zu.  Früher hingen die Kumpels aus den Fenstern, um aus ihren staubigen Lungen abzuhusten.  Bis man irgendwann halt „weg vom Fenster“ war. 

 

 

Ganz ohne Wasserschläuche macht die Feuerwehr bei KM 28 Stimmung. Noch mehr los ist einen Kilometer weiter beim Ostermann-Zentrum. Die Zuschauer stehen Spalier und sind außer sich vor Freude und Begeisterung. Das muss natürlich aufs Bild. Das wiederum begeistert den Moderator. Er hält mir das Mikro unter Nase und will wissen, warum und wozu ich meinen Lauf für Fotos unterbreche. Ja, auch dazu ist Zeit sein, wenn man den Lauf genießen will. 

Eben noch tolle Stimmung, Applaus und Abklatschen, und dann wieder grüne Wiesen. Die Strecke verläuft in nordöstlicher Richtung weiter auf der Route der Industriekultur und  Gladbeck wartet. Ich laufe dem nördlichsten Punkt der heutigen Strecke kurz hinter KM 32 entgegen, vorbei an einer der typischen Trinkhallen, die nicht größer als ein Kiosk sind. Die hier wird liebevoll „Büdchen“ genannt. Durstigen Läufern wird sogar zwischendurch Wasser gereicht. Ich halte es noch bis zur nächsten Verpflegungsstelle aus, dort gibt es wieder Cola. Hier startete heute Morgen der 10 Kilometerlauf. Viele Zuschauer sind noch immer am Feiern und Anfeuern.  Einstellig ist jetzt die Restdistanz, Motivation genug, durchzuhalten, auch wenn das Feld vor mir ziemlich dünn geworden ist. Einige Zuschauer sind mit Medaillen geschmückt. Eine solche will ich doch auch noch verdienen. 

Die Wärme drückt bei mir immer mehr auf die Zeit, aber nicht aufs Gemüt. Die Zuschauer verlieren ihre Stimmung schließlich auch nicht. Die folgenden Kilometer ziehen sich fast gerade in Richtung Süden. Da gehen die Gedanken schon mal auf Reisen und mir fällt die dramatische Geschichte ein, die tagelang die ganze Republik in Atem hielt. Es war 1988, als zwei Gangster eine Bank überfielen und Geiseln nahmen. Journalisten machten Interviews, lieferten Livebilder und behinderten teilweise die Polizeiarbeit. Ein Irrsinn. Aber gelernt hat man daraus nichts. Im Gegenteil. Gerade wird heftig über Gaffer und Mitmenschen diskutiert, die an Unfallstellen mit ihrem Smartphone Fotos oder Videos machen und ins Netz stellen, statt zu helfen.  

 

 

Anderes Thema. Der Förderturm der ehemaligen Zeche Nordstern ist zu sehen. Wieder eine kleine Steigung -  nehmen die denn heute gar kein Ende? Gut, daß jetzt mehr als 36 KM hinter mir liegen. Am Eingang zum Nordsternpark hat der Titelsponsor seinen Verpflegungspunkt. Zudem laufe ich hier über die Spendenmatte der Aktion „Ein Herz für Kinder“ und kann mich so bei jenen einreihen, die bei diesem Lauf Gutes tun. Reinhard spreche ich an, der mir mit seinem Hermannslauf-Shirt fällt. Es war das Abschluss-Training für seinen ersten Marathon heute. Locker wird er das Ziel erreichen, und das auch noch vor mir. 

Während er schnell davonzieht komme ich weiter meinem heutigen Fotoauftrag nach. Der Nordsternpark, der auf dem Gelände der ehemaligen gleichnamigen Zeche errichtet wurde, bietet dafür Abwechslung genug. Die Krönung bildet die Doppelbrücke über den Rhein-Herne-Kanal kurz hinter KM 37. Gerade will ich nach dem Fotostop wieder anlaufen, da höre ich von hinten Dirk. Mein Tempo hat auf den letzten Kilometern also weiter gelitten, aber ich nutze die Gelegenheit, mich an ihn und den Rest seiner Truppe anzuhängen. Zumindest für Unterhaltung ist jetzt gesorgt. Unermüdlich versucht Dirk, Geher zum Laufen zu bewegen. Schwierig genug, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. 

Letzte Erfrischung bei KM 39,5. Dirk gibt mir den Tipp, die Beine mit Wasser zu kühlen. Das scheint tatsächlich zu wirken. Keine Probleme mehr, das Tempo der Pacemaker zu halten. Schon erreiche ich KM 41, wo ich heute Morgen auf meine große Runde durch das Ruhrgebiet eingebogen bin. Ich überhole den Besenwagen der Halbmarathonis. Die letzte Teilnehmerin bewältigt die Strecke mit einer Unterschenkelprothese. Ein weiteres Mal wächst bei mir der Respekt für diejenigen, die mit Handicaps solche sportlichen Leistungen vollbringen. Einfach großartig.

 

 

Gleich hat meine heutige Strapaze ein Ende. Auch die letzte Unterführung mit der damit verbundenen Steigung kann mich nicht aufhalten, schließlich warten im Ziel schon Silke und Nikita auf mich. Ausgegeben habe ich eine Zielzeit von unter 4:30 Stunden. Dirk ist noch hinter mir, damit bin ich auf der sicheren Seite. Nur noch einmal nach links in den Einlaufkanal abbiegen und schon habe ich das Ziel vor Augen. Der Teppich ist ausgerollt, nur noch wenige Schritte und dann ist der Marathon im Kasten. Mit 4:27:14 Stunden fast eine Punktlandung. 

 

 

Start- und Zielimpressionen

 

 

 



 

 

 

Marathonsieger

 

Männer

1 Sansar, Elias (GER)    02:29:00    
2 Miereczko, Maciek (GER) 02:29:33    
3 Kebede, Dawit (GER)    02:29:43

Frauen

1 Kibebo, Sintayehu (GER) 02:46:57    
2 Dörschel, Christl (GER) 02:59:35    
3 Offermann, Eva (GER)     03:00:23    

698 Finisher

12
 
 

Informationen: Vivawest-Marathon
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